Zunehmende Marktkonzentration auch bei Live-Venues
Auf dem Weg zu US-Verhältnissen? Wie Konzerne Europas Konzerthallen übernehmen
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© Liz Sanchez-Vegas via unsplash.com
Nicht nur der Festivalmarkt ist von Marktkonzentration betroffen. Eine Studie von Reset! Network und Live DMA zeigt: Auch große Venues werden zunehmend von internationalen Unternehmen übernommen oder betrieben. Die Ergebnisse sind in einer Übersichtsgrafik dargestellt:

© Live DMA
Hier gibt es die Grafik in hoher Auflösung
Ein großer Teil der untersuchten Veranstaltungsorte ist inzwischen direkt oder indirekt in Konzernstrukturen eingebunden. Besonders dominant ist dabei Live Nation: Der Konzern kontrolliert oder betreibt rund die Hälfte der erfassten Spielstätten, darunter zahlreiche Arenen mit mehr als 15.000 Plätzen wie etwa den Ziggo Dome in Amsterdam, die Inalpi Arena in Turin oder die Royal Arena in Kopenhagen. Auch die Paris La Défense Arena mit bis zu 40.000 Plätzen gehört zum Portfolio.
Ein Schwerpunkt der Aktivitäten liegt zudem in Großbritannien. In Städten wie London, Birmingham und Glasgow betreibt Live Nation zahlreiche O2 Academy-Standorte. Dabei handelt es sich überwiegend um mittelgroße Häuser mit 2.000 bis 5.000 Plätzen. Die Expansion endet also nicht bei Arenen – zunehmend geraten auch kleinere und mittlere Venues ins Visier der Konzerne.
Unterschiedliche Konzentrationsgrade in Europa
Ein Blick auf die Daten zeigt deutliche Unterschiede zwischen den Ländern. In Deutschland ist die Marktkonzentration bislang geringer als in Großbritannien, Frankreich oder den Benelux-Staaten.
Das liegt vor allem daran, dass große Veranstaltungsorte hierzulande deutlich häufiger als in anderen Ländern von Kommunen oder kommunalen Gesellschaften betrieben werden.
Deutschland: starke Rolle öffentlicher Betreiber
So gehört die Frankfurter Festhalle zur Messe Frankfurt, an der die Stadt Frankfurt und das Land Hessen beteiligt sind. Auch der Deutsche Bank Park ist im Besitz der Stadt.
In München betreibt die Olympiapark München GmbH – ein hundertprozentiges Tochterunternehmen der Stadt – zentrale Veranstaltungsorte wie Olympiastadion, Olympiahalle und Olympiapark. In Düsseldorf ist die städtische Gesellschaft D.LIVE für die Merkur Spiel-Arena, den PSD Bank Dome und die Mitsubishi Electric Halle verantwortlich.
Diese Beispiele zeigen die starke Rolle kommunaler Gesellschaften als Betreiber in Deutschland.
Private Konzerne sichern sich Schlüsselstandorte
Dennoch sind auch in Deutschland einige zentrale Spielstätten längst in Konzernstrukturen eingebunden. So gehören die Berliner Waldbühne und die Lanxess Arena in Köln zum Portfolio von CTS Eventim.
Die Anschutz Entertainment Group (AEG) betreibt unter anderem die Uber Arena in Berlin und die Barclays Arena in Hamburg und ist weltweit einer der wichtigsten Akteure im Live-Entertainment.
Auffällig ist, dass die Beteiligungen großer Konzerne sich besonders häufig bei neueren Arenen findet. Mit Ausnahme der Waldbühne wurden alle genannten Häuser in den vergangenen 25 Jahren gebaut.
Auch bei Projekten, die sich in der Planungsphase befinden, mischen die Unternehmen mit – etwa durch strategische Partnerschaften wie bei der geplanten Munich Arena am Münchner Flughafen. Bei weiteren möglichen Neubauprojekten in Frankfurt und Stuttgart wird sich ebenfalls die Frage stellen, ob sich ein Partner aus der Live-Entertainment-Branche an Planung und/oder Betrieb beteiligen wird.
Damit zeichnet sich auch in Deutschland ein klarer Trend ab: Mit jedem Neubau wächst der Einfluss privater Anbieter.
Frankreich: weit fortgeschrittene Konzentration
In Frankreich ist diese Entwicklung bereits deutlich weiter. Konzerne wie Vivendi, Fimalac und GL Events sind tief im Live-Sektor verankert.
Über Vivendi kontrolliert die Familie Bolloré Teile bedeutender Spielstätten, darunter die Arkea Arena in Bordeaux und den traditionsreichen Club L’Olympia in Paris. Die Holdinggesellschaft Fimalac, die sich im Besitz des Unternehmers Marc Ladreit de Lacharrière befindet, betreibt weitere große Hallen wie die Arena Grand Paris und die Arena Narbonne.
GL Events zählt ebenfalls zu den zentralen Akteuren und ist eng mit der französischen Wirtschaftselite verbunden. Der französische Markt zeigt damit exemplarisch, wie stark sich Eigentum und Kontrolle im Live-Bereich bündeln können.
Vertikale Integration verändert den Markt
Die Analyse von Reset! Network und Live DMA verdeutlicht somit, dass der europäische Live-Markt nicht nur von börsennotierten Konzernen, sondern häufig auch von finanzstarken Eigentümerfamilien und Investoren geprägt wird.
Die Kontrolle über Veranstaltungsorte ist dabei weit mehr als eine Immobilienfrage. Wer die Hallen besitzt, beeinflusst Tourrouten, Termine und wirtschaftliche Bedingungen. In Kombination mit Ticketing, Promotion, Festivalgeschäft und Künstler-Booking entstehen vertikal integrierte Strukturen.
Das stärkt die Marktmacht großer Anbieter und erschwert unabhängigen Veranstaltern den Zugang. In den USA hat diese Entwicklung dazu geführt, dass Live Nation nach einem jüngst ergangenen Jury-Urteil eine illegale Monopolstellung im Live-Markt einnimmt.
Kulturelle Folgen und steigender Preisdruck
Die zunehmende Konzentration hat auch kulturelle Auswirkungen. Große Konzerne setzen vor allem auf wirtschaftlich kalkulierbare Produktionen. Lokale Szenen, Nachwuchskünstler und experimentelle Formate geraten dadurch unter Druck.
Gleichzeitig wächst die Preissetzungsmacht insbesondere dort, wo Ticketvertrieb und Venue-Betrieb in einer Hand liegen. Dynamische Preismodelle und steigende Ticketpreise erhöhen die Zugangshürden für das Publikum.
Damit verschiebt sich die Macht im Live-Markt zunehmend an die Basis der Infrastruktur. Wer die großen Häuser kontrolliert, prägt die Spielregeln des gesamten Konzertgeschäfts.
Wie entwickelt sich Deutschland?
Derzeit gibt es in Deutschland noch keine Verhältnisse wie in den USA. Doch die Entwicklung weist klar in Richtung stärkerer Konzentration.
In vielen europäischen Ländern – insbesondere in West- und Nordeuropa – ist dieser Prozess bereits weiter fortgeschritten. Auch in Deutschland dürfte er sich beschleunigen, nicht zuletzt weil viele Kommunen auf finanzstarke Partner angewiesen sind, um den Neubau großer Multifunktionsarenen zu realisieren.
Die entscheidende Frage lautet daher, wie stark sich der Markt künftig in den Händen weniger Akteure konzentrieren soll – und welche Folgen das für Vielfalt, Wettbewerb und kulturelle Teilhabe hat.
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