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Let the Music Grow!

Das Reeperbahn Festival 2024 setzt auf faire Wachstumschancen für die gesamte Musikindustrie

Review von BackstagePRO
veröffentlicht am 24.09.2024

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Das Reeperbahn Festival 2024 setzt auf faire Wachstumschancen für die gesamte Musikindustrie

Ein Panel über Streaming-Gerechtigkeit beim Reeperbahn Festival 2024. © Dirk Brünner

Auch in diesem Jahr versammelten sich führende Vertreter der internationalen Musik- und Live-Entertainment-Branche beim Reeperbahn Festival in Hamburg. Unter dem Motto "Let the Music Grow" fanden vom 18. bis 21. September zahlreiche Vorträge, Panels und Networking-Events statt, um den aktuellen Zustand der Branche, die vor gewaltigen Herausforderungen steht, zu beleuchten, Lösungsansätze zu diskutieren und festgefahrene Positionen aufzubrechen. Eingebettet in ein vielfältiges Festivalprogramm bot der Kongress auch 2024 eine ideale Bühne für internationale Newcomer, Exportbüros, Labels und Booking-Agenturen – und das auf nahezu allen Bühnen rund um die Reeperbahn.

Schon bei der feierlichen Eröffnung des Reeperbahn Festivals im Panoptikum wurde deutlich, dass der diesjährige Kongress nicht nur fachlichen Austausch, professionelle Einblicke und Workshops zu Themen wie der besseren Sichtbarkeit von Künstlern in sozialen Medien bietet.

Ein inspirierendes Motto

Die Musikbranche steht wie viele andere Sektoren unter Druck. Um dem zu begegnen, rief Festivalleiter Detlef Schwarte das Motto "Let the Music Grow" aus – ein Slogan, der von den Teilnehmern, Besuchern und Laudatoren gleichermaßen lautstark bekräftigt wurde.

Nach seiner Eröffnungsrede wurde dieses Motto von Politikern aus Landes-, Bundes- und Europapolitik aus verschiedenen wirtschafts-, sozial- und bildungspolitischen Perspektiven interpretiert und verstärkt. Peter Tschentscher (Erster Bürgermeister Hamburgs), Claudia Roth (Staatsministerin für Kultur und Medien) und Barbara Gessler (Leiterin der Vertretung der Europäischen Kommission in Deutschland) betonten die demokratische Bedeutung einer vielfältigen Musik- und Live-Kultur und forderten mehr Raum, Fairness und Zeit, damit sich die Branche nachhaltig aufstellen und den Bedrohungen durch Missbrauch von Künstlicher Intelligenz und wachsender Kapitalmacht entgegentreten kann.

Stärkung der Kulturlandschaft

Dass in dieser Phase und darüber hinaus die Musik- und Live-Kultur weiterhin mit öffentlichen Mitteln unterstützt werden muss, ist unumstritten. Doch angesichts der politischen Lage, in der Vertreter der AfD Kulturausschüssen sitzen und alles daran setzen, eine lebendige, offene und vielfältige Kulturlandschaft zu torpedieren, könnte diese Unterstützung schon bald nicht mehr selbstverständlich sein.

Der Ruf nach einem gerechteren System mit einer nachhaltigeren (Um-)Verteilung des erwirtschafteten Kapitals wird demnach immer lauter. Nicht zuletzt auch, da kleine Clubs zunehmend in finanzielle Schwierigkeiten geraten, während große, oft von Private Equity kontrollierte Festivals einen Großteil des Budgets der Konsumenten abschöpfen.

Vorbild Frankreich?

Die Frage, ob das in Frankreich bereits etablierte System der Besteuerung von Ticketing-Einnahmen auf Deutschland übertragbar sei, wurde in Panels diskutiert, aber letztlich nicht abschließend geklärt. 

Laut Jean-Philippe Thiellay, Präsident des Centre National de la Musique, gibt es gute Gründe für ein solches verpflichtendes System. Kleine Clubs und musikalische Projekte könnten so gezielt und nachhaltig gefördert werden, während bei den "Big Playern" eine zunehmende Akzeptanz zu verzeichnen sei. 

Trotz dieser Erfolgsmeldungen fehlen in Deutschland bisher konkrete Konzepte. Freiwillige Abgaben, die über Bezahlsysteme eingesammelt werden könnten, gelten als unzuverlässig, und Steuererhöhungen in Form einer Streaming-Steuer nach französischem Vorbild sind in der aktuellen politischen Landschaft kaum durchsetzbar.

Mehr Gerechtigkeit beim Streaming

Auch beim Thema Musikstreaming wurde die Gerechtigkeitsfrage laut. In diesem Segment geht ein Großteil der Einnahmen an Digital Service Provider (DSPs) und große Labels, während kleine Künstler oft leer ausgehen. Vor allem seit der Einführung der Spotify-Vergütungsgrenze, bei der Einnahmen nicht unter 1000 Streams ausgeschüttet werden, fordern kleinere Labels und Acts ein gerechteres System. 

Dieses soll nicht zuletzt auch Künstler aus bevölkerungsärmeren Ländern besser stellen, da diese oft kaum Chancen haben, ihre Sichtbarkeit und Bekanntheit über die nationale Reichweite hinaus zu erweitern. So wurde der Ruf nach Playlist-Kuratoren laut, die diese Acts gezielt berücksichtigen und ihnen vor allem bei Auslandstourneen über entsprechende Kanäle mehr Aufmerksamkeit verschaffen. 

Auch im Bereich des Musikstreamings ist Frankreich mit dem Centre de la Musique Vorreiter, wenn es um die Umverteilung der Einnahmen geht. Im Januar 2024 führte das Land eine Streaming Steuer ein, die die Vielfalt und Nachhaltigkeit der französischen Musikindustrie sichern soll. 

Wie zähmt man Künstliche Intelligenz?

Über den meisten Sessions schwebte die rasante Entwicklung der Künstlichen Intelligenz wie ein unkontrollierbares Gespenst. Schon im letzten Jahr wurde diese technologische Revolution mit all ihren positiven und negativen Aspekten sehr kontrovers diskutiert. Aufgrund fehlender internationaler Regelungen scheint sich jedoch zunehmend eine gewisse Sorge breit zu machen, die angesichts des zunehmenden z. T. nicht von konventionellen Produktionen unterscheidbaren Outputs durch KI verständlich ist. 

Ein Lösungsansatz ist die Einführung eines Gütesiegels. Martin Clancy stellte im Rahmen einer Session "AI-OK" vor – eine Marke, die geistiges Eigentum und Urheberrechte schützen soll, indem sie die ethische Vertretbarkeit von KI-generierten Produkten kennzeichnet.

Fehlende internationale Standards

Neben den Herausforderungen, die sich durch aktuelle Entwicklungen in der Musikindustrie ergeben, wurden auch lang etablierte Strukturen und Prozesse betrachtet, die trotz ihres Wachstums über die Jahre aufgrund fehlender internationaler Standards immer noch nicht die "low hanging fruits" der Branche voll zugänglich machen. 

Ein zentrales Problem bleibt das Fehlen einer einheitlichen globalen Struktur für die Erfassung und Verarbeitung von Metadaten, die eine wesentliche Grundlage für die Monetarisierung von Musikwerken darstellt. 

Selbst bei der Verwendung von Fachbegriffen herrscht oft Uneinigkeit, wie Nicolas Molinder (Music Rights Awareness Foundation) in der Session "Follow the Money" betonte. Beispielsweise kann der Begriff "Artist" je nach Kontext entweder den Songwriter oder den Performer meinen, was erhebliche Auswirkungen auf die Zuordnung eines Werkes und die damit verbundenen Einnahmen haben kann.

Klare, international abgestimmte Definitionen sind essentiell für einen optimalen und transparenten Umgang mit Metadaten. Diese müssen von Anfang an korrekt implementiert und in die relevanten Systeme eingepflegt werden. Wer dies versäumt oder ungenau arbeitet, riskiert geringere Einnahmen durch Verwertungsgesellschaften, da Technologien zur Musikerkennung (MRTs) dann möglicherweise keine zuverlässige Zuordnung der Werke gewährleisten können.

Gegen alle Widrigkeiten

Trotz der großen Herausforderungen, mit denen die Musikindustrie konfrontiert ist – intern wie extern – fand Tim Harford eine ermutigende Botschaft. Er verglich die Situation mit dem "unspielbaren Klavier", das Keith Jarrett 1975 in Köln trotz aller Widrigkeiten meisterte. Diese Allegorie soll daran erinnern, dass auch in scheinbar ausweglosen Situationen Großartiges entstehen kann.

Letztendlich geht es in der Musikbranche nicht nur um faire, nachhaltige Strukturen, sondern um die Musik selbst. Und das Reeperbahn Festival zeigte auch 2024, dass die Musik – live und authentisch – im Mittelpunkt steht. 

Von den Bühnen des Molotow bis zum Mojo Club, vom Hamburger Michel bis zur St. Pauli Kirche: Das Reeperbahn Festival bot wie jedes Jahr eine Plattform für leidenschaftliche Debatten und unvergessliche Musikmomente. Am Ende eint alle Beteiligten das Ziel, die Musik- und Live-Kultur zu bewahren und den Fans ein großartiges Erlebnis zu bieten.

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