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So gelingen euch Aufnahmen in den eigenen vier Wänden

Die 6 Schritte zum professionell klingenden Demo aus dem Proberaum

Tipps für Musiker und Bands von Florian Scholz
veröffentlicht am 28.01.2015

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Die 6 Schritte zum professionell klingenden Demo aus dem Proberaum

Demo im Proberaum aufnehmen. © Florian Scholz

„Habt ihr ein Demo?“ – Wer an Gigs kommen will, die es wert sind gespielt zu werden, kommt nicht um möglichst professionell klingende Aufnahmen herum. Das war schon immer so!

Im Prinzip gibt es drei Möglichkeiten bei einem Veranstalter vorstellig zu werden:

  • Professionelles Demo aus dem Tonstudio / CD-Produktion (Album oder EP)
  • Live-Mitschnitt
  • Proberaum-Demo

Wir betrachten heute die Produktion eines Demos im Proberaum. Ich gehe davon aus, dass ihr mit einem Rechner aufnehmt. Natürlich könnt ihr auch mit Harddisk-Rekorder und Mischpult aufnehmen oder einer Bandmaschine. Das ist aber eher der seltenere Fall im Proberaum.

1. Die Planung der Aufnahme

Zunächst solltet ihr festlegen, welche Stücke in welchem Arrangement ihr aufnehmen wollt.

Das klingt selbstverständlich, ist es aber selten genug. Ich kann mich an ein Recording in einem großen Studio erinnern, bei dem der Bassist mit dem Sänger und Komponisten erstmal besprechen musste, ob der erste Refrain im Bass auf "G" endet und ob es "hier oben" oder lieber "eine Oktave tiefer" sein sollte. Das ist unnötiger Stress in der konkreten Aufnahmesituation. Plant euer Demo-Recording im Proberaum also wie einen Studiotermin.

  • Setzt ein Datum an und bereitet alles vor. Nichts ist tödlicher als eine "wir machen mal, dann sehen wir schon"-Einstellung.
  • Nehmt euer Demo ernst, dann werdet ihr auch ernst genommen! Dazu zählt auch: Kiffen, Bier und ähnliche Rock’n’Roll-Klischees haben hier nichts zu suchen.
  • Plant auch frühzeitig das Equipment, das ihr benötigt! Macht neue Seiten auf die Gitarren und stimmt das Schlagzeug.
  • Baut am besten am Vortag auf.

Überlegt darüberhinaus auch, ob ihr euch einen Freund oder Musiker einer anderen Band dazu holt, denn eine zweite Sicht auf euer Material kann Wunder wirken.

2. Akustik im Proberaum

Ein absolut unterschätztes Problem bei solchen Recordings, egal ob im Proberaum, in der Garage oder im Party-Keller von Tante Käthe und Onkel Kuno, ist die Akustik.

Selbstverständlich sollte man die Aufnahmen zu einer Uhrzeit planen, zu der euch keine anderen Bands stören können – falls euer Proberaum so hellhörig ist. Die Störgeräusche von außen und Nachbarn, die gerne mit der Staatsgewalt telefonieren, sind nur eine Seite der Medaille. Das viel größere Kapitel ist die Raumakustik. Nicht umsonst investieren professionelle Studios hier den größten Teil ihres Budgets. Aber auch im Proberaum lässt sich einiges erreichen ohne die Erbschaft vom Opa wegzuschmelzen:

  • Achtet wenn möglich darauf, dass euer Aufnahmeraum kein ganzzahligen Raumseitenverhältnisse hat. Gemeint ist, dass der Raum beispielsweise nicht 2x4x2 groß ist.
  • Sehr ungünstig können kreisrunde Räume oder Proberäume mit quadratischer Grundfläche sein. Nicht anmieten solltet ihr Würfel!
  • Toll wäre, wenn eine Wand gut achteinhalb Meter lang ist. Fünf Meter sollte die längste Wand aber schon haben.
  • Euer Raum hat (fast) keine parallelen Wände? Sehr gut!
  • Molton an den Wänden kann helfen, aber übertreibt es nicht. Wenn ihr den Raum mit Molton und Noppenschaum zu "trocken" macht, aber nichts gegen die Bässe tut, wird das nichts mit dem professionell klingenden Demo.

Solltet ihr einen kleinen Proberaum (längste Wand ist kürzer als 3,5m) oder massive Bassprobleme (Dröhnen, Mumpfen…) haben, werdet ihr wohl ein wenig Geld ausgeben müssen: eine Bassfalle muss her, oder auch zwei. Die bekommt ihr ab ca. 150€ und könnt diese, ja nach Ausführung, auch zum Abstellen kleinerer Boxen benutzen.

3. Das richtige Mikrofon

Hier gibt es im Prinzip zwei Ansätze: Ihr könnt Mikrofone benutzen, die möglichst viel eigenen "Sound" machen, oder ihr versucht alles so neutral wie möglich aufzunehmen und den "Sound" hinterher im Mix zu machen. Ich persönlich bin eher Anhänger der zweiten Philosophie.

Wenn ihr sowieso dabei seid die Anschaffung neuer Mikrofone zu planen, rate ich euch zu guten Kondensator- (oder Elektret)- Kleinmambran-Mikrofonen. Die könnt ihr sehr gut live an den Drums (Overhead, Hihat) oder anderen akustischen Instrumenten (Gitarre, Geige, Waschbrett…) benutzen und bei der Aufnahme für vieles einsetzen, nicht zuletzt sogar für den Gesang! Ein Ploppschutz ist dann aber Pflicht. Mit einem Drahtkleiderbügel und der alten Strumpfhose eurer Sängerin könnt ihr den schnell selbst bauen. Natürlich gehen auch die Strümpfe, die Eure Groupies beim letzten Gig auf die Bühne gepfeffert haben…

Wenn ihr nur die "üblichen" Mikrofone im Proberaum habt, könntet ihr euch auch Equipment mieten. Es gibt in jeder größeren Stadt Verleiher. Eine gute Idee ist es auch bei den Kollegen in den anderen Proberäumen zu fragen, man kann sich ja mit Hilfe revanchieren!

Wichtiger als das Mikrofon selbst ist die Positionierung! Lasst euch hier bitte Zeit. Tüftelt ein wenig. Am besten vor dem "offiziellen" Recording-Termin. Macht Aufnahmen und vergleicht diese.

Trotzdem: vermeidet dynamische Mikrofone für Gesang und akustische Instrumente. Speziell die üblichen Kandidaten aus dem Live-Betrieb sind hier weniger geeignet. Nehmt für den Gesang das bestklingenste Mikrofon, auf das ihr Zugriff habt! Auch wenn es das Hihat-Mikro ist!

4. Das Audio-Interface

Das könnte – je nachdem wie eure Besetzung ist – wieder etwas knifflig werden. Ihr solltet, wenn es nur irgendwie möglich ist – nicht die Stereo-Summe eures Mischers benutzen. Damit bekommt ihr kein Ergebnis, das ihr gerne vorzeigen werdet; schon gar nicht über die Sound-Karte im Notebook oder die Onboard-Lösung eures PCs (nein, die MACs sind da nicht besser).

  • Grundregel: Ihr solltet so viel mehrspurig aufnehmen, wie ihr könnt.
  • Habt ihr ein kleines USB-Interface, das nur 4 Mikrofone gleichzeitig aufnehmen kann, könnt ihr trotzdem was damit erreichen. Nehmt als erstes das Schlagzeug auf (Bass-Drum, Snare-Drum, Stereo-Overhead) und dann den Bass, Gitarren, Keys etc.

Wenn ihr euch ein Interface kauft, spart nicht am falschen Ende! Lieber ein kleines feines als ein großes, billiges. Wer billig kauft, kauft zweimal; das habe ich auch auf die "harte Tour" lernen müssen. Testberichte helfen hier weiter. Glaubt nicht alles, was euch ein euphorischer Kollege erzählt.

5. Die Aufnahme

Bestimmt einen als Produzenten. Wenn jeder mitredet und ihr während der Aufnahme mit dem Diskutieren anfangt riskiert ihr euer Projekt!

  • Gut ist, wenn ihr nicht zusammen aufnehmt, dass nicht alle im Proberaum "abhängen". Besonders bei Gesang und Solo sollte jeder aus dem Raum, der nicht benötigt wird. Schon wegen der Nebengeräusche.
  • Wenn euer Audio-Interface es erlaubt, könnt ihr alle Instrumente zeitgleich aufnehmen. Ich rate trotzdem den Gesang und evtl. Soli nochmal frisch dazu neu aufzunehmen. Habt ihr nur 8 Eingänge am Rechner, würde ich mit dem Schlagzeug beginnen.
  • Wollt ihr nicht mit Click (Metronom) spielen, könnt ihr auch erstmal einen Mitschnitt der Pultsumme als "Guide-Track" aufnehmen. Dazu spielt dann jeder seinen Part ein und ihr könnt jeden einzelnen so oft aufnehmen, bis ihr mit dem Ergebnis zufrieden seid.

Als Sequencer könnt ihr praktisch jeden nutzen, der am Markt erhältlich ist. Wenn’s ans Weiterverarbeiten geht solltet ihr bedenken, dass der, der weiterverarbeitet und mischt eure Aufnahmen laden kann. Kein Sequencer kann die Session-Dateien des anderen öffnen. Es gibt aber auch Dateiformate zum Austausch, das müsst ihr im Einzelfall prüfen.

6. Mix & Master

Wiedersteht dem Drang gleich nach der Aufnahme zu mischen.

Wenn möglich lasst das Material 1-2 Tage oder sogar Wochen liegen. Ihr könnt euch auch jemanden suchen, der euch die Aufnahmen gegen Bezahlung mischt, oder ihr tauscht mit der Band aus dem Nebenraum. Auf jeden Fall solltet ihr ein wenig zeitlichen Abstand zur Aufnahmesession haben.

  • Zuerst geht ihr das Grundgerüst an: "Säubert" die Spuren von Störgeräuschen durch Herausschneiden. Fangt mit Drums und Bass an, bis es groovt. Dabei sollten die Frequenzen eindeutig verteilt werden. Es gibt gute Gründe die Bassdrum in den Bässen (je nach Instrument unter 150 oder 100 Hz) zu beschneiden, damit der Bass sich dort entfalten kann.
  • Setzt Kompressor und Gate sehr sparsam und zielgerichtet ein (kein Gate auf Overheads!).
  • Wenn ihr mit dem Equalizer zu Werke geht, bedenkt, dass es besser ist, Frequenzanteile wegzufilteren als "auf Teufel komm raus" Frequenzen hinzu zu drehen: Nehmen ist seeliger denn Geben!
  • Nun kommen die anderen Rhythmusinstrumente: Gitarren, Keyboards etc. Ich weiß, dass jetzt alle Gitarristen tapfer sein müssen, aber die Gitarren sollten in den Bässen schweigen! Also hier könnt ihr deutlich wegfiltern. Die Spuren sollen ja nicht einzeln "geil" klingen, sondern als Mischung!
  • Lasst auch bei den Keyboards und Gitarren Platz für den Gesang (Mitten/Höhen absenken).
  • Background-Chöre können bis in die Mitten hinauf beschnitten werden.
  • Plant sogfältig den Halleinsatz. Wenn ihr komplett im Rechner arbeitet, solltet ihr hier ruhig 2-3 verschiedene Reverbs ("Halle") einsetzen.
  • Tipp: Drums bekommt ihr "groß", wenn ihr alle Drum-Instrumente – außer der Bass-Drum – in einen knackig kurzen Room-Reverb gebt. Gerade so, dass er auffällt, wenn er weg ist.

Ob ihr ein Mastering braucht, müsst ihr selbst wissen. Richtig ist: Besser keines als ein schlechtes. Wenn ihr eines bucht, dann spart an dieser Stelle nicht, dann lieber selbst machen oder einem Kollegen geben. Mastering ist eine kontextuelle Sache. Es ergibt keinen Sinn, einen Titel einzeln zu mastern. Ein Mastering soll den Gesamtsound eines Albums oder einer EP optimieren. Der Hörer soll möglichst wenig zur Fernbedienung greifen wollen, um die Lautstärke oder die Bässe nachzuregeln.

Euer Feedback

Was sind eure "Recording"-Erfahrungen im eigenen Proberaum? Gebt euer Feedback hier in den Kommentaren!

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