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Wie ihr den bestmöglichen Sound erreichen könnt

Recording in Eigenregie: Wichtige Tipps für eure Aufnahmen im Proberaum

Tipps für Musiker und Bands von Marco Sulek
veröffentlicht am 27.02.2017

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Recording in Eigenregie: Wichtige Tipps für eure Aufnahmen im Proberaum

© Marco Sulek

Für viele Musiker ist es längst gang und gäbe, ihre Songs im Proberaum zu produzieren. Doch was führt zu guten Ergebnissen? Hier findet ihr Tipps, die euch helfen, selbst bei schwieriger Akustik saubere Signale auf die digitale Ebene zu bannen.

Ob Demo, EP oder Full-Length: immer mehr Bands nehmen in Eigenregie auf. Und zwar im Proberaum. Hierfür gibt es unterschiedliche Gründe. Der wohl größte Vorteil ist Flexibilität. Denn: Wo man im Studio die beste Performance möglichst schnell auf Band bekommen muss, kann man sich in den eigenen vier Wänden ausreichend Zeit lassen.

Freilich bietet der Aufenthalt im Studio einige Vorzüge. Schließlich ist hier ein Profi am Werk. Er weiß in der Regel genau, was er tut und wie er das beste Ergebnis herauskitzelt. Obendrauf stimmt in den meisten Aufnahmeräumen die Akustik. Um ansatzweise einen ähnlich guten Sound im Proberaum hinzukriegen, gibt es einiges vor, während und nach dem Aufnehmen zu beachten.

Ausgangsmaterial im Fokus

Wie ihr euch als Musiker perfekt vorbereitet und welches Equipment ihr fürs Recording braucht, diese essentiellen Tipps findet ihr unter anderem hier und hier. Jetzt wollen wir den Fokus auf bestmögliche Signale legen.

Dabei gilt der Grundsatz: Je sauberer und störgeräuscharmer das Ausgangsmaterial ist, desto transparenter, detailreicher und besser kann der Mix später klingen.

Was gelungene Aufnahmen im Proberaum jedoch erfordern, ist ein intensives Auseinandersetzen mit der Materie im Vorfeld. Der Profi stellt – vereinfacht dargestellt – routinemäßig alles am richtigen Platz auf und dreht die ihm bekannten Störfrequenzen raus. Ihr müsst das alles für euren Raum und euer Equipment erst selbst herausfinden.

Das braucht nun mal seine Zeit. Und die solltet ihr euch unbedingt nehmen. Aber fangen wir ganz von vorne an.

Der Raum

Jeder Raum besitzt seine ganz eigenen akustischen Eigenschaften. Beispielsweise verursachen nackte Wände deutlich wahrnehmbare Reflexionen oder eine quadratische Architektur massenweise stehende Wellen. Soweit klar. Das willkürliche Zukleistern der Wände mit Absorbern ist jedoch nicht sinnvoll und sprengt sowieso den Budgetrahmen eines Musikers. Ihr müsst dem also auf eine andere Weise entgegenwirken.

  1. Gegen zu viel Raumanteil im Signal hilft in erster Linie schlichtes Herumexperimentieren. Sprich: Positioniert etwa für den Gesang das Mikrofon an unterschiedlichen Stellen, markiert diese und nehmt an jeder kurz auf. Nun könnt ihr die Mitschnitte analysieren und euch dann für den am besten klingenden Standort entscheiden.
  2. Versucht, Mikrofone tendenziell in Richtung der am weitesten entfernte Wand zeigen zu lassen. So treffen pegelstarke Reflexionen von nahen Wänden auf die Rückseite des Schallwandlers, der dort am schallunempfindlichsten ist. Das gilt jedoch nur für die Richtcharakteristik "Niere". In akustisch schwierigen Räumen empfehlen sich "Kugeln", "Achten" und "breite Nieren" ohnehin eher nicht, um ein möglichst trockenes Signal einzufangen.
  3. Investiert bei der Suche nach einer optimalen Mikrofonposition und dem geeigneten Schallwandler durchaus ein, zwei Tage. Indem ihr immer wieder kurz aufnehmt, könnt ihr feststellen, ob ihr eurem Wunschsound näher kommt – oder nicht. Im Zweifelsfall spricht prinzipiell nichts dagegen, euer Liedgut mit unterschiedlicher Mikrofonierung zweimal einzuspielen. Denkt jedoch daran, dass so eine große Datenmenge anfällt und diese auch verglichen werden möchte.

Wenn das alles nichts hilft, führt kein Weg an einer kleinen Bastelstunde oder einem blutenden Geldbeutel vorbei:

  • Gobos (spezielle Stellwände) etwa werden in professionellen Tonstudios eingesetzt. Je nach Bedarf lassen sich die Akustikelemente frei im Raum platzieren. Sie bilden dadurch Barrieren gegen störende Reflexionen.
  • Ist kein Platz für die doch relativ sperrigen Elemente, können sogenannte Reflection-Filter für Abhilfe sorgen. Diese werden einfach am Mikrofonstativ befestigt und bieten seitlich sowie hinten Schutz vor Störschall. Im Vergleich zu Gobos arbeiten Reflection-Filter jedoch nur bedingt effektiv. Sie sind schlichtweg kleiner und Schall kann sich einfacher um sie herumbeugen.
  • Eine noch relativ kostengünstige Option, wildes Reflexionsverhalten in den Griff zu kriegen, sind Molltonvorhänge. Mit ein wenig Abstand vor Wand, Fenster oder Tür gehangen, sind sie am wirkungsvollsten. Allerdings ist es auch hier ratsam, bedacht vorzugehen – und nicht den ganzen Raum mit Mollton auszukleiden.

Lasst euch nichts aufschwatzen. Konkrete Tipps von Laien sind mit Vorsicht zu genießen – versteht nicht jeden erstbesten Hinweis gleich als die ultimative Lösung. Investiert also nicht überstürzt in eine Sache, die womöglich nicht die gewünschte Wirkung erzielt. Wie bereits erwähnt, besitzt jeder Raum eine mehr oder minder individuelle Akustik. Mit dieser sollte ebenso individuell umgegangen werden.

Das Problem mit den Bässen

Vor allem tiefe Frequenzen lassen sich nur schwer zähmen.

  • Um einer unerwünschten Bassanhebung vorzubeugen, sollten Mikrofone nicht in Raumecken oder in Wandnähe aufgestellt werden.
  • Bei einem scheinbar unbezwingbaren Tieftonproblem können eine oder mehrere "Bassfallen" wahre Wunder bewirken. Mit weiteren Wedges dazu hat zum Beispiel die Band Piloten und Piraten  gute Erfahrungen damit gemacht.

Jeder Übungsstube sind sogenannte Raummoden eigen: Je mehr parallele Wände es gibt, desto mehr stehende Wellen können auftreten. Diese äußern sich etwa durch eine starke Anhebung oder Auslöschung einer oder mehrerer Frequenzen. Welche Frequenz bei einer stehenden Welle eine Rolle spielt, häng vom Abstand paralleler Wände zueinander ab.

  • Am besten ist es, Mikrofone außerhalb eines Maximums oder Minimums einer stehenden Welle aufzustellen. Also nicht unbedingt in der Hälfte, einem Drittel oder einem Viertel des Abstands zwischen zwei Wänden. Höhere Frequenzen sind im Gegensatz zu den Tiefen kaum problematisch.

Übrigens: Eine einmal gefundene ideale Mikrofon- und Instrumentenposition kann ebenfalls für spätere Aufnahmen genutzt werden – sofern sich das Inventar nicht großartig ändert. Wenn ihr also öfter in eurem Proberaum aufnimmt, spricht nichts dagegen, optimale Aufnahmeorte zu markieren. Das könnt ihr beispielsweise mit Gaffa-Tape auf dem Boden.

© Marco Sulek

Störgeräusche vermeiden

Lästige Signalanteile entstehen oft aus unvermuteter Quelle. Das ist problematisch, da jedes zusätzliche Geräusch auf den Aufnahmen die Signalqualität negativ beeinflusst. Deswegen gehört grundsätzlich jedes Gerät im Raum ausgeschaltet, das gerade nicht verwendet wird.

  • Dazu zählen PA, Amps und Mischpult genauso wie Handys, Kühlschrank und Heizung.
  • Auch Lüftergeräusche von Computern oder anderem Equipment können durchaus deutlich hörbar auf den Aufnahmen landen. Aus diesem Grund sollte zumindest der Rechner möglichst weit weg und abgeschirmt vom Mikrofon stehen.
  • Selbst Leuchtstoffröhren sorgen immer wieder für ein nerviges Surren und Brummen. Eine alternative Beleuchtung ist hier vorteilhaft. LED-Lampen etwa leuchten mucksmäuschenstill. 

Gerade in Gebäuden mit mehreren Proberäumen sorgen Nachbarn gerne für eine zusätzliche Performance auf den Aufnahmen. Ein kurzer Informationsaustausch, wann diese üben – und schon ist könnt ihr entspannter an die Sache rangehen. Gleiches gilt auch für vielbefahrene Straßen, Einflugschneisen von Flughäfen und angrenzende Schienen. In aller Regel ist nachts immer am wenigsten los.

Selbst die eigenen Mitmusiker oder Schaulustige können störende Laute von sich geben. Vom lauten Atmen über raschelnde Kleidung bis hin zum Kichern, wenn jemand rumalbert – alles nervt erst im Nachhinein. Aus diesem Grund hat niemand etwas im Proberaum zu suchen, der einfach nur rumsitzt und wartet oder die Zeit totschlägt.

Signale nachbearbeiten

Vor dem eigentlichen Mixen ist das Nachbearbeiten ein essenzieller Schritt. Dies betrifft jedes einzelne Signal, das in einem akustisch schwierigen Raum aufgenommen wurde. Wichtige Tools hierfür kommen in Form von EQ, Gate und De-Verb. Außerdem können Analyzer hilfreich sein, um störende Frequenzen zu identifizieren und diesen gezielt entgegenzuwirken.

Das wichtigste Werkzeug ist unbestreitbar ein Equalizer mit Filterfunktion:

  • Im ersten Schritt solltet ihr alle wichtigen Frequenzen herausfiltern. Besonders im Bassbereich könnt ihr beherzt viel unnötiges Wummern entfernen.
  • Passt beim Filtern auf. Ein zu großzügiges Eingreifen kann dem Mix mehr schaden als nützen. Vor allem mit den Höhen solltet ihr möglichst behutsam umgehen. Hört deswegen genau hin, ab welcher Frequenz das eigentliche Nutzsignal verfälscht wird. Apropos: Es existiert kein wichtigeres Tool als euer Gehör.

Etwas aufwändiger ist das gezielte Suchen von Störfrequenzen mittels EQ. Darum nur in Kürze:

  • Wählt einen hohen Gütefaktor, stellt den Gain auf Maximum und fahrt langsam durchs Spektrum. Dort, wo eine deutliche Erhöhung auch während des weiteren Songverlaufs wahrzunehmen ist, könnt ihr die Frequenz absenken.
  • Geht mit dem Störenfried jedoch nicht zu hart ins Gericht – andernfalls wird der eigentliche Klang verfälscht. Im Normalfall bleibt es allerdings nicht nur bei einer Frequenz.

Nicht jedes Störgeräusch lässt sich einfach während der Aufnahme eliminieren. Genau dann meldet sich das Gate zu Wort. Dieses Helferlein schafft es – richtig eingesetzt –, jedes Brummen oder Surren im Hintergrund zu unterdrücken. Das ist dann unerlässlich, wenn ihr anschließend die Dynamik des Signals mit einem Kompressor reduzieren wollt. Ohne Gate würden beim Komprimieren alle nicht unterdrückten Störquellen in der Lautstärke ebenfalls angehoben werden.

Ein Hilfsmittel gibt es noch, um Raumreflexionen nach der Aufnahme zu beseitigen: das De-Verb. Dieses Plug-In sollte jedoch recht sachte eingesetzt werden. Bei zu starker Bearbeitung verliert das Signal sonst womöglich an Durchsetzungskraft und klingt ziemlich unnatürlich.

Maximal optimiert

Ein wichtige Erkenntnis ist im Übrigen folgende: irgendwann könnt ihr den Sound schlichtweg nicht mehr optimieren. Klar, auch nach drei Wochen findet ihr mit dem Mikrofon an der Snare womöglich eine noch besser klingende Position. Die Frage ist jedoch, ob sich das wirklich lohnt – und ob diese Nuancen später überhaupt jemand bemerkt.

Darum noch einmal der Rat: investiert ausreichend Zeit auf der Suche nach einem guten Sound. Übertreibt aber nicht. Mitunter ist das erste zufriedenstellende Ergebnis meist ohnehin das beste.

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