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Die Blockchain in der Musikbranche: Chance für eine ungewisse Zukunft?

Tipps für Musiker und Bands von Theo Müller
veröffentlicht am 02.10.2018

blockchain musikbusiness musikereinkommen

Die Blockchain in der Musikbranche: Chance für eine ungewisse Zukunft?

Die Blockchain in der Musikbranche. © Sergey Nivens / 123RF Stockfoto

Die Blockchain wird als die bedeutendste Technologie der nächsten Jahrzehnte gehandelt. Wie funktioniert diese Technologie eigentlich? Was sind die Vorteile der Blockchain und wie lässt sie sich in der Musikbranche einsetzen?

Noch ist die Blockchain ein Buzzword und ein Trend, ähnlich wie "Internet” vor mehr als zwei Jahrzehnten. Die Nutzung der Blockchain ist aktuell auf wenige Gebiete begrenzt und die wahren Potentiale sind noch gar nicht ausgeschöpft. Aktuell wird die Blockchain vor allem in der Finanzwirtschaft eingesetzt, weil die Anwendung für digitale Währungen wie Bitcoin am offensichtlichsten ist.

In zwei bis vier Jahren werden weitere marktfähige Anwendungen erwartet. Die Blockchain soll Mainstream werden und ganz neue Anwendungsgebiete abdecken. Auch für die Musikindustrie könnten sich durch die Blockchain interessante Einsatzgebiete ergeben.

Die Idee hinter der Blockchain

Das Internet hat Möglichkeiten geschaffen, schneller und einfacher zu kommunizieren, Informationen und Daten auszutauschen. Das Grundkonzept der digitalen Ökonomie war bisher der Austausch von Kopien der Originaldaten. Die jeweiligen Kopien können in Originalqualität unendlich oft weiter kopiert werden. Diese Vorgehenspraxis hat viele neue Geschäftsmodelle geschaffen, zum Beispiel das in den letzten Jahre sehr erfolgreiche Musikstreaming.

Bei all diesen Modellen ist es nicht möglich darzustellen, dass wie in der physischen Welt Endlichkeit und Ressourcenknappheit bestünden. Wenn endliche Dinge digital dargestellt wurden, dann waren dies bis jetzt Informationen über messbare Dinge in der physischen Welt. Bestes Beispiel dafür ist ein Onlinebanking-Konto, auf dem lediglich virtuell dargestellt wird, wie viel "echtes” Geld der Kunde besitzt.

Dinge wie Vermögen, geistiges Eigentum, Aktien, Urheberrechte, Musikrechte, Kunst, Wählerstimmen, Immobilien und vieles mehr waren im Digitalen nicht zufriedenstellend als eigenständige, endliche Werte darstellbar. Nicht-kopierbare Güter müssen bisher von Behörden, Banken, Multimedia-Konzerne, Verwertungsgesellschaften und ähnlichen Institutionen verwaltet werden, um sie greifbar und verwertbar zu machen. Dieses Modell hat jedoch einige Schwächen.

Verwaltungs-Institutionen können gehackt werden. Transaktionen, die über die Institutionen abgewickelt werden, verbrauchen Ressourcen wie Zeit und Geld. Institutionen haben eine große Macht und Dominanz, entweder weil sie eine Monopolstellung innehaben (z.B. Verwertungsgesellschaften wie die GEMA), oder weil die dort gehandelten Waren und Dienstleistungen systemrelevant sind (z.B. Banken). Institutionen müssen für ihre Arbeit enorm viele Daten erheben. In der Kombination mit ihrer Machtstellung ergeben sich hier fragwürdige Datenschutzprobleme.

Um all diese Probleme zu bewältigen, ist für die digitale Unendlichkeit eine sichere, möglichst unhackbare, vertrauenswürdige Technologie gefragt. Hieran angesetzt kam es zur Entwicklung der Blockchain. Ziel einer Blockchain ist die dezentrale Verwaltung von Vermögen. Zwischenhändler und Gatekeeper werden überflüssig.

Die Technologie der Blockchain

Um diese Ziele zu erreichen, müssen Transaktionen zwischen nur zwei Partnern durchgeführt werden können. Es handelt sich um sogenannte Peer-to-Peer-Verbindungen. Vertrauen in die Sicherheit der Anwendung ist essentiell. Die beste und höchste Datenverschlüsselung ist notwendig.

Erste Ideen zur Umsetzung solcher Technologien entstanden Anfang der 90er Jahre. 2009 kam mit dem Bitcoin die erste funktionsfähige Krypto-Währung auf den Markt. Das Prinzip der Blockchain-Technologie konnte anhand dieser erstmals im Markt angewendet werden.

Heute sind Daten vor allem auf zentralen Datenbanken gespeichert, welche durch Firewalls geschützt werden – zumindest wird dies versucht. Ein Hacker könnte zentrale Daten jedoch ändern, sobald er einmal Zugriff auf eine zentrale Datenbank hat.

In der Blockchain gibt es eine solche zentrale Datenbank nicht. Die Daten liegen weltweit auf Millionen von Computern und werden laufend aktualisiert. Sollte einer der Rechner gehackt werden, schlagen alle anderen Rechner im Netzwerk Alarm. Hacken wird somit nahezu unmöglich.

Der Ablauf einer Blockchain-Transaktion lässt sich sehr gut am Beispiel der Kryptowährung Bitcoin darstellen. Grundgerüst ist ein riesiges Netzwerk von Millionen Computern, auf welchen die Bitcoin-Transaktionen verwaltet werden. Jede mit Bitcoins getätigte Transaktion wird gleichzeitig an das gesamte Netzwerk geschickt. Die einzelnen Teilnehmer eines solchen Netzwerkes nennt man Nodes. Die Legalität dieser Transaktion wird vom Netzwerk bestätigt. Nur wenn die Mehrheit der Netzwerkrechner bestätigt, dass diese Transaktion legitim ist, wird sie freigegeben und gilt damit für immer als gesichert.

Sogenannte Miner, Computerzentren mit riesiger Rechenleistung, erstellen Blocks mit allen Transaktionen der letzten zehn Minuten weltweit. Die Rechenzentren wetteifern um die Erstvalidierung eines Blocks. Dafür wird der Betreiber des Miner-Rechenzentrums mit Bitcoins belohnt. Anschließend werden die Blocks miteinander verkettet. Die Blockchain ist entstanden.

Jeder Block hat einen Zeitstempel, der auf allen vorherigen Blocks basiert – eine Art digitales Wachssiegel. Sollte nun jemand versuchen, eine Transaktionen zu manipulieren und einen solchen Block zu hacken, müsste man alle vorherigen Blocks auf allen Rechnern hacken. Das ist unendlich schwer und bei dem Bitcoin bis jetzt noch nie geschafft wurden. Jedoch wurden bereits Anbieter von Bitcoins gehackt. Diese Anbieter sind die Schnittstelle zur realen Währung über die Geld umgetauscht und bei denen Geld gelagert werden kann.

Anwendungsgebiete der Blockchain

Das Potential der Blockchain ist noch nicht vollkommen erkannt, doch einige Anwendungsgebiete sind heute schon offensichtlich. Immer wenn es darum geht Güter und Rechte, egal ob physisch oder digital, in einer begrenzten, nicht unendlich oft kopierbaren Form dazustellen könnte die Blockchain eingesetzt werden. Somit kann die Blockchain zur Verifizierung von Zahlungsvorgängen und anderen rechtsgestaltenden Vorgängen genutzt werden. Der Blockchain kommt damit eine Art Notariatsfunktion zu.

Kryptowährungen wie Bitcoin oder Ethereum sind aktuell ein wahrer Boom und bereits umfänglich im Einsatz, vor allem als hochspekulatives Investitionsobjekt. Zahlungen und Abrechnungen können durch die Blockchain zu einer einzigen Tätigkeit verbunden werden. Frühere, sehr umfangreiche Verwaltungsprozesse werden unnötig. So sind es vor allem die Tätigkeiten von Banken, Verwertungsgesellschaften, Finanz-Intermediären und Clearingstellen, die durch Blockchain-Anwendungen ersetzt werden könnten. Das für den Rechtsverkehr notwendige Vertrauen in diese Intermediäre und Verwalter würde durch die Sicherheit der Blockchain ersetzt.

Die Blockchain in der Musikindustrie

Wie alle Kreativbranchen kämpft auch die Musikindustrie im digitalen Zeitalter mit dem effektiven Einsatz von Daten. Die Vielzahl von Rechten, Rechteinhabern, Verwertern, Aggregatoren und Konsumenten bedeutet auch eine Vielzahl von Daten, die bei vielen Marktteilnehmern in verschiedensten Formaten vorliegen. Das Management von Rechten wird damit unübersichtlich. Weil so viele Marktteilnehmer mitverdienen wollen entstehen höhere Kosten, die regelmäßig die Anteile der Künstler drücken.

Die Blockchain könnte die Lizenzierung von Musik maßgeblich verändern, die Anzahl der Marktteilnehmer reduzieren und einheitliche Standards schaffen. Die ersten Projekte und Start-Ups, die mit der Blockhain arbeiten sind bereits am Markt. Beispiele:

dotBlockchain Media

Die Idee bei dotBlockchain Media ist es ein neues auf der Blockchain basierendes Ökosystem für Musikdateien aufzubauen. Bei der ersten Registrierung eines Musikstückes wird dieses als Musikdatei mit verknüpften Metadaten in die Blockchain hochgeladen. Die Metadaten enthalten die wichtigsten Daten über die Urheber und das Musikstück (sog. "Minimum Viable Data"). Später können weitere Urheber oder Rechteinhaber mit diesem ersten "Genesis Block" verknüpft werden. Sollte ein Musikstück nach der Entstehung lizenziert werden, ließen sich diese Prozesse somit darstellen.

Über Plug-Ins können Anbieter wie Spotify, YouTube und iTunes mit der Blockchain verknüpft werden und die Musik kann dort verwertet werden. Durch den Einsatz von sogenannten Smart Contracts lässt sich die Monetarisierung direkt im System von dotBlockchain Media umsetzen. Smart Contracts sind Programme, die eine vertraglich bestimmte Abrechnung automatisiert in der Blockchain ausführen.

Das Geschäftsmodell von dotBlockchain Media basiert jedoch weiter auf der Zusammenarbeit mit den mächtigen und etablierten Markteilnehmern wie den Labels, Verlagen und Musikportalen. Das große Versprechen der Unabhängigkeit der Blockchain wird damit nicht erfüllt. Eine raffinierte und effektivere Lizenzierungstechnologie könnte dotBlockchain Media trotzdem werden.

Ujo

Einen anderen Weg geht das Start-Up Ujo. Bei Ujo sollen Künstler selbständig in der Lage sein ihre Musik zu veröffentlichen, zu lizenzieren und zu verwerten, ohne dass weitere Marktteilnehmer eingeschaltet werden müssen.

Das Projekt basiert auf dem Blockchain-Anbieter Ethereum. Ethereum wurde vor allem bekannt als Kryptowährung, bietet jedoch auch die Möglichkeit Smart Contracts einzusetzen. Die Musiker können auf der Ujo-Plattform die Lizenzierung für die üblichen Streaming-Portale frei schalten. Sogar die Rechteauswertung für die Synchronisation mit Filmen, Fernsehen und Werbung soll mit Ujo möglich sein.

Bei dem Song "Tiny Human" hat die britische Sängerin Imogen Heap in einem Pilotprojekt mit Ujo zusammen gearbeitet. Zur Zeit ist Ujo noch in der Beta-Version, wird aber schon von einigen Musikern genutzt.

Peertracks

Peertracks ist ein Streaminganbieter, bei dem kostenlos und werbefrei Musik gehört werden kann. Geld verdienen die Musiker über eine eigene Kryptowährung, mit der Fans ähnlich wie bei Crowdfunding die Musiker unterstützen können und dafür gewisse Vorteile oder Extras bekommen.

Das Besondere ist, dass die Kryptowährung in "Coins" ausgegeben wird, wobei die Anzahl der Coins limitiert ist. Somit soll eine Art Börse für Coins entstehen, deren Wert je nach Nachfrage steigen und sinken kann. Wird der Künstler erfolgreicher, steigt der Wert der Coins. So sollen Fans motiviert werden selber mehr Werbung für ihre Künstler zu machen und damit den Wert Ihrer Coins steigen zu lassen.

Björk & Blockpool

Dass Künstler ihre Alben auch gegen Kryptowährung anbieten ist nichts neues. Björk legte bei ihrem letzten Album "Utopia" als Bonus aber noch 100 Audiocoins mit drauf. Diese Kryptowährung des britischen Start-up Blockpool soll auch zukünftig bei Live-Auftritten und bei Interaktionen mit ihrer Musik ausgeschüttet werden.

Ob hier ein echter Mehrwert durch die Audiocoins entsteht oder ob das Ganze nicht doch nur ein cleverer Marketingschachzug ist, der mit dem Blockchain-Hype spielt, bleibt abzuwarten.

Akoin

Akon, der amerikanisch-sengalesische R&B Sänger, hat gleich ganz andere Pläne. Er bringt unter dem Namen "Akoin" eine waschechte Krypotowährung auf den Markt. Diese Währung soll zur Finanzierung einer neuen Stadt in Nähe der senegalesischen Hauptstadt Dakar dienen.

Akon hatte 2.000 Hektar Land vom Präsidenten Senegals geschenkt bekommen und wird dort eine Stadt errichten, die "eine erste ihrer Art sein wird, die zu 100 Prozent auf Krypto basiert, wobei Akoin im Zentrum des transaktionalen Lebens steht”. Kling vielleicht verrückt, aber Akon hat es bereits geschafft mit einem riesigen Solar-Projekt Millionen Afrikaner mit Elektrizität versorgen. Das hat zwar nicht viel mit der Musikindustrie zu tun, zeigt aber wie die Popularität von Musikern in Verbindung mit zukunftsweisenden Technologien Großes erreichen kann.

Die Zukunft ist ungewiss

Die Blockchain ist sicherlich eine spannende Technologie mit viel Potential, wovon die Musikindustrie besonders profitieren könnte. Die aktuellen Projekte sind jedoch vor allem Testballons und noch keiner der Musik-Blockchain-Anbieter konnte bisher mit ernsthaften kommerziellen Erfolg Schlagzeilen machen.

Letztendlich stellt sich bei allen Blockchain-Projekten die Frage, ob für das geplante Vorhaben tatsächlich eine Blockchain als Technologie im Hintergrund nötig ist. Der große Vorteil der Blockchain ist, dass Transaktionen dezentral und sicher ausgeführt werden können. Somit kann auf Zwischenstationen verzichtet werden, die als Sicherheitsgarantie oder als technische Dienstleister nötig sind. Oft lassen sich die für die Musikindustrie relevanten Anwendungen auch auf herkömmlichen, zentralisierten Systemen darstellen, weil die genannten Vorteile gar nicht relevant sind. Der Einsatz der Blockchain wäre also gar nicht nötig.

In jedem Fall lohnt es sich, die Entwicklung der Anwendungsmöglichkeiten der Blockchain im Blick zu behalten. Innovative und technikbegeisterte Musiker sollten sich die Projekte mal genauer anschauen und auch mal selber ausprobieren -– es gibt viel zu entdecken und zu lernen.

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