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Trumpf oder Trauma?

Musikunterricht: Die verschiedenen Berufswege, Verdienstmöglichkeiten, Arbeitszeiten, Chancen und Probleme

Tipps für Musiker und Bands von Martell Beigang
veröffentlicht am 09.04.2019

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Musikunterricht: Die verschiedenen Berufswege, Verdienstmöglichkeiten, Arbeitszeiten, Chancen und Probleme

Unterricht geben: Trumpf oder Trauma?. © Dmytro Zinkevych / 123RF

Unterricht zu geben ist für manche eine leidige Pflicht, für andere jedoch eine interessante Facette ihrer beruflichen Tätigkeit als Musiker. Schlagzeugprofi Martell Beigang beleuchtet die verschiedenen Möglichkeiten, in diesem Feld zu arbeiten und klärt unter anderem, welche Voraussetzungen du mitbringen musst und was du dabei überhaupt verdienen kannst.

Jeder Musiker kann und darf Unterricht geben. "Musiklehrer" ist kein geschützter Titel. Natürlich ist es hilfreich, neben seinen musikalischen Fähigkeiten auch pädagogisch durchzublicken. Aber prinzipiell kann jeder Musiker, der sich berufen fühlt, es direkt ausprobieren.

Privatunterricht

Die einfachste Möglichkeit das zu tun, ist es Privatunterricht zu geben. Bei einem nicht besonders lautem Instrument (also kein Drumset) kann man das bequem bei sich oder beim Schüler zu Hause machen.

Für eine Zeitstunde Privatunterricht kann ein Musiker in meiner Region (Raum Köln) heutzutage bis zu 44 € verlangen. Das klingt erstmal nach einem angemessenen Preis, man muss jedoch bedenken, dass darin die Miete für den Unterrichtsraum enthalten ist und die Arbeit, die damit verbunden ist, Schüler zu generieren und zeitlich zu koordinieren. Das ist mitunter ganz schön zeitaufwendig, besonders dann, wenn man einen kompletten Unterrichtstag verlegen muss, weil man beispielsweise auf Tour ist.

Freie Mitarbeit

Wenn man freier Mitarbeiter bei einer privaten Musikschule ist, wird einem die Organisation weitgehend abgenommen. Besonders für Schlagzeuger ist es hilfreich in einem akustisch optimiertem Raum zu unterrichten, wo am besten gleich zwei Instrumente stehen.

Bei einer privaten Musikschule bekommt man seinen Unterrichtstag meistens problemlos und nahtlos gefüllt. In großen Städten hat man jedoch als Einsteiger wegen des Überangebotes an Privatlehrern mitunter Schwierigkeiten.

Allerdings lassen sich die privaten Musikschulen ihren Service auch mit mindestens der Hälfte der Einnahmen vergüten. Sprich, für eine Zeitstunde erhält man als Instrumentallehrer nur noch um die 20 €. Davon muss man noch etwaiges Fahrtgeld abziehen.

Das eingenommene Geld muss man natürlich versteuern. Vom Zahlen der Umsatzsteuer kannst du dich als Schule oder als Einzelperson allerdings von der Landesbehörde befreien lassen. Diesen finanziellen Vorteil kann der Musiklehrer direkt an seine Schüler weitergeben.

Ein weiterer Vorteil einer Musikschule ist die Synergie, die durch die Angebote für verschiedene Instrumente entsteht. So bieten viele Schulen auch Bandunterricht an, der in der Regel etwas besser bezahlt wird als Einzelunterricht. Dazu kommen Workshops zu besonderen Themen wie Songwriting und Musikproduktion.

Festanstellungen

Etwas besser wird der Unterricht an einer städtischen Musikschule vergütet. Dort tätige Musiklehrer erhalten 23 € bis 28 € pro Zeitstunde. Hat man das Glück dort eine feste Stelle zu ergattern gibt es sogar noch deutlich mehr. Auf einzelne Stunden umgerechnet wären das etwa 35 €.

Allerdings werden solche festen, nach dem "Tarifvertrag für den Öffentlichen Dienst" vergüteten Stellen heutzutage kaum noch neu besetzt. Die Zeit dieser vom Staat geförderten und wirklich höchst sinnvollen kulturellen Einrichtung, scheint gezählt zu sein.

Wenn man dennoch in den Genuss einer solchen Stelle kommt, muss man sich allerdings neben dem Unterricht auf weitere Aufgaben einstellen. So gibt es immer wieder Tage, an denen Schüler Vorspiele haben oder Tage der offenen Tür, die außerhalb der normalen Unterrichtszeit liegen. 

Das Problem der Arbeitszeiten

Die Arbeitszeiten sind sowieso ein wichtiges Thema. Als Musiker wünscht man sich ja eigentlich Arbeit, die zu "normalen" Zeiten stattfindet, sprich tagsüber, idealerweise morgens, denn Konzerte finden ja in der Regel abends statt.

Dummerweise – und dazu hat das G8 Schulsystem beigetragen – ist es gar nicht so einfach, Schüler zu finden, die schon früh am Tag Zeit haben. Meistens geht der Unterricht daher doch erst ab 14 Uhr los und dauert dann in den Abend hinein.

Ein solcher Job ist nicht gerade familienkompatibel. Aber außer Rentnern und Freiberuflern gibt es kaum jemand, der morgens kommen kann. Wenn man nur ein oder zwei Tage unterrichtet, legt man diese am besten an den Wochenanfang, so dass man am Ende der Woche seine Gigs wahrnehmen kann.

Qualifikationen

Insbesondere im Hinblick auf Bewerbungen an einer städtischen Musikschule ist es von Vorteil, wenn man ein Examen hat. Dieses erwirbt man zum Beispiel als Abschluss eines Studiums an einer Musikhochschule. Ein möglicher Abschluss ist der Instrumentalpädagoge, aber inzwischen gibt es auch viele andere Varianten.

Mit einem solchen Abschluss wird es leichter bei staatlichen Instituten einen Job zu bekommen und man wird auch automatisch besser bezahlt. Private Musikschulen haben in der Regel keine so hohen Einstiegshürden.

Karrieremöglichkeiten und Selbständigkeit

Wenn man erste Erfahrungen als Privatlehrer gesammelt hat und verstärkt in diesem Segment arbeiten möchte, besteht die Möglichkeit eine eigene Musikschule zu gründen. Der Übergang vom Privatlehrer zur eigenen Schule ist fließend. Manchmal besteht diese nur aus einem selbst oder einer handvoll Mitarbeiter. Der Vorteil liegt in der größeren Außenwirkung und einem höheren Gewinn bei steigender Lehrerzahl. Allerdings muss man spätestens dann bereit sein, sich verstärkt mit betriebswirtschaftlichen Fragen auseinanderzusetzen.

Bei städtischen Musikschulen besteht die Möglichkeit aufzusteigen, indem man als freier Mitarbeiter zu einer festen Stelle wechselt und indem man vom Instrumentallehrer zum Fachbereichsleiter aufsteigt. In diesem Fall vergrößert sich allerdings nicht nur das Gehalt (man bekommt um die 3000 € im Monat für ca. drei Tage Arbeit pro Woche), sondern auch die Zeiten, die man im Büro verbringt, auf etwa ein Drittel der Arbeitszeit.

Noch besser bezahlt wird man, wenn man als Professor an einer Hochschule unterrichtet. In Deutschland gibt es einige Institute, an denen man Pop und Jazz studieren kann und dort unterrichten neben Dozenten und freien Mitarbeitern auch Professoren. Wenn man einige der wenigen vollen Stellen besetzt, bezieht man ein Monatsgehalt von ca. 5000 €.

Auch der Instrumentalunterricht, den Dozenten geben, wird dort deutlich besser bezahlt als anderswo. Im Hauptfach können es bis zu 130 €  pro Stunde sein, im Nebenfach um die 100 €. Allerdings wird dieser Betrag nicht durchbezahlt.

Durchbezahlt oder nicht?

Ob der Unterricht durchbezahlt wird oder nicht, ist ein entscheidender Faktor, durch den sich verschiedene Stellen voneinander unterscheiden.

"Durchbezahlt" zu werden bedeutet, dass man auch in der unterrichtsfreien Zeit bezahlt wird. Private oder städtische Musikschulen orientieren sich an den Schulferien. Hochschulen haben eigene und deutlich längere Semesterferien.

An privaten Musikschulen wird man in der Regel nicht durchbezahlt. Selbstständige Privatlehrer können eine Durchbezahlung von ihren Schülern einfordern. Es ist aber durchaus nicht die Regel.

Sehr verbreitet ist das System der 10er Karte, bei dem ein Schüler eine bestimmte Stundenzahl im Voraus bezahlt, was zumindest sicherstellt, dass der Schüler sich für eine gewisse Zeit an den Lehrer bindet.

Leider gibt es auch Musikschulen, die von den Schülern verlangen den Unterricht durchzubezahlen, diesen Vorteil allerdings nicht an ihre Lehrer weitergeben.

In den Sommermonaten, in denen man in der Regel (außer man hat eine gut gehende Band, die viele Festivals spielt) eher weniger Gigs hat, kann es dann finanziell schon etwas eng werden, wenn der Unterricht während der Ferienzeit nicht durchbezahlt wird.

Online unterrichten

Eine weitere Möglichkeit Unterricht zu geben, ist der Online-Unterricht per Skype oder mittels Plattformen wie Doozzoo, JamKazam oder Sofasession, wo du – je nach Modell eventuell gegen eine geringe Nutzungsgebühr – mit Schülern auf der ganzen Welt interagieren kannst.

Wegen der möglichen Zeitverschiebung steigt die Chance Schüler auch in den Morgenstunden zu unterrichten.

Resümee

Es gibt viele verschiedene Möglichkeit mit dem Unterrichten Geld zu verdienen. Die Einstiegshürden sind gering. Man braucht kein abgeschlossenes Studium, um zu unterrichten, aber es ist auf jeden Fall vorteilhaft, pädagogisch gebildet zu sein, denn das erweitert das Spektrum der Möglichkeiten und steigert die Chance auf eine angemessene Bezahlung.

Wenn man als freier Mitarbeiter in einer privaten Musikschule Vollzeit arbeiten würde, wäre das kein "realistischer" Job. Hier mal eine Überschlagsrechnung:

Wenn man 5 Tage die Woche von 14-19 Uhr für 20 Euro pro Stunde unterrichten würde, bekäme man 20 € x 5 (Stunden) x 5 (Tage) x 4 (Wochen) =  2000 € brutto, aber nicht mal durchbezahlt und ohne jegliche Sozialleistungen. Zu bedenken ist ebenfalls: Als Lehrer kann man sozialversicherungspflichtig sein.

An einer städtischen Musikschule würde man besser verdienen. Mit Festanstellung würden sich die Arbeitsbedingungen und Sozialleistungen beträchtlich verbessern. Als Fachbereichsleiter für Popmusik hätte man schon so etwas wie einen soliden Job. Als Dozent an einer Musikhochsschule bekommt man einen sehr guten Stundensatz, allerdings nur in bestimmten Monaten im Jahr. Als Professor hätte man einen veritablen Job.

Die meisten Musiker betreiben eine Mischkalkulation, bei der der Unterricht ein Standbein neben dem Livespielen und den Studiojobs darstellt.

Jüngere Musiker empfinden das Unterrichten oft als lästig, während es viele ältere Kollegen eher als eine willkommene Möglichkeit sehen, ihr Wissen weiterzugeben und den Kontakt zur Basis und zur aktuellen Musik nicht zu verlieren.

Workshops stellen eine interessante Möglichkeit dar, auch mal anspruchsvollere Themen zu bearbeiten. Hier kann man auch schon mal Stundenpreise von 100 € bekommen. Der Onlineunterricht und Tutorials auf Abo-Basis werden dem Unterrichtsmarkt in Zukunft weitere Möglichkeiten hinzufügen.

Der Beruf des Instrumentallehrers ist ein mehr als sinnvoller Job, da es für jeden Menschen ein Gewinn bedeutet, ein Instrument zu lernen. Es fördert das Konzentrationsvermögen, die Kreativität und macht einfach glücklich. Außerdem sind Menschen, die Musik als Hobby betreiben, die besseren und aufmerksameren Konzertbesucher.

Also, Ärmel hochgekrempelt und ran an die Instrumente!

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