Je kompletter, desto mehr Geld
Neuer Ansatz für Streaming-Vergütung: Komplettierungs-Modell statt Pro-Rata?
spotify streaming musikereinkommen
© Seyfi Durmaz
Aktuell werden Künstler*innen auf Spotify durch ein Pro-Rata Modell bezahlt. Das bedeutet, dass alle Einnahmen der Abo-Gebühren gesammelt werden und im Anschluss verteilt werden. Der Anteil einer Künstlerin oder eines Künstlers an den Gesamt-Streams bestimmt dabei die Höhe der Auszahlung.
Diese Form der Vergütung bringt neben der fehlenden Transparenz der tatsächlichen Streamingzahlen weitere Nachteile mit sich. So können zahlreiche Acts durch Streaming nicht von ihrer Musik leben. Außerdem unterstützen Streamende beim Pro-Rata Modell auch Musiker*innen, deren Lieder sie möglicherweise gar nicht angehört haben, was vielfach als ungerecht empfunden wird.
User-Centric und seine Probleme
Ein alternatives Modell, das schon länger zur Diskussion steht, ist das User-Centric Modell. Dabei sollen die Abogebühren der einzelnen Abonnent*innen auf das individuelle Hörverhalten abgestimmt verteilt statt gesammelt werden.
Das Problem eines nutzerzentrierten Modells besteht aber in der deutlich höheren Komplexität. Mit der Umstellung wären hohe Kosten und viel Arbeit verbunden, da unzählige individuelle Abrechnungen erstellt und zusammengeführt werden müssten.
Neues Komplettierungs-Modell
Will Page, Wirtschaftswissenschaftler und Autor des Buches "Pivot" schlägt nun ein sogenanntes 'Completion'-Modell vor, das Lieder, die komplett angehört werden gegenüber denen bevorzugt, die vor dem Ende übersprungen oder abgebrochen werden.
Derzeit ist es so, dass ein Lied lediglich für mindestens 30 Sekunden abgespielt werden muss, um bei Spotify als Stream zu gelten.
Mit dem Completion-Modell würde also ein weiterer Schwellenwert eingeführt. Technisch sei das laut Page einfach umzusetzen. Auch rechtlich betrachtet, handele es sich um eine Schwelle, die leicht zu definieren und zu überprüfen sei.
Gewinner und Verlierer
Da die Gesamteinnahmen bei der Umstellung eines Streaminganbieters auf ein neues Modell gleich bleiben und lediglich eine Umverteilung dieser Einnahmen stattfindet, stellt sich immer wieder die Frage nach den Gewinnern und Verlierern der Neuerungen. Will Page lehnt das ab:
"Anstatt sich auf Gewinner und Verlierer zu konzentrieren, sollte man besser fragen, ob ein vorgeschlagener Eingriff, das was bereits fair ist, fairer machen würde. Ich glaube, dass dieser Vorschlag genau das tut."
Der Grund bestehe darin, dass Songs, die nicht bis zum Ende angehört werden, logischerweise weniger geschätzt würden, wodurch "Komplettheit" ein faires Bewertungskriterium sei.
Mittel gegen Streaming-Betrug
Zudem könne mit dem neuen Modell nicht nur das Pro-Rata-Modell überwunden, sondern auch gegen Streaming-Betrug – etwa durch 31-Sekunden-Stream-Farmen – vorgegangen werden, so berichtet Music Business Worldwide.
Mithilfe von Streaming-Farmen können Songs rund 1000 Mal pro Minute gestreamt werden, wodurch betrügerische Unternehmen ihre Streaming-Zahlen künstlich in die Höhe treiben könne. Das Komplettheits-Modell würde den Aufwand dafür deutlich erhöhen.
Mögliche Nachteile
Die größte Schwäche des Komplettheits-Modells sei laut Page allerdings das "unbeabsichtigte inaktive Hören", indem man beispielsweise Spotify im Hintergrund laufen lässt. Denn man könnte argumentieren, dass sich in dem Fall ebenfalls keine Wertschätzung feststellen lässt.
Jedoch läge es ebenso bei den Nutzer*innen von Streaming-Plattformen zu entscheiden, was fair sei. Darüber hinaus würde sich das nicht von Radionutzung unterscheiden. Will Page erklärt:
"Wenn der Verbrauch einen Vertrag abschließt, um sich bequem zurücklehnen zu können, wer sind wir dann, um ihm zu widersprechen? Schließlich liegt der Verbraucher selten falsch."
Bevorzugung kurzer Tracks
Eine bestehende Befürchtung bezüglich des Completion-Modells ist außerdem, dass Songs, die zwei Minuten dauern, dennoch genauso viel Wert sein wie das komplette Anhören eines sechsminütigen oder noch längeren Tracks.
Das könnte wiederum zur Folge haben, dass sich Labels vermehrt auf die Produktion von kurzen Songs konzentrieren, wodurch bestimmte Genres und verschiedene Spielarten der Musik früherer Jahrzehnte benachteiligt werden.
Diese Entwicklung, die sich bereits jetzt aufgrund der 30-Sekunden-Regelung feststellen lässt, würde durch das Completion-Modell weiter verstärkt werden.
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