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Livemusik in Zeiten der Pandemie

Streaming und virtuelle Konzerte – nur Lückenfüller oder echte Chance?

Spezial/Schwerpunkt von Frank Maier
veröffentlicht am 24.03.2020

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Streaming und virtuelle Konzerte – nur Lückenfüller oder echte Chance?

© veeterzy auf Pexels

Nachdem Konzerte und Live-Entertainment mit Publikum aufgrund der Corona-Epidemie innerhalb kürzester Zeit vollständig eingestellt wurden, steht die Livebranche am Scheideweg. Können virtuelle Formate eine Alternative sein?

Eine schnelle Rückkehr zum Normalbetrieb erscheint unwahrscheinlich, selbst wenn die exponentielle Verbreitung des Virus durch die immer strengere Einschränkung des öffentlichen Lebens Wirkung zeigen und die Zahl der Neuinfektionen in den nächsten Wochen sinken sollte.

Großveranstaltungen mit Hunderten oder Tausenden von Menschen sind auch danach kaum durchführbar, bevor nicht ein Impfstoff vorhanden ist oder ein Heilmittel entwickelt wurde, das den Verlauf der Covid-19-Erkrankung abmildert.

Ab ins Netz

Veranstalter und Künstler weichen nun mit beeindruckender Entschlossenheit und Kreativität schnell auf das naheliegende Format aus: Streaming von Live-Performances im Netz.

James Blunts Konzert in der Elbphilharmonie wurde kurzerhand ohne Publikum durchgezogen und dafür live gestreamt. Coldplay-Frontmann Chris Martin verzückte seine Fans mit einer 30-minütigen Performance via Instagram, wie viele seiner Kolleginnen und Kollegen auch.

Die Instagram-Idee ist natürlich nicht ganz neu und war auch vorher schon Teil der social media Strategie von Künstlern und Künstlerinnen aus der Musikszene. Und: James Blunts Show in Hamburg stand bereits fest und wäre sicher so als reiner Livestream ganz ohne Publikum nicht konzipiert worden.

In der Anfangszeit während des Corona-Lockdowns dürften derartige Aktionen einen gewissen Charme ausstrahlen, natürlich auch, weil sie eine Möglichkeit bieten, als Künstler und Szene insgesamt im Gespräch zu bleiben und nicht in Zeiten der Isolation den Kontakt zur Zielgruppe zu verlieren.

Streaming als vollwertiger Business-Case?

Ob daraus aber ein belastbarer Business-Case erwachsen kann, mit dem ähnliche Umsätze erwirtschaftet werden können wie mit konventionellen Live-Auftritten, darf bezweifelt werden. Zumindest muss abseits des bisherigen Konzepts einer Einzelveranstaltung oder einer Tour in verschiedenen Städten gedacht werden.

Das hat viele Gründe, der naheliegendste: ein virtuelles Konzert ersetzt natürlich nicht vollumfänglich das intensive, persönliche Live-Erlebnis vor Ort, das ein soziales, interaktives Freizeit-Event mit Begleitprogramm und nicht nur reiner Musikkonsum ist.

Ein weiteres Problem dürfte die Monetarisierung darstellen. Die Bepreisung einzelne Streams scheint unwahrscheinlich, es wird auf Abo-Modelle, werbefinanzierte Free-Accounts oder Spenden bzw. Mischformen hinauslaufen, wie in digitalen Ökosystemen üblich.

Schaut man in Richtung Digital-Musikvertrieb, der den Tonträgermarkt ablöste, wird man schnell feststellen, dass die Erlöse für die Künstler im Vergleich zum traditionellen physischen Vertrieb deutlich geschmälert wurden, obwohl die Nutzerzahlen weiter steigen. Dies dürfte sich im Live-Streaming Markt wohl ähnlich verhalten.

Der Live-Boom der letzten Jahre ist dem Umstand sinkender Einnahmen durch Tonträgerverkäufe geschuldet. Live war immerhin noch gutes Geld zu verdienen, wenn auch zunehmend mit Ticket-Mondpreisen und immer aufwändiger produzierten Shows.

Es knirschte auch in der Livebranche schon vor der Corona-Krise, denn während die oberen Zehntausend immer reicher wurden, wurde es für unabhängige, junge Künstler eher schwieriger, mit Liveauftritten Geld zu verdienen.

Neue Konzepte

Live-Streamingformate müssten wohl ein anderes, neuartiges Konzept verfolgen als lediglich das Abfilmen eines zweistündigen Konzerts, allein schon deshalb, weil die ständige Wiederholung derselben Show, wie sie bei einer real-life Tournee in verschiedenen Städten allabendlich stattfindet, nicht möglich ist. Und auch das Konzertvideo lebt von der Live-Atmosphäre durch das anwesende Publikum.

Das bisherige Show-Konzept einfach 1:1 ins Netz zu verlagern wird nicht funktionieren. Es ist auch zu bedenken, dass es von den meisten Künstlern bereits jetzt nahezu unendliches Videomaterial von Konzerten frei verfügbar und in durchaus guter Qualität auf Youtube gibt.

Es gilt also, die Nachteile des Mediums durch seine Vorteile aufzuwiegen.

Interaktiv

Die Branche muss über den Tellerrand blicken und sich von Formaten, die in anderen Bereichen bereits etabliert sind und auch durchaus monetarisiert werden, inspirieren lassen. Im Bereich Gaming streamen beispielsweise Stars der Szene "Lets Plays", also Live-Spiele-Sessions, über die Plattform Twitch.

Das besondere an solchen Formaten ist die direktere Interaktion mit dem Publikum. Dieses kommentiert fortlaufend das Geschehen und greift aktiv in den weiteren Verlauf der Session ein, indem dem Streamer Tipps und Anweisungen gegeben werden, die dieser wieder aufgreift und kommentiert. So entsteht ein dynamisches, interaktives und spontanes Erlebnis für beide Seiten.

Auf einen Konzertstream übertragen könnte das zum Beispiel bedeuten, dass die Zuhörer live über die Setlist und den weiteren Verlauf abstimmen können.

Künstler könnten auch Proben streamen, neue Songs interaktiv erarbeiten und die Fans in den Writing-Prozess einbinden.

Moderne Sehgewohnheiten

Die boomenden Serienformate auf Netflix und Co. sind ein mögliches Anschauungsbeispiel: Konzert-Reihen könnten beispielsweise im Episodenformat mit halbstündigen Sessions realisiert werden, wo jede Episode beispielsweise eine bestimmte Schaffensperiode des Künstlers abdeckt und jeweils in einem anderen Setting stattfindet, wobei möglichst ausgefallene Locations sicher hilfreich sind.

Andere beliebte Formate wie z.B. Documentaries, Home Stories oder James Cordens erfolgreiches Format "Carpool Karaoke" könnten ebenso als Blaupause dienen, als Hybrid aus Show und Liveperformance.

Jüngst hat z.B. Neil Young mit den "Fireside Sessions" ein eindrucksvolles Akustik-Set veröffentlicht, das an verschiedenen Orten seines Hauses in Colorado aufgenommen wurde.

Solche Performances ermöglichen es den Fans, dem Künstler in seinem privaten Umfeld persönlich nahe zu sein und beim Musizieren zu beobachten. Dies schafft ein besonderes Maß an Authentizität und hebt sich so von einer Bühnenshow deutlich ab.

In der Carpool-Folge mit Paul McCartney besucht James Corden auf der gewohnten Autofahrt mit Gesangseinlagen unter anderem auch das Elternhaus McCartneys in Liverpool und die Beatles-Legende gibt sehr persönliche Einblicke. Die Show kulminiert in einem "spontanen" Live-Gig in einem Liverpooler Pub.

Ganzheitliche Digitalstrategie

Dass sich Künstler verstärkt über das Netz selbst vermarkten, ist ein Trend, der sowieso bereits seit längerer Zeit zu beobachten ist. Es gehört zur Gesamt-PR-Strategie von Bands, die Möglichkeiten der sozialen und interaktiven Medien auszuschöpfen um sich als allgegenwärtige “Brand” zu vermarkten.

Die britische Band Iron Maiden beispielsweise promotet ein eigenes mobile game, in dem Bandmaskottchen Eddie in seinen verschiedenen Inkarnationen die Hauptrolle spielt, die wiederum an die Setlist der aktuellen "Legacy of the Beast" Tour angelehnt sind.  

Live-Streamingangebote dürften eher als weiterer Baustein dieser 360-Grad-Kommunikation umgesetzt werden und nicht als vollwertiger Ersatz für das Live-Segment. Es dürfte sich mehr lohnen, Streams kostenfrei anzubieten, um dann wieder mit Ticketverkäufen oder der eigenen Kleidungskollektion Geld zu verdienen.

Ohne Live-Shows geht es nicht

Auch wenn durch die "Corona-Zwangspause" sicher ein Boom von Livestreams zu erwarten ist und die frei gewordene Zeit wohl auch als Findungs- und Experimentierphase genutzt werden wird: das Live-Konzert als soziale und kulturelle Gesamterfahrung können Streams auf Dauer nicht ersetzen. Sie werden sich jedoch als weitere Form des musikalischen Schaffens nun beschleunigt und verstärkt etablieren.

Auch Iron Maiden dürfte klar sein, dass ihr Kerngeschäft als Band die Tour und die Live-Shows sind und hier nach wie vor das meiste Geld zu verdienen ist. Man wird sich über die nun wohl abgesagte Tour 2020 genauso wie die Fans ärgern.

Für die Künstler gilt es, in der jetzigen Pause im Gespräch zu bleiben, Kontakt zur Fanbase zu halten und auch neue Möglichkeiten kreativ auszuloten. Vor allem darauf zu hoffen, dass sie nach dem Lockdown die bisher gut geölte Maschine der Live-Branche noch intakt vorfinden, um den dann nach Live-Entertainment lechzenden Fans wieder das volle Programm bieten zu können

Denn Streamingformate werden auch die bisherige Struktur der Branche mit Konzertveranstaltern, Live-Locations, Ticketverkäufern, Vor-Ort-Personal wie stage hands, FoH-Technikern, Security und Gastro nicht erhalten können.

Stattdessen werden sich wieder Tech-Konzerne und Plattformen ein großes Stück vom Kuchen abschneiden wollen, wie schon das Tonträger-Ökosystem durch Spotify und Co. disruptiv ersetzt wurde.

Es bleibt also zu hoffen, dass die Livemusik-Branche diese existenzielle Krise bewältigen kann.

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