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"Durch einen Impfstoff wäre viel für Konzerte getan"

Patrick Kirsch von Headline Concerts über Tourneen mit Abstandsregeln und einen Soli-Euro für angeschlagene Clubs

Interview von Rodney Fuchs
veröffentlicht am 08.09.2020

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Patrick Kirsch von Headline Concerts über Tourneen mit Abstandsregeln und einen Soli-Euro für angeschlagene Clubs

Sperling ist eine der Bands, mit denen Patrick Kirsch regelmäßig arbeitet. © David Neff

Patrick Kirsch ist Booker bei Headline Concerts. Er betreut Bands wie Kochkraft durch KMA, KOJ, Sperling, attic., Schimmlering, TÜSN und Heldmaschine und ist daneben auch als Manager tätig. Dass 2020 ein schwieriges Jahr werden wird, war ihm schnell klar. Wie ist sein Blickwinkel auf Touren im Restjahr 2020 und 2021?

Backstage PRO: Hey Patrick, wie hat sich dein Arbeitsalltag in den letzten Wochen und Monaten geändert?

Patrick: Mitte März, als die ersten Einschränkungen kamen, begann für mich natürlich eine Zeit, in der ich fast täglich eine komplette Tour verschoben habe und daher mehr als üblich zu tun hatte. Mittlerweile hat sich das eher gedreht und man bekommt deutlich weniger Mails und Anrufe, da natürlich auch viele Kollegen, Clubs, Veranstalter und Partner in Kurzarbeit sind oder komplett im „Urlaub“ sind.

Ein paar Konzerte in Form von Streaming-, Auto- oder Biergartenkonzerten habe ich aber auch betreut oder tue es immer noch. Da gilt es natürlich sich in komplett neue Verkehrssicherungspflichten und Wege der Logistik einzuarbeiten um Hygienekonzepten und Abstandsregeln gerecht zu werden.

Der spürbarste ist natürlich, dass wir auf Kurzarbeit umstellen mussten und ich daher nur noch halbtags im Büro bin. Oder auch ganz von zu Hause arbeite soweit das geht.

"Es fehlt, abends verschwitzt aus dem Club zu kommen"

Backstage PRO: Mit Open-Air Veranstaltungen und Autokino-Konzerten hat man eine mittelfristige Lösung gefunden. Inwiefern steht bei euch die Kommerzialisierung von Streaming-Events eine Rolle?

Patrick: Da die meisten Varianten davon ja unter freiem Himmel stattfinden und sicher auch im Auto schnell eine Batterie bei der Hälfte schlapp macht, wenn die Heizung auf voller Leistung läuft ist das für mich im Moment alles meist nur ein Kompromiss und keine Alternative zu herkömmlichen Konzerten. Grundsätzlich finde ich es aber toll, wie viele Konzepte dieser Art überall entstehen und zeigen, was auch kurzfristig alles möglich ist.

Auf lange Sicht fehlt es aber sicher vielen Leuten, abends verschwitzt aus dem Club oder vom Festival zu kommen und zu berichten, wie mitten im Gedränge plötzlich der Sänger der Lieblingsband über einen gestagedived ist und der Nachbar sein Bier verschüttet hat, als einer von jemand wildfremden abgeknutscht wurde. Ich denke, das sind eher die Erlebnisse und Geschichten, die maan vermisst, als zum Beispiel eine ausgefallene Hupe beim Autokonzert, weshalb man am Ende mit den Scheibenwischern winken und nicht hupend applaudieren konnte.

Für die zweite Jahreshälfte arbeiten wir aber auch generell mit einem Streamingkonzept, dass unter dem Namen WorldWideLive aus der Düsseldorfer Halle ISS Dome gestreamt wird (mehr dazu hier; Anm.d.Red.). Man kann sich verschiedene Streamingtickets dazu kaufen, die von normalem Zugang bis hin zu Künstlerchats und Zoom-Sessions hinreichen, um das Erlebnis auch zu Hause etwas authentischer und umfangreicher zu gestalten.

Backstage PRO: Du hast dich im Gegensatz vieler anderer dazu entschlossen für 2020 keine Tour mehr zu planen. Wieso?

Patrick: Ganz freiwillig ist das natürlich nicht passiert. Eine Tour bedarf immer umfangreicher Vorarbeit und ist in der Regel an die Timings von Musikveröffentlichungen der Künstler und den Timings der Labels der einzelnen Acts gebunden.

Nachdem im Frühjahr alle Veranstaltungen abgesagt wurden, haben wir natürlich versucht so viel wie möglich zu verlegen. Dadurch haben sich natürlich sämtliche andere Sachen verzögert und verschoben.

Die Künstler, die ich betreue, sind fast alle noch als Newcomer zu sehen, die auf die Werbewirkung eines Albums oder ihrer anderweitigen Veröffentlichungen angewiesen sind, um damit auch eine Tour entsprechend bewerben zu können.

"Eine wirtschaftlich rentable Veranstaltung ist erst wieder umsetzbar, wenn ein Impfstoff existiert"

Backstage PRO: Wie stehst du aktuell zu Touren im Frühjahr 2021? Hältst du es für realistisch, dass es dann wieder möglich ist „normal“ auf Tour zu gehen?

Patrick: Ich sage mal so; an mir soll es nicht liegen. Ich bin natürlich weder Virologe noch Hellseher, aber denke, dass ein regulärer Konzertbetrieb und eine wirtschaftlich rentable Veranstaltung erst wieder umsetzbar ist, wenn ein Impfstoff existiert. Bis dahin versuchen wir eben mit Alternativen ein paar Kosten abzufangen. Gerade auch die Kosten der Bands.

Ich kann mir vorstellen, dass die ersten Touren noch mit Abstandsregeln und Masken gespielt werden. Für eine Punkband, bei der viel getanzt wird, ist das aber zum Beispiel schwerer umzusetzen als etwa bei einem Solopianisten.

Neben dem Fakt, dass man diese Vorgaben berücksichtigen muss, geben die einzelnen Bundesländer aber auch unterschiedliche Vorgaben oder verfügen über abweichende Zeiträume hinweg die Veranstaltungsverbote. Dadurch fällt es noch schwieriger auch landesweit planen zu können.

Das war auch einer der Gründe, warum wir die Tourneen lieber ins Jahr 2021, anstatt in den Winter 2020 gelegt haben.

Backstage PRO: Und wie sieht es mit Sommerfestivals im Jahr 2021 aus? Kann man als Booker aktuell an ein Rock Am Ring 2021 überhaupt denken, auch weil ein Großteil der Acts international angesiedelt sind?

Patrick: Ja, ich denke grundsätzlich schon. Ich glaube aber auch, dass wir viele Festivals und Konzerte auch im kommenden Jahr noch nicht in altgewohntem Umfang und Atmosphäre erleben werden können.

Enges Gedränge, Moshpits und gemeinsames Tanzen vor der Bühne wird natürlich erst wieder funktionieren, wenn die Gefahren der Pandemie durch einen Impfstoff eingedämmt sind und die dadurch resultierende Immunität gewährleistet ist.

Bei internationalen Acts, kommt es zusätzlich auch darauf an, was es an aktuellen Reisebestimmungen oder auch Ausreisebestimmungen der jeweiligen Staaten gibt.

Backstage PRO: Ihr habt sicherlich Acts, die für die Festivalsaison 2021 aufgrund von anstehenden Veröffentlichungen spannend geworden wären. Siehst du da überhaupt Möglichkeiten, gerade dann wenn Festivallineups aus dem Jahr 2020 1:1 wiederholt werden?

"Es gilt die Zeit zu nutzen"

Patrick: Ja absolut. Wobei bei der ein oder anderen Band auch dieses Jahr schon entsprechender Release angedacht war. Für die Bands, die auch 2020 schon für die Lineups gebucht waren, ist es natürlich eine angenehm lange Planungssicherheit. Da lassen sich Timings und Ereignisse, die rundherum passieren wirklich sehr gut und detailliert zusammentragen.

Für Bands, die z.B. dieses Jahr pausiert hätten, um nächstes Jahr mit neuem Material anzugreifen, ist es für mich als Booker dann sehr wichtig, viel Kontakt mit den Bookern der Festivals zu halten, da natürlich nicht überall und immer die Line-Ups 1:1 übertragen werden können.

Dadurch bleibt es dann auch möglich für diese Bands noch über Festivalauftritte ihre neuen Veröffentlichungen zu promoten.

Backstage PRO: Erst neulich habe ich einen Artikel darüber geschrieben, dass ich in der aktuellen Situation eine große Chance für die lokale Musikszene sehe. Würdest du diese Ansicht teilen?

Patrick: Ja denk Gedanken der Chance teile ich absolut. Ich sehe es aber so, dass es eine Chance für alle sein könnte. Ich denke es gilt für ganz viele Acts und Künstler, deren Ausgangslage und verfügbare Mittel für Reichweite gerade alle annähernd gleichgesetzt sind.

Es gilt also die Zeit zu nutzen, um zu zeigen was geht und gegebenenfalls auch mit Veröffentlichungen nicht zu warten bis es live wieder los geht. Stattdessen aktuell zu bleiben und Kreativität zu beweisen.

Es ist auch eine Chance vieles nochmal zu überdenken. Diese ganze Entschleunigung bringt sehr viel Zeit mit sich und neben der Kreativität auch Zeit sich mit anderen Themen auseinanderzusetzen, wie zum Beispiel Nachhaltigkeit im Touralltag.

Hier habe ich mit Kochkraft durch KMA zum Beispiel vereinbart, für alle Shows eine kleine CO² Pauschale auf die Gage zu erheben, die wir an Organisationen wie Plant For The Planet spenden.

Darüber hinaus haben wir die komplette Crew mit Campinggeschirr ausgestattet, um Backstage nach Möglichkeit komplett auf Plastik zu verzichten.

"Ich kann mir einen Soli-Euro vorstellen"

Backstage PRO: Würde das bedeuten, dass Konzerte und Kultur in Zukunft vielleicht auch teurer werden könnten, insofern die Politik nicht mithilft?

Patrick: Das kann schon passieren, aber ich denke nicht, dass das ein Model wird, das wird übergreifend beobachten werden. Ich kann mir vorstellen, dass man neben den üblichen Gebühren auf Tickets auch einen Soli-Euro nimmt, der angeschlagenen Clubs hilft die Verluste zu kompensieren.

Backstage PRO: Hast du aktuell Angst, dass manche Clubs für geplante Konzerte im Jahr 2021 vielleicht nicht mehr existieren?

Patrick: Ja. Es gibt einige Clubs, die mir zwar einen Termin anbieten, aber mir im gleichen Satz dazusagen, dass sie nicht abschätzen können, ob es den Club zum Zeitpunkt der Show noch geben wird. Angst ist vielleicht das falsche Wort. Ich denke es wäre ein großer Schaden in der Vielfalt der Club- und Kulturlandschaft, die die Freizeit vieler Leute geprägt haben. Gerade, wenn Traditionsclubs um ihre Existenz bangen müssen, ist das immer besonders traurig mit anzusehen.

Backstage PRO: Was muss deiner Meinung nach nun passieren, damit sich die Lage wieder entspannt?

Patrick: Ich bin wie gesagt weder Arzt noch Politiker, aber mit einem Impfstoff, der durch Immunität die Distanzregeln aufheben könnte, wäre schon viel für Konzerte getan. Wenn sich die Politik dann noch um die Erhaltung der Kultur kümmern würde, hätten viel schon eine Menge geschaffen.

Backstage PRO: Gibt es noch etwas, das du hinzufügen möchtest?

Patrick: Tragt eine Maske, passt auf euch auf und seid lieb zueinander!

Backstage PRO: Vielen Dank, Patrick!

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Unternehmen

Headline Concerts - Brunner, Nöth, Schneider & verseck GbR

Artist-Management, Booking-Agentur in 53225 Bonn

Personen

Patrick K

aus Bonn

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