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Keine Acts aus dem Ausland

Wird die deutsche Musikszene durch Corona nationaler - und kleiner?

Spezial/Schwerpunkt von Daniel Nagel
veröffentlicht am 11.08.2020

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Wird die deutsche Musikszene durch Corona nationaler - und kleiner?

Zehntausende Fans stehen dicht gedrängt beim Konzert von Ed Sheeran in Hockenheim (2019). © Rudi Brand

Nicht nur staatliche Veranstaltungsverbote, sondern viele Umstände machen Tourneen internationaler Stars so gut wie unmöglich. Eine mögliche Konsequenz besteht in der Verstärkung des langanhaltenden Trends zu deutscher Musik.

In den letzten Jahren und Jahrzehnten gaben sich in Deutschland ausländische Superstars die Klinke in die Hand. Sogar Weltstars entwickelten sich zu regelrechten Dauergästen, die fast jedes Jahr durch die Republik oder durch ganz Europa tourten. Kein Wunder: die Nachfrage war riesig und Live-Auftritte boten eine sichere Einnahmequelle.

Die Coronavirus-Pandemie hat das Konzertgeschäft über Nacht zum Erliegen gebracht. Davon sind deutsche und ausländische Bands und Musiker gleichermaßen betroffen, mittel- und langfristig könnte die Pandemie aber den Trend zu deutscher oder deutschsprachiger Musik verstärken – und gleichzeitig die Live-Szene schrumpfen lassen.

Ein Impfstoff kann dauern

Selbstverständlich hoffen alle Veranstalter, Künstler und Fans, dass ein effektiver Impfstoff die Pandemie möglichst schnell beendet und alles wieder so wird wie vorher. Allerdings ist vielen Beteiligten bewusst, wie gering die Wahrscheinlichkeit ist, dass rechtzeitig zur nächsten Festivalsaison ein Impfstoff vorliegt und vor allem, dass er in ausreichender Menge überall verfügbar sein wird.

Vorerst werden also Konzerte und Festivals unter Corona-Bedingungen stattfinden und daher vor dem Hintergrund eines dynamischen Infektionsgeschehens, das ständige Wachsamkeit erfordert. Daher müssen Regierungen und Behörden im Zweifelsfall schnell reagieren, Regeln aufstellen und bereits aufgestellte Regeln anpassen. 

Lauter Unsicherheiten

Wie aber können unter diesen Umständen weit im Voraus geplante Tourneen über die Bühne gehen? Gerade internationale Superstars planen ihre Tourneen Monate oder Jahre im Voraus. Ihre Crew setzt sich aus Profis aus aller Herren Länder zusammen. Wie kann ein solcher Tross im Augenblick sicher um die Welt reisen?

Es fehlen nicht nur Flüge, sondern auch die Sicherheit, dass sie zum gegebenen Zeitpunkt tatsächlich stattfinden. Bereits so banale Aktivitäten wie Hotelbuchungen stellen im Augenblick ein Problem dar. Zudem müssen sich Reisende aus Risikogebieten in Deutschland in Quarantäne begeben. In anderen europäischen Ländern gelten zudem andere Vorschriften, der insbesondere für Acts aus Übersee einen fast unüberschaubaren Flickenteppich aus Regelungen erzeugt.

Schließlich weiß niemand, ob das Konzert aufgrund der aktuellen Infektionslage in den jeweiligen Ländern überhaupt stattfinden kann. Staatliche Veranstaltungsverbote sind da nur der letzte Nagel im Sarg. Große Europatourneen internationaler Acts können im Augenblick daher aus einer ganzen Reihe von Gründen nicht stattfinden.

Brotlose Kunst

Möglich sind im Augenblick Konzerte noch mit schnell verfügbaren, flexiblen nationalen oder gar lokalen Acts, die für kurzfristig anberaumte Konzerte zur Verfügung stehen. Die Frage, ob in der Coronakrise eine Chance für lokale Acts bietet, haben wir in diesem Artikel behandelt.

Deutsche Acts erzeugen nur überschaubare Kosten beim Veranstalter, sind in der Lage auf eine nationale Crew zurückzugreifen und müssen sich nicht mit Quarantäne-Regeln oder der Schwierigkeit internationaler Fernreisen herumschlagen.

Allerdings lohnen sich aufgrund der coronabedingten Auflagen nur die wenigsten Formate. Autokino- oder Picknick-Konzerte, aber auch Open-Air- bzw. Hallenshows im Kleinformat sind angesichts der massiven Einbußen nur ein Tropfen auf den heißen Stein.

Rapper Alligatoah bei einem Autokino-Konzert in Mannheim

Rapper Alligatoah bei einem Autokino-Konzert in Mannheim, © Torsten Reitz

Distanz schafft Distanz

Während die gesamte Veranstaltungsbranche mit dieser unverschuldeten, aber existenzbedrohenden Lage zu kämpfen hat, erschwert sie Konzerte von Acts aus dem Ausland und macht sie für Künstler aus Übersee so gut wie unmöglich. Die Kosten und das generelle Risiko stehen in keinem Verhältnis zum Aufwand.

Wann dieser Zustand endet, lässt sich im Augenblick nicht absehen. Ohne die Nähe zum deutschen oder europäischen Publikum fehlt ausländischen Acts aber ein wichtiger direkter Draht zu ihren Fans, der sich selbst durch ausgefeilte Social-Media-Kampagnen nicht völlig kompensieren lässt. 

Englischsprachige Vorbilder

Solange die Coronavirus-Pandemie anhält, könnte sie einen Trend verstärken, der sich schon seit einiger Zeit bemerken lässt. Die Popularität und Vielseitigkeit deutscher und deutschsprachiger Popmusik ist in den letzten Jahren massiv gewachsen. 

Während in früheren Jahrzehnten britische und US-amerikanische Acts wie die Beatles, die Rolling Stones, Led Zeppelin oder Jimi Hendrix (um nur eine Handvoll zu nennen) stilprägend wirkten, sind es heute zunehmend deutsche Acts, die hierzulande eine Breitenwirkung erzielen, die den größten internationalen Stars nicht nachsteht und sie sogar vielfach übertrifft. 

Stimmungswandel

In den 1990er Jahren war Schlager dermaßen uncool, dass junge Fans dieser Musik entsprechende musikalische Vorlieben lieber verschwiegen. Ein Jugendlicher, der sich offen zu Roland Kaiser bekannt hätte, wäre vielerorts von seinen Freunden ausgelacht worden. Schlager galt bestenfalls als Musik für die (uncoole) Mutter oder die Großeltern.

Heute spielt der Schlagersänger vor (zehn)tausenden, darunter bemerkenswert vielen jungen Fans. Dieses Beispiel lässt sich auf die gesamte Schlagerbranche übertragen. Schlager ist vielerorts überhaupt nicht mehr uncool – und verfügt auch über zahlreiche junge Fans.

Der Boom des deutschen Hip-Hops

In anderen Genres hat sich die Bandbreite deutscher oder deutschsprachiger Musik stark erhöht. Deutschland verfügt aktuell über eine ausdifferenzierte Musiklandschaft, die alle Genres der Popmusik bedient: von der schon immer in Deutschland starken Heavy- und Elektro-Szene bis hin zu Rock, Pop, Folk und Hip-Hop. 

Gerade letzterer erlebte in den vergangenen Jahren einen gewaltigen Boom. Sogar Newcomer wie Apache 207 oder Mero sorgten fast über Nacht für ausverkaufte Hallen und Clubs und etablierte Acts wie die Fanta 4 konnten jährlich fast beliebig viele Konzerte spielen – genug zahlende Zuschauer fanden sich fast immer.

Der Trend zu deutschen Acts verstärkt sich...

Die Coronavirus-Pandemie hat über Nacht die gesamte Musik- und Veranstaltungsbranche nachhaltig aus der Balance gebracht. Wenn Konzerte wieder stattfinden können, spricht vieles dafür, dass sie sich eine Zeitlang in kleinerem Rahmen bewegen werden. Große Hallenkonzerte oder gar Stadion- bzw. Open-Air-Shows vor zehntausenden Zuschauern erscheinen nicht nur im Augenblick, sondern auch in Hinblick auf 2021 unrealistisch.

Das bedeutet aber auch, dass sich internationale Stars wahrscheinlich nicht die Mühe machen werden, unter immer noch schwierigen finanziellen und logistischen Bedingungen eine internationale Tour in Angriff zu nehmen. 

Veranstalter werden daher in vielen Fällen auf deutschsprachige Acts zurückgreifen, für die sie allerdings auch neue Konzepte entwickeln werden müssen. Sicherlich ergeben sich daraus Chancen für deutschsprachige Acts, allerdings unter den erschwerten Bedingungen der Coronakrise. Gleiches lässt sich analog für andere Länder feststellen.

...bei gleichzeitigem Schrumpfen der Live-Branche

Damit wird aber ein Schrumpfungsprozess einhergehen, denn trotz vielfach boomender Acts wird die Unmöglichkeit, große Shows internationaler Künstler durchzuführen, ein klaffendes Loch in die Kasse der Veranstalter reißen.

Zudem kann niemand aktuell die Frage beantworten, unter welchen Bedingungen 2021 überhaupt Konzerte stattfinden können. Die Lage der Live-Branche ist nach wie vor prekär, einfache Lösungen sind aktuell nicht in Sicht. 

Diese Situation wirft für die gesamte Branche grundlegende Fragen auf: Welche Veranstalter und welche Locations werden den beispiellosen Einbruch des Live-Geschäfts überleben? Und welche Künstler werden trotz allem unverdrossen weitermachen? Nicht nur die Live-Branche, die gesamte Musikbranche steht fraglos vor einer ganz schwierigen Zeit.

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