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"Uns fehlt fast ein komplettes Jahresgehalt"

Schlagzeuger Janosch Rathmer von Long Distance Calling über Strategien in der Coronakrise

Interview von Daniel Nagel
veröffentlicht am 14.08.2020

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Schlagzeuger Janosch Rathmer von Long Distance Calling über Strategien in der Coronakrise

Janosch Rathmer ist Schlagzeuger von Long Distance Calling. © Simon von der Gathen

Die Instrumental-Rock-Band Long Distance Calling hat ein neues Album veröffentlicht, aber die dazugehörige Tour mussten die Münsteraner verschieben. Schlagzeuger Janosch Rathmer spricht im Interview über die dramatische finanzielle Lage vieler Kulturschaffender und kleine Hoffnungsschimmer in der Coronakrise.

Backstage PRO: Hallo Janosch, ihr habt kürzlich bei Wacken World Wide gespielt. Welche Erfahrungen habt ihr damit gemacht?

Janosch Rathmer: Unser Ziel bestand darin, eine Alternative zu einem normalen Konzerterlebnis zu liefern. Unsere Produktionsfirma hat dafür in einem großen Filmstudio eine tolle Kulisse mit Videoscreens geschaffen. Wir haben unsere Musik live gespielt, aber der Auftritt hat sich wie eine Mischung aus einer öffentlichen Probe und einem Videodreh angefühlt. Es war anstrengend, hat aber auch Spaß gemacht.

Backstage PRO: Können solche Live-Streaming-Events ein Modell für die Zukunft sein?

Janosch Rathmer: Ich glaube, dass es nicht möglich ist, auf diese Weise normale Konzerte zu reproduzieren. Ich persönlich finde es schwierig auf einer großen Bühne ohne Publikum zu spielen. Ebenso wie bei den Geisterspielen im Fußball fehlt einfach die Energie des Publikums. Deshalb haben wir auch gar nicht versucht, das Konzerterlebnis zu ersetzen, sondern wollten eine Alternative in Form einer stimmungsvollen, intimen Probe liefern, die wir mit Videoscreens aufgepeppt haben. 

Backstage PRO: Beim Dong Open Air habt ihr eine bestuhlte Festival-Show gespielt, die Zuschauer saßen an Biertischen und hielten Abstand. Wie habt ihr das erlebt?

Janosch Rathmer: Es ist einfach etwas ganz anderes, wenn man den Leuten in die Augen schauen kann. Selbst bei bestuhlten Konzerten entsteht durch die Anwesenheit der Zuschauer eine ganz andere Energie, die man nicht reproduzieren kann. Man hat allen angemerkt, wie happy sie waren und vor allem auch, wie sehr Konzerte ihnen gefehlt haben. Die Besucher standen teilweise auf den Tischen, andere haben getanzt und sich offensichtlich befreit gefühlt. Wir alle waren dankbar, dass solche Auftritte wieder möglich sind. 

Backstage PRO: Bis Ende September 2020 habt ihr noch drei Release-Shows zu eurem neuen Album angekündigt. Kannst du uns darüber etwas erzählen, wie diese Shows zustande kamen und unter welchen Bedingungen sie stattfinden werden?

Janosch Rathmer: Das ist den Leuten zu verdanken, die alles dafür tun, um unter den aktuell geltenden Vorschriften Konzerte zu veranstalten. Dabei geht es nicht darum, viel Geld zu verdienen, sondern zusammen eine gute Zeit zu haben, ohne irgendjemanden zu gefährden. Das bedeutet aber leider auch, dass keine Beteiligten wirklich Geld verdienen. Das ist für uns als Band, aber auch für die Veranstalter ein Problem, weil sie ihre Umsatzeinbußen nicht kompensieren können. So sehr wir uns auch darauf freuen: Die Konzerte sind einfach nur dafür da, um den Leuten und auch uns selbst, ein bisschen Normalität zurückzugeben. Es ändert aber nichts daran, dass uns wie allen Kulturschaffenden teilweise komplette Jahresgehälter fehlen und dass wir gar nicht wissen, wann wir wieder starten können.

Backstage PRO: Viele Musiker sind in der heutigen Zeit von Liveshows abhängig, da die Verkäufe von Tonträgern mittlerweile sehr gering sind. Jetzt ist der Konzertbetrieb aber weitestgehend lahmgelegt. Was macht man da als Musiker, habt ihr einen Plan B?

Janosch Rathmer: Es gibt keinen Plan B. Wir sind von der Coronakrise maximal betroffen. Ende Juni haben wir unser neues Album "How Do We Want to Live?" veröffentlicht und sind unglaublich dankbar, wie gut die Platte ankam, und wie viel Unterstützung wir von unseren Fans erhalten haben. Wir hatten auch überlegt, die Veröffentlichung auf das nächste Jahr zu verschieben, aber das hätte auch nichts gebracht, weil keiner weiß, wann es normal weitergeht. Zudem hatten wir eine Platte fertiggestellt, die zur aktuellen Krise thematisch hervorragend passt. 

Backstage PRO: Kannst du das näher erläutern?

Janosch Rathmer: Auf dem Album gibt es einen Song namens "Immunity", der davon handelt, dass Maschinen immun gegen jede Krankheit sind. Auf dem letzten Song der Platte, "Ashes", vergleichen wir in einem Sprachsample den Mensch mit einem Virus. Es gab so viele Berührungspunkte mit der aktuellen Situation, weshalb wir uns entschlossen haben, die Platte zu veröffentlichten. Wir fanden: Das ist genau das richtige Album zur richtigen Zeit. 

Backstage PRO: Das war im Nachhinein die richtige Entscheidung?

Janosch Rathmer: Auf jeden Fall: Wir waren mit der neuen Platte erstmals in den Top 10 der deutschen Albumcharts. Angesichts der Art Musik, die wir machen, ist das schon etwas Besonderes.

Backstage PRO: Aber eure Tour habt ihr logischerweise verschoben

Janosch Rathmer: Genau – und das lässt sich nicht ersetzen. Mit der Tour und den Festivals hätten wir einen großen Teil unseres Jahresgehalts als Musiker verdient und bei unserer Größe spielt das schon eine Rolle. Wir können es uns eigentlich nicht leisten, ein oder zwei Jahre nicht zu touren, das können nur die richtig großen Bands. Aber die Lage für ihre Crew, ihre Techniker ist maximal dramatisch. Die einzige Alternative besteht darin, sich in einer anderen Branche nach einem Job umzusehen. Leider lässt uns der Staat hängen, da die Soforthilfen für viele Solo-Selbstständige nicht greifen, zumindest nicht in dem Umfang, der eigentlich nötig wäre.

Backstage PRO: Hast du die sog. Corona-Soforthilfe nicht erhalten?

Janosch Rathmer: Doch, ich habe 9.000 Euro Soforthilfe erhalten und aktuell sieht es so aus, als müsste ich den gesamten Betrag oder ein sehr großen Teil wieder zurückzahlen. Effektiv haben die also gar nicht geholfen. Ich fühle mich tatsächlich vom Staat alleingelassen, weil ich nicht ALG II beantragen will. Das ist nicht nur für mich, sondern für viele andere ein Stück weit erniedrigend. Wir standen bis Corona vor einem erfolgreichen Jahr und jetzt fehlt mir ein großer Teil meines Jahresgehalts. Es ist bedauerlich, dass keine Konzepte erarbeitet werden, um diese Verluste aufzufangen. Vielen ist die Bedeutung der Kulturbranche als Wirtschaftsfaktor nicht bewusst.

Backstage PRO: Was ist in euch vorgegangen, als klar wurde, dass ihr nicht auf Tour gehen könnt?

Janosch Rathmer: Bis zur Veröffentlichung haben wir noch gehofft, dass wir ein paar Shows spielen können. Irgendwann haben wir begriffen, dass die Tour gar nicht stattfinden kann. Die finale Entscheidung wurde uns dann teilweise auch von der Bundesregierung abgenommen und das war natürlich sehr bitter. Wir haben jetzt ein halbes Jahr die Platte beackert, viel Promo gemacht und viele Interviews geben und fühlen uns daher ein bisschen um den Lohn gebracht. Wir können nicht so einfach mit den Leuten feiern oder uns darüber freuen, dass die Platte so gut angekommen ist. Außerdem fehlen uns die Einnahmen, die wir gebraucht hätten, um unsere Miete zu zahlen und Essen zu kaufen. Ich muss definitiv an meine Ersparnisse ran und dabei kommt man ins Grübeln.

Backstage PRO: Du bist nicht nur Musiker, sondern auch Booker. Letztes Jahr hast du mit deinem Bandkollegen Jan Hoffmann in Münster das Golden Silence Festival für Instrumentalmusik veranstaltet. Hattet ihr vor, eine zweite Ausgabe zu machen?

Janosch Rathmer: Ja, das hatten wir vor, aber spätestens im März haben wir diese Pläne direkt verworfen. Ich kann dir nicht sagen, ob wir das Festival in Zukunft nochmal machen werden. Wir haben unsere Tour auf 2021 verschoben, aber je mehr ich mit Leuten aus der Branche rede, desto düsterer werden die Prognosen. Ich kann mir beispielsweise nicht vorstellen, dass nächstes Jahr Festivals mit mehreren zehntausend Besuchern stattfinden können. 

Backstage PRO: Welche Folgen würde das haben, wenn du Recht hast?

Janosch Rathmer: Ich glaube die Kulturbranche wird sich durch die Pandemie stark verändern. Es werden sich – wie in jeder Krise – auch neue Chancen ergeben, aber vieles wird nicht mehr so sein wie vorher. Ich glaube vor allem die Festivallandschaft wird sich massiv verändern. Wenn große Festivals wie Rock am Ring oder Wacken 2021 nicht stattfinden können, wie sollen diese Festivals dann für 2022 planen? Es fehlen dann einfach die Einnahmen. Diese Verluste können von keiner Regierung der Welt aufgefangen werden. Daher befürchte ich ein großes Club- und Festivalsterben. 

Backstage PRO: Was bedeutet das für euch?

Janosch Rathmer: Falls wir die Tour, die wir für März nächsten Jahres geplant haben, noch einmal verschieben müssen, bin ich mir sicher, dass nicht mehr alle Clubs existieren, in denen wir auftreten wollten. Viele Clubbesitzer können es sich nicht leisten, ihren Club so lange ohne Einnahmen am Leben zu erhalten. Ich kenne jetzt schon Clubbetreiber, die anfangen, LKW zu fahren und sich andere Jobs zu suchen. Diese Entwicklung wird sich fortsetzen, bis die Inhaber ihren Club aufgeben, weil sie die Miete nicht mehr zahlen können oder wollen. Immer mehr Leute überlegen, die Kulturbranche zu verlassen, und ihre Zahl wird sich erhöhen, je länger die Krise dauert.

Janosch Rathmer bei einem Konzert mit Long Distance Calling in Hamburg

Janosch Rathmer bei einem Konzert mit Long Distance Calling in Hamburg, © Vincent Grundke

Backstage PRO: Was kann man dagegen tun?

Janosch Rathmer: Man muss immer wieder darauf hinweisen, dass die ganze Veranstaltungsbranche wirklich am Boden liegt. Das klingt jetzt alles deprimierend, aber ich denke, es ist eher realistisch. Umso erschrockener bin ich dann über die Menschen, die vor einigen Wochen in Berlin demonstriert haben. Das ist für uns alle ein Schlag ins Gesicht. Diese Leute sorgen dafür dass das ganze noch länger dauert, wenn sie sich nicht daran halten, eine Maske zu tragen. 

Backstage PRO: Was kann man Positives zu der Situation sagen?

Janosch Rathmer: Dass die Leute jetzt Zeit haben Musik zu machen, zum Beispiel. Ich glaube schon, dass in dieser Krise viel tolle Kunst entstehen kann und ich bin mir sicher, dass wir nach dieser Zeit viele tolle Platten hören werden. Auch bei uns wird es dieses Mal nicht so lange dauern bis wir wieder anfangen an der nächsten Platte zu arbeiten, ganz einfach weil die Zeit, in der wir normalerweise auf Tour sind, zum Musikmachen genutzt werden kann. Unser Beruf macht uns ja nach wie vor Spaß. Wir haben uns ja nicht entschlossen hauptberuflich Musiker zu werden, weil wir reich werden wollten, sondern weil wir es gerne machen. 

Backstage PRO: Long Distance Calling sind ja eine vornehmlich instrumentale Band. Eigentlich sagt die Erfahrung, dass man damit kaum kommerziellen Erfolg haben kann. Ihr habt ihn dennoch: Was macht ihr richtig?

Janosch Rathmer: Ich finde es immer wichtig, eine eigene Identität zu haben. Das ist langfristig gesehen stets ein Erfolgsrezept. Es ist einfach, einen kurzen Hype mitzumachen, aber wenn ein Künstler über nichts Authentisches oder Eigenständiges verfügt, wird es längerfristig schwierig, erfolgreich zu bleiben. Uns ist natürlich völlig klar, dass wir uns in einer Nische bewegen, aber wir haben große Ambitionen, um weiter voran zu kommen. Beispielsweise ist es einer unserer großen Träume, irgendwann einen Soundtrack für einen Film zu schreiben.

Backstage PRO: Welche Rolle spielt Social Media für euch? Verfolgt ihr dort eine besondere Strategie oder gebt ihr euch möglichst authentisch?

Janosch Rathmer: Auf jeden Fall, Authentizität ist überall wichtig, auch auf Social Media. Bei der neuen Platte waren wir viel aktiver als früher und haben wieder gemerkt, wie wichtig es ist, immer wieder guten und hochwertigen Content zu schaffen. Dazu gehört ein stimmiges Konzept für das Album auch in Hinblick auf das Artwork, die Videos und auch die Social Media-Strategie, das wir gemeinsam mit unserem Management erarbeitet haben.

Backstage PRO: Ihr seid zwar auch eine DIY-Band, aber ihr habt auch ein Management und eine Plattenfirma. Wie ist da die Zusammenarbeit in der Praxis?

Janosch Rathmer: Auf der Bandseite kümmern sich darum unser Bassist Jan und ich. Wir sind uns sehr ähnlich und unsere Meinungen bei Entscheidungen sind fast immer deckungsgleich. Wir waren auch beide schon vorher in der Musikbranche beruflich tätig und beschäftigen uns schon seit Jahren mit den entsprechenden Themen. Das macht es für den ein oder anderen sicherlich anstrengend mit uns zu arbeiten, weil wir sehr akribisch sind und alles wissen wollen. Letztendlich funktioniert für uns aber hervorragend, dass wir die DIY-Mentalität noch haben und vieles selber machen wollen, aber auch gerne zusätzliche Manpower ins Boot holen. Bei dieser Platte speziell lief zum ersten Mal alles wie aus einem Guss. Das zeigt, dass wir auf einem guten Weg sind und hoffentlich noch ein paar Erfolge feiern können. 

Backstage PRO: Vielen Dank für das Gespräch und alles Gute.

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