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"Das Unterrichten hat mich gerettet"

Jan Zehrfeld von Panzerballett über Tourplanung während der Pandemie und das Berufsrisiko Musiker

Interview von Michael Erle
veröffentlicht am 17.11.2020

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Jan Zehrfeld von Panzerballett über Tourplanung während der Pandemie und das Berufsrisiko Musiker

Jan Zehrfeld. © Karel Prokes

Jan Zehrfeld ist Gitarrist und Gründer der Jazz-Metal-Band Panzerballett. Wie funktioniert es, während der Coronakrise ein Album zu veröffentlichen und eine dazugehörige Tour zu planen? Und wie beurteilt er die aktuelle Lage für Profimusiker? Sehen wir erst die Spitze des Eisbergs?

Backstage PRO: Hallo Jan! Du bist hauptberuflich Musiker. Wie sah dein Geschäft vor Corona konkret aus?

Jan Zehrfeld: Also circa ein Drittel der Einkünfte habe ich durch Gigs erzielt, durch Mucken oder Studio. Ein Drittel waren im Prinzip Tantiemen der GEMA dafür, dass ich meine eigenen Panzerballett-Stücke aufgeführt habe. Das letzte Drittel ist der Unterricht. Ich unterrichte ja nicht Vollzeit, sondern einmal die Woche in Regensburg und alle zwei Wochen oder etwas weniger in Mannheim. Das sind so diese drei Säulen.

Backstage PRO: Wie veränderte sich das durch die aufziehende Pandemie? Ist das alles weggefallen?

Jan Zehrfeld: Was die Gigs angeht, also das erste Drittel – ja. Es ist alles ausgefallen bis Sommer, bis Juli ungefähr. Und das war doch schon einiges. Die GEMA-Tantiemen gab's trotzdem, weil die für das letzte Jahr kumuliert ausbezahlt werden. Das fiel genau in diese Zeit hinein. Das war gut: ich habe das gebraucht, weil ich in dem Moment gerade das neue Album fertig produziert habe. Ohne das Geld wäre das gar nicht möglich gewesen. Dann gibt's noch den Unterricht. Der lief unvermindert weiter, keine Einbußen, in diesem Drittel war alles ganz normal. Ich musste bis Mai online unterrichten, später gab es in Regensburg auch wieder Präsenz-Unterricht unter Hygiene-Auflagen. In Mannheim blieb das komplette Semester inklusive Prüfung online, weil es eine Hochschule ist.

Backstage PRO: Hat sich seit dem Lockdown deine Schüler-Basis regional diversifiziert oder vielleicht sogar erweitert?

Jan Zehrfeld: Nein, ich konnte da keinen Zusammenhang erkennen, weil ich keine Privatschule habe. Das mache ich nur so auf Anfrage. Die Lehraufträge haben mir finanziell ausgereicht. Ich wollte nicht noch mehr unterrichten. Da war es jetzt zufällig so, dass ich in Mannheim entgegen allen Erwartungen mehr Schüler habe denn je. Aber das ist wahrscheinlich Zufall. Ich habe aber gehört, dass in der Popakademie beim Studiengang Weltmusik viele Schüler aus dem Nahen Osten kommen. Da sind ganz viele einfach abgewandert, weil die von deren Familien gesagt bekommen haben: "Also du wirst jetzt bestimmt nicht Musik machen, du musst was Gescheites lernen." Dieser Effekt war da. Aber ansonsten habe ich bei meinen Schülern keinerlei Änderungen festgestellt.

"Das Problem ist, dass man sein Album immer im Zusammenhang mit einer Tour vermarktet"

Backstage PRO: Du hast dein Album "Planet Z" in der Zeit aufgenommen. War das von langer Hand geplant?

Jan Zehrfeld: Ja, das war schon lange geplant. 2018 habe ich schon drüber nachgedacht, das langsam mal zu beginnen. Ich habe schon eine Vorstellung gehabt, wie ich das mache, und richtig begonnen habe ich dann 2019. Es hat sich über ein Jahr lang hingezogen, bis ich alle Tracks zusammen hatte. Fertig produziert wurde ist es dann in den ersten vier Monaten von 2020.

Backstage PRO: Also mit anderen Worten, du hattest alles genau dann fertig, als der Lockdown kam.

Jan Zehrfeld: Richtig. Als der Lockdown kam, mussten wir nur noch zwei oder drei Saxofon-Spuren aufnehmen. Weil aber der Saxofonist aus Tirol ist, konnte er kurzfristig einfach nicht kommen. Dafür musste ich jemand anders fragen. Und die eine Studiosession wäre mitten im Lockdown gewesen, die haben wir dann um vier Wochen verschoben. Aber das war die einzige Auswirkung.

Backstage PRO: Wie vermarktet man ein Album im Lockdown?

Jan Zehrfeld: Das Album per se ist etwas, das unabhängig ist von einem Lockdown. Das Problem ist, dass man sein Album immer im Zusammenhang mit einer Tour vermarktet. Ich mache das Album eigentlich, um die Tour zu rechtfertigen. Man macht ein Album mit neuem Programm, damit die Leute was Neues haben und kommen. Das eigentliche Problem war die Ungewissheit, ob die Tour wirklich stattfinden kann, weil sie für Oktober angesetzt war. Bis zuallerletzt war es unklar, ob es wirklich stattfinden kann. Ich hab‘ gewartet und in den 4 bis 2 Wochen davor hab ich erst so richtig publik gemacht, dass es eine Tour gibt.

Backstage PRO: Wie reagierten die Veranstalter und andere Partner auf deine Pläne? Wie war die Zusammenarbeit mit denen?

Jan Zehrfeld: Naja, durchwegs gut. Die wollten das natürlich gerne trotzdem irgendwie machen. Erst mal wusste keiner, was los ist. Nach August haben einige langsam aufgemacht.

Es gab aber auch Veranstalter, die mir abgesagt haben. Also es waren 12 Termine. Und davon sind letztendlich sechs weggefallen. Das Größte wurde zuerst abgesagt, das war das Euroblast Festival in Köln, und dann kamen die anderen. Die haben schon in den Monaten davor gesagt „Ja, bei uns sieht es gerade schlecht aus.“ In Hamburg zum Beispiel das Logo, die Location, zu der wir lange Jahre fast jedes Jahr kommen. Denen droht die Schließung.

Panzerballett feat. Morgan Ågren - Mind Your Head

Backstage PRO: Kommen wir zum neuen Album. Was darf ich mir unter "Planet Z" vorstellen?

Jan Zehrfeld: Es ist Jazz-Metal. Es ist rein instrumentale Musik, die mal mehr, mal weniger experimentell ist. Musik, die man aktiv hören muss. Also anstrengende Musik; aber es lohnt sich! Das Ganze ist in unterschiedlichen Abstufungen mal eingängiger, mal sperriger. Mit Saxophon, mit sehr virtuosem Schlagzeug und akribischer Gitarrenarbeit.

Backstage PRO: Wie viel Mathe muss man beherrschen, um mitzählen zu können?

Jan Zehrfeld: Na ja, wer nicht zählen will, muss fühlen. Man soll ja eher fühlen als zählen. Ich finde, zählen gehört eigentlich gar nicht in die Musik rein. Das ist nur so eine Art Stützrad, ein geistiges. Das sollte man aber eigentlich ablegen. Als Hörer finde ich das albern mitzuzählen und als Spieler sollte man es ohne auch hinkriegen.

"Die Musikbranche wird sehr lange brauchen, bis sie sich erholt hat"

Backstage PRO: Würdest mit Blick auf die Business-Zahlen sagen, dass dieses Album den Erwartungen entspricht? Oder ist es eine nahezu Katastrophe aufgrund der Situation?

Jan Zehrfeld: Das kann ich erst im März sagen, weil ich da die Abrechnung bekomme. Interessant wird sein, wie die Downloads verlaufen. Der digitale Anteil wird immer größer. Der Anteil an CD-Verkäufen über die Homepage per Mailorder ist nicht so eingebrochen. Die Fans sind ja immer noch da, und die, die CDs gekauft haben, die kaufen immer noch CDs. Beim Streamen bleibt sowieso so gut wie nichts hängen. Es ist eine Farce, was da rüberkommt.

Backstage PRO: Hast du ein Fazit, was das Feedback, die Resonanz, vielleicht auch das gemeinsame Leiden der Musikbranche generell angeht?

Jan Zehrfeld: Mein Fazit ist, dass es eigentlich noch zu früh ist für ein Fazit. Das ist nur die Spitze des Eisbergs. Ich bin jetzt zwar nicht super pessimistisch, aber trotzdem glaube ich, dass Corona die ganze Musikbranche noch ziemlich lange beschäftigen wird. Dass sie sehr lange brauchen wird, bis sie sich erholt hat.

Mir liegt es fern zu jammern, aber ich sehe wirklich viele jammern, und auch natürlich zu Recht. Jetzt kann man sehen, welches Risiko der Beruf Musiker mit sich zieht. Klar, wenn du jetzt zum Beispiel Extremsport machst oder Motorrad fährst, dann kann man das absehen: Wenn der wirklich einen schlimmen Unfall baut, dann gehört es auch zu seinem Berufsrisiko dazu. Aber es ist dann nicht ganz so überraschend oder nicht ganz so kollektiv für alle.

Ich bin zum Glück nicht so stark betroffen, weil ich Unterricht gebe. Ich habe eigentlich immer versucht, diesen Anteil eher gering zu halten. Jetzt bin ich froh, dass ich das noch nicht gemacht habe. Das hat mich jetzt wirklich gerettet.

Backstage PRO: Traust du dich schon, Pläne für das nächste Jahr zu machen?

Jan Zehrfeld: Normalerweise würde ich jetzt versuchen, Termine fürs Frühjahr oder den Sommer auszumachen. Das mache ich aber nicht. Stattdessen suche einen Kompromiss aus dem, was der Pessimist sagt, dem was der Optimist sagt und dem, was der Realist sagt. Ich muss Pläne machen, sonst gehe ich ja ein. Ein Jahr später versuchen wir das Ganze nochmal und machen nochmal so eine Tour und schauen, was geht. Ich brauche wenigstens einen Stromhalm.

Backstage PRO: Vielen Dank für das Gespräch, Jan!

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