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Nach dem Bürgerdialog mit der Kanzlerin

Christina Lux über ihr Gespräch mit Angela Merkel und die krisenhafte Lage vieler Kulturschaffender

Interview von Martell Beigang
veröffentlicht am 05.05.2021

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Christina Lux über ihr Gespräch mit Angela Merkel und die krisenhafte Lage vieler Kulturschaffender

Christina Lux. © Peter Tümmers

Die Songwriterin Christina Lux vertrat im Bürgerdialog mit Kanzlerin Angela Merkel die Interessen der Musikerinnen und Musiker. Im Gespräch mit Backstage PRO erklärt sie, wie es dazu kam und spricht über ihr Selbstverständnis als soloselbstständige Musikerin.

Backstage PRO: Hallo Christina, wie geht es dir?

Christina: Erstaunlich gut, auch wenn ich erschöpft bin. Ich muss mich öfter mal daran erinnern, dass ich ursprünglich mal Musikerin war und immer noch bin, weil ich im Moment ziemlich viele Dinge tue, von denen ich vorher nicht wusste, dass ich sie je tun werde. Nach einem inzwischen über einjährigen Weg, nach dem Herumschlagen mit den ganzen Hilfsangeboten, mit der Frage, was steht mir zu, was nicht, wie komme ich jetzt durch?

Backstage PRO: Und wie bist du bisher durchgekommen?

Christina: Eigentlich ganz gut. Das hat auch viel damit zu tun, dass ich mir in den letzten Jahren einen sehr tollen Lauscherkeis habe aufbauen können. Da sind eine Menge Leute dabei, die gesagt haben: Lux muss bleiben, wir sind da für dich. Und das ist ziemlich cool.

"Nach der ersten Schockstarre kam erstmal lange nichts"

Backstage PRO: Die Frage "Hast du jemals überlegt den Beruf zu wechseln?" kann ich also wieder streichen?

Christina: Es gab durchaus Phasen in meiner inzwischen 37-jährigen Musikkarriere, in der ich jetzt 23 Jahre solo unterwegs bin und dabei zehn Alben gemacht habe. Vor etwa zehn Jahren dachte ich mal: "Vergiss es, was für ein Kampf ist das eigentlich, was tust du dir da an?" Aber das hat sich in den letzten Jahren ziemlich beruhigt. Dabei bin ich enorm gewachsen innerlich. Und dadurch ist ein großes Selbstverständnis für mich als Musikerin entstanden. Und das hilft mir jetzt in dieser beknackten Zeit.

Backstage PRO: Bist du weiterhin kreativ?

Christina: Wir sind am Album dran. Ich arbeite mit meinem langjährigen Bühnen- und inzwischen Lebenspartner Oliver George zusammen. Wir haben schon das letzte Album "Leise Bilder" zusammen gemacht. Und schönerweise tritt er mir immer mal wieder auf die Füße und sagt: Lux, da ist ein Album in der Mache, komm mal aus dem Quark. Und das ist auch gut so.

Nach der ersten Schockstarre, die du wahrscheinlich auch kennst, kam auch tatsächlich erstmal lange nichts und es war still in mir. Die Gitarren haben mich mit ihren großen Schalloch-Augen angestarrt, und ich konnte nichts mehr schreiben, ich hatte keinen Zugang mehr zur Musik.

Dann habe ich erstmal versucht rauszufinden, wo ich mich engagieren kann. Ich habe versucht, ziemlich schnell zu kapieren, was kulturpolitisch passiert, um nicht einfach nur herumzusitzen. Das hat mich erfolgreich von dem Gefühl abgelenkt, dass mir die Sinnhaftigkeit abhanden gekommen war. Natürlich können wir alle schön in unseren Wohnzimmer Musik spielen. Aber das ist einfach etwas anderes.

"Es macht sich Verzweiflung breit, die dazu führt, dass man nicht mehr kämpft"

Backstage PRO: Was hat dir in dieser Phase besonders gefehlt?

Christina: Und um es direkt klarzustellen: Mir fehlt der Applaus nicht als Bestätigung, dass ich toll bin. Der Applaus ist Teil des Gesprächs. Und das Gespräch mit den Leuten ist das, was ich vermisse. Es ist so wunderbar, wenn du einen Song spielst und der landet dann im Raum und macht mit jedem Einzelnen etwas. Es gibt keinen anderen Grund für mich, auf eine Bühne zu gehen. Ob ich berühmt werde oder nicht, ist mir dabei ziemlich Wurscht.

Ich wollte mich von meiner Musik ernähren, aber immer nur so, wie ich diese Musik auch machen wollte, also nicht so wie irgendeine Plattenfirma oder ein Herr Produzent. Und bin saufroh, dass ich mir das ganz gut hingezimmert habe. Mit meinen etwa 50 Gigs im Jahr plus ein paar Songwriting-Workshops, meinen Gema-Einnahmen und meinen Albumverkäufen. Damit habe ich eine echt schöne Basis geschaffen, auf der ich entspannt Musik machen kann. Sehr frei und sehr autark.

Und jetzt, wo plötzlich nichts mehr geht, merke ich – auch bei vielen Kollegen –, dass das Selbstverständnis für den Wert, den so ein künstlerisches Leben hat, leider immer noch fehlt. Viele Kollegen fragen sich: Warum soll ich denn jetzt etwas bekommen? Ich bin doch nur Musiker. Es gibt leider nur wenige die mit stolzer Brust sagen: "Ich bin der und der und mache das und das und habe mir einen Wert erarbeitet. Und deswegen gibt es mein Konzert nicht für 5 Euro am Abend."

Backstage PRO: Wie gehst du damit um?

Christina: Ich sage immer: Du kannst mich sehr gerne buchen, aber der Mindesteintritt ist 15 oder 18 Euro, sonst komme ich nicht. Und das fällt vielen schwer. Und da merke ich in der gegenwärtigen Krise gerade, dass viele einbrechen und sich eine Verzweiflung breit macht, die dazu führt, dass man nicht mehr kämpft. Und ich bin dann eher jemand, der die Ärmel hochkrempelt und fragt: "Wo kann ich jetzt anpacken?" Und genau das habe ich im letzten Jahr gemacht.

"Soloselbstständige fallen durchs Netz"

Backstage PRO: Du hast unlängst im Online-Bürgerdialog mit der Kanzlerin geredet. Wie kam es dazu?

Christina: Plötzlich klingelte mein Telefon und der Generalsekretär des deutschen Musikrates, Christian Höppner, war am Telefon und sagte, Robert von Zahn, Vorsitzender des Kulturrates NRW, hätte meine Nummer weitergegeben: Es gäbe einen Bürgerdialog mit Kulturschaffenden und fragte, ob ich nicht Lust hätte die Musiker zu vertreten? Und da sagte ich: Ja.

Backstage PRO: Wie hast du dich darauf vorbereitet?

Christina: Die sind ja nicht ganz "out oft the blue" auf mich zu gekommen, ich hatte mich ja in der letzten Zeit immer schon bemerkbar gemacht zu dem Thema Unterstützung für Musiker.

Ich bin bei Kulturinitiative 21 engagiert. Wir haben in der letzten Zeit immer wieder offene Briefe an die Regierung geschrieben. Wir haben versucht genau zu analysieren, wo die Kollegen durchs Raster fallen, sodass ich mich tatsächlich bereits ganz gut auskannte. Und dann habe ich vor dem Gespräch mit der Kanzlerin so ein zweiseitiges Pamphlet verfasst mit den wichtigsten Punkten.

Im Gespräch stellte sich dann raus, dass jeder der Gäste etwa 5 Minuten haben würde, es waren außer mir noch 13 andere Kulturschaffende da: Schauspieler/innen, jemand vom Museum, eine Kinobetreiberin, eine Buchhändlerin… Und da wurde mir ganz schnell klar, ich konnte in der kurzen Zeit eigentlich nur einen Punkt meiner Liste überzeugend vertreten.

Backstage PRO: Du hast dich dann schlussendlich für das Thema der Kompensation entschieden.

Christina: Ganz genau. Carsten Brosda, der Senator der Hamburger Behörde für Kultur und Medien, kommentierte in einem Gastbeitrag in der Zeit die Rolle der Kultur im neuen Infektionsschutzgesetz kritisch: Dort heißt es, dass sich die Schließungen der Kultur "als angemessen erweisen", weil die "entstehenden Einnahmeeinbußen und die wirtschaftlichen Belastungen" durch wirtschaftliche Kompensationsprogramme erheblich abgemildert würden.

Brosda bezeichnete diese Aussage als einen Schlag ins Gesicht, und ist damit völlig im Recht. Es werden Milliarden in bestimmte Kulturprojekte gesteckt, was Aufgabe unserer Staatsministerin für Kultur, Monika Grütters, ist. Die von ihr geförderten Projekte werden auch in der Krise weitergefördert, aber der soloselbständige Künstler hat davon eigentlich nichts.

Frau Grütters ist ja auch gar nicht unsere Ansprechpartnerin. Für Soloselbständige, also Miniunternehmer, ist das Wirtschaftsministerium zuständig. Und das Wirtschaftsministerium hat für unsere Lage einfach kein Verständnis: Das schwankende Einkommen, Mischkalkulatuion (Unterricht, Konzerte…). Dadurch fliegt man aus diversen Hilfsangeboten raus, weil sie einfach nicht passen. Und deswegen ist es enorm wichtig diesen Dialog zu führen.

"Es gibt bis heute keine Kompensation für ausgefallene Gagen"

Backstage PRO: Wie hast du dich gegenüber Kanzlerin Merkel zu der Kompensation für Soloselbstständige in der Pandemie geäußert?

Christina: Mein Hauptpunkt war: Es gibt bislang keine wirkliche Kompensation der ausgefallen Gagen, und die meisten Bundesländer kümmern sich nicht um den Lebensunterhalt der Künstler. NRW (und auch andere Länder) haben bereits zweimal Stipendien zur Verfügung gestellt. Das ist großartig, aber keine Aktion des Bundes. Eine solche Aktion sollte bundesweit einheitlich für Künstler/innen zur Verfügung stehen, was sie jedoch nicht tat. Überbrückungshilfen wiederum sind betriebskostenorientiert. Auch die Soforthilfe war reine Betriebskostenabfederung.

Die einzige Kompensation war die November und Dezemberhilfe, die übrigens teilweise erst im März 2021 ausgezahlt wurde. Wenn dann die Bundeskanzlerin sagt, dass sie den Musikern doch einen vereinfachten Zugang zur Grundsicherung ermöglicht hat, der dann leider auch oft gar nicht umgesetzt wird, muss ich ihr in aller Klarheit sagen: Grundsicherung ist Existenzminimum und ist kein Erhalt eines Miniunternehmens, weil das dann einfach nicht mehr funktioniert. Jegliche Kosten über die Miete, Krankenversicherung und Heizung hinaus, werden nicht übernommen.

Backstage PRO: Was bedeutet das für Musikerinnen und Musiker?

Christina: Du kannst als Künstler weder neue Musik produzieren, noch eine Nachauflage pressen, noch kannst du deine Lebensversicherung oder private Rente zahlen – und vielleicht hast du dann auch noch einen laufenden Autokredit. Es ist plötzlich alles weg.

Grundsicherung ist super für meine Mutter, die ist 81. Ich bin dankbar, dass es in unserem Land so ein System gibt, aber sie unterhält keine kleinen Unternehmen. Diese sind komplett lahmgelegt. Wenn du dann noch mit deinem Partner zusammenlebst, der noch im Beruf steht, hast du eine Bedarfsgemeinschaft und dann bekommst du nichts.

Backstage PRO: Welche weiteren Probleme haben Musiker/innen in der Pandemie?

Christina: Ein anderes Problem war zum Beispiel die Neustarthilfe. Das waren am Anfang 5000 Euro für 6 Monate, macht im Monat 750 Euro. Da haben die Verbände zum Glück Rabatz gemacht, sodass es jetzt 7500 € für 6 Monate gibt, was 1250 € im Monat bedeutet.

Allerdings greift dies auch wieder nur ab einem bestimmten Einkommen und unter bestimmten Voraussetzungen. Für ganz kleine und größere Musiker/innen schwierig. Die ganz Kleinen bekommen nichts und die größeren nur einen Bruchteil ihres vorherigen Einkommens. Ich weiß nicht, was du an Miete in Köln zahlst, aber damit kommt man ganz schnell an die Grenzen, wenn es keine andere Einnahme gibt.

Bei den Kolleginnen und Kollegen der Tontechnik, den Begleitmusiker/innen und den Veranstaltern ohne Förderung sieht es besonders traurig aus. Die werden schnell von ihren Kosten erschlagen. Du kannst ja nicht mal eben sagen: Ich bin freiberuflicher Livemischer und mache kurz mal aus dem nichts ein Studio auf. Ohne Konzerte geht da einfach gar nichts an Einnahmen.

"Frau Merkel ist hoch professionell und gibt klare Antworten"

Backstage PRO: Hast du den Eindruck, dass Frau Merkel dein Anliegen verstanden hat und konnte sie dir Hoffnung machen?

Christina: Frau Merkel ist hoch professionell und gibt ganz klare Antworten. Sie kennt sich enorm aus in ganz verschiedenen Bereichen, ist durchaus empathisch und hört aufmerksam zu und sagte immer wieder: "Das nehme ich zur Kenntnis und leite das nochmal weiter."

Aber es kam auch mindestens dreimal der Satz: "Ich leite das gerne an Frau Grütters weiter." Aber die ist nun mal gar nicht unsere Ansprechpartnerin. Ich glaube auch nicht, dass nach diesem Gespräch sofort der Wahnsinn passieren wird, aber es ist ein erster Kontakt, ein Fuß in der Tür, sie weiß jetzt wer wir sind, und so können wir in Zukunft einfach besser adressieren.

Backstage PRO: Ist doch echt toll, dass du mit der Chefin von Deutschland auf Augenhöhe sprechen konntest. Das war ganz schön aufregend oder nicht?

Christina: Wir haben ja leider gerade ein ziemlich schlechte Stimmung im Land, es gibt Menschen, die in den Livechat geschrieben haben, das ist ja unmöglich, wieso sprichst du überhaupt mit der? Es gibt soviel Kacknasen, die die ganze Zeit nur Unfrieden stiften. Man könnte natürlich böswillig behaupten, das war eine Alibiveranstaltung, man kann aber auch sagen: Sie nimmt sich die Zeit und will es wissen.

Ich gehe immer vom Besten aus. Sie hat dort sieben Gespräche geführt, sie hat mit Schülern und Studierenden gesprochen und verschiedenen Berufsgruppen. Sie möchte sich also wirklich ein Bild machen. Das finde ich respektabel.

Und ja, ich war ziemlich nervös und konnte kaum sprechen. Du kannst mich auf jede Musikbühne stellen, da laber ich frei von der Seele weg, aber diese Situation war schon speziell. Aber ich glaube, ich konnte den Punkt ganz gut setzen. Und das wichtige, was jetzt danach passiert, sind eben genau diese ganzen Interviews. Ich habe gestern mit Corso im DLF gesprochen und so wird die Kunde weiter in die Welt getragen.

"Der Künstler steht am Ende der Nahrungskette"

Backstage PRO: Was denkst du ist das wichtigste, das die Menschen aktuell über eure Situation wissen müssen?

Christina: Die Leute hören immer nur: Da werden jetzt Milliarden für Neustart Kultur locker gemacht. Aber sie müssten auch wissen, wo genau die eigentlich ankommen? Die kommen nämlich in den großen staatlich geführten oder in den subventionierten Spielstätten an, aber weniger bei den kleinen Clubs. Und am Ende diese Nahrungskette steht der Künstler mit seiner Gage, die ausgefallen ist. Und kommt da dann noch was an?

Wenn Menschen sich entspannt mit Kurzarbeit versorgt sehen (und das auch in Betrieben ohne jegliche Auflagen, was den Schutz vor Infektionen anbelangt) und keine Angst haben brauchen, verstehe ich nicht, dass der betroffene Soloselbständige sich mit dem Existenzminimum zufriedengeben muss. Das passt nicht zusammen. Gilt im Übrigen auch für die Gastronomen und Einzelhändler und andere.

Backstage PRO: Aber ist es für viele Kunstschaffende nicht auch normal, nur wenig mit ihrer Kunst einzunehmen?

Christina: Klar, natürlich gibt es Künstler/innen die dauerhaft am Existenzminimum vorbeischrappen. Aber eben auch eine Menge, bei denen es nicht so ist. Ich sprach Frau Merkel auf den Ausspruch in einem Interview vom März 2020 von Frau Grütters an: "Die meisten Künstler lebten ja auch schon in den normalen Zeiten von der Hand in den Mund" – das hat mich damals echt getroffen.

Laut dem Büro für Kulturwirtschaftsforschung Köln sind etwa 60.000 Künstler/innen und Autor/innen in Deutschland im Bereich zwischen 17.500 und 100.000 Euro Umsatz unterwegs. Ich selbst mache ja auch seit einigen Jahren stabil und auch wachsend mein Ding. Und so wie mir geht es einigen anderen: alles keine Riesenstars, aber wir sind da und wir sind Teil des Systems – und Steuerzahler.

Das Wort systemrelevant würde ich inzwischen nicht mehr benutzen für uns. Es gehört denen, die unser System grundversorgen, wie Ärzten und Pflegern usw. Aber als Kulturschaffender bin ich schlicht Teil des Systems. Einmal durch die Kultur selbst: Hörbar, sichtbar, aber eben auch als Miniunternehmer steuern wir unseren Teil bei. Und das möchte ich gerne wertgeschätzt sehen und nicht abgetan.

"Wir brauchen Leute, die konstruktiv und fundiert arbeiten"

Backstage PRO: Wie geht es weiter bei dir?

Christina: Ich hoffe, dass ich mein neues Album bis zum Herbst raus ist. Es wird den für mich gerade so wichtigen Namen "Lichtblicke" tragen, in dem ganzen Gewusel. Und wo ich mich am meisten drauf freue, ist es, wieder mit Menschen im Publikum spielen zu können. Ich hoffe für alle, dass sie bald schon wieder durchatmen können und sich entspannen und dass wir uns alle bald wiedersehen. Und dass wir für unsere Belange als Musikerinnen und Musiker Gehör finden.

Ich mache mir tatsächlich Sorgen, dass sich im Moment so eine seltsame Mentalität breit macht. Wir brauchen gerade wirklich keine Leute, die mit kleinen Ölkännchen rumlaufen, während es brennt. Wir brauchen Leute, die konstruktiv, klar und sachlich und fundiert arbeiten, sodass wieder alles aus dem Quark kommt.

Backstage PRO: Hättest du zum Schluss noch einen Tipp für angehende Musiker?

Christina: Ich habe immer wieder einen Textfetzen im Kopf: "Chasing Likes". Und genau in dieser Zeit leben wir gerade. Für viele Künstler ist das zum ganzen Inhalt geworden, der uns am Ende weder nährt noch wirklich was bringt. Ich versuche mich, da nicht kirre zu machen. Von mir aus kann man Spotify auch gerne direkt wieder zu machen, denn es ist kein Modell, dass kleinere bis mittelgroße Künstler ernährt. Nur sehr wenige schaffen das, dort wirklich Umsatz zu generieren.

Der User hat sich daran gewöhnt und weiß nicht, dass sein Stream gerade mal 0,003 Euro bringt für mich. Das muss doch anders gehen. Es hat natürlich auch Vorteile als Promo, man kann überall reinhören, aber es sind keine fairen Vergütungssysteme. Und die Clicks wünscht man sich natürlich, um die eigene Reichweite zu steigern, aber der Click nützt dir nichts, um zu leben, wenn am Ende nicht 50 oder 100 Leute wirklich im Konzert sitzen. Und das ist das Einzige, was nährt. 

Ich hab das Glück, dass ich jetzt 55 bin, dass meine Fans immer noch CDs hören und sie kaufen – sie kaufen sie bei meinen Konzerten und sie kaufen sie sogar direkt in meinem Shop. Ich bin Fan von der Ansicht, dass man wieder weggeht von der Vermarktung auf Spotify – hin zum Download, oder sogar hin zum Download von der eigenen Webseite, oder besser noch: hin zu CDs kaufen, und das nicht bei Amazon, sondern beim Künstler.

"Ich habe meine Fans erzogen"

Backstage PRO: Wie hast du es geschafft, dass deine Fans deine Philosophie unterstützen?

Christina: Ich habe meine Fans regelrecht "erzogen". Ich hab den witzigen Begriff "Künstlerartenschutz" geprägt und das heißt für mich, mir ist klar als Hörer, dass eine Aktivität, die dem Künstler nichts bringt, ihn auch nicht erhält. Dazu gibt es auch eine Webseite auf der ich auch andere Künstler vorstelle, die ich liebe.

Mein Ziel ist es immer gewesen, nicht nur auf Clicks zu schauen, sondern ein paar Tausend echte, treue Fans zu erreichen, die bleiben. Und das hat schönerweise geklappt, wie ich immer an meinen erfolgreichen Crowdfundings und den recht stabilen Konzertbesuchen sehen kann. In meinem Verteiler sind etwa dreitausend Leute drin, lange gesammelt, lange aufgebaut. Für mich ist das Prinzip aufgegangen. Ich habe unter den Fans sogar richtige Paten, da ist die Verbindung so gewachsen, denen liegt meine Musik so am Herzen, dass sie mich in diesem Jahr richtig unterstützt haben. Dafür bin ich sehr, sehr dankbar.

Backstage PRO: Liebe Christina, Danke für dieses tolle und interessante Gespräch!

Christina: Sehr gern.

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