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Geballte Welle der Empörung

BMG Rights Management-CEO Hartwig Masuch fordert mehr Wertschätzung für Musiker

News von Backstage PRO
veröffentlicht am 18.05.2021

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BMG Rights Management-CEO Hartwig Masuch fordert mehr Wertschätzung für Musiker

Hartwig Masuch, CEO BMG. © Bertelsmann

Die Wut der Musikerinnen und Musiker weltweit ist an der Spitze von Musikunternehmen angekommen. Laut Hartwig Masuch, CEO der Bertelsmann Music Group, führt die geringe Wertschätzung von Konzernen und Politik gegenüber Musikschaffenden dazu, dass sich viele den Lebensunterhalt nicht mehr leisten können.

In den vergangenen Jahren mehren sich die Stimmen der Musikerinnen und Musiker, die Streaming-Plattformen wie Spotify oder Apple Music kritisieren und sich auch an den Geschäftspraktiken der (Major-)Labels abarbeiten. 

BMG-CEO Hartwig Masuch drückt in einem Gastbeitrag für die Tageszeitung "Welt" sein Verständnis für die Wut der Musiker/innen in der ganzen Welt aus: Ihr Einkommen werde zunehmend von Konzerninteressen und Politiker/innen zugunsten der "Verbraucherauswahl oder des Wirtschaftswachstums" beschnitten – da sei der großflächige Protest nur logisch. 

Protest in Deutschland ... 

Als Beispiel für diesen Protest führt Masuch u.a. den Zusammenschluss von über 1.000 deutschen Musikerinnen und Musikern an, die sich in einem offfenen Brief an die Bundesregierung gegen die Umsetzung der europäischen Urheberrechts-Richtlinie (DSM-Richtlinie) stellen. 

Der von Stars wie Peter Maffay, Helene Fischer oder Rammstein unterzeichnete Brief (bereits dem zweiten dieser Art!) kritisiert unter dem programmatischen Titel "Das Entsetzen hat kein Ende" die Verwässerung der Richtlinie und die daraus folgende "Entmündigung und Enteignung der Künstler/innen". 

Der Schutz der individuellen Rechte der Kunstschaffenden komme im aktuellen Entwurf der DSM-Richtlinie zu kurz, heißt es in dem Brief weiter. Dies wiederum habe einen direkten, negativen Einfluss auf die Entlohnung der Musikerinnen und Musiker, und müsse daher unbedingt verhindert werden. 

... und weltweit

Darüber hinaus erwähnt Hartwig Masuch auch den Protest der Musikschaffenden in Großbritannien und in den USA.

Im UK setzen sich u.a. u.a. Sir Paul McCartney und Chris Martin (Coldplay) für eine gerechtere Bezahlung der Künstler/innen durch Streaming-Plattformen ein und fordern eine wettbewerbsrechtliche Untersuchung der Arbeitsweise der drei großen Musikunternehmen.

Außerdem untersuchte das britische Parlament in mehreren Anhörungen die Auswirkungen von Streaming-Plattformen auf das Musikereinkommen.

Im Stich gelassen

Den Grund für die in dieser Form noch nie dagewesene Wut der Künstler/innen sieht Masuch in der Corona-Pandemie: Diese habe Live-Auftritte erschwert bzw. unmöglich gemacht und somit zahlreiche Musikschaffende um den Großteil ihres Einkommens gebracht.

Dabei wiege besonders schwer, dass zahlreiche Künstlerinnen und Künstler am Existenzminimum leben müssten, während die großen Musikkonzerne auch trotz Pandemie Milliardengewinne einfahren würden. 

In der Tat haben sowohl die (Major-)Labels wie etwa Sony und auch Masuchs BMG ihren Umsatz 2020 zumindest halten können; Streaming-Plattformen wie Spotify und Live-Unternehmen wie Live Nation gingen ebenfalls verhältnismäßig unbeschadet aus der Pandemie hervor. Dennoch haben bislang noch keine Plattenfirmen oder Streaming-Dienste angekündigt, diejenigen, die diesen Gewinn überhaupt möglich gemacht haben, an dem Ertrag teilhaben zu lassen.

Appell an die Politik

Auch die staatliche Unterstützung sei völlig unzureichend gewesen – eine Position, die zahlreiche Verbände und auch die Künstlerinnen und Künstler mit Masuch teilen. Daher fordert er auch die deutsche Politik auf, den Musikschaffenden endlich zu helfen.

Man können nicht behaupten, Musik zu lieben, ohne die Musiker/innen selbst wertzuschätzen. Es gehe darum, diese Wertschätzung in der Pandemie zu zeigen. Nur so könnte sichgergestellt werden, dass Musik auch eine Zukunft habe. 

Lösungsansätze

Hartwig Masuch fordert daher in seinem Beitrag in der Welt, dass eine neue Aufteilung der generierten Einnahmen vorgenommen wird – mit der Künstlerin oder dem Künstler im Vordergrund. 

"Das Klischee des allmächtigen Plattenmoguls sollte Vergangenheit sein. Die Musikindustrie muss akzeptieren, dass sie in dieser neuen Welt ein Dienstleister ist. Künstler sind es, die die Musik machen, und sie sind es, denen der Löwenanteil der Erlöse zusteht. Ohne Musiker gibt es keine Musikindustrie."

Das alte Problem des Streamings

Gleichzeitig müssten auch die Streaming-Plattformen ihre Angebote überarbeiten. Obwohl diese die Musik für das digitale Zeitalter neu erfunden hätten und einen großen Mehrwert für die gesamte Musikbranche darstellten, müssten sie sicherstellen, dass ihr Modell nicht nur für die Fans und Aktionär/innen, sondern insbesondere auch die Künstlerinnen und Künstler funktioniert: 

"Von jedem 9,99-Euro-Monatsabonnement eines Streaming-Dienstes gehen gerade einmal 1,60 Euro an die Verantwortlichen für die Musik, der Rest wird von der Plattenfirma, dem Musikverlag, dem Streaming-Dienst und natürlich der Regierung aufgesaugt."

Außerdem fordert Masuch die Streaming-Unternehmen auf, gegen Betrug vorzugehen. 

Was ist eigentlich mit BMG?

Masuchs Kommentar ist ein positives Zeichen, dass die Not der Musikschaffenenden auch auf den höchsten Ebenen angekommen ist. Was Masuch aber nicht thematisiert, ist die Frage, inwiefern sein eigenes Unternehmen das Los der Musikschaffenden verbessern möchte.

Beabsichtigt BMG Musikschaffenden mehr zu zahlen und damit auf Konzern-Einnahmen zu verzichten? Sollte der Gesetzgeber eingreifen, um die Musikindustrie- bzw. Streaming-Dienste zu zwingen, Künstler/innen besser zu entlohnen?

Zwar hat das Unternehmen Ende 2020 bekannt gegeben, in den USA auf den umstrittenen Tantiemenabschlag verzichten zu wollen, doch braucht es sicherlich weiterer Maßnahmen, um die derzeitige Not der Kunstschaffenden zu lindern. Ohne konkrete Maßnahmen reiht sich Masuch nur in die Stimme derjenigen ein, die die aktuellen Zustände schon seit Jahren beklagen. Erforderlich wären aber eben solche konkreten Maßnahmen, die Künstlerinnen und Künstlern ein vernünftiges Auskommen ermöglichen.

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