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"Wir sind entschlossen, das Festival stattfinden zu lassen"

Rainer Kern, Leiter von Enjoy Jazz, über Gagen, Kapazitäten und Festivalplanung in der Coronakrise

Interview von Daniel Nagel
veröffentlicht am 22.09.2020

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Rainer Kern, Leiter von Enjoy Jazz, über Gagen, Kapazitäten und Festivalplanung in der Coronakrise

Rainer Kern, Festivalleiter von Enjoy Jazz. © Daniel Lukac

Rainer Kern ist Leiter des international renommierten Enjoy Jazz Festivals, das stets im Herbst in der Rhein-Neckar-Region stattfindet. Wir sprachen mit ihm über Planungen unter sich ständig ändernden Bedingungen, unklare Einreiseregeln für Künstler und die Auswirkung niedriger Spielstätten-Kapazitäten auf die Gagen.

Backstage PRO: Rainer, wann hast du zum ersten Mal geahnt, dass das Coronavirus zum Problem für Enjoy Jazz werden könnte?

Rainer Kern: Aufgrund meiner zahlreichen internationalen Aktivitäten habe ich schon früh befürchtet, dass die Krise nicht örtlich begrenzt bleibt, sondern auch uns betreffen wird. Wir befanden uns mitten in der Planung für das diesjährige Festival und dann wurde klar, dass wir strukturiert vorgehen müssen. Wir haben schon früh damit begonnen, in wöchentlichen Teammeetings unsere gesamte Planung noch einmal zu überdenken, da wir damit gerechnet haben, dass die Krise uns auch im Herbst noch beeinflussen wird. 

"Wir haben früh mit reduzierten Kapazitäten geplant"

Backstage PRO: Wie seid ihr dabei vorgegangen?

Rainer Kern: Wir haben zwei Extreme definiert: Erstens, das Festival kann so stattfinden wie immer und zweitens, es gibt einen neuen Lockdown. Die Option Enjoy Jazz abzusagen, haben wir sehr früh ausgeschlossen. Wir waren und sind entschlossen das Festival auf jeden Fall stattfinden zu lassen, egal wie. Wir haben dann mit einem Szenario Planning Tool einer Professorin der Harvard University gearbeitet und anhand von Wahrscheinlichkeiten die besten Szenarien ausgewählt und diese weiterentwickelt. 

Backstage PRO: Welche Szenarien standen dabei im Mittelpunkt?

Rainer Kern: Als sehr wahrscheinliches Szenario erschien uns, dass wir mit reduzierten Kapazitäten an unseren Spielorten arbeiten müssen. Zunächst haben wir uns dann auf diese Frage konzentriert. Sehr schnell fanden wir die Option, Doppelkonzerte zu planen. Das heißt die Künstler und Bands spielen jeweils zwei Sets an einem Abend. Das Konzept ist in den USA und anderen Ländern sehr verbreitet, bei uns in Deutschland ist das ungewohnt. 

"Die meisten Musiker haben niedrigere Gagen akzeptiert"

Backstage PRO: Wie haben die Künstler auf diese Pläne reagiert?

Rainer Kern: Fast alle Künstler, die wir angefragt haben, waren damit einverstanden. Dadurch konnten wir die Kapazität unserer Spielorte erhöhen, da an den meisten Spielorten wie der Alten Feuerwache in Mannheim nur 20% der Kapazität genutzt werden kann. Durch die Durchführung der Doppelkonzerte steigern wir die Kapazität, bleiben aber immer noch deutlich unter 50%.

Backstage PRO: Wie wirkt sich das auf die Gagen aus?

Rainer Kern: Die Künstler erhalten geringere Gagen, da wir aufgrund der geringeren Einnahmen durch Ticketverkäufe keine Möglichkeit haben, ihnen ihre übliche Gage zu zahlen. Die meisten Künstler waren damit auch einverstanden. Wir sind damit in vielen, aber nicht in allen Fällen auf Verständnis gestoßen, denn die Alternative besteht ja darin, gar nicht aufzutreten. So viel Nachfrage nach Künstlern existiert ja im Augenblick nicht.

"Wir müssen uns nicht an Künstlern festbeißen"

Backstage PRO: Wie haben denn die Künstler, die reduzierte Gagen nicht akzeptieren wollten, ihre Absage begründet?

Rainer Kern: Manche konnten sich den Auftritt schlichtweg nicht leisten, da sie die Anreise und Hotelkosten finanzieren müssen, sodass ein Auftritt bei uns ein Minusgeschäft für sie geworden wäre. Wenn zum Beispiel ein Quartett aus London normalerweise 7.000€ inklusive Reisekosten für einen Auftritt von uns erhält, dieses Jahr aber nur 1.500€, lohnt es sich für sie nicht zu kommen, wenn sie von der Gage z. B. auch noch vier Flugtickets bezahlen und ein Hotel buchen müssen. Daher haben viele Acts verständlicherweise auch ihre Tourneen komplett ins nächste Jahr verlegt. Es gab aber auch durchaus Situationen, die anders gelagert waren und keineswegs ein Verlustgeschäft für den Künstler bedeutet hätten.

Backstage PRO: Es gab also Künstler, die reduzierte Gagen komplett abgelehnt haben?

Rainer Kern: Weniger Künstler als Agenten. Es gibt Agenten, die schon immer, bei jedem Konzert, egal wie bekannt der Künstler war, sehr hohe Gagen verlangt haben. Davon sind sie jetzt auch nicht abgewichen. Ich frage mich schon, in welcher Welt diese Leute leben. Diese Krise betrifft ja tatsächlich die ganze Welt. In diesen Fällen gilt für uns, dass wir uns nicht an einem Künstler, einer Künstlerin festbeißen müssen. Es gibt so viel gute Musik und genügend Auswahl auch für Konzerte in Coronazeiten.

"Die Regeln für Künstler aus dem Ausland sind sehr unklar"

Backstage PRO: Habt ihr Probleme gehabt internationale Künstler zu buchen?

Rainer Kern: Ja, das war ein großes Problem, da die offiziellen Regeln sehr unklar waren. Wer aus einem Risikogebiet im europäischen Ausland einreist, muss sich unmittelbar in eine vierzehntägige Quarantäne begeben, die man abbrechen kann, sobald man einen negativen Test vorweisen kann. Alternativ darf man ohne Quarantäne einreisen, wenn man höchstens 48 Stunden vor Einreise einen negativen Test erhalten hat. Diese Regel wird ab Oktober geändert, 5 Tage Quarantäne sind dann obligatorisch. Dann müssten Künstler, die beispielsweise aus Paris anreisen, eine Woche einplanen, um an unserem Festival teilzunehmen. Das können sich natürlich nur die wenigsten leisten.

Backstage PRO: Wie verhält es sich mit Künstlern aus den USA, die ja bei Enjoy Jazz immer eine wichtige Rolle spielen?

Rainer Kern: Für nicht-europäische Künstler gelten andere Regeln. Es gibt eine “Negativliste der Drittländer”. Wenn ein Land auf der Negativliste steht, wie derzeit zum Beispiel die USA, darf niemand aus diesem Land nach Deutschland einreisen. Es gibt Ausnahmen für Angehörige medizinischer Berufe oder für berufliche Reisen, die nicht verschoben werden können. Künstler zählen jedoch nicht zu dieser Kategorie, das hat uns das Bundesinnenministerium auf Anfrage mitgeteilt. Künstler, die von der Krise sowieso schon stark betroffen sind, werden dadurch nochmal benachteiligt. 

"Kein Künstler will das Risiko eingehen, an der Grenze abgewiesen zu werden"

Backstage PRO: Künstler aus Ländern, die auf der Negativliste stehen, können also aktuell überhaupt nicht einreisen?

Rainer Kern: Es ist möglich, einen Antrag bei der Bundespolizei zu stellen, die die Einreise in Sonderfällen erlauben kann. Wenn die eingereichten Unterlagen korrekt sind, scheint es so zu sein, dass die Einreise bewilligt wird, aber damit haben wir bislang noch keine Erfahrungen gesammelt. Die Künstler wissen von dieser Möglichkeit aber natürlich nichts, da sie in den offiziellen Regeln nicht erwähnt wird. Daher haben Dave Holland und John Scofield ihr Konzert bei uns abgesagt, da sie davon ausgingen, dass sie nicht einreisen dürfen. 

Rainer Kern: Beide hätten aber eine Erlaubnis zur Einreise erhalten?

Backstage PRO: Tatsächlich besteht das Risiko trotz Genehmigung der Bundespolizei an der Grenze abgewiesen zu werden, da Grenzbeamte immer eigenständig handeln dürfen. Dieses Risiko will natürlich niemand eingehen, weshalb ich ehrlich gesagt nicht damit rechne, dass US-amerikanische Künstler, die aus den USA anreisen müssen, dieses Jahr bei Enjoy Jazz auftreten werden.

"Fast alle unserer Sponsoren halten uns die Treue"

Backstage PRO: Wie haben die Sponsoren auf die Lage reagiert?

Rainer Kern: Die Sponsoren haben uns alle schon sehr früh signalisiert, dass sie uns unterstützen und dabeibleiben. Leider sind manche Hotel-Sponsoren abgesprungen, da sie und die gesamte Branche besonders stark betroffen sind und es sich schlichtweg nicht leisten können, Hotelzimmer kostenlos zur Verfügung zu stellen. Wir verzichten dieses Jahr auch vollständig auf eine Gästeliste einschließlich der Freikarten für unsere Sponsoren, da es für uns nicht möglich ist, bei der geringen Kapazität der Spielstätten Karten zu verschenken. Alle Sponsoren haben das aber sofort akzeptiert.

Backstage PRO: Wie läuft der Ticketverkauf?

Rainer Kern: Für manche Veranstaltungen haben wir in der ersten Stunde nach der Veröffentlichung schon 50 Karten verkauft. Allerdings spüren wir auch viel Zurückhaltung, wobei wir sicher nicht vor leeren Häusern spielen werden. Viele Leute sind noch sehr abwartend, was den Besuch von Konzerten angeht, obwohl mir kein Fall bekannt ist, in dem sich eine geordnete Veranstaltung als Superspreading-Event erwiesen hat. Gleichzeitig fahren viele Menschen in Risikogebiete. Bernd Loebe, der Intendant der Oper Frankfurt meinte dazu: "Wenn alle, die im Sommer in Risikogebiete gefahren sind oder am Mainufer gefeiert haben, in die Oper gegangen wären, hätten wir jetzt geringere Fallzahlen."

"Ich finde die Regeln für Veranstaltungen total absurd"

Backstage PRO: Die Regeln scheinen Veranstalter stark zu benachteiligen.

Rainer Kern: Ich finde total absurd, dass die SAP Arena in Mannheim de facto keine Veranstaltungen organisieren kann, da nicht einmal 2.000 Menschen in der Halle erlaubt sind. Gleichzeitig darf man aber mit 500 Leuten gemeinsam 10 Stunden lang in einem Flugzeug sitzen, weil die Lüftung in den Maschinen so toll ist. Leipzig erlaubt 8.000 Fans den Zutritt zum Stadion, in Mannheim aber können nicht einmal 2.000 Personen in die SAP Arena. Worin besteht der Unterschied? Ich bin der Meinung, dass hier nachgebessert werden muss.

Backstage PRO: Hast du schon Erfahrungen mit Förderprogrammen gemacht, die pandemiegerechte Konzerte ermöglichen sollen?

Rainer Kern: Die meisten Förderprogramme richten sich an Spielstätten oder Künstler, dazu zählen wir nicht. Wir haben aber einen Antrag beim Förderprogramm für Festivals im Rahmen von Neustart Kultur eingereicht, aber natürlich noch keine Rückmeldung erhalten. Solche Förderprogramme helfen auf jeden Fall, um Festivals am Leben zu halten. Alles hilft im Moment.

Backstage PRO: Herzlichen Dank für das Gespräch und viel Erfolg!

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