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Bessere Karten für den Sport

Warum werden Fußballspiele in der Coronakrise gegenüber Konzerten bevorzugt?

Spezial/Schwerpunkt von Daniel Nagel
veröffentlicht am 11.09.2020

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Warum werden Fußballspiele in der Coronakrise gegenüber Konzerten bevorzugt?

Beim Neustart von Veranstaltungen scheint der Fußball die Nase vorn zu haben. © pexels.com

Monatelang ging für Sportvereine und Konzertveranstalter in der Coronakrise gleichermaßen gar nichts. Von der vorsichtigen Öffnung im Hinblick auf Großveranstaltungen profitieren aktuell aber hauptsächlich Fußballvereine, während Konzertveranstalter mit ihren Anliegen abblitzen. Warum eigentlich?

Für Dirk Zingler, Präsident von Union Berlin, war es "einfach nur schön". 4.500 Besucher verfolgten am 5. September das Testspiel der "Eisernen" gegen den 1. FC Nürnberg. "Organisatorisch hat alles gut geklappt und die Menschen haben sich toll verhalten. Das ist ein Anfang, jetzt gilt es darauf aufzubauen", erklärte Ziegler.

Denis Hedeler, der zuständige Hygienereferent des Bezirksamtes Treptow-Köpenick lobte die professionelle Zusammenarbeit mit dem Verein und zeigte sich beeindruckt über die Fans, "die die notwendigen Maßnahmen annehmen und die Hygieneregeln einhalten".

Sondersituation in Berlin

Das Spiel im Stadion an der Alten Försterei in Berlin war nicht die einzige Großveranstaltung, die die Hauptstadt in den letzten Tagen erlebte. Auf der Berliner Waldbühne veranstaltete Semmel Concerts unter dem Motto "Back To Live" Konzerte, an denen pro Konzert bis zu 5.000 Besucher teilnehmen konnten.

Blickt man über die Hauptstadt hinaus, erweisen sich solche Veranstaltungen aktuell aber als Rarität. Marek Lieberberg von Live Nation musste sein für den 4. September in Düsseldorf geplantes Konzert mit dem Namen "Give Live A Chance" in der Merkur Spiel-Arena absagen, weil das Land Nordrhein-Westfalen sich querstellte und im Anschluss sogar die Regeln für Veranstaltungen verschärfte.

Euphorie statt Pandemie

Für Fußballfans vornehmlich in Ostdeutschland stellt sich die Lage anders dar. Das zeigt das Beispiel Sachsen: Beim ersten Saisonspiel von RB Leipzig gegen Mainz 05 am 20. September sollen bis zu 8.500 Fans ins Stadion dürfen.

Das Bundesland Mecklenburg-Vorpommern will auf feste Obergrenzen bei Fußballspielen sogar ganz verzichten. Das DFB-Pokalspiel von Hansa Rostock gegen den VfB Stuttgart am 13. September könnte daher von bis zu 7.500 Zuschauern live im Stadion verfolgt werden. 

Deutliche Ungleichbehandlung

Folgender Vergleich macht die Unterschiede zwischen Konzerten und Fußballspielen besonders deutlich: Der FC Chemnitz erhielt die Erlaubnis für sein Erstrundenspiel im DFB-Pokal gegen die TSG Hoffenheim mehr als 4.600 Karten zu verkaufen – bei einer Kapazität von 15.000 Zuschauern im Stadion an der Gellertstraße.

Von einer vergleichbaren Auslastung können Konzertveranstalter nur träumen. Beim Strandkorb Open Air im Sparkassen Park in Mönchengladbach waren lediglich 900 Besucher zugelassen, obwohl das (Hockey-)Stadion normalerweise eine Kapazität von 12.000 Zuschauern besitzt.

Zweierlei Maß?

Selbstverständlich finden die Fußballspiele vor Publikum unter strengen Regeln statt. Es stehen nur Sitzplätze zur Verfügung, die Tickets sind personalisiert, die Zuschauer müssen Abstand wahren und die Besucherführung ist angepasst, um die Bildung von Gruppen zu vermeiden. Außerdem ist das gastronomische Angebot eingeschränkt, oft herrscht Alkoholverbot. Und natürlich sind die Stadien nur zu einem Bruchteil der normalen Kapazität ausgelastet.

Dennoch besteht ein starker Kontrast zwischen den tausenden Besuchern, die bei manchen Fußballspielen erlaubt sind und den strengen Regeln für Konzerte unter freiem Himmel oder in Hallen. Die Semperoper in Dresden darf statt der sonst üblichen 1300 nur 300 Zuschauern Einlass gewähren – und ist damit gut bedient. Im Bundesland Rheinland-Pfalz sind überhaupt nur 150 Besucher bei Veranstaltungen in geschlossenen Räumen erlaubt.

Welche Kriterien gelten?

Studien belegen, dass die Ansteckungsgefahr in geschlossenen Räumen deutlich größer als im Freien ist. Daher sind Fußballspiele fraglos weniger problematisch als Konzerte oder Events in einem vollbesetzten Club, bei dem Körperlichkeit zum Programm gehört.

Schon bei großen Hallen- oder Stadionkonzerten mit Sitzplätzen ist die Lage aber nicht mehr ganz so klar. Das "Give Live A Chance"-Konzert durfte jedenfalls trotz eines von allen Seiten positiv bewerteten Hygienekonzepts nicht stattfinden. Hat die höhere Besucherzahl von maximal 13.000 Zuschauern im Vergleich zu Leipzig, Chemnitz oder Rostock den Unterschied gemacht? 

Sind Fußballspiele sicherer als Konzerte?

Regionale Unterschiede spielen selbstverständlich eine Rolle. Das Infektionsgeschehen in Mecklenburg oder Sachsen unterscheidet sich von dem in Nordrhein-Westfalen. Es ist nicht nur legitim, sondern sinnvoll, dass Politik und Verwaltung diese Unterschiede bei ihrer Entscheidungsfindung berücksichtigen. So erhalten in den meisten Bundesländern im Westen bislang keine Clubs die Erlaubnis, ihr Stadion mit mehreren tausend Zuschauern zu füllen.

Allerdings wirft es Fragen auf, wenn Veranstalter und Fußballvereine in ein und demselben Bundesland krass unterschiedlich behandelt werden. Das zeigt das Beispiel Sachsen: In Leipzig dürfen 8.500 Fans ins Stadion aber in Dresden nur 300 in die Semperoper. Ist es denn unmöglich Veranstaltungen in Konzerthäusern, Hallen und Theatern so zu gestalten, dass sie für die Besucher ein größtmögliches Maß an Sicherheit bieten?

Das Risiko ist nicht nur im Stadion

Zur Beantwortung dieser Frage lediglich darauf zu verweisen, dass Fußballspiele im Freien stattfinden, reicht nicht aus. Sicherlich bieten Fußballstadien ausreichend Platz, um die Besucher in sicherem Abstand voneinander zu platzieren, aber wer kontrolliert das Verhalten der mehreren tausend Zuschauer vor oder nach dem Spiel – beispielsweise in Kneipen, Bars oder öffentlichen Verkehrsmitteln? 

Wenn die Verantwortlichen der entsprechenden Kommunen und Länder der Auffassung sind, dass Fußballfans die geltenden Hygiene- und Abstandsregeln einhalten werden, warum trauen sie dasselbe nicht auch Konzertbesuchern zu? 

Die Unterschiede sind nicht so groß

Außerdem berücksichtigen die sehr restriktiven Maßnahmen in Hinblick auf Veranstaltungen in geschlossenen Räumen nicht, dass die Menschen ihr Verhalten im Verlauf der Pandemie geändert haben. Die Zahl derjenigen, die trotz Erkältungssymptomen eine Veranstaltung besuchen wollen, dürfte sehr gering sein.

Das Begrüßungsküsschen bei der Opernpremiere fällt 2020 aus, aber muss deshalb auch die Opernpremiere ausfallen? Auch Veranstaltern kann man zutrauen, Konzerte so zu veranstalten, dass beim Metal-Konzert kein Moshpit entsteht (so bedauerlich das für die Headbanger auch ist).

Wie hoch ist die Gefahr wirklich?

Die Altersstruktur der Besucher erweist sich auch als eher schwaches Argument. Sicherlich ist das Publikum beim durchschnittlichen Fußballspiel jünger als im Theater, in der Oper oder im klassischen Konzert, aber es gibt auch sehr viele betagte Stadiongänger – und auch die jungen Fußballfans haben in der Regel Eltern und Großeltern. 

Darüber hinaus scheint die Gefahr der Infektion bei geordneten Veranstaltungen nicht sonderlich groß zu sein. Betrachtet man die bisherigen Superspreader-Ereignisse im Verlauf der Coronavirus-Pandemie, so stehen viele in Zusammenhang mit Gottesdiensten, Beerdigungen, Hochzeiten, Geburtstagsfeiern, Partys (privat oder in Clubs) und sogar Chorproben, aber nicht mit Konzerten.

Gleiches Recht für alle

Die Pandemie verlangt Wachsamkeit, aber auch Flexibilität. Die Risikoeinschätzung sollte nicht nur von starren Regeln bestimmt werden, sondern das tatsächliche Gefährdungspotential berücksichtigen. Vor allem aber darf nicht der Eindruck entstehen, als würden die politisch gut vernetzten Fußballvereine bevorzugt.

Wenn Präsidenten von Fußballvereinen argumentieren, dass sie einen wichtigen Teil ihrer Einnahmen mit dem Verkauf von Eintrittskarten erzielen, was sollen dann Veranstalter, Künstler, Musikschaffende und Dienstleister der Veranstaltungsbranche sagen? Kurz vor Beginn des Herbstes besteht ausreichend Gelegenheit, ihnen eine Chance zu geben.

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