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Best Of mit Lerneffekt

Die besten Livestreams: Was von Konzerten während des Corona-Lockdowns bleibt

Spezial/Schwerpunkt von Marvin Kolb
veröffentlicht am 14.05.2021

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Die besten Livestreams: Was von Konzerten während des Corona-Lockdowns bleibt

Idiot Prayer: Nick Cave Alone at Alexandra Palace. © Joel Ryan

In der Pandemie kommen die Musiker/innen auch mal via Livestream in euer Zuhause. So entstanden während Corona bewegende Auftritte: Von Paul McCartney und den Rolling Stones bis zu den Architects gaben sich Live-Acts online das Mikro in die Hand. Wir haben die besten Autritte für euch zusammengestellt.

Frank Carter And The Rattlesnakes

Der ehemalige Gallows-Sänger Frank Carter tritt mit seinen Rattlesnakes in Brixton auf und streamt sich mal eben das eigene Publikum auf die Bühne. Diese dürfen das Konzert dank VR Technologie mit 360 Grad-Blick erleben. Das Sahnehäubchen: Carter spricht und interagiert mit Fans, die auf einer großen Leinwand vor ihm zu sehen sind. So waren die Musiker und ihre Konzertbesucher Auge in Auge. Da werden die historische Location in Brixton und das energiegeladene Set der Band fast zur Nebensache – Immersion gelungen.

Und das nehmen wir für die eigene Performance mit: Je mehr das Publikum eingebunden wird, desto intensiver wird die Erfahrung für beide Seiten.

Architects

In der Royal Albert Hall spielten bereits Pink Floyd. Doch für den Auftritt der Modern-Metal-Pioniere Architects bleiben die Ränge, die im Laufe der Geschichte der Venue schon einige unvergessliche Momente erlebt haben dürften, leer.

Neben bis dato unveröffentlichten Songs der Architects gab es während ihres Sets ein einzigartiges, kleines Akustik-Intermezzo in der Mitte der Halle. Architects spielen technisch auf hohem Niveau und setzen auf eine professionelle Lightshow samt riesiger LED-Leinwand, über die zu den Songs passende Visuals das Geschehen untermauern. Das Konzert fand einige Wochen vor Release des aktuellen Albums "For Those That Wish To Exist" statt und so waren für viele Fans eine handvoll unveröffentlichter Songs das sicherlich größte Highlight des Abends.

Die Mischung aus alten und neuen Songs, das eingestreute Akustikset und eine geschichtsträchtige Location mit leeren Rängen ergeben in der Summe ein Zeitdokument, über das man als Musikfan noch lange reden wird.

Und das nehmen wir für die eigene Performance mit: Manchmal sind es die leisen Momente, die im Gedächtnis bleiben. Ein kurzes, unerwartetes Akustikset kann zu einem unvergesslichen Konzertmoment werden.

NOFX: "Weekend at Fatty's"

Die Politpunks um Fat Wreck Chords Gründer Fat Mike laden in das Beach House des Sängers ein. Neben exklusiven Interviews gibt es eine unvergessliche Performance des Albums "White Trash, Two Heebs, And A Bean" vor der Kulisse des heimischen Pools. Die Party des Jahres.

Um den Pool sitzen Fans und Freunde der Band an Tischen und trinken Bier aus Pappbechern. Bei all dem Teeniefilm-Party-Flair möchte man nicht glauben, dass die Bandmitglieder bereits in ihren Fünfzigern sind. Sänger Fat Mike lässt zwischen den Songs seinen eigenwilligen Humor mit jeder Silbe durchblitzen und die Setlist sorgt für fast vergessene Erinnerungen an Skateparks, Partyexzesse und Poolabende.

Wer in den heimischen vier Wänden ein entspanntes Dosenbier genießen möchte, findet mit der "Weekend at Fatty's" Aufnahme die perfekte Untermalung. Und das Beste an dieser Hausparty: es muss am nächsten Morgen nicht aufgeräumt werden.

Und das nehmen wir für die eigene Performance mit: Jedes Konzert ist eine Party. Wer in Feierlaune ist, kann diese Feierlaune auch im Publikum wecken. Egal unter welchen Umständen.

Nick Cave: "Idiot Prayer"

Nick Cave schreitet durch die leere Halle des Alexandra Palace in London. Es sind nur seine Schritte zu hören. Er nimmt Platz am Klavier und eines der schönsten, emotionalsten und intensivsten Konzerte der letzten Monate beginnt.

Gänsehaut ist hier garantiert. Eine Show, die ihren größten Reiz aus dem Minimalismus zieht, mit dem der Sänger seine Stücke darbietet. Die Emotionen stehen im Vordergrund und ein Konzert dieser Intensität hätte es ohne Lockdown vielleicht nie gegeben. Nick Cave schöpft aus tiefer Melancholie und trägt so durch die schwereren Abende dieser schwierigen und unsicheren Zeit. Aber es wäre nicht Nick Cave, wäre das Dargebotene ohne einen Funken Optimismus. Der Sänger nimmt sein Publikum mit in emotionale Tiefen, um dann wieder aus ihnen mit neuem Mut und Lebenswillen emporzusteigen.

Die schmachtende Ballade "Euthanasia" feierte im Zuge des Streams seine Premiere. Angedacht sind einige Kinoaufführungen des Konzertfilms. Die Aufnahmen sind bereits als Livealbum erschienen.

Und das nehmen wir für die eigene Performance mit: Minimalismus beim Bühnenbild kann manchmal die größte Wirkung haben. Veranstaltungsorte haben oft einen ganz eigenen Charme, den man am besten betont, wenn man auf überflüssigen Schnickschnack verzichtet.

Post Malone covert Nirvana

Post Malone spielt mit Basecap und geblümtem Kleid vor der heimischen Bar ein unvergessliches Set bestehend aus Nirvana-Covern. Am Drumset sitzt Blink 182-Schlagzeuger Travis Barker. Der Grund: der Sänger sammelte Spenden für den Solidarity Response Fund der WHO. 

Post Malone zeigt eine große Leidenschaft für die dargebrachten Songs und seine Stimme passt perfekt zu den rauchigen Grunge-Tönen der Neunziger. Der Auftritt lebt von der coolen Attitüde des Rappers, der heimischen Location und der präzisen Drumarbeit Barkers.

Trotz teils schwermütiger Texte ergibt sich hier schnell ein Feel Good-Vibe, der durch den Abend trägt. In 77 Minuten führt Post Malone durch die Diskographie der Grunge-Pioniere und verzichtet bewusst auf "Smells Like Teen Spirit", gibt aber einigen anderen Klassikern der Band genügend Raum. "Heart Shaped Box" und "Lithium" werden eben nie alt.

Und das nehmen wir für die eigene Performance mit: Mit genügend Respekt vor den Klassikern und einer guten Portion Herzblut vorgetragen, können Cover oft das Salz in der Suppe sein.

Gorillaz: Live bei Jimmy Kimmel

In der Jimmy Kimmel Show performte Damon Albarn den Song "Aries" im Duett mit seinem animierten Selbst. Dabei ist der Hintergrund wohl ebenso interessant, wie der Song an sich. Albarn performt in einem kleinen Atelier im eigenen Zuhause zwischen Gemälden, Flight-Cases mit "Gorillaz"-Aufdruck und einem kleinen Plastik-Roboter.

Ein kurzer "Snack" für zwischendurch, aber auch eine beeindruckende Performance, die wahrscheinlich für Stunden tief in den YouTube-Kaninchenbau herabführt, bis man dann (mal wieder) bei der "Tender" Performance von Blur landet, die einige Jahre zuvor bei und mit Jimmy Kimmel stattfand.

Und das nehmen wir für die eigene Performance mit: Die Details im Hintergrund können den entscheidenden Unterschied machen. Kleine Deko-Gegenstände für die Bühne bleiben gerne im Gedächtnis.

Billie Eilish: "You Should See Me In A Crown"

Visuell wohl einer der interessantesten Streams des vergangenen Jahres. Billie Eilish performt vor weißer Kulisse und einer riesigen animierten Spinne, die mal an der Decke, mal an der Wand hinter ihr entlang krabbelt. Dabei bringt die junge Künstlerin ihren zynischen und tanzbaren Pop so energiegeladen in das eigene Wohnzimmer, dass es schwer fällt, die Füße still zu halten.

"You Should See Me In A Crown" beeindruckt mit unbändiger Energie, visuellen Überraschungen und einer Billie Eilish, die ihre Performance in Baggy-Klamotten herunterreißt, als wäre es das Einfachste auf der Welt, mit einem solchen Auftritt zu glänzen. Beachtlich und sicherlich einer der interessantesten Streams der letzten Monate. Wer sich auf elektronischen Pop mit Tiefgang und zynischem Augenzwinkern einlassen kann, findet hier eine kleine Offenbarung.

Und das nehmen wir für die eigene Performance mit: Livemusik dreht sich um die eingebrachte Energie. Wer mit dem ganzen Körper performt, untermauert seine Songs und bietet eine ordentliche Liveshow.

Run the Jewels: "Holy Calamavote"

Für ihr Album "RTJ4" wurde das Hip Hop Duo Run The Jewels für den Grammy nominiert. Mit ihrer visuell beeindruckenden "Holy Calamavote" Performance beweisen sie, dass sie die Auszeichnung mehr als verdient hätten.

Schnelle Schnitte, hektische Lightshow und minimalistischer Bühnenaufbau unterstreichen die energiegeladene Performance der beiden Rapper. Textlich und visuell wird hier einiges geboten. Zwischen den Songs lassen sich die beiden Künstler dann auch zu einem beeindruckenden Freestyle ohne Beat hinreißen, der unter Beweis stellt, was Run The Jewels auf dem Kasten haben. Hier geben sich Skill, Leidenschaft und Bühnenbild die Hand und formen eine unvergessliche Kulisse. Die Präzision mit der Killer Mike und El-P ihre Worte auf den Beat abpassen ist unvergleichlich.

Gastauftritte, Kunstschnee, Raucheffekte und eine ausgereifte Setlist runden die Sache dann ab. Auf zwei Leinwänden gibt es darüber hinaus einige bekannte Gesichter zu sehen, die perfekt in die Songs eingebunden werden. Von Stoner Rock-Legende Josh Homme hin zu Rage Against The Machine-Frontmann Zack de la Rocha gibt es hier einige nette Überraschungen.

Und das nehmen wir für die eigene Performance mit: Per Video eingebundene "Features" sind leicht umzusetzen und können eine große Wirkung entfalten.

Rolling Stones und Paul McCartney: "One World Together At Home" 

Auf ganze sechs Stunden Laufzeit brachte es die "One World Together At Home"-Show. Wer sich also für einen Konzertmarathon bereit fühlt, findet hier eine der abwechslungsreichsten und umfangreichsten Shows des letzten Jahres. Die Konzerte gibt es natürlich auch einzeln, aber wo wäre da das Festivalfeeling?

Abgehalten wurde das "One World Together At Home" Event zugunsten der NGO Global Citizen, der Weltgesundheitsorganisation und all derer, die an den vielen Fronten der aktuellen Krise tätig sind und Einsatz zeigen. Für den guten Zweck kamen also die größten Musiker der aktuellen Popkultur zusammen und zeigten, dass sie noch immer nicht zum alten Eisen gehören. Darunter Performances von Elton John, den Rolling Stones, Lady Gaga und Paul McCartney. Hier ist für jeden etwas dabei. Das "Live Aid" unserer Zeit.

Und das nehmen wir für die eigene Performance mit: Es geht immer um die Message. Wir alle sitzen oft im selben Boot. Die Ansagen zwischen den Songs verdienen besondere Aufmerksamkeit. Nutzt Eure Stimme!

Taylor Swift: "Folklore: The Long Pond Sessions"

Mit "Folklore" widmete sich Taylor Swift ihren Wurzeln und entfernte sich vom tanzbaren und leicht hysterischen Pop. Heraus kam eines der schönsten Alben 2020. Für die "Long Pond Sessions" spielte sie das Album in Gänze live. Zwischen den Songs redete sie mit Produzent und The National-Sänger Aaron Dessner und The Bleachers-Sänger Jack Antonoff über den Aufnahmeprozess und Anekdoten rund um die Albumentstehung. Für "Exile" streamte sich Taylor Swift dann kurzerhand Bon Iver hinzu.

Wer also einen entspannten Abend am Lagerfeuer vermisst, der sollte schnellstmöglich "The Long Pond Sessions" via Disney Plus genießen. Wunderschöne Freiluftromantik und ein Haus am See untermauern die Stimme der Sängerin, die auf "Folklore" endlich genug Platz einnehmen darf. Dabei sind die Songs, sowie der komplette Auftritt ein zeitloses Meisterwerk, das man sicherlich auch in zwanzig Jahren noch hören kann. Ehrlichkeit und die minimalistischen Songskelette, auf denen Taylors Stimme thront bilden hier in Verbindung mit der Kulisse ein rundum schönes Konzert.

Und das nehmen wir für die eigene Performance mit: Die Hintergründe, die zur Entstehung der eigenen Musik führen sind oft sehr interessant. Plaudert bei Ansagen gerne auch mal aus dem Nähkästchen. Das macht die Show persönlicher und intimer.

Alles zum Thema Livestreams

Wenn unsere Übersicht dir Lust gemacht hat, selbst ein Livestream-Konzert zu veranstalten, findest du auf Backstage PRO selbstverständlich alle Informationen zum Thema: Neben einer Übersicht zum Livestreaming via Social Media haben wir uns auch mit Streaming-Plattformen sowie dem Anbieter Twitch beschäftigt. Über den rechtlichen Rahmen von solchen Events informieren wir hier. 

Hier haben wir außerdem eine Community-Umfrage über die Bedeutung des Livestreamings für euch veröffentlicht, und in diesem Artikel machen wir uns kritische Gedanken über den Stellenwert von digitalen Shows. 

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