Stärkung des Status Quo?
Untersuchung zeigt Genderungleichheit in Spotify-Playlists
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© Pew Nguyen
Ab September 2023 hat Melanie Gollin vom Magazin Zwischen Zwei und Vier ein Jahr lang die Playlists Spotify New Music Friday Deutschland (SNMFD) und Indie Brandneu ausgewertet. Es handelt sich nicht um eine wissenschaftliche Analyse, sondern eher um eine anekdotische Beobachtung, die dennoch durchaus interessante Ergebnisse liefert.
SNMFD wird jeden Freitag erneuert und enthält hauptsächlich Lieder aus den Genres Pop, Rap, Hip-Hop und EDM, während Indie Brandneu im Erhebungszeitraum zunächst mittwochs und dann ebenfalls freitags angepasst wurde. Diese Playlist wird jedoch nur in Teilen neu bestückt: Wöchentlich wird immer ein Drittel neu ergänzt, weshalb die Lieder dadurch länger als eine Woche in der Playlist vertreten sind.
Die Auswertung
Gollin unterscheidet zwischen "absoluter Auszählung" und "Einzelauszählung". In der ersten Kategorie werden die Acts als eine Größe gewertet, unabhängig davon ob es sich um Solomusiker*innen oder um eine Band handelt. Gruppen mit unterschiedlicher Geschlechtszugehörigkeit sowie mehrgeschlechtliche Features werden unter "Mixed" zusammengezählt.
Die Einzelauszählung umfasst alle als Künstler*innen beteiligten Personen eines Liedes, jedes Bandmitglied wird demnach einzeln gezählt.
Genderverteilung in SNMFD
In der absoluten Auszählung war mit 57,7 Prozent mehr als die Hälfte der SNMFD-Artists männlich. Gollins Erhebung ordnete 27,7 Prozent FLINTA*-Personen – das Akronym steht für Frauen, Lesben, intersexuelle, nicht-binäre, trans und agender – und 14,6 Prozent waren gemischt.
Dieses Bild zeigte sich fast während der gesamten Erhebung. Lediglich am 8. März, dem Weltfrauentag, lag der FLINTA*-Anteil mit 44 Prozent über dem Anteil männlicher Künstler.
In der Einzelauszählung war das Ungleichgewicht noch eindeutiger: 72,5 Prozent Männer standen 27,5 Prozent FLINTA* gegenüber. Dieses Ergebnis lässt sich auch damit erklären, dass Männer im Vergleich etwas häufiger in Bands Musik machten (15 Prozent gegenüber 3,1 Prozent bei FLINTA*).
Genderverteilung in Indie Brandneu
Die Ergebnisse für die Playlist Indie Brandneu waren denen von SNMFD sehr ähnlich. Mit 53,6 Prozent machten Männer den größten Anteil der absoluten Auszählung aus. 27,9 Prozent waren FLINTA*-Personen, 17,7 Prozent waren gemischte Acts. Die Indie-Playlist wurde das gesamte Jahr von männlichen Künstlern dominiert.
Auch hier fand Gollin in der Einzelauswertung eine noch deutlichere Tendenz: 73,4 Prozent waren Männer und 26,6 Prozent FLINTA*. In der Indie-Playlist zeigte sich ebenfalls, dass FLINTA* meist solo Musik machen (87,2 Prozent). Der Bandanteil der Männer war mit 51,4 Prozent jedoch deutlich größer als in der Playlist SNMFD.
Auswirkungen auf Algorithmen?
Obwohl Gollins Erhebung sich auf menschlich kuratierte Playlists bezieht – wobei eine algorithmische Unterstützung bei diesen nicht auszuschließen ist – verweist sie auf die steigende Anzahl algorithmenbasierter Playlists. Algorithmen geben unter anderem auf Basis der Streamingzahlen, individuellen Hörgewohnheiten und Ähnlichkeiten von Künstler*innen oder Liedern Empfehlungen.
Mit solchen Empfehlungssystemen hat Christine Bauer von der Universität Salzburg genauer beschäftigt. Im Interview mit Backstage PRO geht sie auf die Ergebnisse einer Forschungsarbeit ein:
"Für uns erstaunlich war in jedem Fall das Ergebnis, dass User in einer Serie von Empfehlungen im Durchschnitt auf den siebten oder achten Track warten müssen, um den ersten Track einer Frau zu hören. Und da Nutzer/innen hören, was ihnen empfohlen wird und das wiederum als Input für die folgenden Empfehlungen dient, kreiert das eine sich wiederholende Schleife, die eben dazu führt, dass weiterhin nur weniger Musik von Frauen vorgeschlagen wird."
Selbstlernende Algorithmen können demnach den Status Quo eines Ungleichgewichts in der Genderrepräsentation nicht nur aufrechterhalten, sondern dieses theoretisch sogar verstärken.
Indem kuratierte Playlists wie SNMFD und Indie Brandneu zu einem großen Anteil Musik von Männern enthalten, bieten sie ebenfalls eine Grundlage, dass Algorithmen diese Verteilung reproduzieren.
Weitere Folgen
Neben den Folgen auf der Plattform selbst, erklärt Gollin, dass die Playlist-Platzierung auch darüber hinaus Auswirkungen auf Künstler*innen haben kann:
"Booker*innen schauen sich Streamingzahlen an, bevor sie Shows und Festivals buchen. Radioairplay gibt es für neue Künstler*innen erst dann, wenn Streaming sie schon warmgespielt hat."
Gollin sieht die Verantwortung für mehr Geschlechtergerechtigkeit aber nicht nur bei den Plattformen, sondern auch bei beispielsweise den Booker*innen von Festivals, da diese dazu beitragen können, welche Musik im Trend ist und dadurch mit höherer Wahrscheinlichkeit in aktuellen Playlists landet.
Obwohl die Ergebnisse zeigen, dass das Geschlechtergleichgewicht noch ausbaufähig ist, ist der Journalistin zufolge eine positive Entwicklung der letzten Jahre erkennbar:
"Wir sehen bereits eine erstarkende diverse Musiklandschaft, FLINTA*-Artists werden mehr und sind sichtbarer."
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