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Eigenverantwortung macht die Musik

Was ermöglichen Schnelltests? Fragen und Antworten für Bands, Musiker und Veranstalter

Tipps für Musiker und Bands von Mario Rembold
veröffentlicht am 30.04.2021

coronakrise Öffnungsperspektiven veranstaltungskonzepte gesundheit

Was ermöglichen Schnelltests? Fragen und Antworten für Bands, Musiker und Veranstalter

Corona Schnelltest. © Annie Spratt / Unsplash

Schnelltests geben uns ein bisschen mehr Sicherheit im Alltag und vielleicht sogar bei Events und Bandproben. Voraussetzung: Wir müssen sie verantwortungsvoll nutzen. Dazu muss man jedoch wissen, wie sie funktionieren und wo ihre Grenzen liegen.

Zwischen Kontaktbeschränkungen und der Hoffnung aufs Impfen kamen zuletzt immer öfter die Corona-Antigen-Schnelltests ins Gespräch. Inzwischen sind sie im Discounter für jedermann und -frau erhältlich, und jeder kann sich sogar mindestens einmal pro Woche kostenlos an einer zertifizierten Teststation testen lassen.

Doch was bringen uns diese Schnelltests im Alltag? Wo geben sie Sicherheit und wann ist Vorsicht geboten? In dieser Übersicht soll es nicht um juristische Fragen gehen, wir thematisieren hier nicht die Regeln zu Kontaktbeschränkungen oder Veranstaltungen (die sich sowieso im Wochentakt ändern und trotz „Bundesnotbremse“ regional unterschiedlich sind).

Stattdessen soll es einzig darum gehen, wie man die Tests verantwortungsvoll nutzen kann, falls es die jeweils gültigen Regeln erlauben! Vielleicht mit Ausblick auf die nahe Zukunft, wenn hoffentlich wieder Kulturveranstaltungen in irgendeiner Form machbar sind. Es zählt also nur der medizinisch-virologische Aspekt, nicht der rechtliche!

1. Was sagt mir das Testergebnis?

Man bekommt eine Ja-oder-Nein-Antwort, und die ist recht grob. Ein positives Testergebnis, also ein „Ja“, bedeutet: In deiner Probe war so viel Virusmaterial, dass der Test die SARS-CoV-2-Proteine detektiert. Du bist gerade sehr ansteckend! Auch falsch-positive Ergebnisse sind möglich, dazu mehr unter Punkt 3.

Ein „Nein“ bedeutet: Kein Virusnachweis. Weil die Schnelltests auf Virus-Antigene aber ziemlich unempfindlich sind (verglichen mit einer PCR in einem diagnostischen Labor), kannst du trotzdem infiziert sein.

Es hat sich gezeigt, dass die meisten Corona-Infizierten nur wenige Menschen oder niemanden anstecken. Einige wenige aber infizieren in kurzer Zeit sehr viele Personen. Das sind die berühmten Clusterausbrüche durch Superspreader, bei denen ein Infizierter im Zimmer in kürzester Zeit die gesamte Raumluft mit Viruspartikeln kontaminiert.

Diese Phase, in der jemand hochansteckend ist, ist offenbar sehr kurz – zumindest bei der klassischen Virusvariante, die im letzten Jahr die Pandemie bestimmte. Mit den Schnelltests besteht die Chance, solch einen potentiellen Superspreader zu erkennen.

Fazit: Der Schnelltest kann einige Menschen mit hoher Viruslast erkennen.

2. Kann der Test ansteckende Menschen „übersehen“?

Leider ja! Offenbar sind Schnelltests vor allem in den ersten Tagen der Infektion unzuverlässig!

Noch zum Herbst waren die Daten vielversprechend. Zum Beispiel berichteten Forscher aus Frankfurt a. M. im Dezember 2020 über Versuche mit Lehrern, die sich selbst Abstriche aus der vorderen Nase nahmen. Es gab sowohl falsch-positive als auch falsch-negative Ergebnisse, doch insgesamt kommen die Autoren zur Schlussfolgerung, dass Infektionen per Selbsttest erkannt werden können.

Ein anderes Autorenteam hatte im Herbst 2020 an der Berliner Charité mit Probanden gearbeitet, die sich selbst ebenfalls in der vorderen Nase „gepopelt“ hatten; deren Schnelltest-Ergebnisse wurden mit Ergebnisssen zu professionell entnommenen Samples verglichen. Fast immer, wenn die PCR eine hohe Viruslast zeigte, waren auch die selbst genommenen Proben positiv. Bei den Falsch-Negativen zeigte die PCR auch deutlich geringere Virusmengen an. Diese Personen waren also in dieser Studie auch weniger ansteckend.

Doch nun hat uns Christian Drosten (der auch an der oben genannten Berliner Arbeit mitgewirkt hat) dann doch ein wenig Wasser in den Wein gießen müssen: In Folge 84 des NDR Corona Virus Update relativiert er die Aussagekraft dieser Schnelltests im Hinblick auf ganz aktuelle Erfahrungswerte. In den ersten drei Tagen einer Infektion vor dem Symptombeginn seien diese Tests meist negativ, auch wenn die PCR im Labor mitunter schon eine hohe Viruslast anzeigt – also die Person bereits ansteckend ist. Derzeit könne man das noch nicht mit Studiendaten untermauern, denn „wer lässt sich zufällig an Tag minus Eins [vor Symptombeginn] testen“ (im Originalwortlaut auch im Skript des NDR nachzulesen).

Fazit: Kurz vor Symptombeginn könnten im Schnelltest regelmäßig Infizierte übersehen werden, die schon ansteckend sind!

3: Hilfe, mein Test ist positiv – und jetzt?

Erstmal gilt: Keine Panik! Bitte verhalte dich aber ab jetzt so, als wärest du ansteckend. Dazu bist du nun sogar gesetzlich verpflichtet!

Das Testergebnis soll aber unbedingt durch einen PCR-Test überprüft werden. Ehrlich gesagt kann es dabei schon mal ein Chaos der Nicht-Zuständigkeiten geben, wenn man probiert, beim Gesundheitsamt jemanden zu erreichen. Ich würde daher als allererstes meine Hausärztin telefonisch kontaktieren – bitte nirgends unangemeldet persönlich auftauchen! Besonders blöd natürlich, falls man abends oder am Wochenende in diese Lage gerät. In der Regel kann man dann den nächsten Werktag abwarten, wobei wir hier ausdrücklich keine ärztliche Beratung geben können.

Solltest du besondere Gesundheitsrisiken haben (zum Beispiel eine Immun- oder Autoimmunerkrankung, Blutgerinnungsstörung, Krebserkrankung,...) oder fühlst du dich sehr viel schlechter als sonst bei Infekten, dann kontaktiere den ärztlichen Notdienst und frage um Rat.

Insbesondere, wenn du schon ein paar Tage länger flachgelegen hast und/oder eine Kurzatmigkeit bei geringsten Anstrengungen bemerkst, lasse das ärztlich klären und deine Sauerstoffsättigung messen (dann ist auch der Notruf legitim, falls die Hausarztpraxis oder der Notdienst nicht erreichbar sind oder sich nicht zuständig fühlen). Zum Glück verlaufen aber mehr als 80 Prozent der Corona-Infektionen ohne Komplikationen.

Immer wieder gibt es bei den Schnelltests auch falsch-positive Ergebnisse. Genau deshalb ist die Bestätigung per PCR so wichtig (lass dich daher keinesfalls am Telefon abwimmeln sondern bleib hartnäckig!). Bei einigen Tests hängen diese falsch-positiven Resultate mit bestimmten Bakterien zusammen, die bei einigen Menschen in der Nasenschleimhaut leben.

Deren Proteine stören die Reaktion auf dem Teststreifen. Falls du Träger dieser Bakterien bist, dann wirst du wohl immer positive Ergebnisse bekommen. Du könntest dann den Schnelltest eines anderen Herstellers ausprobieren – zum Beispiel ein Testkit zum Gurgeln.

Tipp: Am besten lässt du dich bei deiner Apotheke beraten, falls du ein falsch-positives Ergebnis hattest.

4. Kann man beim Testen irgendwas falsch machen?

Ja – bitte lies unbedingt die Anleitung durch. Kurz: RTFM! Schau auch, was dort im Kleingedruckten steht (zum Beispiel, wie lange vorher man nicht gegessen oder die Zähne geputzt haben soll). Und führe den Abstrich bzw. das Gurgeln so durch, wie beschrieben. Vor allem: Nimm deine Probe unbedingt an der richtigen Stelle deines Körpers!

Konkret: Wenn du laut Anleitung vorn in der Nase popeln sollst, dann ist der Test genau dafür validiert und die beigefügten Pufferlösungen sind genau so zusammengemischt, um Viruspartikel aus der Nase gut aufzulösen. Spucke hingegen enthält Enzyme, die die Reaktion stören können. Also bitte bei diesen Tests nicht im Mund rumstochern! Umgekehrt enthält ein Gurgeltest eben Chemikalien, die speziell auf die physiologischen Bedingungen im Mund optimiert sind. Hier gehört also kein Material aus der Nase rein!

Die Viren sitzen in und auf den Schleimhäuten; du musst also irgendwie Material von dort herablösen – sei es durch gurgeln, popeln oder reiben (wie gesagt, steht in der Anleitung). Führe diesen Schritt sorgfältig durch, denn dein Test kann nur nachweisen, was auch in der Probe drin ist! Im Zweifelsfall: Lass dir die Durchführung von einem Experten zeigen oder frag in einer Apotheke nach!

Achte auch darauf, die Tests bei normaler Raumtemperatur zu lagern und durchzuführen. Forscher der Berliner Charité weisen in einer aktuellen Arbeit darauf hin, dass die Tests durchgeführt bei über 30°C nicht mehr zuverlässig sind – schon eine kurze Zeit bei 37°C kann dafür ausreichen, und das sollte man besonders im Sommer bedenken!

Tipp: Lies die Anleitung und frag im Zweifelsfall jemanden, der sich auskennt!

5. Machen Schnelltests Konzerte sicherer?

Allein der Schnelltest ermöglicht uns keine Rückkehr zur Normalität. Denn die Tests sind nicht perfekt, und es genügt ein einziger übersehener Superspreader unter den Besuchern.

Wenn du aber bei deinem Event ein gutes Hygienekonzept hast und eine sorgfältige Nachverfolgung gewährleistet ist, zum Beispiel über eine App wie Luca, dann ist der Schnelltest ein weiteres Sicherheitsnetz. Jeder Infizierte, der durch den Test erkannt wird, kann kein Virus mehr verteilen. Falls ein vom Test nicht erkannter Infizierter unter den Gästen ist, greifen hoffentlich die Hygienemaßnahmen. Kommt es bei deinem Event trotzdem zu Ansteckungen, hilft die Kontaktverfolgung, das Cluster sofort einzudämmen.

Der Test ist also kein Allheilmittel. Stell dir ein modernes Auto mit vielen Assistenz- und Warnsystemen vor. Klar, du fährst damit sicherer. Wenn du aber mit einem leichtsinnigeren Fahrstil auf das Mehr an Sicherheit reagierst, hast du unterm Strich nichts gewonnen.

Fazit: Der Schnelltest ist ein Glied in der Kette mehrerer Sicherheitsvorkehrungen gegen Corona.

6. Was muss ich denn bei einem Live-Event beachten?

Der Test sollte möglichst kurz vor dem Besuch durchgeführt sein, damit er aktuell ist. Inzwischen gibt es offizielle Teststationen, bei denen jeder mindestens einmal die Woche kostenlos einen Schnelltest und anschließend eine Bescheinigung bekommt. Eine solche aktuelle Bescheinigung könntet ihr von jedem Besucher fordern.

Bei den weiteren Hygienemaßnahmen ist vor allem das Thema Aerosole wichtig: Events sollten möglichst unter freiem Himmel oder in Räumen mit guten Belüftungsanlagen stattfinden.

Und, sorry, aber enges Zusammenstehen, Tanzen und Stagediving dürfte diesen Sommer noch unrealistisch bleiben. Stattdessen: Weist euren Gästen Plätze mit ausreichend Abstand zu, am selben Tisch sollten nur Personen aus demselben Hausstand sitzen oder Freunde, die auch gemeinsam Karten gekauft haben. In Innenräumen würde ich auf Masken nicht verzichten wollen. Im Freien bei ausreichend Abstand hingegen dürften Aerosole weit weniger gefährlich sein.

Auch die Bühne braucht Abstand zur ersten Reihe. Vielleicht passt also eher ein reduziertes akustisches Setting in diese seltsamen Zeiten. Und natürlich müssen auch du und deine Band sowie alle Mitarbeiter in Technik und Gastronomie einen aktuellen negativen Test haben.

Fazit: Am besten wählst du für ein Konzert eine Location unter freiem Himmel, zum Beispiel im Biergarten oder auf einer Wiese.

7. Sicher Proben mit der Band dank Schnelltest?

Wie oben erwähnt gibt dir der Schnelltest keine Garantie. Andererseits: Selbst Karl Lauterbach vertraut den Tests offenbar so sehr, dass er sich mit anderen Gästen zusammen in das Studio von Markus Lanz setzt. Aber: Auch hier halten die Gäste Abstand, es gibt kein Publikum, und in den TV-Studios dürften Klimaanlagen für einen sehr guten Luftaustausch sorgen!

Vermutlich wird euer Probenraum kaum die Bedingungen eines professionellen TV-Studios erfüllen. Gerade Sprechen und vor allem Singen setzen enorme Aerosolmengen frei. Überlegt daher, ob ihr nicht in Coronazeiten im Garten oder auf der Terrasse üben könnt. Vielleicht ein paar Dezibel leiser oder ganz ohne Verstärkung, aber vielleicht freuen sich ja sogar die Nachbarn, und ihr könnt einen Hut an den Zaun hängen ;-)

Ihr hättet dann eine doppelte Sicherheit: Der negative Schnelltest und eine gut durchlüftete Umgebung.

Fazit: Mit negativem Schnelltest probt ihr sicherer als ohne; draußen probt ihr sicherer als drinnen.

8. Was sollten wir in der Band sonst noch in Coronazeiten beachten?

Am wichtigste ist, dass ihr einander vertrauen könnt! Das bedeutet, jeder führt den Test kurz vor der Probe durch (Ergebnisse vom Vortag haben keine Aussagekraft mehr). Wer ein positives Ergebnis hat, kommt nicht zur Probe. Und wer gerade Erkältungssymptome oder gar Fieber, Husten oder starke Kopf- und Gliederschmerzen hat, sollte keinesfalls andere Menschen treffen – auch nicht mit negativem Testergebnis.

Das gegenseitige Vertrauen geht auch nach der Probe weiter: Hast du drei oder vier Tage später plötzlich Krankheitssymptome, dann informiere deine Bandkollegen und alle anderen persönlichen Kontakte sofort! Warte nicht erst auf ein Testergebnis oder gar auf die meist überforderten Behörden. Bedenke: Du könntest in den letzten Tagen bereits andere angesteckt haben, und die sollten sich nun ebenfalls isolieren. Ist der professionelle PCR-Test dann negativ, kannst du Entwarnung geben.

Solange das Virus noch sein Unwesen treibt und noch nicht der größte Teil der Bevölkerung geimpft ist: Meidet soziale Kontakte! Wenn ihr euch innerhalb der Band häufig trefft, reduziert unbedingt andere Begegnungen. Hast du häufig Kontakt mit einer sehr alten oder immungeschwächten oder anderweitig erkrankten Person, zum Beispiel, weil du diesen Menschen pflegst? Bitte überlege dir gut, ob die Band nicht noch ein paar Monate auf dich verzichten kann, bis du vollständig geimpft bist.

Fazit: Auch jenseits der Schnelltests gilt es, verantwortungsvoll zu handeln.

9. Wenn alle in der Band geimpft sind, sind wir dann sicher?

An dieser Stelle ein ganz vorsichtiges „ja“. Schon zwei bis drei Wochen nach der ersten Impfung scheinen die meisten Menschen vor einem schweren Verlauf geschützt. Es gibt gute Gründe, anzunehmen, dass man zwei bis drei Wochen nach der zweiten Impfung auch für andere keine große Gefahr mehr darstellt. Hier fehlen aber noch Daten!

Solltet ihr aber alle vollständig geimpft sein, spricht nach aktuellem Stand nichts mehr dagegen, dass ihr euch zum Proben trefft (was ggfs. aber rechtlich noch anders geregelt sein kann).

Fazit: Impfungen sind in Reichweite – bitte geht auf den letzten Metern der Pandemie keine unnötigen Risiken für euch selbst und andere ein!

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