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Unterschiedliche Modelle

Veranstaltungsbesuch mit App oder Impfnachweis: So ist die Lage im UK, Frankreich und Deutschland

Spezial/Schwerpunkt von Eva Dangelmaier
veröffentlicht am 23.07.2021

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Veranstaltungsbesuch mit App oder Impfnachweis: So ist die Lage im UK, Frankreich und Deutschland

© Nataliya Vaitkevich via Pexels

Großbritannien verlangt ab September einen Impfnachweis für den Besuch vieler Veranstaltungen, die Franzosen begnügen sich mit einem speziellen Gesundheitspass. Und wie sieht es in Deutschland aus?

Zum sogenannten "Freedom Day" am 19. Juli 2021 durften im Vereinigten Königreich sämtliche Theater, Clubs, Veranstaltungsorte sowie Geschäfte wieder ohne Kapazitätsbeschränkungen und Maskenpflicht öffnen. Das ist die eine Seite.

Die andere Seite ist: Für den Zugang zu vielen Veranstaltungsorten soll in der Zukunft der Impfstatus eine zentrale Rolle spielen.

Impfnachweis bald Pflicht

Der britische Premierminister Boris Johnson erklärte dazu, dass Einrichtungen wie Nachtclubs oder Konzerthäuser künftig nur noch Personen Eintritt gewähren dürfen, die vollständig gegen Covid-19 geimpft sind.

Die Regel soll künftig für alle Orte gelten, an denen sich große Menschenmengen versammeln. Nach Berichten von The Ticketing Business soll das auch Konzerte und Sportveranstaltungen einbeziehen. 

Kurswechsel der britischen Regierung

Dabei setzt die Regierung die Voraussetzungen anders um, als bei den Pilotveranstaltungen des Event Research Programms, wo die Gäste noch einen tagesaktuellen negativen Test vorweisen konnten, um Zugang zu den jeweiligen Events zu erhalten.

Grund für den Kurswechsel ist womöglich die noch immer geringe Impfrate bei jungen Britinnen und Briten. Laut Boris Johnson seien ungefähr 35 Prozent der 18- bis 30-Jährigen bislang ungeimpft. 

Die sogenannte Covid-Zertifizierung soll ab September von den Nachtclubs eingesetzt werden. Innerhalb dieses Zeitraum soll allen Erwachsenen im Land die Möglichkeit gegeben werden, beide Covid-Impfungen zu erhalten.

Live-Branche für Gleichbehandlung

Mitglieder der britischen Live-Branche begrüßen die Idee eines Impfnachweises. Branchenvertreter/innen hatten zum "Freedom Day" in erster Linie Gleichbehandlung gefordert: Clubs, Konzerthäuser oder Festivals sollten im Rahmen der Öffnungen nicht anders behandelt werden als andere Betriebe des Gastgewerbes. 

Viele Festivals und große Veranstaltungsorte hatten auch bereits vor dem "Freedom Day" angekündigt, einen Impf- oder Genesenennachweis bzw. einen aktuellen negativen Test als Voraussetzung für den Zutritt zu der jeweiligen Veranstaltung zu verlangen. Ab September könnten aber negative Tests nicht mehr ausreichend sein. 

Greg Parmley, Hauptgeschäftsführer von LIVE, einer Vereinigung der britischen Livebranche, erklärt, die Branche sei auf diese Art von Zugangskontrollen gut vorbereitet. Gleichzeitig betont er erneut die Bedeutung einer Gleichbehandlung mit anderen Wirtschaftszweigen: 

"Die Regierung hat in den vergangenen sechs Monaten verschiedenste Positionen zum Thema Impfnachweis bzw. Covid-Zertifikat. Es bleibt abzuwarten, wie die Details des nun geforderten Dokuments tatsächlich aussehen. Erst dann können wir die Folgen für die Musikindustrie abschätzen."

Frankreichs pass sanitaire

Frankreich ist Großbritannien hinsichtlich der Zertifizierung bereits einen Schritt voraus, geht jedoch nicht so weit. Hier wurde am 21. Juli 2021 der sogenannte pass sanitaire eingeführt. Dieser "Gesundheitspass" zertifiziert, dass die Inhaberin bzw. der Inhaber geimpft oder genesen sind, akzeptiert aber im Gegensatz zu Großbritannien auch ein negatives Testergebnis in den letzten 48 Stunden.

Der pass sanitaire muss in Frankreich künftig in Kinos, Sportarenen und an anderen kulturellen Veranstaltungsorten bzw. Events vorgezeigt werden – immer dann, wenn sich mehr als 50 Leute an einem Ort versammeln. Im August wird der Geltungsbereich auch auf Restaurants, Cafés und Einkaufszentren ausgedehnt. 

Gleichzeitig entfallen Kapazitätsbeschränkungen und Maskenpflicht, es sei denn, diese werden durch eine lokale Verfügung wieder in Kraft gesetzt. Für Minderjährige zwischen zwölf und 17 Jahren gibt es außerdem eine Ausnahmeregelung bis zum 30. August. So haben Familien Zeit, ihre Kinder impfen zu lassen.

Gemischte Reaktionen

Die Reaktionen auf den pass sanitaire fallen gemischt aus. Präsident Macron hob den Gesundheitspass als Gleichgewicht zwischen Schutz und Freiheit hervor. Doch gleichzeitig führten die Ankündigung von Pass und Pflichtimpfung für alle Mitarbeitenden des Gesundheitswesens bis September zu Massenprotesten mit mehr als 100.000 Menschen.

Von Seiten der französischen Livebranche gibt es derzeit keine Stellungnahmen zum Gesundheitspass. Jedoch regt sich unter den Musizierenden Widerstand: Nachdem etwa die französische Rap-Gruppe IAM eine Tour wegen eines Covid-Falles in der Band absagen musste, kritisierte der Band-Leader Ahenaton den pass sanitaire und die Impfpflicht für Angestellte im Gesundheitswesen scharf.  

Und in Deutschland?

Die Reaktionen der deutschen Politik auf die zwischenzeitliche Entspannung der Pandemielage ist deutlich zögerlicher als in Großbritannien oder Frankreich: Bedingungslose Lockerungen sind nach wie vor nicht vorgesehen, bei niedriger Inzidenz greifen noch immer von den Ländern festgelegte, inzidenzabhängige Konzepte.

Eine Impfpflicht wird es hierzulande nicht geben – auch nicht für bestimmte Berufsgruppen nach französischem Vorbild. Dies betonte Bundeskanzlerin Angela Merkel bei einem Besuch des RKI Mitte Juli erneut

Der freie Wille

Eine Pflicht, für den Besuch von Veranstaltungen den Covid-Status mit einer App nachzuweisen, besteht in Deutschland nicht.

Zwar ruft die Bundesregierung noch immer zur Benutzung der Corona-Warn-App auf, die diese Möglichkeiten bietet; auch die umstrittene Luca-App zur Kontaktnachverfolgung bietet Möglichkeiten, den Impf- oder Teststatus zu erfassen – ebenso wie das digitale Impfzertifikat. Alternativ kann man aber vielerorts auch einfach seinen Namen und seine Kontaktdaten schriftlich hinterlassen. 

Die Verwendung offizieller oder privater Apps basieren hingegen wie auch die Impfentscheidung auf Freiwilligkeit. Für die Veranstaltungsbranche könnte genau diese Freiwilligkeit ein Problem darstellen, das die Möglichkeit von Großveranstaltungen empfindlich beeinflussen: Eine höhere Impfquote bedeutet potentiell auch mehr Lockerungen und damit zunehmende Möglichkeiten für (Groß-)Veranstaltungen. 

Kosten/Nutzen

So könnte es sein, dass – auch wenn eine "Impfpflicht" oder "App-Pflicht" ausbleibt – die Veranstaltungsbranche künftig zunehmend auf digitale Technologien setzen wird, um die Einlasskontrollen zu gestalten. Dass der Einlass dabei vornehmlich Geimpften gestattet wird, ist durchaus möglich.

Erst vor wenigen Tagen hatte Semmel Concerts-Geschäftsführer Dieter Semmelmann im Zuge seiner Forderung, im September endlich wieder Konzerte in vollen Hallen zu erlauben, angedeutet, Nicht-Geimpften den Zutritt für "eine begrenzte" Zeit zu verwehren: Die Eventbranche benötige endlich wieder den Rückgang zum Normalbetrieb, um die Einnahmeeinbußen durch die Maßnahmen zur Bekämpfung der Pandemie zu kompensieren. 

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