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Wie TikTok die Charts beeinflusst und alte Songs wiederbelebt

Spezial/Schwerpunkt von Karla the Fox
veröffentlicht am 06.07.2021

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Wie TikTok die Charts beeinflusst und alte Songs wiederbelebt

TikTok macht unbekannte Songs zu Hits und belebt alte Klassiker wieder. © cottonbro via Pexels

Trotz großer Veränderungen hinsichtlich Usern und Inhalten spielt Musik auf TikTok noch immer eine große Rolle. Manche TikTok-Clips gehen viral und machen die verwendeten Songs, darunter auch eigentlich längst vergessene Stücke, (wieder) populär. Was hat es mit dem Phänomen auf sich?

2014 kam eine App namens musical.ly auf den Markt, mit der Nutzerinnen und Nutzer Playback-Videos veröffentlichen konnten. Sie wurde schnell erfolgreich und vom chinesischen Medienunternehmen ByteDance aufgekauft.

m August 2018 wurde TikTok dann überraschend zum Nachfolger der App musical.ly. Marke, Design und Konzept haben sich geändert, doch die meisten User blieben. Inzwischen sind über 500 Mio. Nutzer/innen weltweit aktiv.

Musik und TikTok gehören zusammen

Zuerst waren auf TikTok nur 15 Sekunden lange Videos erlaubt, dann wurde die Grenze auf 60 Sekunden angehoben. Aktuell wird die Option für 3-minütige Videos ausgerollt.

Um diese Zeit mit Inhalt zu füllen, stellt TikTok unter anderem eine umfassende Bibliothek aus Sounds bereit. Diese beinhaltet Originalsongs, von denen verschiedene Stellen ausgekoppelt werden, aber auch Remixe und Ö-Töne, die von den Usern aufgenommen und zur Verwendung freigegeben wurden.

Die Sounds spielen eine große Rolle in der Popularität des sozialen Netzwerks. Außerdem ist es dafür bekannt, dass einzelne Videos hier noch über Nacht enorme Reichweiten gewinnen können. Das bewirkt wiederum, dass auch die Musik viral gehen kann.

"Old Town Road" von Lil Nas X zählt als erster TikTok Hit

Der Track "Old Town Road" ist laut der Neuen Zürcher Zeitung der "erste Tiktok-Megahit der Weltgeschichte." Hinter dem Hit steht Lil Nas X, ein damals unbekannter Musiker, der im Dezember 2019 seinen Song auf Soundcloud hochlud. Es war ein kurzes Stück von nur 53 Sekunden Länge, hatte einen eingängigen, sich wiederholenden Beat und nutzte eine noch selten gehörte Mischung aus Rap und Country.

Der Song wurde kurz darauf von TikTokern gefunden und für Videos verwendet, in denen sie sich in Cowboys und -girls "verwandeln" – es wird mit TikTok-typischen Schnitten gearbeitet, die eine scheinbare Verwandlung erzeugen. Leichte Grundkonzepte wie dieses, die jede/r auf seine oder ihre Art umsetzen kann, sind beliebt auf der App.

"Old Town Road" stieg in die Country Charts ein, wurde aber wieder entfernt, da es "zu wenig Country-Elemente enthielt". Also stieg Country-Musiker Billy Ray Cyrus mit ein und veröffentlichte eine neue Version des Songs mit Lil Nas X. Diese blieb dann 19 Wochen lang auf Platz 1 der Billboard Charts. Ein Rekord! Auch in Deutschland, Österreich und der Schweiz erreichte der Song Platz 1.

Auswirkung auf die Charts sind nicht immer eindeutig, aber beeinflussbar

Im Fall von Lil Nas X ist die Sache klar: Sein Song, und damit auch er selbst, wurden durch TikTok erfolgreich. Die Cowboy-Challenge (auch #YeeHawChallenge) kam auf, bevor der Musiker bekannt war.

Wenn ein Künstler oder eine Künstlerin aber schon vorher populär war, ist die Wechselwirkung zwischen TikTok und Charts schwerer zu erfassen. Trendet ein Song auf der App, weil er häufig im Radio oder in Streaming Playlists gespielt wird oder umgekehrt?

Auf jeden Fall erreichen Sounds über TikTok ein großes Publikum: Das nutzen Künstlerinnen und Künstler inzwischen aktiv. So hat die Sängerin Ashnikko ihre Single "Slumber Party" intensiv über bezahlte Werbung vermarktet, während Dua Lipa ihre Fans dazu aufgerufen hat, Videos zu ihrem Song "Levitating" aufzunehmen. Einige davon hat sie ausgewählt und zu einem neuen offiziellen Musikvideo zusammengeschnitten.

Viele Songs werden aufgrund ihrer Lyrics zum Trend

In die Kategorie ‚TikTok-Trend wegen Lyrics‘ fällt "Levitating" ebenfalls. Es gibt nämlich eine Stelle, an der Dua Lipa singt: "You want me / I want you baby!"

Diese Zeile greifen TikTok-Nutzer*innen auf, um zu zeigen, was sie haben wollen. Das kann romantisch gemeint, also auf eine Person bezogen sein. Doch in vielen Videos geht es auch um Essen, eine gute Runde Schlaf oder darum, plötzlich reich zu werden. Eben alles, was man eventuell haben möchte. Das wird zu den Lyrics präsentiert oder erwähnt.

Für solche Trends genügen bereits ein paar prägnante Worte, die dann zu einem audio-visuellen Meme werden. Die User möchten mit den Songtexten etwas aussagen.

Von Pathos und Soziopathen

Ein anderes interessantes Beispiel dafür ist "I Wanna Be Your Slave" von Måneskin, die den diesjährigen ESC gewonnen haben, allerdings mit einem anderen Song.

"I Wanna Be Your Slave" wurde auf TikTok wegen zwei Stellen beliebt: Dem Refrain, der anzüglich gemeint ist und wegen der Zeile "I’m crying all my tears / and that’s fucking pathetic". Damit lässt sich aussagen, was man eben pathetisch findet.

Ähnliche Beispiele sind: Die Single "good 4 u" von Olivia Rodrigo, besser bekannt und wohl häufiger gesucht als "like a damn sociopath", "SOS" von Rihanna (Aussage: SOS, bitte hilf mir jemand!), "Oh No" von Kreepa, weil man mit dem "oh no no no" so schön Pannenvideos untermalen kann, oder "Unstoppable" von Sia. Zu letzterem erzählen TikToker-User, welchen widrigen Umständen zum Trotz sie stark bleiben und wie sie ihre Ziele verfolgen.

Wie alte Songs durch TikTok wieder bekannt werden

Es gibt mehrere Wege, warum ein vergessen geglaubter Song plötzlich wieder im Trend ist: Der erste Weg ist durch seinen Text. Das Konzept der zur Message passenden Lyrics kann auch auf ältere Songs zutreffen.

Hierfür ist ein unterhaltsames Beispiel "Bye Bye Bye" von der Boyband *NSYNC. Der Hit aus dem Jahr 2000 wird komplett aus dem Kontext gerissen und ist gerade im Pride Month (Juni) sehr beliebt. Gesungen hört sich die Hook nämlich auch an wie "Bi Bi Bi". Die Stelle wird deswegen in Videos verwendet, die Bisexualität thematisieren, meistens auf lustige, positive Weise.

Noch im Winter war "It’s Tricky" von RUN DMC (1986 veröffentlicht) populär. Bei diesem Trend stellte man sich selbst vor die Wahl aus zwei "tricky" Optionen und entschied sich zum Sound von RUN DMC für eine.

Neuerdings ist "I Can’t Decide" von den Scissor Sisters aus dem Jahr 2006 beliebt. Zum Text "I can’t decide whether you should live or die” können gut die eigenen Bösewicht-Schauspielkünste präsentiert werden. Wie diese gibt es unzählige weitere Beispiele, die sich in wenigen Tagen ändern können.

Atmosphärisch

Manchmal ist es nicht der Text, sondern die Stimmung, die zu dem passt, was man veröffentlichen möchte. Das trifft auf den Remix des Linkin Park-Hits "In The End" von Mellen Gi zu. Die kalt-beeindruckende Stimmung der Version eignet sich ideal für Naturaufnahmen von Drohnen und ähnliche Szenerien.

Der Remix ist neu, doch der ursprüngliche Song ist 20 Jahre alt. Doch das ist noch gar nichts! "Bongo Cha Cha Cha" von Caterina Valente stammt aus dem Jahr 1960, wurde nun aber wegen seines gutgelaunten Rhythmus wiederbelebt.

Trendsetter

Einige Videos gehen viral und "nehmen dabei die Musik mit", die sie beinhalten. Ein Beispiel dafür ist "Dreams" von Fleetwood Mac. Das Lied erschien 1977. Ein TikToker mit dem Usernamen 420dogface208 hat ihn verwendet, während er lässig über eine Straße in den Sonnenuntergang skatet und dabei Cranberry-Saft trinkt.

Die Entspanntheit und die Art, wie er mitsingt, haben dafür gesorgt, dass das Video über 12 Mio. mal gesehen wurde. "Dreams" kam wieder auf Platz 21 der US-Charts und auch Stevie Nicks selbst machte eine Anspielung auf den Clip auf TikTok. Ob dieses Phänomen zu Nicks‘ Entscheidung beigetragen hat, Songrechte zu verkaufen?

Alte Songs als Content-Konzept

Es gibt TikTok-Accounts, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, auf vergessene Musikstücke hinzuweisen oder Nostalgie auszulösen. Das sind vor allem DJs, die ihr Repertoire zeigen, oder ältere TikTok-User. Außerdem gibt es ein Format, bei dem Kind und Eltern nebeneinanderstehen und schauen, welche alten oder neuen Songs sie aus einem Medley kennen.

Tänze und Challenges

Formate wie Tänze und Challenges erinnern noch am ehesten an die musical.ly Zeiten. Eine Person, manchmal der Musiker selbst, denkt sich einen Tanz zu einem Song aus. Wenn die Bewegungen gut nachzuahmen sind, werden andere User mit einstimmen.

In diese Kategorie fällt eine weitere interessante TikTok-Erfolgsgeschichte: Der neuseeländische Schüler Jawsh 685 hat einen instrumentalen Track namens "Laxed (Siren Beat)" produziert und ein sehr einfaches Tanzvideo dazu hochgeladen.

Ganz unerwartet wurden Jawshs Move zum Trend, unterstützt durch den Stolz der Neuseeländer auf die Stilrichtung des Siren Jam. R&B-Sänger Jason Derulo griff den Tanztrend auf und nutzte den Siren Beat für seinen neuen Song "Savage Love". Nach einem kurzen Rechtsstreit arbeitete Derulo mit Jawsh 685 gemeinsam und die Nummer wurde zum Sommerhit 2020.

Andere Songs, die aktuell für Dance Challenges genutzt werden, sind "Hotel Room Service" von Pitbull (dazu sollen Posen des eigenen Celebrity Crush’s nachgestellt werden) sowie "Sexy Back" von Justin Timberlake. Für letzteres wurde ein Tanz erdacht, den man mit mehreren Freunden im Kreis tanzt.

Wie sieht es aus mit dem Urheberrecht und der Lizensierung?

Die überraschenden Erfolge haben ihre Vorteile. Doch lange Zeit wurde keine Musikerin und kein Musiker dafür entlohnt, dass ihr oder sein Track auf TikTok verbreitet wurde. Es gab keine Lizenzvereinbarung. Die Nutzer/innen gingen allerdings davon aus, dass es eine gibt, ähnlich wie bei Spotify.

Ein Artikel auf anwalt.de erklärt die paradoxe Situation sehr gut: Die App ist mehr oder minder dafür gemacht, die Songs zu nutzen. Doch offiziell müssten sich die User um die Rechte kümmern. Die Konstellation war von den Kreativen geduldet, da man den "Kindern nicht den Spaß verderben wollte" und nicht bewirken wollte, dass sie von ihren Idolen verklagt werden. Außerdem erkannte man das Marketing-Potenzial der viralen Verbreitung.

Dennoch war eine bessere, fairere Regelung überfällig. Es wurden globale Deals zwischen TikTok und den Major-Plattenfirmen Sony Music, Warner Music und der Universal Music Group geschlossen. Wie hoch die Vergütung für Urheber/innen ausfällt, wurde nicht berichtet, doch sie sei "angemessen" – und die Verantwortung liegt nun nicht mehr bei den Usern.

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