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Chancen und Risiken von Live-Videos als Marketinginstrument für Musiker und Bands

Tipps für Musiker und Bands von Daniel Nagel
veröffentlicht am 12.07.2019

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Chancen und Risiken von Live-Videos als Marketinginstrument für Musiker und Bands

Live-Videos als Marketinginstrument. © Kyle Loftus / Pexels

Moderne Technik ermöglicht Bands und Musikern jedes Kalibers die Herstellung von Live-Videos. Allerdings werden Chancen eines guten Live-Mitschnitts genauso unterschätzt wie die Folgen schlechter Live-Videos.

Das Musikvideo hat sich seit Entstehung der modernen Popmusik in den 1950er Jahren dramatisch gewandelt. Seit den 1960er Jahren wurden Promo-Clips im Fernsehen gesendet, aber erst mit dem Start von MTV im Jahr 1981 trat das Musikvideo seinen Siegeszug an. Es begann ein goldenes Zeitalter der Musikvideoproduktion, das bis in die 2000er Jahre andauerte.

Erfolg auf beiden Seiten des Atlantiks

Plötzlich waren Musikvideos in aller Munde. Plattenfirmen überboten sich darin, die neueste Technologie in ihren Clips zu verwenden. Videos wie "Take On Me" von a-ha oder "Sledgehammer" von Peter Gabriel entwickelten eine ganz eigene Bildsprache und wurden stilprägend für die folgenden Jahrzehnte.

Als MTV Europe im Jahr 1987 startete, entwickelte sich der über Satellit und Kabel empfangbare, englischsprachige Sender für viele Jugendliche zu einem zentralen musikalischen Bezugspunkt. Die Plattenfirmen bedienten diesen Markt gerne und nutzten Musikvideos, um Tonträger zu verkaufen.

Der Erfolg war so groß, dass mit VIVA 1993 ein rein deutschsprachiger Musikvideokanal an den Start ging. Viva etablierte sich ebenso schnell und trat einen kurzen, aber eindrucksvollen Siegeszug an. Prominente wie Stefan Raab, Klaus Heufer-Umlauf und Charlotte Roche begannen dort ihre Karriere.

Der Wandel des Musikvideos

Im Jahr 2019 hat sich die Situation grundlegend gewandelt. Früher verfügten nur große Bands oder Solokünstler mit entsprechend finanzstarken Labels im Hintergrund über die Möglichkeiten ein aufwändiges Musikvideo zu produzieren. Kleineren Bands blieb nur übrig, auf einen Underground-Look zu setzen, wenn sie sich überhaupt ein Musikvideo leisten wollten.

Dank moderner Digitalkameras und Smartphones haben sich die technischen Möglichkeiten stark erweitert. Heute können auch kleine Bands ein mehr oder weniger professionelles Musikvideo produzieren. Genauso stark gewandelt hat sich aber das Umfeld: Viva ist seit 2018 nicht mehr auf Sendung und MTV zeigt vornehmlich Reality-Shows. Inzwischen spielt die Musik an einem anderen Ort: auf Youtube und anderen Social-Media-Plattformen.

Das konsumentenorientierte Musikvideo heute

Dass Musikvideos nach wie vor als Karrieresprungbrett taugen, zeigen nicht nur spektakuläre Einzelfälle, sondern auch die zahlreichen Youtube-Stars der Gegenwart. Hier zählen aber nicht unbedingt spektakuläre Produktionen, die es nach wie vor gibt, sondern die direkte Verbindung zu den Fans und Followern.

Das Musikvideo erfreut sich also im Hinblick auf Fans und Konsumenten nach wie vor großer Beliebtheit. Wer aber nicht das Glück hat, auf Youtube so viele Follower zu generieren, um das Interesse von Plattenfirmen hervorzurufen, muss keineswegs resignieren.

Neue Möglichkeiten

Im Gegensatz zu früheren Jahrzehnten gibt es nämlich noch einen ganz anderen Weg, Videos zur eigenen Vermarktung einzusetzen, genauer gesagt Live-Videos. Video-Mitschnitte von Live-Performances können als Marketinginstrument dienen, um Booker und Veranstalter von den eigenen Live-Qualitäten zu überzeugen.

Noch vor wenigen Jahrzehnten stellten Live-Aufnahmen Regisseure vor große Herausforderungen. Filmkameras waren nicht zum Aufzeichnen stundenlanger Konzerte geeignet und überhitzten nach längerer Betriebsdauer. Ein berühmter Fall ist "The Last Waltz" von Martin Scorsese.

Der technische Aufwand und die hohen Kosten sorgten dafür, dass sogar bekannte Bands und Künstler bei ihren Live-Auftritten oft nur kurz gefilmt wurden. Während von einer unermüdlichen Liveband wie The Grateful Dead tausende Live-Mitschnitte existieren, sind Live-Videos der Band vor Ende der 1970er außerordentlich rar. Diese Aussage kann man problemlos auf so gut wie alle großen Acts der 1960er und 1970er-Jahre übertragen.

Dank des digitalen Fortschritts haben es heutige Künstler wesentlich leichter. Während Konzertaufnahmen in früheren Jahrzehnten nur schwer zu organisieren oder finanzieren waren, sind sie heute dank moderner Digitalkameras auch für kleinere Bands erschwinglich.

Das Musikvideo als Marketinginstrument

Die zunehmende Verfügbarkeit hat logische Effekte: Wenn Booker nicht in der Lage sind, eine Band selbst in Augenschein zu nehmen, sehen sie sich Live-Videos ihrer Auftritte an, da sie dadurch erkennen können, wie sich der Act auf der Bühne präsentiert. Bühnenpräsenz, Interaktion mit dem Publikum, instrumentelle Fähigkeiten, Energie, Leidenschaft, Charme und Charisma sind hier die Stichworte.

Ein "echtes" Musikvideo dient vornehmlich dazu, die Musik über eine visuelle Darstellung Fans und Konsumenten näherzubringen, lässt sich aber für junge, aufstrebende Acts möglicherweise nur schwer refinanzieren. Anders bei Live-Videos: Da die Bedeutung des Live-Marktes ständig wächst, ist es für Bands wichtig, an ihm teilzunehmen. Ein gutes Live-Video kann genau diese Funktion erfüllen, da es Booker überzeugen kann, die Band zu verpflichten. 

Bands können also mit guten Live-Videos beruflich vorankommen: mehr Gigs spielen, mehr Kontakte knüpfen – und im Idealfall mehr Geld verdienen. Aber nicht alle Bands nutzen die Möglichkeiten von Live-Videos. Die Gründe sind vielfältig.

Viele Musiker unterschätzen noch immer die Bedeutung von Live-Videos. Während sie bereit sind, viel Arbeit, Geld und Studiozeit in die Produktion eines Musikvideos zu investieren, ist für ein gutes Live-Video häufig kein Geld vorhanden.

Herausforderungen in Bild und Ton

Zudem stellen Live-Videos Bands und Musiker vor nicht geringe Herausforderungen. Im Gegensatz zu Musikvideos, für die zahlreiche Drehorte zur Verfügung stehen, ist das Setting eines Live-Videos naturgemäß auf Orte beschränkt, wo tatsächlich auch live gespielt wird, nämlich Clubs, Hallen und Festivalgelände.

Das verlangt von den Bands, sich mit den jeweiligen Veranstaltern zu arrangieren, wenn sie den Auftritt filmen wollen. Die Aufzeichnung von Clubkonzerten ist aber häufig mit Problemen verbunden. Kleine Clubs sind für die Aufzeichnung von Live-Auftritten häufig ungeeignet, weil geeignete Positionen zum Filmen fehlen oder das Licht zu schlecht ist. Dann benötigt eine Band tatsächlich professionelle Unterstützung, um das Beste aus der Situation zu machen.

Ein noch größeres Problem ist der Sound. Während Bands für "echte" Musikvideos ihre Studioaufnahmen verwenden können, erfordert die Aufzeichnung des Live-Sounds zusätzliche Ressourcen wie einen eigenen Toningenieur, der natürlich auch bezahlt werden muss.

Auf Qualität achten

Aufgrund des Aufwands und der Kosten entscheiden sich viele Bands dafür, mit dem Handy mitgefilmte Live-Videos auf ihrem Social Media-Kanälen zu posten. Die häufig dunklen, verwackelten Aufnahmen sind aber kein Aushängeschild, sondern schrecken Betrachter aufgrund ihrer schlechten Bild- und Soundqualität ab.

Bands stehen dabei vor einer paradoxen Situation: Sie wollen ihre Live-Qualitäten dokumentieren, schneiden sich aber ins eigene Fleisch, indem sie Videos online stellen, die nicht geeignet sind, dieses Ziel zu erreichen. Daher gilt: Lieber kein Live-Video als eines, das die Band von einer schlechten, weil unprofessionellen Seite zeigt.

Mit Profis sprechen

Was sollten Bands angesichts dieses Dilemmas tun? Zunächst sollten sie sich professionelle Unterstützung besorgen. Es hilft sich aktiv auf die Suche nach einem Videoproduzenten zu machen, der einen Live-Auftritt der Band filmt.

Toningenieure, Studiobetreiber, Live-Mischer, Veranstalter, Booker, befreundete Bands und Musiker sind alle möglichen Anlaufquellen, um die richtige Person zu finden und die euch eventuell preislich entgegenkommt. Wenn solche Videoproduzenten aus einem musiknahen Umfeld kommen, wissen sie, dass eine junge Band nicht über so viel Geld verfügt wie etablierte Acts.

Lassen mehrere Bands an einem Abend ihre Show aufzeichnen, kann euch ein Videoproduzenten zudem häufig einen geringeren Preis pro Band anbieten, da er nur einmal mit seinem Equipment für alle anrücken muss. Es kann es sich daher lohnen, weitere Bands ins Boot zu holen.

Initiative ergreifen, flexibel reagieren

Ideal ist es natürlich, wenn der Festival-Veranstalter oder Clubbetreiber selbst eine Filmcrew organisiert hat, um das Konzert oder das Festival aufzuzeichnen. In den meisten Fällen müssen Bands Geld bezahlen, um das Video zu erhalten, aber insbesondere bei gemeinnützigen oder mit öffentlichen Geldern finanzierten Veranstaltungen kann es auch sein, dass die Veranstalter die Videos kostenlos bereitstellen.

Manche Clubbetreiber haben daraus sogar ein Geschäftsmodell gemacht: Sie zahlen der Band nur eine Unkostenpauschale, bieten ihnen aber dazu ein Video ihres Auftritts an. Das kann je nach Qualität von Video und Performance ein guter Deal sein.

Insgesamt lohnt es sich die Augen und Ohren offen zu halten und schnell auf Möglichkeiten zu reagieren, wenn der eigene Auftritt auf Video festgehalten werden soll. Es kann sich bezahlt machen.

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