Auf der Suche nach Lösungen
Der Ticketzweitmarkt bleibt ein Problem für Veranstalter, Künstler und Musikfans
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© Josh Sorenson via pexels.com
Der kommerzielle Ticketzweitmarkt, also der Wiederverkauf von bereits erworbenen Eintrittskarten mit Gewinnabsicht, hat sich in den letzten Jahren zu einem immer größeren Geschäft entwickelt. Professionelle Wiederverkaufsplattformen erzielen hohe Gewinne auf dem Rücken von Verbrauchern, Veranstaltern und der Kulturbranche insgesamt.
Die Bundesregierung will dagegen vorgehen. Im Koalitionsvertrag (S. 87) hat sie Maßnahmen angekündigt, um den Ticketzweitmarkt transparenter zu gestalten:
"Wir wollen den Ticketzweitmarkt für Sport- und Kulturveranstaltungen stärker regulieren, um Verbraucher vor überhöhten Preisen, Intransparenz und betrügerischen Verkaufspraktiken zu schützen und Veranstalter besser in die Lage zu versetzen, sich gegen unlauteres Verhalten von Ticketspekulanten zur Wehr zu setzen. Dazu wollen wir insbesondere Preisobergrenzen ermöglichen, Transparenz über den Preis und die Verkäufer der Tickets herstellen und Plattformen dazu verpflichten, gemeldete Falschangaben nach dem "notice and takedown"-Prinzip zu entfernen und dafür ein Meldesystem vorzuhalten."
Intransparenz als Grundprinzip
In diesem kurzen Absatz sind die meisten Probleme des aktuellen Ticketzweitmarkts zusammengefasst. Zunächst werden auf Ticketzweitbörsen Eintrittskarten zu weitaus überhöhten Preisen angeboten. Aus marktwirtschaftlicher Sicht ist das alles andere als überraschend, denn ansonsten würden Zweitverkäufer keinen Gewinn erzielen.
Die meisten Wiederverkaufsplattformen präsentieren sich mit einem professionellen, technisch gut gestalteten Webauftritt, der nur schwer oder gar nicht erkennen lässt, dass es sich hier nicht um originäre Ticketanbieter, sondern um Wiederverkaufsplattformen handelt. Schon in dieser Hinsicht herrscht die von der Bundesregierung kritisierte Intransparenz.
An der Spitze der Trefferliste
Besonders Viagogo investiert massiv Geld in Google-Anzeigen, so dass die Plattform bei vielen Suchanfragen auf dem ersten Platz der Ergebnisliste landet. Unerfahrene Konzertbesucher könnten daher leicht vermuten, bei Viagogo handele es sich um einen originären Ticketverkäufer.
Die Wiederverkaufsplattform Ticketbande nennt sich hingegen auf der Website "Ihr Ticketsuchportal für den Sekundärmarkt" und fügt hinzu: "Die hier ausgewiesenen Preise können höher oder niedriger als der aufgedruckte Originalpreis sein."
Fragwürdige Praktiken
Eigentlich müssten Wiederverkaufsplattformen beim Weiterverkauf von Tickets den originalen Ticketpreis anzeigen, doch während Ticketbande dieser gesetzlichen Verpflichtung nachkommt (wenngleich in sehr kleiner, blasser Schrift), ist bei Viagogo nichts zu dergleichen finden.
Aber auch Ticketbande ist keineswegs stets vor fragwürdigem Handeln gefeit. So wollte der Ticketanbieter kein 14-tägiges Widerrufsrecht für Online-Käufe gewähren. Dagegen klagten die Verbraucherzentralen und setzten sich vor dem Kammergericht Berlin durch.
Unbekannte Herkunft und überhöhte Gebühren
Ein schwerwiegendes Problem aller Zweitanbieter ist die Intransparenz hinsichtlich der Quelle der Konzerttickets. Stammen sie von Privatverkäufern oder von gewerblichen Wiederverkäufern oder werden sie sogar von der Plattform selbst angeboten? Wenn die Plattform lediglich als Vermittler auftritt, kann sie nur bedingt überprüfen, ob die Karten tatsächlich legitim sind.
Der Erwerb von Eintrittskarten auf den Wiederverkaufsplattformen ist zudem häufig mit weit höheren Gebühren verbunden, als bei originären Tickethändlern. Die Bundesregierung will nach den im Koalitionsvertrag enthaltenen Plänen gegen beide Probleme vorgehen, wobei die Details noch völlig unklar sind.
Weiterverkauf zum ursprünglichen Preis
Einige Bands und Solokünstler wie Rammstein oder Ed Sheeran gehen seit Jahren entschlossen gegen Wiederverkaufsplattformen vor. Mit personalisierten Tickets oder E-Tickets, die erst kurz vor dem Konzert verschickt werden, wollen sie den Weiterverkauf verhindern oder erschweren.
Zudem bieten große Ticketanbieter wie Eventim oder Ticketmaster ihre eigenen Wiederverkaufsplattformen wie fanSALE oder Ticketmaster Resale an, die nur den Weiterverkauf zum ursprünglichen Preis oder mit einem relativ geringen Aufschlag erlauben.
Überteuerte Tickets ohne Zutrittsberechtigung
Dennoch finden sich Angebote für derartige Shows auch auf den Seiten der großen Zweitverkaufsplattformen – obwohl die auf diese Weise erworbenen Karten möglicherweise gar nicht zum Besuch des Events berechtigen. Bei Stadionkonzerten von Mega-Stars stellen Fans regelmäßig fest, dass die vermeintlich bei einem seriösen Anbieter erworbenen Karten wertlos sind und sie im schlimmsten Fall das Konzert verpassen.
Die Ticketplattformen stört das nicht sonderlich. Die ABGs von Ticketbande enthielten sogar einen Passus, dass Käufer "für die Vermittlung personalisierter Eintrittskarten auch dann eine Vergütung zahlen müssen, wenn ihnen der Eintritt zur Veranstaltung verweigert wird". Dagegen klagte die Verbraucherzentrale und gewann vor dem Kammergericht Berlin.
Wenn die Bundesregierung ihre Pläne umsetzt, könnten Zweitticketplattformen bald gezwungen sein, Angebote, die gegen die ABGs der ursprünglichen Veranstalter verstoßen – etwa, weil der Weiterverkauf nicht gestattet ist – nach dem Notice- und Takedown-Prinzip von ihrer Seite zu löschen.
Kommt die Preisobergrenze?
Wenn die Bundesregierung ihre Ankündigung wahr macht und Preisobergrenzen für den Wiederverkauf einführt, könnte das Geschäftsmodell der Zweitverkaufsplattformen einen schweren Schlag erhalten.
Zum aktuellen Zeitpunkt ist aber nicht klar, wie hoch die Preisobergrenzen für den Ticketweiterverkauf tatsächlich sein werden, denn die Bundesregierung hat noch keine konkreten Ideen dazu entwickelt.
Ähnliche Pläne der britischen Regierung führten jedenfalls dazu, dass der Ticketzweitverkäufer StubHub mit der Einstellung seiner Geschäftstätigkeit drohte. Ob das ein Verlust wäre, lassen wir dahingestellt.
Zudem beriefen sie sich auf eine dubiose Studie, nach der der britischen Wirtschaft Einbußen von 180 Millionen britischen Pfund drohen, wenn Ticketkäufer ungenutzte Tickets verfallen lassen, statt ihre Karten mit Gewinn weiterzuverkaufen.
Studie mit fragwürdigen Ergebnissen
Dieses Ergebnis beruht allerdings auf einer äußerst fragwürdigen Annahme. Es erscheint unwahrscheinlich, dass Ticketverkäufer, die ein Event nicht besuchen können, ihre Karten einfach ungenutzt verfallen lassen, anstatt sie zum ursprünglichen Preis auf Wiederverkaufsplattformen anzubieten.
Eine in dieser Studie geäußerte Befürchtung ist allerdings nicht von der Hand zu weisen. Die Einführung einer Preisobergrenze könnte in der Tat dazu führen, dass ein Teil des Ticketzweitmarkts auf Social Media-Plattformen abwandert, wo überhaupt kein Schutz vor Ticketbetrug besteht.
Ticketbetrug mit Social Media und KI
Dem Autor dieses Artikels ist ein Fall bekannt, bei dem ein Ehepaar für ein ausverkauftes Konzert bei den Jazzopen in Stuttgart Tickets über Social Media erwarb.
Der Verkäufer schickte sogar ein Foto seines Passes, aber die angeblichen Eventim-Tickets entpuppten sich dennoch als gefälscht. Der Veranstalter der Jazzopen, die Opus Festivals GmbH, nutzt nämlich nicht Eventim als Ticketanbieter.
Das ist nur ein Beispiel für zahlreiche Fälle, in denen Verbraucher mit fingierten Ticketangeboten auf Social Media abgezockt werden. Der Einsatz von KI zur Herstellung gefälschter Tickets wird vermutlich dazu führen, dass solche Betrugsfälle in Zukunft zunehmen werden.
Mangelhafter Verbraucherschutz
Leider ist der Verbraucherschutz bei den großen Zweitverkaufsplattformen auch nicht gerade vorbildlich. Die Kontaktaufnahme mit dem jeweiligen Kundenservice entpuppt sich häufig als schwierig.
Noch komplizierter ist es, sein Geld bei nicht erbrachter Leistung zurückzuerhalten. Sogar die Zustellung von Klagen stößt manchmal auf Hindernisse, weil die Zustellung von Klagen an offizielle Firmenadressen nicht möglich ist (wie in einem vom rbb bezüglich Ticketbande dokumentierten Fall) oder die Firmen ihren Sitz im Nicht-EU-Ausland haben wie Viagago, dessen Firmensitz sich in Genf befindet, was die Zustellung von Klageschriften und anderen rechtlichen Dokumenten enorm erschwert.
Die Verbraucherzentralen haben daher sogar Hinweise für Betroffene veröffentlicht, die diesen helfen sollen, ihre Ansprüche durchzusetzen.
Vertrauen der Verbraucher erschüttert
Die Probleme, die Musikfans beim Ticketkauf haben, schadet aber nicht nur dem Geldbeutel der Käufer, sondern auch ihrem Vertrauen in den Ticketmarkt generell. Nur ein Teil der Ticketkäufer ist mit den Marktgegebenheiten so vertraut, um zwischen seriösen, unseriösen und problematischen Angeboten zu unterscheiden.
Sicherlich sind auch große Ticketanbieter wie Eventim und Ticketmaster nicht frei von Fehlern, aber auf dem Ticketzweitmarkt drohen Verbrauchern herbe finanzielle Verluste, Frustration und Enttäuschung, wenn sie beispielsweise mehrere hundert Euro ausgegeben haben und am Ende keinen Einlass zum Konzert erhalten.
Nicht nur fehlt das ausgegebene (und eventuell für immer verlorene) Geld in der Kasse, im schlimmsten Fall üben sich die enttäuschten Käuferinnen und Käufer in Zurückhaltung beim nächsten kulturellen Event. Wenn neue Regeln die schlimmsten Auswüchse des Wiederverkaufsmarktes beseitigen würden, wäre das ein Anfang, dieser Entwicklung Einhalt zu gebieten.
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