Gemischtes Bild trotz Wachstum
Die Studie "Musikwirtschaft in Deutschland 2024" zeigt die schwierige Lage freier Musikschaffender - und weitere Probleme
© Milo Bauman via. unsplash.com
Es scheint unbestritten zu sein, dass die Musikwirtschaft in Deutschland in den vergangenen Jahren gewachsen ist. Im Jahr 2023 erwirtschaftete sie laut der Studie "Musikwirtschaft in Deutschland 2024" Umsätze in Höhe von etwa 17,4 Mrd. Euro – 18 Prozent mehr als im Vor-Corona-Jahr 2019. Die damit verbundene Bruttowertschöpfung lag bei ca. 6,6 Mrd. Euro – und damit 20 Prozent höher als 2019. Die Zahl der Erwerbstätigen nahm im gleichen Zeitraum um 4 Prozent auf 156.000 Beschäftigte zu.
Diese "Erfolgszahlen", so der BVMI, sind jedoch nur eine Seite der Medaille. Die kürzlich veröffentlichte vollständige Fassung des Berichts verdeutlicht auch die Schattenseiten, die in den Kurzfassungen des Berichts vollkommen fehlen. Schon die Betrachtung des Umsatzes der Teilbereiche verdeutlicht bedeutende Ungleichgewichte. Die gesamte Studie gibt es hier als PDF.
Umsatz und Beschäftigte der Teilbereiche
Umsatzstärkster Teilbereich mit 5,6 Milliarden Euro Umsatz und 58.000 Erwerbstätigen sind die Musikveranstaltungen, gefolgt von den Musikaufnahmen (4,2 Milliarden. Euro Umsatz, 23.000 Erwerbstätige).
Es folgen das Musikinstrumente-Business (2,9 Milliarden Euro, 14.600 Erwerbstätige), die Verwertungsgesellschaften (1,5 Mrd. Euro, 955 Beschäftigte), die ca. 27.000 Kreativen selbst (930 Millionen Euro), die Musikverlage (610 Millionen Euro, ca. 1.470 Beschäftigte) und der Musikunterricht (585 Millionen Euro, ca. 28.000 Erwerbstätige).
Anteile an der Bruttowertschöpfung
Der Teilbereich Musikveranstaltungen hatte mit 38 Prozent gemessen an der Bruttowertschöpfung im Jahr 2023 das größte Gewicht, gefolgt von den Teilbereiche Musikinstrumente (20 Prozent) und Musikaufnahmen (19 Prozent).
Ein verändertes Bild zeigt sich, wenn man die anteilige Verteilung der Erwerbstätigen in den einzelnen Teilbereichen betrachtet. Zwar war der Teilbereich Musikveranstaltungen mit 37 Prozent aller Erwerbstätigen in der Musikwirtschaft immer noch der größte Teilbereich, danach folgen jedoch die personenstarken Teilbereiche Musikunterricht (18 Prozent), Kreative (17 Prozent) und Musikaufnahmen (15 Prozent).
Krasse Unterschiede
Auffallend ist die krasse Diskrepanz zwischen Umsatz und Beschäftigten in den verschiedenen Teil-Branchen. Während im Teilbereich Musikaufnahmen 23.000 Erwerbstätige einen Gesamtumsatz von 4,2 Milliarden erreichen, erzielen 27.000 Kreative gerade einmal 930 Millionen Euro. Der Teilbereich Musikunterricht kommt mit 28.000 Erwerbstätigen sogar nur auf 585 Millionen Euro Umsatz (S. 16).
Angesichts dieser Zahlen überrascht es nicht, dass 96 von den 172 für die Umfrage befragten Musiklehrerinnen und Musiklehrern Umsätze von weniger als 20.000 Euro erzielen (und damit als Kleinunternehmer nicht umsatzsteuerpflichtig sind). Unter den befragten Kreativen ist der Anteil der Kleinunternehmer prozentual sogar noch größer (528 von 909, S. 96).
Geringe Einkünfte von Kreativen
Die schwierige Einkommenslage vieler freier Musikschaffender wird auch durch die Detailbetrachtung des Bereichs Kreative gestützt (S. 25ff.). Dazu zählen im Rahmen der Studie "die Textdichter*innen und Komponist*innen, die ausübenden Künstler*innen und – wenn auch selbst nicht kreativ – die eng mit den Kreativen verbundene Berufsgruppe des Artist-Managements". Die eigentlichen Kreativen machen allerdings ca. 95 Prozent des Gesamtumsatzes von 930 Millionen Euro aus.
Bemerkenswert sind die Zahlen zur Bruttowertschöpfung der Kreativen. Diese bezeichnet "den Wert der produzierten Waren und Dienstleistungen, abzüglich des Wertes der Materialien und Dienstleistungen, die für ihre Herstellung benötigt wurden." (S. 96) Insgesamt erzielen die Kreativen eine durchschnittliche Bruttowertschöpfung von 21.500 Euro.
Komponisten und Textdichter erzielen eine Bruttowertschöpfung von durchschnittlich 64.700 Euro, Artist-Manager sogar 94.000 Euro, aber ausübenden Kümstler bzw. Musiker, die keine Komponisten sind, lediglich 9.100 Euro. Der Bericht erklärt dazu (S. 34):
"Der Anteil [der Kreativen] an der Bruttowertschöpfung der gesamten Musikwirtschaft ist mit 9 Prozent geringer als der Anteil der Kreativen an der Gesamtzahl der Erwerbstätigen (20 Prozent). Dieser Unterschied erklärt sich vor allem durch das niedrige Durchschnittseinkommen der wirtschaftlich weniger erfolgreichen ausübenden Künstler*innen."
Hinter diesem harmlos klingenden Satz verbergen sich aber grundlegende Probleme der Musikwirtschaft: Viele selbstständige Musikschaffende erzielen kein ausreichendes Einkommen. Die Musikverbände thematisieren diesen Umstand in ihren Verlautbarungen allerdings kaum.
KSK-Zahlen bestätigen Problematik
Diese Problematik zeigen auch die Zahlen zum Einkommen der Versicherten der Künstlersozialkasse (S. 26). Die in der KSK versicherten männlichen und weiblichen Urheber (der überwiegende Teil davon sind Komponisten) erzielen ein Durchschnittseinkommen von ca. 23.000 Euro, ausübende Künstler von ca. 15.000 Euro.
Auffallend ist ein großer Unterschied zwischen den Geschlechtern. Urheberinnen verfügen über ein Einkommen von lediglich 13.600 Euro, ausübende Künstlerinnen kommen auf 12.500 Euro. Bei insgesamt niedrigen Einkünften schneiden Frauen also bedeutend schlechter ab als Männer, wobei der Unterschied zwischen Urhebern und Urheberinnen besonders ausgeprägt ist.
Sorge um den Nachwuchs
Der Bericht verhehlt nicht die Existenz grundlegender Probleme der Musikwirtschaft. So erklärt Patrick Oginski, Vorsitzender der Künstlermanager-Organisation IMUC (S. 32):
"Für uns Künstlermanager*innen und Consultants hat sich das Marktumfeld in den vergangenen drei Jahren und vor allem nach Corona nahezu komplett gewandelt. Die Ergebnisse der Studie spiegeln diesen Wandel der Erlösströme deutlich. Für uns geht es jetzt einerseits darum Karrieren etablierter Künstler*innen stabil zu halten während der Aufbau von Newcomern immer mehr einer Herkulesaufgabe gleicht."
Für aufstrebende Acts sind das genausowenig gute Nachrichten wie die schwierige Lage kleiner Clubs und Veranstalter, auf die Pamela Schobeß, politische Sprecherin der LiveKomm hinweist (S. 41). Auch Sonia Simmenauer, Präsidentin des BDKV warnt vor der zunehmenden Polarisierung der Live-Branche (S. 38):
"Die steigenden Zahlen zeugen von der enormen gesellschaftlichen Bedeutung der Live-Kultur und dem Bedürfnis nach echten Begegnungen und Identifikation. Doch die Erfolgsmeldungen der Top-Stars und großen Festivals können nicht darüber hinwegtäuschen, dass das kleine und mittlere Geschäft an den gewaltigen Produktionskostensteigerungen zu zerbrechen droht. Nur mit klein und groß können wir bestehen: wenn aus Nachwuchsacts im Club irgendwann Headliner werden."
Drohen Einkommensverluste?
Eine weitere Problematik besteht in der Tatsache, dass staatliche Förderung und die Zahlungen durch Verwertungsgesellschaften für viele Kreativschaffende ein essentieller Teil ihrer Einkünfte sind. So erklärt Detlev Tiemann, Chorsänger und Vorsitzender der Gesellschafter- und Delegiertenversammlung der GVL:
"Neben Honoraren für Live-Auftritte und Studioaufnahmen spielen die Gelder von Verwertungsgesellschaften und Förderungen wie von der Initiative Musik eine wesentliche Rolle im Einnahmemix der Kreativen."
Die Auszahlungen von Verwertungsgesellschaften könnten aber durch die zunehmende Verbreitung von KI-Musik zurückgehen. Gleichzeitig sorgt die unsichere politische Lage auf Bundesebene für Unklarheit, ob die in den letzten Jahren etablierten Förderprogramme in bestehendem Umfang fortgeführt werden, während viele Kommunen teilweise massive Kürzungen ihres Kulturhaushalts planen oder sogar schon vollzogen haben.
Wachstum nur bei den Großen?
Insgesamt wirft der Bericht die Frage auf, wie es gelingen kann, dass die Kleinen vom Wachstum der Großen profitieren. In vielen Statements der beteiligten Verbände finden sich Verweise auf die "innovativen Partnerschaften zwischen Musikunternehmen und Künstler*innen" (Zitat von Dr. Florian Drücke, S. 56).
Allerdings sind diese Partnerschaften auf einen kleinen Teil aller Künstler beschränkt, während ein Großteil der ausübenden Künstler mit geringem Einkommen auskommen muss. Besonders prekär ist die Lage für freie ausübende Musikerinnen und Musiker sowie für Musiklehrerinnen und Musiklehrer, deren Teilbereich leider keiner detaillierten Analyse unterzogen wird.
Unter der Oberfläche sind die Krisensymptome unübersehbar. Während Veranstaltungskonzerne und Major Labels vom Boom der Superstar-Events bzw. dem anhaltenden Wachstum des Streamings profitieren, kommt bei vielen Musikerinnen und Musikern wenig davon an. Schlimmer noch: Aktuelle Entwicklungen wie die Kürzung der Kulturförderung, das Wachstum von KI-Musik und der dadurch mögliche Einbruch der Einkünfte von Verwertungsgesellschaften könnte die Lage noch verschärfen.
"Musikwirtschaft wächst und lässt andere wachsen" – das ist die Interpretation des BVMI. "Wachstum an der Spitze – Stagnation oder Krise bei den kleinen Akteuren" – das ist eine andere mögliche Lesart der Studie Musikwirtschaft in Deutschland 2024.
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