Betrügerische Praktiken?
Fred Durst von Limp Bizkit verklagt Universal Music auf 200 Millionen US-Dollar wegen ungezahlter Tantiemen
limp bizkit universal musikbusiness musikereinkommen
Fred Durst bei einem Konzert Limp Bizkit in Mannheim 2018. © Rudi Brand
Der Fall begann damit, dass Fred Durst im April 2024 neue Agenten anheuerte. Diese seien "schockiert" gewesen, als er ihnen offenbarte, dass er nie Tantiemen für die Musik seiner Band Limp Bizkit erhalten habe.
Sollte diese Aussage zutreffen, wäre das kaum erklärlich, denn Limp Bizkit zählten in den späten 1990ern und frühen 2000ern zu den erfolgreichsten Bands weltweit. Zwischen 1997 und 2011 veröffentlichten sie ihre Alben auf Interscope, einem Sublabel von Universal Music (UMG).
Vorschüsse statt Tantiemen
Fred Dursts Behauptungen zufolge hätten er und seine Bandmitglieder vor der Veröffentlichung eines neuen Albums Vorschüsse in Millionenhöhe von UMG erhalten. Zudem hätte das Major Label die Kosten der Aufnahmen getragen. UMG beziffert die Höhe dieser Vorschüsse auf 43 Millionen US-Dollar.
Limp Bizkit hätten mit Universal vereinbart, dass das Label ihnen Tantiemen auszahle, sobald die Veröffentlichungen der Band Gewinne erzielen würden. Das sei aber nie geschehen. Mehr noch: Die Klageschrift wirft Universal vor, nie vorgehabt zu haben, Tantiemen an die Band auszuschütten. Die Höhe der fälligen Tantiemen beziffert die Klage auf mehr als 200 Millionen US-Dollar.
Kein Gewinn – trotz weltweitem Erfolg
Fred Durst erklärt, in der Vergangenheit stets von Universal mit der Aussage vertröstet worden zu sein, dass die Veröffentlichungen von Limp Bizkit noch keinen Gewinn erzielt hätten, d.h. dass die Tantiemen die an die Bandmitglieder gezahlten Vorschüsse also noch nicht übersteigen würden.
Das bezweifeln Fred Dursts Anwälte allerdings und verweisen in der Klage darauf, dass die Band während der Zusammenarbeit mit UMG 45 Millionen Tonträger verkauft habe. Auch in der Gegenwart ist die Musik der Band nach wie vor populär. Allein auf Spotify erzielten Limp Bizkit im bisherigen Verlauf des Jahres 2024 die beachtliche Zahl von 450 Millionen Streams.
Vorwurf des Betrugs
Fred Dursts Anwälte behaupten daher, Universal habe bei der Buchhaltung betrügerische Praktiken angewendet, um es so aussehen zu lassen, als schreibe die Band keinen Gewinn. Das sei mit dem Ziel erfolgt, Geldzahlungen an die Musiker zu umgehen.
Als Beispiel führt die Klage an, dass das Label-Konto von Limp Bizkit ohne erkennbaren Grund mit fast 200 Millionen Dollar belastet und dadurch überzogen worden sei, um die Band über die wahre finanzielle Situation zu täuschen.
In der vielleicht explosivsten Anschuldigung der Klageschrift spekulieren Fred Dursts Anwälte, dass zahlreiche weitere Künstler auf ähnliche Weise um ihre Tantiemen gebracht worden sein könnten.
Eine Million US-Dollar vergessen?
Der Fall enthält noch weitere Ungereimtheiten: Als Fred Dursts neue Agenten Einsicht in die Tantiemenabrechnung von Limp Bizkit bei Universal nahmen, stellten sie fest, dass Limp Bizkit inzwischen die Gewinnzone erreicht hatten, aber dass die Auszahlung von Tantiemen in der Höhe von mehr als einer Million US-Dollar nicht erfolgt war.
UMG machte einen Softwarefehler für die nicht erfolgte Zahlung verantwortlich und zahlte inzwischen den fälligen Betrag an Limp Bizkit und weitere 2,3 Millionen Dollar an Flawless Records, das Label von Fred Durst. Die Anwälte zeigen sich davon aber unbeeindruckt:
"In Anbetracht der Tatsache, dass die ersten drei Alben von Limp Bizkit Anfang der 2000er Jahre bereits mehrere Millionen Mal verkauft worden waren, hätten die Kosten für die Aufnahmen schnell wieder hereingeholt werden müssen, und UMG hätte sofort mit der Auszahlung der Tantiemen für diese Alben beginnen müssen – nicht erst über zwanzig Jahre später."
Keine Abrechnungen?
In der Klage werden UMG noch weitere Versäumnisse vorgeworfen. Das Label habe zwischen 1997 und 2004, als Limp Bizkit auf dem Höhepunkt ihrer Karriere standen und hohe Verkäufe erzielt hätten, keine Tantiemenabrechnungen herausgegeben.
Als Begründung gab UMG an, das Label-Konto sei noch so sehr "in den Miesen", dass das Label dazu nicht verpflichtet sei. Daraus schließen Fred Dursts Anwälte, dass Universal die wahren Einkünfte verschweigen wollte, um alleine von den erzielten Gewinnen zu profitieren.
Weitreichende Forderungen
Neben der Auszahlung der fälligen Tantiemen fordert die Klage auch die Auflösung des Vertrags zwischen Limp Bizkit und UMG. Zudem soll die Band das Copyright an den Aufnahmen zurückerhalten und Universal Schadensersatz wegen der Verletzung des Urheberrechts (copyright infringement) leisten.
Daneben fordert die Klage Universal dazu auf, Entschädigungen an weitere Künstler zu zahlen, die über das Musiklabel von Fred Durst mit Universal zusammengearbeitet haben. Auch diese Künstler sollen das Copyright an ihren Aufnahmen zurückerhalten.
Keine Kontrolle?
Es stellt sich bei den erhobenen Vorwürfen sofort die Frage, wie es sein kann, dass ein erfolgreicher Musiker wie Fred Durst nicht in der Lage war, erfahrene Manager oder Agenten zu verpflichten, die dafür sorgen, dass er und seine Bandkollegen auch Tantiemen von seinem Label erhalten – und sich nicht mit seltsamen Behauptungen vertrösten lässt.
Bei Einnahmen dieser Größenordnung handelt es sich eigentlich um eine Selbstverständlichkeit, dass im Musikbusiness erfahrene Profis die Abrechnungen tatsächlich kontrollieren oder überprüfen.
Viele Merkwürdigkeiten
Ob die Vorwürfe gegenüber UMG berechtigt sind, lässt sich zum jetzigen Zeitpunkt naturgemäß nicht sagen. Allerdings erscheint es bemerkenswert, dass das Major Label zugab, ein Software-Fehler habe die Auszahlung von mehr als 3 Millionen US-Dollar an Fred Durst und sein Label verhindert. Ein stärkeres Signal, die Abrechnungen genau unter die Lupe zu nehmen, lässt sich kaum vorstellen.
Angesichts des hohen Streitwerts ist der Fall jedenfalls für UMG durchaus brisant. Sollte es nicht zu einer außergerichtlichen Einigung kommen, könnte in einem Prozess das gesamte Buchhaltungs- und Abrechnungssystem des Major Labels unter die Lupe genommen werden, was UMG vermutlich vermeiden will.
Kreative Methoden
Schon seit langem ist bekannt, dass die Unterhaltungsindustrie durchaus kreativ ist, wenn es darum geht, Gewinne für sich zu behalten, obwohl Kreativschaffenden eigentlich einen Teil der Gewinne zusteht.
Nicht umsonst gibt es im englischen Sprachgebrauch den Begriff des "Hollywood Accounting" (dt. Hollywood Buchhaltung). Damit ist gemeint, dass große Filmstudios sehr kreative Methoden entwickelt haben, um auch sehr erfolgreiche Filme in Verlustgeschäfte zu verwandeln, wodurch sie verhindern, dass sie Gewinnbeteiligungen dritter Personen auszahlen müssen.
Ein Fall von "Hollywood Accounting"?
So erklärte Twentieth Century Fox, das Queen-Biopic "Bohemian Rhapsody" habe 51 Millionen US-Dollar Verlust erzielt, obwohl der Film an den Kinokassen weltweit mehr als 900 Millionen US-Dollar eingespielt hat.
Drehbuchschreiber Anthony McCarten, in dessen Vertrag eine fünfprozentige Beteiligung am Gewinn einer am Film beteiligten Produktionsfirma festgehalten war, reichte daraufhin eine Klage ein – und einigte sich nach zwei Jahren außergerichtlich mit dem Studio.
Liegt im Fall von Fred Durst und UMG eine ähnliche Vorgehensweise vor? Wir wissen es nicht. Die Vorwürfe gehen eindeutig in dieselbe Richtung und nur ein Prozess könnte ihre Stichhaltigkeit ermitteln. Ob es dazu aber jemals kommen wird, steht in den Sternen.
Ähnliche Themen
Keine höheren Tantiemen für klagende Musiker
Universal Music gewinnt Prozess um Streaming-Tantiemen in den Niederlanden
veröffentlicht am 28.10.2025
42 Jahre nach der Veröffentlichung
Sting wird von The Police-Bandkollegen wegen "Every Breath You Take"-Tantiemen in Millionenhöhe verklagt
veröffentlicht am 27.08.2025
Ausgenutzt?
Produzent von Lil Wayne verklagt Universal wegen nicht gezahlter Tantiemen
veröffentlicht am 28.05.2025
Langjähriger Streit
The Cranberries verklagen Island/Universal wegen zu geringer Tantiemen
veröffentlicht am 04.03.2025
Alles erfunden?
Universal Music hält Tantiemen-Vorwürfe von Limp Bizkit für "Fiktion"
veröffentlicht am 26.11.2024