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"Künstler benötigen Erfahrung und Charisma"

Intendant Christoph Lieben-Seutter über Booking, Sound und Auslastung der Hamburger Elbphilharmonie

Interview von Jan Paersch
veröffentlicht am 11.02.2020

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Intendant Christoph Lieben-Seutter über Booking, Sound und Auslastung der Hamburger Elbphilharmonie

Christoph Lieben-Seutter. © Michael Zapf

Christoph Lieben-Seutter ist seit 2007 Generalintendant der Elbphilharmonie in Hamburg. Der 55-jährige Österreicher spricht im Interview über Bookingvorblieben, die Akustik des Hauses und Zuschauer, die während des Konzerts gehen.

Das Eckbüro von Christoph Lieben-Seutter bietet einen spektakulären Elbblick, wie ihn sonst nur die Besitzer der millionenteuren Apartments, die im Gebäude rund um den Großen Saal der Elbphilharmonie verbaut sind, erhaschen dürfen.

Der 1964 in Wien geborene Lieben-Seutter begann als Software-Ingenieur und Marketing-Assistent. 1988 wurde er Direktionsassistent am Wiener Konzerthaus, später dessen Generalsekretär. Seit 2007 ist der Hobby-Pianist Intendant der 2017 offiziell eröffneten Elbphilharmonie sowie der Laeiszhalle in Hamburg. Trotz seines engen Terminplans nimmt er sich eine ganze Stunde Zeit für ein Gespräch.

Backstage PRO: Herr Lieben-Seutter, eine ketzerische Frage zum Einstieg: bekommen Sie manch prominente Künstler nur wegen des spektakulären Gebäudes?

Christoph Lieben-Seutter: Die meisten Künstler kamen auch vor der Elbphilharmonie gerne nach Hamburg. Nur war die Nachfrage eben viel geringer. Jetzt fragen allerdings viele Künstler von sich aus an und schreiben die Elbphilharmonie in ihre Bio, obwohl sie noch gar nicht bei uns aufgetreten sind.

Backstage PRO: Im Januar 2017 wurde die Elbphilharmonie eröffnet. Der Besucherandrang seitdem ist enorm. Kultursenator Carsten Brosda lobt das "unverwechselbare Profil", das Sie dem Haus gegeben haben. Was für ein Profil ist das?

Christoph Lieben-Seutter: Ich nehme an, er meint, dass wir neben dem erwartbaren Kanon der Klassik auch Ungewöhnliches bis Abseitiges präsentieren. Das Konzertprogramm ist ein Puzzle, mit vielen Veranstaltern und vorgegebenen Dingen. Zum Beispiel haben die Hamburger Orchester wie das NDR Elbphilharmonie Orchester Vorbuchungsrechte. Und es gibt Top-Orchester aus aller Welt, die man einfach haben muss. Und dann gibt es die Vorlieben und Entdeckungen von mir und meinem Planungsteam.

Backstage PRO: Welche Vorlieben sind das?

Christoph Lieben-Seutter: Wir haben ein starkes Jazzprogramm, aber auch ausgesuchte Künstler aus Pop, Elektronik und Weltmusik. In der Klassik haben wir haben eine Begeisterung für die Musik des späten 20. Jahrhunderts, für die der Saal auch perfekt geeignet ist. Ich genieße es sehr, dass diese Musik, die als Randbereich der Klassik vielerorts als Kassengift gilt, auch ein ganz normales Publikum begeistern kann. Auch Stockhausen kann swingen!

Backstage PRO: Wie verteilen sich bei Ihnen Fremd- und Eigenbuchungen?

Christoph Lieben-Seutter: In der Elbphilharmonie und in der Laeiszhalle kombiniert gibt es ungefähr 1300 Veranstaltungen im Jahr. Ein Drittel davon veranstalten wir selbst, der Rest sind Vermietungen. Einige wie das NDR Elbphilharmonie Orchester, unser Hausorchester, oder das Ensemble Resonanz als Residenzensemble im Kleinen Saal haben langfristige Verträge. Dazu kommen die Symphoniker Hamburg in der Laeiszhalle. Und dann gibt es die Agenturen, die die Säle mieten wollen.

Backstage PRO: Einige Veranstaltungen würden außerhalb der Elbphilharmonie wohl nicht 2000 Besucher haben, sondern höchstens ein Viertel. Wollen Sie Ihr Publikum erziehen?

Christoph Lieben-Seutter: Das nicht, aber überraschen und begeistern. Niemand soll enttäuscht aus dem Konzert kommen, da haben wir eine große Verantwortung. Wenn die Architektur den Saal ausverkauft und nicht der Künstler, muss die Musik erst recht überzeugen. Zum Beispiel bekommen wir viele Anfragen für Klavier-Solo-Konzerte im Großen Saal, da sind tolle Künstler dabei. Aber ob die Künstler die Persönlichkeit haben, 2000 Leute mitreißen zu können – das muss man sich anschauen. Deshalb müssen wir viele Anfragen ablehnen.

Backstage PRO: Man braucht also Entertainer-Qualitäten?

Christoph Lieben-Seutter: Entertainer wäre zu viel gesagt, aber es braucht Erfahrung und eine gewisse Ausstrahlung. Charisma! Manchen ist das angeboren. Der Mandolinist Chris Thile hatte zuletzt mit seiner Band Punch Brothers im Knust gespielt, aber mir war klar, dass die auch den Großen Saal rocken können.

Backstage PRO: Ihre Jahresbilanz 2018/19, Ende Dezember veröffentlicht, ist beeindruckend: die Auslastung im Großen Saal liegt bei 98,9 Prozent. Dennoch: der ganz große Run hat nachgelassen.

Christoph Lieben-Seutter: Aber er reicht immer noch aus, fast jedes Konzert im Großen Saal auszuverkaufen. Wir sind darauf vorbereitet, wenn die Nachfrage einmal nicht mehr so hoch sein sollte. Wenn man Elbphilharmonie und Laeiszhalle gemeinsam betrachtet, gehen in Hamburg heute drei Mal so viele Leute in Konzerte als vor der Eröffnung. 2016 hatte die Laeiszhalle 400.000 Besucher, jetzt sind es mehr als 1,2 Millionen pro Jahr in beiden Häusern. Das Interesse an klassischer Musik ist stark gestiegen.

Backstage PRO: Es gab auch Misstöne, so wie beim Avantgarde-Jazzpianisten Vijay Iyer Ende 2018, bei dem hunderte Zuschauer während des Konzerts den Saal verließen. Hatte das nur mit dem Jazz-unkundigen Publikum zu tun?

Christoph Lieben-Seutter: Bei über 2000 Konzerten, die bisher in der Elbphilharmonie stattgefunden haben, kann es nicht nur Sternstunden geben. Vijay Iyer ist ein toller Künstler, aber musikalisch sehr anspruchsvoll. Es war ein Fehler, ihn in den Großen Saal zu buchen, der folglich auch lange nicht ausverkauft war. Das hat ein Reisebüro ausgenutzt, ohne Wissen des Veranstalters Kartenkontingente zusammengekauft und zu einer Hamburg-Reise paketiert. Ein Abend Musical, ein Abend Jazzkonzert. Immerhin sind die Leute bis nach der Pause geblieben.

Backstage PRO: Es waren also Touristen, die nicht wussten, worauf Sie sich einließen. Ein Einzelfall?

Christoph Lieben-Seutter: Nur fünf Prozent der Tickets gehen an die Reisebranche, und das meistens an eine sehr kulturaffine Kundschaft. Generell kommt es bei dem Andrang natürlich häufig vor, dass Konzertbesucher nicht genau wissen, worauf sie sich einlassen. Genau das ist aber für Künstler und Publikum eine Chance. Gelegentlich geht mal was schief, aber – no risk, no fun! Dass dann zwei oder drei verunglückte Konzerte über Monate die Weltpresse beherrschen, ist wohl die Kehrseite der Berühmtheit des Hauses.

Backstage PRO: Ein weiterer Kritikpunkt: man hört im großen Saal jeden einzelnen Publikums-Huster.

Christoph Lieben-Seutter: In jedem Konzertsaal hört man jeden Huster. Ab es stimmt schon, dass Publikumsgeräusche in der Elbphilharmonie besonders auffallend sind. Es ist immer ein Wechselspiel: bei guten Konzerten kann die Elbphilharmonie eine konzentrierte und unglaublich starke Stille erzeugen. Wenn aber auf der Bühne die Konzentration nachlässt, gibt’s sofort Räuspern und Husten.

Backstage PRO: Die Akustik-Kritik mag überzogen gewesen sein. Mein Eindruck in den ersten Wochen nach der Eröffnung war jedoch, dass es eine Weile gebraucht hat, bis Sie konstant bei allen Konzerten guten Sound erzielen konnten.

Christoph Lieben-Seutter: Es gab eine steile Lernkurve, was die Akustik anging. Wir hatten drei verschiedene Setups, schließlich haben wir uns auf zwei fokussiert. Die Lautsprecherampel, die aus dem Reflektor über der Bühne fährt und die oberen Ränge beschallt, war anfangs nur für Sprachverstärkung geeignet. Da haben wir jetzt ein technisch fortschrittlicheres und flexibleres System eingebaut.

Backstage PRO: Die Elbphilharmonie wurde gerade zu Anfang von dubiosen Ticket-Anbietern wie Viagogo ins Visier genommen, die Karten zu völlig überzogenen Preisen verkaufen.

Christoph Lieben-Seutter: Natürlich sind Besucher sauer, wenn sie vor Ort feststellen, dass sie 500 Euro für ein Ticket bezahlt haben, das eigentlich nur 25 gekostet hat. Dubiose Internet-Angebote sind aber auch in anderen Lebensbereichen ein Plage. Wir sind davon weniger betroffen als Rammstein oder Bayern München.

Backstage PRO: Solange, Nils Frahm und The National haben schon im großen Saal gespielt. Wer ist noch denkbar? Ed Sheeran?

Christoph Lieben-Seutter: Gerne! Aber der verkauft auch in 24 Stunden ein Stadion aus. Ich kämpfe nicht darum, solche Superstars in die Elbphilharmonie zu holen. Das ist kein normales Konzertgeschehen: entweder sind die Karten sehr teuer, oder es sind nur Verlosungs-Gewinner und Journalisten anwesend. Aber viele Pop-Acts spielen gerne in 2000er-Sälen. Oft scheitern die Konzerte daran, dass die Vorlaufzeiten viel kürzer als in der Klassik sind. Wenn die Tournee geplant wird, sind wir dann schon ausgebucht.

Backstage PRO: Es sollte einen Club unter der Elbphilharmonie geben. Warum kam der nicht?

Christoph Lieben-Seutter: Den hätte ich sehr gerne gehabt. Ein multifunktionaler Clubraum hätte dem Haus gut gestanden. Das war eine politische Forderung, die dann vermeintlichen Kosten/Nutzen-Rechnungen zum Opfer gefallen ist. Man hat damals versucht, sich die Baukosten schönzurechnen. Da war eine Gastronomie-Fläche, die den touristischen Bedarf bedient, interessanter als die sogenannte Subkultur. Das hätte eine gewisse Ironie gehabt, weil staatlich bestellte Subkultur ein Widerspruch in sich ist.

Backstage PRO: Nachhaltigkeit ist ein wichtiges Thema. Kann man Konzerte emissionsneutral veranstalten?

Christoph Lieben-Seutter: Generell muss man sagen, dass die Elbphilharmonie nicht gerade ein Vorbild ist, was die Energieeffizienz anbetrifft. Wir haben eine riesige Glasfassade und einen hohen Energieverbrauch. Das war bei der Konzeption vor 15 Jahren nicht das wichtigste Thema. Wir diskutieren aber über solche Themen, zum Beispiel über die Kompensation der Flugmeilen, die von unseren Künstlern und Mitarbeiter geflogen werden oder über den klimaneutralen Druck der Programmhefte. Wir versuchen zu vermeiden, dass Künstler nur für uns aus Übersee anreisen und arbeiten dafür immer mehr mit anderen Häusern zusammen. Wenn schon weit geflogen werden muss, dann bitte mit Folgeterminen.

Backstage PRO: Sprechen wir über Ihre Biographie. Sie sind gebürtiger Wiener, wo Sie von 1996 bis 2007 Intendant des Wiener Konzerthauses waren. Man hört, dass Sie neben Klassik auch mit Pop aufgewachsen sind?

Christoph Lieben-Seutter: Ja, meine Eltern waren gut in der Musikszene vernetzt. Da gab es einerseits regelmäßige Kammermusikabende bei uns zu Hause, anderseits war mein Onkel der erste große Rock- und Jazz-Veranstalter der Stadt. Er hat Künstler wie Frank Zappa, Jimi Hendrix und Miles Davis nach Wien gebracht. Ich war leider erst fünf Jahre alt, als Hendrix im Konzerthaus auftrat, aber meine gesamte Verwandtschaft war da. Mir wurde erzählt, dass sich die Saaldiener ob der enormen Lautstärke aus Angst unter die Garderobepulte verkrochen hätten.

Backstage PRO: Und wen haben Sie persönlich gesehen?

Christoph Lieben-Seutter: Als Teenager verdiente ich mir ein Taschengeld bei Konzerten von Patti Smith bis Weather Report. Es war für mich normal, mit Künstlern zu verkehren, die längst Legenden sind. Ella Fitzgerald habe ich noch zwei Mal erleben dürfen.

Backstage PRO: Verhalten sich Pop-Musiker eigentlich anders als Klassiker?

Christoph Lieben-Seutter: Nein. Aber der Anspruch in der Klassik ist ein anderer. Handwerk gehört auch im Pop dazu, aber von den großen Klassikstars erwartet man noch mehr Perfektion. Da sind ja immer die Referenzaufnahmen: ich kenn das Stück von der Callas, und habe auch noch den Karajan im Regal stehen. Ein Pop-Musiker muss sich nur an sich selbst messen.

Backstage PRO: Vielen Dank für Ihre Zeit!

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