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"Wir brauchen eine gute Förderstruktur"

Axel Ballreich (LiveKomm) über Clubsterben, Förderung und Konzerne in der Live-Szene

Interview von Daniel Nagel
veröffentlicht am 11.10.2019

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Axel Ballreich (LiveKomm) über Clubsterben, Förderung und Konzerne in der Live-Szene

Axel Ballreich, neuer Vorsitzender der LiveKomm und Mitinhaber des Musikclubs "Hirsch" in Nürnberg. © Axel Ballreich

Axel Ballreich, Mitinhaber des Concertbüros Franken und des Nürnberger Liveclubs Hirsch, zählt zu den Gründungsmitgliedern der LiveKomm. Wir sprachen mit ihm über seine Aufgaben als neuer Vorsitzender des Clubverbands und die Lage der deutschen Liveclubs.

Backstage PRO: Axel, du bist neuer Vorstandsvorsitzender der LiveKomm. Mit welchem Gefühl übernimmst du diese Rolle?

Axel Ballreich: Ich bin eines der Handvoll Gründungsmitglieder, die 2012 in Würzburg die LiveKomm gegründet haben und noch immer im Vorstand aktiv sind. Daher kenne ich die Strukturen sehr gut. Ich war viele Jahre Schatzmeister, dann zweiter Vorsitzender und übernehme jetzt das Amt des Vorsitzenden von Karsten Schölermann, der künftig zweiter Vorsitzender sein wird. Wir haben uns abgesprochen, einen Generationswechsel einzuleiten: Wir stehen beide nur noch für eine begrenzte Zeit zur Verfügung. Danach müssen deutlich Jüngere die LiveKomm leiten, denn wir sind beide nahe an der 60. 

Backstage PRO: Mit welchen Gefühlen denkst du an den Wechsel?

Axel Ballreich: Ich habe ein gutes Gefühl, denn die LiveKomm ist ein funktionierender Laden. Wir haben vieles an den Start gebracht und dafür gesorgt, dass die Popförderung einen Platz auf der Landkarte der bundesdeutschen Politik besitzt. Inzwischen haben wir durch den Spielstättenprogrammpreis Applaus, die Digitalisierungsförderung und das Programm für die technische Sanierung von Liveclubs mehrere Millionen Euro verteilt, die echte Hilfen für Clubs sind. Das weiß ich selbst, da ich seit mittlerweile 25 Jahren einen eigenen Club betreibe, den Hirsch in Nürnberg.

"Die LiveKomm sorgt für Vernetzung"

Backstage PRO: Hat die Arbeit der LiveKomm dazu geführt, dass die Bedeutung der Livemusik-Szene stärker gewürdigt wird?

Axel Ballreich: Wichtig ist, dass es überhaupt eine Vertretung gibt, denn vor der Gründung der LiveKomm gab es keine. Die Musikszene war nicht für gute Organisation und Vernetzung bekannt. Die Clubbetreiber sind mehrheitlich Eigenbrötler, die ihr Ding machen. Es gab wenige Konferenzen, auf denen sich Clubbetreiber kennengelernt haben.

Mittlerweile ist die Vernetzung ganz gut, denn die LiveKomm hat ungefähr 600 Mitglieder und ist damit der größte Branchenverband der Musikwirtschaft in Deutschland. Die Dichte der Mitglieder ist naturgemäß in den Metropolen wie Berlin, Hamburg oder Köln am größten, aber wir haben Mitglieder in der gesamten Bundesrepublik.

"Das Ziel ist (finanzielle) Sicherheit"

Backstage PRO: Welche Projekte willst du in den Mittelpunkt deiner Arbeit stellen?

Axel Ballreich: Wir möchten das Erreichte sichern, denn das ist immer wieder gefährdet. Es ist unser Ziel, die Finanzierung der technischen Sanierungsprojekte für Live-Clubs über einen längeren Zeitraum sicherzustellen, so dass sie nicht mehr jedes Jahr erneut bewilligt werden müssen.

Zusätzlich müssen wir eine eigene Finanzierung auf die Füße stellen. Da wir Clubs vertreten, die nicht zu den Großverdienern im Musikgeschäft zählen, haben wir nur sehr niedrige Mitgliedsbeiträge im Gegensatz zu anderen Branchenverbänden.

Backstage PRO: Welche konkreten Ideen habt ihr in dieser Hinsicht? 

Axel Ballreich: Wir benötigen entweder eine regelmäßige institutionelle Förderung oder wir müssen uns über Auftragsarbeiten finanzieren, wie wir es bereits seit Jahren machen, indem wir die erwähnten Förderprogramme abwickeln. Eine große und sehr interessante Idee wäre eine bundesweite Clubstiftung, die Gelder einnimmt und in der Clublandschaft verteilt. Das sind zentrale Projekte, die jedoch nicht in ein oder zwei Jahren umgesetzt werden können. 

"Vorschriften erschweren die Club-Existenzen"

Backstage PRO: Deutschland verfügt über eine große, differenzierte und regional starke Clubszene, aber viele Clubs stehen vor großen wirtschaftlichen Herausforderungen. Wie siehst du die Lage?

Axel Ballreich: Wenn man die Untersuchungen anschaut, wird sie tendenziell nicht besser. In meiner persönlichen geschäftlichen Einschätzung läuft es in Hinblick auf Live-Musik sehr gut, was vor allem mit deutschem Hip-Hop zusammenhängt, der die Livemusik-Szene in Hinblick auf Zuschauerzahlen enorm gestärkt hat. Große Schwierigkeiten haben die tanzorientierten Elektro-Clubs. Ein Club, der sich breit aufgestellt hat, sollte aber schon überleben können, denn die Lage an sich ist nicht schlecht.

Wie es weitergeht, hängt davon ab, ob die nächste Generation immer noch so auf euphorisch auf Live-Musik reagiert. Leute wie ich, die schon Jahrzehnte dabei sind, haben zahlreiche Höhen und Tiefen erlebt.

Backstage PRO: Welche konkreten Probleme machst du bei den deutschen Clubs aus?

Axel Ballreich: Es gibt zahlreiche Vorschriften, die Clubs das Leben erschweren. Es wird immer schwieriger für Clubs, in der Nähe von Wohngebieten zu überleben. Zudem fordern staatliche Stellen Sicherheitskonzepte, die kostspielige Umbaumaßnahmen zur Folge haben. Dazu ist der Brandschutz in den letzten Jahren extrem teuer geworden, sodass Clubs, die seit Jahrzehnten bestehen, nicht im heute geforderten Umfang nachgerüstet werden können und daher aufgeben oder umziehen müssen. 

"Die Politik ist gefragt"

Backstage PRO: Die stark steigenden Immobilienpreise in Großstädten haben dazu geführt, dass immer mehr Clubs verdrängt werden, weil an ihren Standorten Wohnungen und Bürogebäude errichtet werden. Wie kann man dem entgegenwirken?

Axel Ballreich: Das ist eine Hauptproblematik, die dazu führt, dass teilweise Clubs abgerissen werden. Es wäre möglich, dieser Entwicklung mit dem Agent of Change-Prinzip wie in London zu begegnen. Das bedeutet, dass die Bauherren eines Neubaus gesetzlich verpflichtet werden, diesen so zu gestalten, dass keine Lärmbelästigung von benachbarten Musikclubs ausgeht oder dass Ersatzräume für Clubs bereitgestellt werden müssen wie in Hamburg, wo Mojo und Molotow Ausweichquartiere erhielten. Das Ziel das Agent of Change-Prinzip zu verwirklichen, kann aber nur auf politischem Weg erreicht werden. Darum kümmert sich unser sehr aktiver Arbeitskreis "Kulturraumschutz".

Backstage PRO: Wie kann man Musikclubs davor schützen, dass sie geschlossen werden, wenn ein Anwohner sich beschwert?

Axel Ballreich: Wir arbeiten daran, dass Musik-Clubs als Kulturgutstätten anerkannt werden und nicht als Lärmverursacher. Musik-Clubs sind nicht gleichzusetzen mit einfachen Discos oder Lärmkneipen. Das ist aber natürlich ein ganz dickes Brett, das wir da bohren. Diese Bemühungen finden teilweise auch auf europäischer Ebene statt und erfolgen über Parteigrenzen hinweg. Wir müssen versuchen, Koalitionen zu schaffen, die uns weiterbringen.  

"Private Musikclubs werden noch immer kaum gefördert"

Backstage PRO: Was können wir von anderen europäischen Ländern im Hinblick auf die Clubförderung lernen?

Axel Ballreich: Wir verfügen in Deutschland über eine sehr große Clubdichte und eine fast nicht vorhandene Förderstruktur. In anderen Ländern wie Frankreich oder Holland bestehen staatliche Förderprogramme, die über das ganze Jahr laufen und so Clubs in ihrer Existenz sichern.

In den Niederlanden wird beispielsweise ein Club in jeder Region ausgewählt und gezielt gefördert, weshalb dort eine gute Abdeckung an Musikspielstätten existiert. In Frankreich existiert ebenfalls eine relativ starke Förderkultur, die aktuell aber in Frage gestellt wird, da der Staatshaushalt aufgrund des hohen Defizits und der hohen Verschuldung wackelt. In Deutschland gibt es solche Strukturen noch gar nicht.

Backstage PRO: Angenommen, du könntest dem Kabinett also der gesamten Bundesregierung in 5 Minuten Vorschläge für Maßnahmen zu machen, um die Clubkultur zu stärken, wie sähen diese aus?

Axel Ballreich: Wünschenswert wäre eine gute Förderstruktur, die einen annehmbaren Betrag der Summen beinhalten müsste, die die Klassik bereits seit vielen Jahren erhält. Während privat betriebene Musikclubs bisher kaum gefördert werden, erhalten die soziokulturellen Zentren staatliche Gelder, die sie benutzen, um in unser Kerngeschäft einzugreifen und Konzerte und Partys zu veranstalten. Gleichzeitig erhalten diese Zentren teilweise ihre Location komplett mietfrei oder Renovierungsmaßnahmen werden aus der Stadtkasse bezahlt. Das hat zur Folge, dass diese Zentren einen Künstler besser bezahlen können als ein privater Club. 

"So lange einen Club betreiben? Ein echtes Wunder!"

Backstage PRO: Gemeinsam mit Backstage PRO hat die LiveKomm bereits dreimal den Backstage Clubaward verliehen, darunter auch einmal an den Hirsch für die beste Technik. Welche Bedeutung hat dieser Preis und wie beurteilst du dessen Zukunft?

Axel Ballreich: Ich habe festgestellt, dass der Award in der Szene eine recht große Bedeutung hat und die Leute ihn auch wahrnehmen. Wir müssen aber sicherlich an der Ausgestaltung arbeiten, das diskutieren wir gerade. Komplette Lösungspakete liegen aber noch nicht auf dem Tisch.

Backstage PRO: Du betreibst (wie erwähnt) den Musikclub Hirsch in Nürnberg. Welche persönlichen Erfahrungen hast du in deiner Zeit als Co-Geschäftsführer gesammelt?

Axel Ballreich: Das Club-Geschäft betreibe ich seit 25 Jahren, aber im Konzertgeschäft bin ich schon wesentlich länger tätig, nämlich mehr als 35 Jahre. Damals habe ich gemeinsam mit Peter Harasim und Guido Glöckler das Concertbüro Franken gegründet, das wir auch immer noch in derselben Konstellation betreiben.

Dass wir zusätzlich noch einen Club betreiben, ist sozusagen aus dem Konzertgeschäft erwachsen, weil wir in den 1990er Jahren festgestellt haben, dass wir eine eigene Spielstätte benötigen. 1994/95 hatten wir die Chance, beim Hirsch einzusteigen, den wir im Lauf der Zeit als Club etabliert haben und ihn 25 Jahre später erfreulicherweise noch immer betreiben. Dort gibt es allerdings insgesamt fünf Inhaber. Darüber hinaus finden zahlreiche Konzerte, aber auch Hochzeiten und Tagungen in Löwensaal statt, den wir ebenfalls schon seit den 1990ern betreiben. Das ist ein weiteres Standbein, ebenso wie die vielen Konzerte und Festivals, die wir auch in anderen Locations veranstalten.

Backstage PRO: Wie habt ihr es geschafft, über Jahrzehnte in derselben Konstellation zusammenzuarbeiten?

Axel Ballreich: Ehrlich gesagt: Mich wundert das auch. Es ist wie eine alte Ehe, man hat sich miteinander abgefunden mit allen Stärken und Schwächen. Es gab auch schwierige Phasen, aber wir haben es irgendwie immer geschafft. Es ist ein echtes Wunder.

"Vorbands haben es immer schwieriger"

Backstage PRO: Bei Backstage PRO tummeln sich viele junge Bands, die stets auf der Suche nach neuen Bühnen sind. Was sagst du diesen Musikern, wenn sie bei euch anklopfen, um einen Gig spielen zu können? 

Axel Ballreich: Wir arbeiten grundsätzlich gerne mit Vorgruppen, aber das wird immer schwieriger, weil die meisten Künstler Vorgruppen dabei haben. Vor zehn oder fünfzehn Jahren gab es viele Bands, denen wir eine Vorband vorgeschlagen haben. Heutzutage lassen sich die großen Bands von den kleinen Acts dafür bezahlen, dort spielen zu dürfen. Da wir auch viele Konzerte unter der Woche veranstalten, belassen wir es außerdem bei einer Vorband, weil es für die Fans ansonsten zu spät wird. Eine Ausnahme sind "Metal-Packages" aus drei oder vier Bands.

Backstage PRO: Nach welchen Kriterien wählst du als Clubbetreiber Acts aus? 

Axel Ballreich: Wir drei Chefs booken alle und dann haben wir noch einen Booker, der sich zusätzlich noch um Festivalkonzepte kümmert. Wir arbeiten mit Agenturen zusammen, die uns Acts anbieten, aber wir buchen auch gezielt Künstler. Dabei kommt es immer auf die Konditionen an. Bei großen Bands entscheiden die drei Inhaber im Rahmen von wöchentlichen Meetings. Dabei schauen wir in unserer Datenbank, wie es beim letzten Mal lief. Je größer der Act, desto genauer wird im Vorfeld geprüft, ganz besonders bei Hallen- oder Arenashows, bei denen 50.000 Euro oder 100.000 Euro aufgerufen werden.

"Die populäre Musik ist Opfer ihres eigenen Erfolges"

Backstage PRO: Durch den Einstieg internationaler Unterhaltungskonzerte befinden sich Konzertveranstalter, Ticketbörsen und auch Clubs und Hallen immer stärker in einer Hand. Was bedeutet das für die deutsche Clubszene?

Axel Ballreich: Das hängt alles mit der Entwicklung der Musikindustrie zusammen. Die ist nicht mehr ein Randprodukt, wie sie es jahrzehntelang war. Inzwischen ist die finanzielle Macht dieser Industrie allen bewusst und deshalb ist sie jetzt ein interessantes Objekt für Investoren. Es ist kein Unterschied, ob sich ein Investorengremium an Live Nation oder irgendwelchen Konzerthallen beteiligt oder sich Aktien von Mercedes-Benz kauft. Die machen das nicht, weil sie die Musik interessant finden, sondern die Branche und denken, dass diese Chancen auf Erträge bietet. Wir sind jetzt einfach mittendrin in diesem System gelandet.

Das kann man gut oder schlecht finden, aber wir werden es nicht ändern können. Diese Entwicklung gab es auch schon vor 20 Jahren, aber inzwischen hat sie sich verstärkt. Man könnte sagen, das populäre Musikgeschäft ist Opfer seines eigenen Erfolgs.

Backstage PRO: Das klingt so, als würdest du die Lage nicht als bedrohlich empfinden.

Axel Ballreich: Ich sehe diese Entwicklung durchaus als Bedrohung, sogar als große Bedrohung, da viele Firmen das nicht überleben werden. Uns bleibt nur, uns spezielle Nischen zu suchen. Wir müssen unsere Läden erhalten und versuchen ein interessantes Programm zu bieten, das Großkonzernen nicht so gelingt oder nicht so wichtig ist. Die denken nur an die großen Festivals, wir denken eben an die mittelgroßen. 

Backstage PRO: Welche Rolle spielt in diesem Zusammenhang das FestivalKombinat, das im Rahmen der LiveKomm existiert?

Axel Ballreich: Das FestivalKombinat hat inzwischen über 100 Mitglieder, das ist eine schöne Entwicklung. Das ist einer der weiteren Punkte, für den wir sehr viel Zeit aufwenden, um diesen Zusammenhalt zu fördern und hilfreich zur Seite zu stehen. Festivals haben die gleichen Probleme wie Clubs: Sicherheitskonzepte, Lärmschutz, usw. Es gibt also viel zu tun – an allen Fronten.

Backstage PRO: Herzlichen Dank für das Gespräch und viel Erfolg.

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