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Gefälschte Klicks für die Ehefrau?

Skandinavische Verwertungsgesellschaften wollen TIDAL wegen gefälschter Wiedergabezahlen verklagen

News von Backstage PRO
veröffentlicht am 16.05.2018

streaming tidal ifpi

Skandinavische Verwertungsgesellschaften wollen TIDAL wegen gefälschter Wiedergabezahlen verklagen

© PRNewsFoto/TIDAL

Dem Streaming-Dienst TIDAL drohen Klagen von skandinavischen Verwertungsgesellschaften, nachdem eine norwegische Zeitung dem Unternehmen vorwirft, Wiedergabezahlen manipuliert zu haben.

Die norwegische Zeitung Dagens Næringsliv wirft TIDAL vor, die Wiedergabezahlen der Alben "Lemonade" von Beyoncé und "The Life of Pablo" von Kanye West künstlich erhöht zu haben. Pikantes Detail: Beyoncé ist mit Tidal-Inhaber Jay-Z verheiratet, Kayne West einer der Teilhaber von TIDAL.

Eindeutige Manipulation

Die Zeitung gründet die Anschuldigungen auf einer ihr zugespielten Festplatte mit den Streaming-Daten von TIDAL. Untersuchungen durch Dagens Næringsliv und die norwegische Hochschule NTNU sollen ergeben haben, dass die Daten gleich strukturierte Mehrfacheinträge hinsichtlich der Klickzahlen der beiden Alben aufwiesen.

Dies sei als Manipulation zu werten. Zwar konnten die Untersuchenden nicht genau rekonstruieren, wie diese Manipulation mutmaßlich von Statten ging, ein externer Eingriff sei jedoch ausgeschlossen.

Übermenschlicher Musikkonsum?

Im Zuge der Recherche hat die Zeitung einige der in den Datenbanken aufgeführten TIDAL-Nutzer direkt befragt. Viele der Befragten gaben an, dass ihr angebliches Hörverhalten so, wie die Daten es naheliegen, nicht stimmen könne. 

Der Musikkritiker Geir Rakvaag soll etwa 96 Lieder von Kayne Wests "The Life of Pablo" an nur einem Tag gestreamt haben – 54 davon Mitten in der Nacht. Gegenüber Dagens Næringsliv gab Rakvaag an, dass dies "körperlich unmöglich" sei.

Auch die insgesamt von TIDAL genannten Klickzahlen für beide Alben – "Lemonade" soll in den ersten 15 Tagen nach Veröffentlichung rund 306 Millionen mal wiedergegeben worden sein; "The Life of Pablo" immerhin 250 Millionen mal in 10 Tagen – werfen Fragen auf. Sollte TIDAL zu diesem Zeitpunkt, wie selbst angegeben, etwa 3 Millionen Abonnenten gehabt haben, hätte jeder dieser Nutzer "The Life of Pablo" 83 Mal in der angegebenen Zeit hören müssen. Ein Artikel von Music Business Worldwide bietet einen noch tieferen Einblick in die Datenanalyse.

TIDAL widerspricht

Dagens Næringsliv wirft TIDAL vor, insgesamt 320 Mio. Streams gefälscht zu haben. Da Streaming-Einnahmen proportional nach abgespielten Stücken verteilt werden, würde dies implizieren, dass Beyoncé und Kanye West unrechtmäßig einen Anteil der Entlohnung von unbekannteren KünstlerInnen erhalten hätten.

TIDAL bezeichnet die Story gegenüber Variety als "Schmierenkampagne eines Mediums, das einen unserer Mitarbeiter als 'Mitglied des israelischen Geheimdienstes' und unseren Inhaber als 'Crack-Dealer' bezeichnet hat". Die Vorwürfe seien falsch, die zugrundeliegenden Informationen gestohlen und manipuliert.

Juristische Konsequenzen

Obwohl TIDAL die Vorwürfe abstreitet, werden nun einige skandinavische Verwertungsgesellschaften aktiv. Die norwegische TONO, die Komponisten, Texter und Publisher vertritt, hat Anzeige bei den hiesigen Behören gestellt. Die dänische Schwesterorganisation Koda verlangt eine Prüfung von TIDALs Zahlen durch eine unabhängige Stelle. 

Auch GramArt, die norwegische Vereinigung von Berufsmusikern, sowie der nationale Ableger der International Federation of the Phonographic Industry (IFPI) haben Konsequenzen angekündigt. Von TIDAL selbst war keine weitere Stellungnahme zu erhalten.

Obwohl das Unternehmen mit Rapper und Entrepreneur Jay-Z als Inhaber ein recht populäres Aushängeschild besitzt, konnte sich der Streaming-Dienst – trotz verlustfreien Musikangebots und überdurchschnittlich hoher Ausschüttungen an die Künstler – nicht so recht am Markt positionieren. 

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