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"Verliert" Youtube Views?

Suchmaschinenbetreiber schürt Zweifel an der Effektivität von YouTubes Content ID

News von Backstage PRO
veröffentlicht am 15.11.2017

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Suchmaschinenbetreiber schürt Zweifel an der Effektivität von YouTubes Content ID

© Esther Vargas auf Flickr / Lizenz: CC BY-SA 2.0

Anhand des viralen Youtube-Hits "Gangnam Style" demonstriert der Suchmaschinenanbieter Pex, dass das Content ID-Verfahren, mit dem YouTube Urheber und Labels beschwichtigen möchte, nicht immer zufriedenstellend zu funktionieren scheint. Auch die Rolle von Musik auf der Videoplattform wird hinterfragt.

Die Kritik seitens der Musikindustrie an der Video-Streaming-Plattform YouTube nimmt nicht ab (siehe auch unseren Artikel zum ewigen Streitthema "Value Gap"). Erst kürzlich äußerte sich der Musiker und Labelinhaber Sam Rosenberg kritisch zu deren geringen Ausschüttungen.

Musik auf YouTube – keine große Sache?

Da jeder User auf YouTube Videos hochladen kann, gibt es auch einen nicht geringen Anteil illegaler Videos auf der Plattform – insbesondere von Dritten verteilte Musikstücke und -alben.

YouTube relativiert den Anteil illegal hochgeladener, urheberrechtlich geschützter Werke u.a. durch die Aussage, dass Musik nur einen geringen Teil des gehosteten Contents ausmachen würde. Die Rede ist von 2,5%.

Außerdem hebt YouTube immer wieder die Möglichkeit hervor, geschützte Werke via Content ID automatisch erkennen und – je nach Präferenz – sperren oder monetarisieren zu lassen. 

Pex zweifelt

Neue Zahlen der Suchmaschine Pex, die sich auf die Indizierung von urheberrechtlich geschützen Audio- und Videodaten (inkl. deren Metadaten) spezialisiert, nähren Zweifel an beiden Aussagen. 

Pex widmet sich in seiner Untersuchung der Frage, wie viel Musik es denn tatsächlich auf YouTube gibt. Dabei wird nicht allein die "Musik"-Kategorie untersucht, deren 330,7 Millionen Videos etwa 4,6 Trillionen Views auf sich vereinen und damit knapp 27,5% des Traffics ausmacht. Denn die User-Kategorisierung ist natürlich keine Garantie für den Inhalt: Videos jeder anderen Kategorie können auch Musik enthalten.

Pex will festgestellt haben, dass mehr als 84% der insgesamt auf YouTube gehosteten Videos mindestens 10 Sekunden Musik enthalten. 

Wie erfolgreich ist Content ID?

Da diese Zahl alleine keinen Hinweis dafür liefert, wie die Besitzverhältnisse/der legale Status dieser Musikstücke ist, hat Pex in einem nächsten Schritt ermittelt, ob die Videos von einem Urheber via Content ID beansprucht wurden. Bei immerhin 65% ist dies nicht der Fall!

Obwohl diese Zahlen keinen Aufschluss darüber geben, ob die Content ID-Ansprüche tatsächlich zutreffend sind oder nicht – fest steht, dass die Untersuchungsergebnisse von Pex Zweifel an der Aussage von Lyor Cohen, Head of Music bei YouTube, wecken, nach der 99,5% aller Videos von Content ID erkannt werden.

Nicht berücksichtigt werden von Pex jedoch Musiker, die ihre Werke etwa unter der CC-Lizenz zur weiteren Nutzung freistellen, und damit Content ID nicht in Anspruch nehmen müssen.

"Gangnam Style" als Messinstrument

In einem letzten Schritt sollte überprüft werden, ob die vergleichsweise geringe Anzahl der per Content ID erkannten Songs eventuell im Zusammenhang mit mangelndem Referenzmaterial stand.

So wurde die Funktionsweise von Content ID anhand von "Gangnam Style", dem Viral-Hit des südkoreanischen Rappers Psy, überprüft – mit ernüchterndem Ergebnis: Knapp 20% der 891.685 Videos, in denen der Song auftauchte, waren nicht durch Content ID beansprucht. 

Die initiale Vermutung, dies könne mit der Kürze der Clips zusammenhängen, ließ sich nicht bestätigen: Die Durchschnittslänge der Videos belief sich auf 46.6 Sekunden. Clips dieser Länge müssten laut Pex eigentlich problemlos erkannt werden (können).

Das bedeutet also für die Urheber bzw. Rechteinhaber, dass ein nicht unbedeutender Teil des von ihnen vertretenen Werkes nicht korrekt erkannt und somit auch nicht ihnen zugeordnet wird. Im Falle von "Gangnam Style" sind dies immerhin 0,5 Milliarden "verlorene" Views.

Gute Eigenwerbung für Pex?

Natürlich sollten die Ergebnisse von Pex' Untersuchungen nicht bedenkenlos angenommen werden. Neben der nicht unbedeutenden Verzerrung durch die Nichtbeachtung des Lizenztyps der gescannten Videos stellt sich natürlich auch die Frage, ob eine Lizenzierung auch kürzester Song-Snippets wirklich erstrebenswert ist.

Am Beispiel "Gangnam Style" ließe sich etwa fragen, ob der massive virale Hype, der ja zweifelsohne zur Popularität von Song und Video beitrug, mit einer restriktiveren Content-Policy funktioniert hätte. Denn wo läge der Reiz, eigene Versionen des Videos hochzuladen, wenn die Plattenfirma es früher oder später dann sperrt?

Weiterhin darf nicht aus den Augen verloren werden, dass Pex eben mit dem "Aufspüren" von geschütztem Material im Auftrag von z.B. Labels Geld verdient. Zweifel an YouTubes Content ID spielen ihnen also gewissermaßen in die Hände.

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