In Zeiten von Streaming, Algorithmen und Co.
Virales Video: LGoony spricht über die Herausforderungen des Musikerlebens und mögliche neue Wege
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© Tekin Ünlü
Seit der Veröffentlichung seines Mixtapes "Grape Tape" im Jahr 2015 konnte sich LGoony als fester Bestandteil der deutschen Musikszene etablieren. Auf Spotify können die Songs des Kölners nahezu ausnahmslos mehrere Millionen Streams verzeichnen.
LGoony legt seine Karten offen
Am 9. April hat LGoony ein Video mit dem drastischen Titel "DAS ENDE – Macht der Beruf Musiker noch Sinn?" auf seinem Instagram- und Youtube-Account veröffentlicht. In dem Reel, das er als "längst überfällig" beschreibt, erklärt LGoony seine eigene Situation und damit die tatsächliche finanzielle Realität für viele Musikschaffende. Aktuell, so LGoony, sei ungewiss, wie lange er sein musikalisches Projekt unter den aktuellen Bedingungen noch fortführen könne.
"Das liegt daran, dass Musik generell sehr schlecht monetarisiert ist", so LGoony. Auf Spotify etwa erhalte ein Künstler für jede volle Stunde, in der seine Musik gestreamt wird, gerade einmal ungefähr sechs Cent.
Produktionskosten für neue Musik seien mit diesen knappen Einnahmen nahezu unmöglich zu finanzieren, so LGoony weiter. "Selbst wenn man independent und low budget unterwegs" sei wie er, würde ein Song schnell ein paar hundert Euro kosten. Um auf Null zu kommen, bräuchte man seinen Berechnungen nach dann wiederum über 100.000 Streams.
Dass Songs, mit mehreren Millionen Streams, Künstler*innen teilweise kaum Plus einbrächten, sei ein riesiges Problem.
Das Problem mit Social Media
Dass es mit Liveshows, Merch und Albumverkäufen weitere Wege gibt, um als Musiker*in Einnahmen zu generieren, streitet LGoony nicht ab. Doch auch hier sieht der Künstler ein Problem. Im nach sei der Erfolg dieser Vorhaben extrem an Social Media gebunden.
"Social Media ist über die Jahre hinweg immer mehr algorithmisch geworden, immer weniger wird einem angezeigt von denen, denen man folgt, stattdessen immer mehr von den Dingen, die dir gefallen könnten oder Sachen, die dich auf der Plattform halten."
Sein Content, so LGoony, sei jedoch nicht dafür da, Leute auf der Plattform zu halten, sein Content sei dafür da, Leute von der Plattform wegzubringen. Sobald seine Beiträge etwas bewerben würden wie etwa Merch, dass seine Follower durch einen Link weg von der Plattform bringen würde, würden seine Beiträge massiv in der Reichweite eingeschränkt.
Gleichzeitig würden Inhalte, in denen er etwas neues ausprobiere, seinen üblichen Followern teilweise nicht ausgespielt.
Das Schubladenproblem
Auch im Streaming sieht LGoony ein algorithmusgeprägtes Problem. Sei man einmal mit einem Genre assoziiert, werde man diese Verbindung kaum mehr los: "Man ist gebrandet, erreicht keine neuen Leute mehr."
Er selbst erscheine nur in Deutschrap-Playlists, obwohl seine neue Musik dort eigentlich überhaupt nicht mehr hineinpasse. "Ich bin da einsortiert in dieser Schublade und komme nicht mehr hinaus", so LGoony.
Ein möglicher Ausweg
In seinem Video denkt LGoony aber auch darüber nach, wie es für ihn als Musiker weitergehen könnte:
"Mich irgendwie davon unabhängig zu machen, das wäre der einzige Ausweg. [...] Das größte Kapital, das mir bleibt, ist meine Reichweite und die Leute, die eh schon da sind."
In diesem Zuge verweißt der Künstler auf Plattformen wie Patreon oder Steady, auf denen er Zusatzmaterialen wie Videos oder Demoaufnahmen veröffentlicht, zu denen seine Fans durch ein kostenpflichtiges Abonnement Zugang erhalten können.
"Ich glaube, das ist das einzige, wie ich das Ganze noch nachhaltig finanziert bekomme, denn von den Firmen wurde Musik komplett entwertet", so LGoony, "der soziale Wert ist trotzdem noch da [...] und das ist das Paradoxe. Jedes Mal wenn ich raus gehe unter Leute, kommt jemand auf mich zu und sagt mir 'Deine Musik bedeutet mir super viel'."
Auf diese Leute möchte LGoony ab sofort also setzen. Verlinkt zudem seinen Discordserver, durch den er ebenfalls losgelöst von Algorithmen in Kontakt mit seinen Fans treten kann.
Fanbindung jenseits von Algorithmen
Community-Kanäle wie Patreon oder Discord gewinnen für viele Musiker*innen zunehmend an Bedeutung, weil sie unabhängig von Algorithmen funktionieren und Nähe schaffen. Statt auf anonyme Massenreichweite kann so gezielt auf kleinere, loyale Kern-Communities gesetzt werden.
Auch Features für besonders engagierte Fans werden deshalb immer beliebter. Zuletzt hatte etwa SoundCloud mit "Follower Exclusive Releases" eine neue Funktion vorgestellt, die es Künstler*innen erlaubt, Songs zunächst nur einer kleinen Gruppe an Menschen zugänglich zu machen.
Auch Jack Conte hatte bereits 2024 auf der SXSW einen längeren Vortrag darüber gehalten, wie Künstler*innen in Zeiten von Algorithmen und Co. noch echte Fanbindung aufbauen könnten. Auch er verwies unter anderem ebenfalls darauf, sich eigene Kanäle zu suchen.
Mangelnde Wertschätzung
LGoony ist mit dem Reel der Nächste in einer Reihe von Künstler*innen, die Kritik an der Finanzierung des Lebensunterhalts in der Musiklandschaft äußern. So meldete sich etwa Indie-Pop-Sängerin Mia Morgan im Dezember 2025 auf Instagram zu den Streaming-Einnahmen zu Wort.
Auch unter LGoonys Reel ist ein Kommentar der Künstlerin aufzufinden:
"Ich danke danke danke dir dafür. Ich kann jeden einzelnen Punkt in einem solchen Ausmaß nachfühlen, dass ich beim Gucken heulen musste."
Auch die Hamburger Band die Heiterkeit kritisierte in der Vergangenheit die fehlende Wertschätzung von Streamingdiensten gegenüber Artists. Sängerin Stella Sommer beschreibt die Streaminglandschaft als einen "digitalen Abgrund", in dem Kunst ohne weiteres verschwindet. Ebenso äußerte sich Malte Huck, der ehemalige Live-Bassist der Musikgruppe AnnenMayKantereit, bereits zu den unsicheren Zukunftsperspektiven als Indie-Künstler.
Fan-Support
Vor allem im Kontext der wachsenden Menge an KI-generierten Tracks auf Streamingplattformen sehen sich Artists wie LGoony in eine Ecke gedrängt. Durch die mangelnde finanzielle Wertschätzung und die scheinbar immer einfach werdende Ersetzbarkeit erscheint ihre Arbeit undankbarer als jemals zuvor.
Im Angesicht dieser Umstände wird noch einmal deutlich, was für eine wichtige Rolle die Unterstützung von Fans spielt. Durch den Kauf von Konzertkarten, Merch oder Platten können sie ihre liebsten Artists direkt unterstützen und so den Erhalt der Musik, die ihnen etwas bedeutet, zumindest ein Stück weit sichern.
Immer mehr Musiker entscheiden sich zudem dazu, ihre Musik nicht direkt oder nur unvollständig auf Streamingplattformen zu veröffentlichen, so etwa zuletzt Hayley Williams und Die Heiterkeit.
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