Monopolisierung, Monetarisierung, Marginalisierung
Warnung vor Zwei-Klassen-Streaming: Indie-Organisation IMPALA fordert Kurswechsel
impala streaming musikbusiness
© cottonbro studio
In den vergangenen zwei Jahren, so betont IMPALA in einem aktuellen Bericht mit dem Titel "Combating the Emergence of a Two-Tier Music Streaming Market" [PDF], habe sich das Streaming-Ökosystem spürbar verändert.
Neben dem Anstieg von Abo-Preisen in einigen Märkten hätten dazu auch gezielte Maßnahmen zur Bekämpfung von Streamingmanipulation und -betrug sowie die Überlegungen und teilweise auch Umsetzungen zu alternativen Vergütungsmodellen zu diesem Umstand beigetragen.
Einige der aktuellen Entwicklungen jedoch hätten gefährliche Präzedenzfälle geschaffen und würden drohen, die Kluft zwischen großen Rechteinhaber*innen und unabhängigen Akteur*innen zu vergrößern.
Problematische Praktiken
Verantwortlich dafür seien laut IMPALA unter anderem neue Monetarisierungsmodelle und intransparente Maßnahmen der Streaming-Plattformen, die kleine und unabhängige Akteure systematisch benachteiligen.
Der Bericht verweist in diesem Zusammenhang etwa auf die Einführung von Schwellenwerten, die einerseits zur De-Monetarisierung von Repertoire aber auch zur Steigerung von Tantiemen an anderer Stelle führen. Während gerade unabhängigen Labels und Nischengenres auf diese Art und Weise Einnahmen entzogen werden, profitieren größere Akteure wie die Major Labels.
Die Einführung von Schwellenwerten, bei denen Titel mit geringen Streamingzahlen von der Monetarisierung ausgeschlossen werden, träfe nicht nur kleinere Labels, sondern auch weniger kommerzielle Genres wie Jazz, Klassik oder Weltmusik, heißt es in dem Bericht. Selbst größere Indies verzeichneten nach eigenen Angaben einen Rückgang der Monetarisierung ihrer Kataloge von bis zu 70 Prozent.
Weiter führt IMPALA sogenannte "Pay-for-Play-Boost-Tools" auf, unter denen für die Artists kostenpflichtige Angebote wie der "Discovery Mode" verstanden werden. In Summe, so warnt die Organisation, können diese Praktiken zur Verstetigung struktureller Ungleichheit führen.
Besonders kritisch sieht IMPALA die Rolle von Marktführern wie Spotify und Universal Music eingeordnet, die Neuerungen einführten, ohne dabei unabhängige Stimmen angemessen einzubeziehen.
Lest mehr zu diesen Themen in unserem Interview mit der VUT-Vorsitzenden Birte Wiemann.
Technologische Herausforderungen
Außerdem trage ein Überangebot an Musik, das durch niedrige Einstiegshürden und Anreize für Massen-Uploads entstehe, zu einer Verwässerung der Tantiemenpools bei, das die Marktpräsenz und Nachhaltigkeit von "legimate creators" schwäche.
Zu diesem Punkt trage auch der Aufstieg generativer KI sowie Streamingbetrug bei. Aber auch die Abonnementpreise der Streaming-Plattformen fallen laut IMPALA hinsichtlich der Inflation trotz Erhöhungen zu gering aus.
IMPALA fordert Reformen
Der Bericht identifiziert fünf kritische Bereiche, die sofortige Aufmerksamkeit erfordern und macht ihnen diesbezüglich konkrete Verbesserungsvorschläge. So fordert IMPALA:
- eine branchenübergreifende Zusammenarbeit zur Bekämpfung von KI-getriebener Plattform-Verwässerung und Streaming-Betrug,
- die Reform von Vergütungsmodellen zugunsten gerechter Beteiligung, bzw. zugunsten eines fairen Zugangs für alle Marktteilnehmer*innen sowie eine Erhöhung der Abonnementgebühren entsprechend der Inflation,
- die Verbesserung der Transparenz bei DSP-Praktiken, insbesondere in Bezug auf Play-Boosting-Tools und der Entmonetarisierung von Inhalten,
- die Einschränkung und Rückgängigmachung der Marktkonsolidierung zur Erhaltung von Wettbewerbsvielfalt sowie
- die Einbeziehung von Konsultationen und Folgenabschätzungen in künftigen Änderungen der Branche um unbeabsichtigten Schaden zu vermeiden
Streaming frisst seine Kinder
Streaming hat das Musikhören demokratisiert – doch wie unter anderem der aktuelle IMPALA-Bericht hervorhebt, droht das System dahinter zunehmend, sich gegen die Vielfalt zu wenden, die es möglich gemacht hat.
Wie IMPALA jedoch zeitgleich durch den Bericht verdeutlicht, ist ein Kurswechsel durchaus möglich: mit verstärktem Fokus auf Zugang, Sichtbarkeit und Teilhabe.
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