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Zwischen Galaabend und Pay-to-Play. Welchen Wert hat ein Live-Act?

Tipps für Musiker und Bands von Backstage PRO
veröffentlicht am 18.01.2013

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Zwischen Galaabend und Pay-to-Play. Welchen Wert hat ein Live-Act?

Simple Plan (live in Hamburg, 2012). © Falk Simon

"Unsere Unkostenpauschale beträgt unter Freunden min. 4.500€ plus Extras". Passt diese Forderung zum Booking-Angebot eines Gigs, den eine regionale Band in einem kleinen Laden vor Ort organisiert und stemmt? Wohl kaum. Auch umgekehrt passt's nicht, wenn zum Beispiel eine Newcomercombo durch "für lau"-Auftritte gestandenen Cover- und Jazzprofis die Firmen- oder Galaauftritte wegschnappen wollte. Aber welche Deals sind wann wirklich angemessen? Wir beleuchten die Bookinglandschaft, freuen uns auf euer Feedback und wünschen uns eine rege Diskussion.

Backstage PRO – das Profinetzwerk für die Musikszene bietet über das Booking-Netzwerk hunderte Gigangebote, die von den Nutzern ausgeschrieben werden und auf die sich registrierte Bands und Künstler bewerben können. Mehrere tausend Auftritte wurden über unser Netzwerk bereits vermittelt.

Das gesamte Angebot ist kostenlos und dient dazu die Live-Kultur zu unterstützen und Live-Acts die Möglichkeit zu geben, neue Kontakte zu Konzertveranstaltern, Clubbetreibern und anderen Bands zu knüpfen.

Das Spektrum der Ausschreibung erstreckt sich von Festivalslots über Clubgigs bis hin zum Gigtausch, der in der Regel zwischen Bands stattfindet. Bei diesem heterogenen Angebot variiert selbstverständlich auch der finanzielle Rahmen. Der Ausschreibende stellt die Bedingungen und der Musiker akzeptiert diese, wenn er sich bewirbt.

Welche Gage ist angemessen?

Wir werden sehr oft mit der Frage konfrontiert, welche Gage unter welchen Bedingungen angemessen ist und wieso hier und da sogenannte "Pay-to-Play"-Angebote in den Gigausschreibungen vorkommen.

Hierzu sei gesagt: Als Betreiber der Plattform nehmen wir grundsätzlich keinen Einfluss auf die Ausschreibungsmodalitäten, sondern stellen lediglich das technische Umfeld zur Verfügung, über das Veranstalter und Musiker zusammenfinden.

Einfluss nur in Ausnahmefällen

Eine Ausnahme kommt allerdings dann in Betracht, wenn wir aufgrund von mehrfachen glaubwürdigen und überprüfbaren Mitteilungen den Eindruck erhalten, dass ein Nutzer Gigangebote in betrügerischer Absicht einstellt. In diesem Fall behalten wir uns vor, den Account solcher Anbieter zu terminieren, was tatsächlich bereits vorgekommen ist.

Eine weitere Ausnahme sind unsere zahlreichen Kooperationen mit Festivals, Veranstaltern oder anderen Musikschaffenden, die von den Anbietern in Absprache mit uns erstellt werden.

Angebot und Nachfrage

Dennoch möchten wir uns mit diesem Artikel der Frage "Wann hat welcher Act welchen Wert?" annehmen und die Bookinglandschaft möglichst differenziert beleuchten, ebenso möchten wir euer Feedback dazu einholen.

Wenn man sich der Frage nach dem Wert eines Live-Acts nähert, sollte man bedenken, dass es sich bei einer Band im marktwirtschaftlichen Sinne auch um ein Produkt und Dienstleistung handelt. Musiker oder Management bieten dieses Bündel an Leistungen an und die Veranstalter erhalten die Gelegenheit, diese zu buchen.

Die Gage – ein Kompromiss

Der finale Wert eines Acts für eine Veranstaltung ergibt sich durch einen Kompromiss zwischen der Wertvorstellung des Anbieters und des Nachfragers. Mit anderen Worten: Jeder Veranstalter verfügt über ein Budget, das er benutzt, um Bands zu buchen. Jede Band hat eine Vorstellung der Gage, die sie gerne für einen Auftritt erhalten würde. Um einen Auftritt zu realisieren, müssen sich Musiker und Veranstalter über den Preis des Auftritts einigen.

Da es unterschiedliche Veranstaltungskonzepte gibt, variiert selbstverständlich auch das Gagenniveau. Diese Tatsache möchten wir an unterschiedlichen Szenarien beleuchten.

Band für Galaabend bzw. eine Firmenveranstaltung

Die Wertvorstellung des Veranstalters basiert in diesem Kontext sehr stark auf einem hohem Professionalisierungsgrad bzw. hochwertig unterhaltenden Niveau des Acts. Gagen werden im Vorfeld fix vereinbart und bewegen sich tendenziell auf hohem Niveau.

Schließlich wollen Firmen über den Showact ein positives Image vermitteln, ihre Gäste unterhalten und einem kulturellen Anspruch gerecht werden. Für diese Events werden nicht selten erfahrene Jazzbands, Klassik-Ensembles sowie sehr professionelle Coverbands gebucht. Man könnte auch behaupten, dass die Professionalität der Performance und das bisherige Renommee in diesem Segment wichtiger ist als die Bekanntheit und Zugkraft des Acts.

Band als Supportact

Spielt eine Band als Support vor dem eigentlichen Hauptact, gelten wesentlich andere Rahmenbedingungen. Spielt zum Beispiel eine noch relativ unbekannte Band vor einem ausgewiesenen Topact, der mehrere hundert oder gar tausend Fans zieht, erhält die Supportband die Möglichkeit über diesen Gig neue Fans zu gewinnen. Daraus kann sich ein wirtschaftlicher Nutzen ergeben, was den Absatz von Merchandise oder Tonträgern angeht.

Daher ist es keine Seltenheit, dass die Vorband nur eine geringe oder keine Gage erhält. Je größer der Promotion-Mehrwert aufgrund des Unterschieds in der Bekanntheit zwischen Support und Hauptact ist, umso weniger wird in der Regel für den Support gezahlt. Das kann sogar so weit gehen, dass sich der Supportact in eine Tour einkauft, um so auf sich aufmerksam zu machen.

In Sachen Marktwert bzw. Wertvorstellung steht im Segment Supportacts eindeutig die Zugkräftigkeit einer Band im Vordergrund.

Im Festivalbereich gelten ähnliche Prinzipien. Je größer der Bekanntheitsgrad und je individueller die Fanbase, umso eher befindet sich ein Act in der Position eine angemessene Gage zu verlangen. Wenn jedoch bereits im Vorfeld klar ist, dass die Band eher vom Festival profitiert, da sie nur wenig Liveerfahrung gesammelt hat oder die Band als eigenständiges "Produkt" bisher unbekannt ist, verringern sich die Gageaussichten.

Auftritte im Liveclub

Clubs im kleinen bis mittleren Segment, die Liveacts eine Bühne bieten, sind am häufigsten Bestandteil kontroverser Diskussionen. Das gilt insbesondere dann, wenn in der Location eine Art "Mischwirtschaft" betrieben wird, bei der neben dem Livekonzertbetrieb die Gastronomie dauerhaft eine bedeutende Rolle spielt.

Solche Locations zeichnen sich nicht selten durch Besucher aus, die primär aufgrund des Konzepts des Clubs Eintritt bezahlen. Daher ist es oft schwer zu beurteilen, wie stark sich das Image des Clubs oder die Zugkraft des Liveacts auf den Erfolg des Abends auswirkt. Ergebnis aus dieser planerischen Pattsituation ist nicht selten der so genannte Doordeal, bei dem die Einnahmen "an der Tür" in einem bestimmten Verhältnis zwischen Veranstalter und Künstler aufgeteilt werden. Ein Anteil vom Umsatz oder Gewinn aus dem Gastronomiebetrieb wird hingegen nur selten an den Liveact weitergegeben. Bei manchen Clubs lohnt es sich ggfs. im Vorfeld intensiv zu verhandeln.

Dabei sollte nicht ausschließlich die Gage eine Rolle spielen, sondern auch die Werbung für die Veranstaltung berücksichtigt werden. Bei einem Doordeal sollte nicht nur der Umsatz oder Gewinn, sondern auch die im Vorfeld entstandenen Kosten fair geteilt bzw. das unternehmerische Risiko des Veranstalters berücksichtigt werden.

Pay to Play

Beim Stichwort "unternehmerische Risiken" und einer damit einhergehenden Kostenteilung fällt sehr oft der Begriff "Pay to Play". Übersetzt beschreibt dieser eine finanzielle Leistung, die vor dem Gig seitens der auftretenden Band erfolgen muss. Diese Leistung kann wiederum sehr unterschiedlich ausfallen.

In vielen Fällen müssen Live-Acts Tickets erwerben, die sie im Vorverkauf an Konzertbesucher mit einer geringen Gewinnmarge weiterverkaufen können. Gelingt es nicht, alle Tickets weiter zu verkaufen, werden die restlichen nicht vom Veranstalter erstattet. Somit trägt die Band einen Teil des finanziellen Risikos des Veranstalters mit und ist gleichzeitig in der Pflicht für die Veranstaltung zu werben sowie einen Teil des Ticketvertriebs zu übernehmen.

Bei Clubgigs in Locations, in denen keine regelmäßigen Veranstaltungen stattfinden, kann es auch vorkommen, dass Bands ein Teil der Betriebskosten (z.B. Ton, Licht, Reinigung) vorschießen müssen, um das finanzielle Risiko des Club-Betreibers zu mindern.

Ein Phänomen der Metropolen

"Pay to Play-Konzepte" sind nicht per se abzulehnen. Unter gewissen Umständen und je nach Bekanntheitsgrad kann es sich um eine sinnvolle Variante handeln, um in anderen Regionen aufzutreten und sich einem neuen Publikum zu stellen. Besonders in Metropolen mit hohem Konkurrenzdruck unter Bands, wie Hamburg, Köln oder Berlin, mehren sich die Pay to Play-Angebote.

Prinzipiell sollte sich aber jeder Live-Act nur dann auf solche Konzepte einlassen, sobald er einen echten Mehrwert erkennt. Dieser kann für jeden Act individuell ausfallen.

Keine Tariftabellen für Gagen

Somit fallen Gagen je nach Veranstaltungskonzept und Bekanntheitsgrad der Band sehr unterschiedlich aus. Jeder Act sollte sich demnach in jeder Situation seines Marktwertes bewusst sein.

Bands die aus Profimusikern bestehen, aber als Band noch keinen Namen haben, können z.B. im Clubsegment wesentlich weniger Marktwert haben als etwa im Bereich der Galashows oder Firmenveranstaltungen.

Ebenso kann es vorkommen, dass ein regional bekannter Act außerhalb seines Einzugsbereichs auf Gage verzichten muss, wenn das primäre Ziel darin besteht, den Bekanntheitsgrad über Live-Shows zu erweitern.

Wirtschaftliches Gleichgewicht, Fairness und Transparenz

Es gilt demnach, in jeder Verhandlungssituation das richtige Fingerspitzengefühl zu entwickeln und den eigenen Marktwert zu hinterfragen. Ziel sollte sein, dass jeder Gig eine angemessene Gegenleistung verspricht, ohne das finanzielle Risiko des Veranstalters überzustrapazieren.

Nur vor dem Hintergrund eines solchen wirtschaftlichen Gleichgewichts kann eine nachhaltige Livekultur entstehen, die sich zudem durch Fairness, Transparenz und gegenseitiges Vertrauen auszeichnen sollte.

Wie sind eure Erfahrungen mit den besagten Konzepten und dem Umgang mit Veranstaltern, Clubbetreibern und anderen Bands?

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