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Angeregter Diskurs

Falsches Zeichen oder Konzept für die Zukunft? Geteilte Meinungen zu Lieberbergs Stadionkonzert

News von Backstage PRO
veröffentlicht am 11.08.2020

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Falsches Zeichen oder Konzept für die Zukunft? Geteilte Meinungen zu Lieberbergs Stadionkonzert

Sarah Connor. © Nina Kuhn

Laut Veranstalter Marek Lieberberg und Stars wie Sarah Connor soll das im September 2020 geplante Konzert "Give Live a Chance" ein Zeichen für die Livebranche auch unter Corona-Bedingungen darstellen. Doch es gibt auch kritische Stimmen.

"Give Live a Chance" soll mit Stars wie Bryan Adams, Sarah Connor, The BossHoss und Rea Garvey bis zu 13.000 Menschen in die Merkur Spiel-Arena Düsseldorf locken – und das unter Einhaltung aller Hygienemaßnahmen und Abstandsgebote. 

Live ist möglich

Für Marek Lieberberg, Konzertveranstalter und Geschäftsführer von Live Nation DACH, soll die Veranstaltung in erster Linie zeigen,

"dass eine Großveranstaltung in dieser Zeit möglich ist, unter der Voraussetzung der Einhaltung der besonderen Sars-Cov2-Infektionsschutzverordnung sowie umfassender begleitender Hygiene- und Abstandsregeln."

Diese nach eigener Aussage erste Großveranstaltung in Deutschland seit Mitte März habe das Potential, ein "erfolgreicher Neustart der modernen Kultur" zu werden

Chance für die Branche

Auch The BossHoss und Sarah Connor, beide Teil des Line-ups, loben die Idee in den sozialen Medien. Seitens The BossHoss heißt es, es handele sich bei "Give Live a Chance" um "das Zeichen, auf das Fans, Künstler und Crews sehnsüchtig gewartet haben." 

Sarah Connor macht deutlich, dass es sich keineswegs um eine leichtsinnige Zusage ihrerseits handelt. Sie halte das Veranstaltungskonzept jedoch für sicher, und wolle mit ihrer Teilnahme Versuchen, der Live-Branche wieder ein wenig Hoffnung zu geben: 

 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

Hallo Ihr Lieben. Ich höre Euch. Und ich verstehe alle Bedenken und Einwände zu dem ersten grossen geplanten Konzert in der „neuen Zeit“. Ich habe vier Kinder, eines davon könnte man als besonders „gefährdet“ einstufen. Auch wir erwarten mit Spannung den Schulbeginn. Auch meine Kinder müssen in der Schule Masken tragen. Seid gewiss, ich gehe auf keinen Fall leichtsinnig mit der Situation um. Aber: auch meine Branche hat in den letzten Monaten extrem gelitten. Auch ich habe viele Freunde und Kollegen deren Existenzen mittlerweile bedroht sind. Ich allein beschäftige über‘s Jahr um die 150 Menschen, denen im März von heute auf Morgen sämtliche Einnahmen weggebrochen sind. Musiker, Tontechniker, Bühnenbauer, Backliner, Bus-und Truckfahrer, Securityleute, Lichtdesigner, Videooperator und viele mehr, die z.T. keine grossen Gewerbe haben, sondern Selbständige sind. Familienväter- und Mütter. Fleissige Menschen, die seit März ohne Arbeit und vor Allem ohne jegliche Einkünfte sind. Die keine Perspektive haben, keine Lobby. Die brav ihre Steuern zahlen, aber nun seit Monaten ignoriert werden. Für die niemand kämpft, weil ständig gesagt wird, ihre Arbeit sei nicht systemrelevant. Wir reden über insgesamt 150.000 Arbeitsplätze alleine in Deutschland‼️ Ich wünsche mir nichts sehnlicher, als dass dieses Virus verschwindet und alles wieder „normal“ wird. Aber das wird es nicht. Noch lange nicht. Also müssen wir Konzepte entwickeln wie es in der „neuen Zeit“ machbar wird, ein Konzert zu besuchen; indem wir die richtigen Sicherheitsvorkehrungen treffen und uns an alle Angaben und Maßnahmen halten. Nach meinen Informationen, sonst hätte ich niemals zugestimmt, ist das geplante Konzert vorsichtig durchdacht und eng mit den Behörden erarbeitet und abgestimmt worden. Ich bin selbst gespannt, ob und wie es stattfindet. Aber wenn, dann bin ich dabei. Alles andere kann ich meinen Leuten gegenüber nicht verantworten. Wir sind dankbar für den Versuch, unserer Branche wieder ein wenig Hoffnung zu geben. Viele Menschen warten darauf. Ich rede nicht von “Party machen”, sondern von JOBS. Von 150.000 Arbeitsplätzen! Ja es geht um Leben, aber auf beiden Seiten der Argumentation!!! Sarah

Ein Beitrag geteilt von Sarah Connor (@sarahconnor) am

Dabei spricht sie sich explizit aus für die Selbstständigen aus der Veranstaltungsbranche – "Musiker, Tontechniker, Bühnenbauer, Backliner, Bus-und Truckfahrer, Securityleute, Lichtdesigner, Videooperator und viele mehr" –, deren Existenzen derzeit ohne eigenes Verschulden bedroht seien, die jedoch keine Lobby hätten, die für sie kämpfe. 

Katastrophe in der Krise? 

Doch gibt es auch negative Stimmen: So sprach sich beispielsweise Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) gegen die Veranstaltung aus. Zwar benannte er "Give Live a Chance" nicht explizit, verwies jedoch mehrmals deutlich auf "Konzerte mit 13.000 Menschen". Söder kritisierte die "katastrophale Signalwirkung für das ganze Land", die die Veranstaltung habe:

"Wir haben derzeit schon Schwierigkeiten und müssen schauen, wie wir Möglichkeiten finden, bestimmte große Ansammlungen von Menschen in vernünftiger Form zu leiten zu und zu lenken, insbesondere was den Alkohol betrifft. Dann können wir nicht gleichzeitig Konzerte mit 13.000 Leuten zulassen, das setzt eine Signalwirkung ins Land, die die gesamte Philosophie konterkariert."

Der nordrhein-westfälische Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) kritisiert die von Lieberberg geplante Veranstaltung, da sie nicht mit dem Land abgestimmt sei. Er forderte das Düsseldorfer Gesundheitsamt auf, die Rechtsgrundlage für Genehmigungsentscheidung darzustellen und das Hygienekonzept für die Veranstaltung zur Prüfung durch die Fachaufsicht vorzulegen.  

Die Stimmen aus der Community

Die Backstage PRO-Community sieht "Give Live a Chance" in ihren Kommentaren auf der Backstage PRO-Facebookseite eher kritisch. Neben Bedenken, was die Eindämmung des Coronavirus angeht, weisen viele Nutzerinnen und Nutzer insbesondere auf die kritische Position der kleinen Bühnen und Venues hin. 

Ohne kleine Bühnen und die lokale Szene, so der Tenor, sei eine lebendige deutsche Musikszene nicht möglich, von dem von Lieberberg vorgeschlagenen Konzept profitierten jedoch nur die großen Bühen und Stars, während kleine Venues weiter vom Konkurs bedroht bleiben. 

Update vom 13. August

In einem Facebook-Post vom 13. August 2020 nehmen Live Nation, die Stadt Düsseldorf und das Gesundheitsministerium Stellung vor dem Hintergrund der steigenden Infektionszahlen in NRW und dem Bundesgebiet Stellung zur Verantwortbarkeit von "Give Live a Chance":

In der Erklärung heißt es, den Vorverkauf trotz des sich verschlechternden Infektionsgeschehens weiterlaufen lassen zu wollen, um am 31. August 2020 abschließend zu entscheiden, ob die Veranstaltung durchgeführt werden kann oder nicht.

Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann bezeichnet das Vorgehen als eine " Anerkennung des gewissenhaften Konzepts für den Bereich der Arena." Wie es sich jedoch auf die Attraktivität der Veranstaltung auswirkt, wenn gerade einmal vier Tage vor dem Event über die Durchführung entschieden wird, bleibt abzuwarten. 

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Locations

Merkur Spiel-Arena

Merkur Spiel-Arena

Arena-Str. 1, 40474 Düsseldorf

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