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Europaweite Versuche

Senden Pilotprojekte mit Schnelltests einen Hoffnungsschimmer für Konzerte und Veranstaltungen?

Spezial/Schwerpunkt von Daniel Nagel
veröffentlicht am 23.03.2021

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Senden Pilotprojekte mit Schnelltests einen Hoffnungsschimmer für Konzerte und Veranstaltungen?

Schnelltests bei den Konzerten in der Rockhal in Luxemburg. © Claude Piscitelli

Überall in Europa finden Pilotprojekte und Studien statt, um die Möglichkeit auszuloten, trotz der andauernden Coronavirus-Pandemie wieder Konzerte und Veranstaltungen stattfinden zu lassen. Ein Grund zur Hoffnung für die schwer angeschlagene Branche?

Das Ziel ist überall dasselbe: Nach einem Jahr Coronavirus-Pandemie benötigen Einzelhandel, Gastronomie, aber vor allem auch die Kulturbranche endlich eine Öffnungsperspektive. Wie aber soll das möglich sein angesichts wieder steigender Infektionszahlen und einer möglichen dritten Welle?

Pilotprojekt in Berlin

Einen Lösungsansatz liefern die inzwischen umfassend verfügbaren Schnelltests. Berlin plant daher unter Beteiligung zahlreicher Kulturinstitutionen ein umfassendes “Pilotprojekt Testing”, bei dem Besucher sich vor Besuch einer Veranstaltung einem Schnelltest auf SARS-CoV-2 unterziehen müssen.

Die Tests gelten als zusätzliche Sicherheitsmaßnahme. Daher müssen Besucher auch weiterhin Masken in Form von medizinischem Mund- und Nasenschutz oder FFP2-Masken tragen und die Abstands- und Hygieneregeln einhalten.

Testkonzerte in Luxemburg

Einer der ersten Versuche, auf diese Weise wieder Veranstaltungen zu ermöglichen, war die Konzertreihe "Because Music Matters" in Luxemburg. Mitte Februar 2021 fanden im kleinen Saal der luxemburgischen Konzerthalle Rockhal in enger Zusammenarbeit mit den Gesundheitsbehörden mehrere Konzerte statt.

Der Club-ähnliche Raum besitzt im Normalfall eine Kapazität von etwa 1.200 Besuchern, die Teilnehmerzahl war jedoch auf 100 Zuschauer pro Konzert begrenzt. Die Tickets für die insgesamt fünf Konzerttage (10. bis 14. Februar) waren trotz sehr strenger geltender Maßnahmen und Protokollierung schnell ausverkauft. Auch bei Künstlern und Veranstaltern stieß die Konzertreihe auf großes Interesse.

Während des Konzerts waren alle Besucher dazu verpflichtet, einen Mund- und Nasenschutz zu tragen und die geltenden Abstandsregeln zu befolgen. Darüber hinaus mussten sie sich einem Covid-Screening unterziehen.

Der Einlass erfolgte durch einen neuen, automatisierten und kontaktlosen Sicherheitscheck. Um dennoch Nähe zu schaffen, wurde eigens für das Projekt eine 360°-Bühne errichtet und auch die Performances der auftretenden Künstler wurden speziell für die Konzertreihe entwickelt. 

Konzert mit 5.000 Zuschauern in Barcelona

Die katalanische Metropole Barcelona vollzieht währenddessen den zweiten Schritt. Nach dem erfolgreichen Abschluss eines ersten Pilotprojekts mit 500 Besuchern soll am 27. März im Palau Sant Jordi ein zweites Konzertprojekt vor 5.000 Zuschauern stattfinden. Die volle Kapazität der Halle beträgt normalerweise 17.000 Zuschauer.

Als Ergebnis des ersten Konzerts erwiesen sich Antigen-Tests als effektives Mittel im Kampf gegen das Coronavirus und für die Wiederaufnahme von kulturellen Veranstaltungen. Daher müssen Besucher des 5.000er-Konzerts ein negatives Testergebnis vom selben Tag vorweisen. 

Während der Veranstaltung müssen sie außerdem eine Maske tragen, Abstandsregelungen wird es nicht geben, die Besucher werden jedoch in Zonen mit je 1.800 Personen aufgeteilt. Außerdem werden Besucher via Smartphone während und nach der Show überwacht.

Veranstaltet wird das Konzert von der eng mit der katalanischen Regierung zusammenarbeitenden Initiative "Festivals per la Cultura Segura". Gesundheitsbehörden werden die gesammelten Daten zur Kontaktverfolgung und zur Verbesserung des Konzepts nutzen.

Events ohne Abstand in Liverpool

Liverpool unternimmt einen ähnlichen Versuch, der in manchem dem Berliner Pilotprojekt gleicht. In der nordenglischen Stadt sollen im April eine Reihe von Test-Events stattfinden, um im Rahmen eines ERP (Events Research Programme) der Regierung neue Erkenntnisse darüber zu gewinnen, in welchem Umfang es möglich ist, Veranstaltungshäuser und Diskotheken wiederzueröffnen.

Die Veranstaltungen dieser Corona-Studie sollen mit freiwilligen Teilnehmern in Liverpool unter anderem in Nachtclubs, Stadien, Theatern oder Konzerthallen stattfinden. Alle Besucher müssen einen negativen Covid19-Test vorweisen und werden auch nach dem Ende des Events getestet. 

Mehr als Tests

Während der Veranstaltungen für das Experiment spielen neben den Tests auch der Aufbau der einzelnen Locations, Lüftungsmöglichkeiten bzw. Luftzirkulation und das Tragen eines Mund- und Nasenschutzes der Besucher eine wichtige Rolle. Abstandsregeln wird es auch hier jedoch keine geben. 

Die Test-Events sollen die von Premierminister Brian Johnson für den 21. Juni angekündigte Wiedereröffnung von Musikclubs und anderen Veranstaltungsorten vorbereiten.

Offene Türen mit Schnelltests in Tübingen

Der Modellversuch Öffnen mit Sicherheit in Tübingen verfolgt ein noch weitergehendes Konzept. An sechs verschiedenen Stellen in der Tübinger Innenstadt sind Stationen aufgebaut, an denen sich Bürger mit Schnelltests kostenlos auf Covid-19 testen können.

Falls der Test negativ ist, dürfen die Bürger anschließend nicht nur Geschäfte und Außengastronomie aufsuchen, sondern auch Kultureinrichtungen wie das Theater nutzen. Die Universität Tübingen begleitet den auf drei Wochen angelegten Versuch wissenschaftlich.

Schnelltest und Studien 

In den Niederlanden führt die von der Regierung ins Leben gerufenen Initiative "Fieldlab" seit einigen Wochen Experimente durch, um Veranstaltungen in Pandemie-Zeiten zu ermöglichen. 

Um Zugang zu den Veranstaltungen zu erhalten, benötigten Besucher einen aktuellen, negativen Corona-Test. Zudem wurden sie fünf Tage später erneut auf das Virus getestet. 

Eine neue App soll die Durchführung solcher Pilotveranstaltungen erleichtern. Die Besucher laden ihr negatives Testergebnis, das sie am Eingang erhalten haben, per QR-Code in die CoronaCheck-App hoch, wodurch Einlasskontrollen beschleunigt werden sollen.

Darüber hinaus werden die Events wissenschaftlich begleitet: Bei einem Dance Event im Ziggo Dome wurde das Publikum beispielsweise in fünf Gruppen aufgeteilt. Ausgestattet mit verschiedensten Sensoren, um Kontakte zurückverfolgen zu können, wurden die Teilnehmer in ihren Gruppen dazu aufgefordert, unterschiedliche Regeln zu befolgen.

So musste ein Teil beispielsweise eine Mund- und Nasenschutzmaske tragen, während andere so laut mitsingen sollten, wie sie nur konnten. Die sollte dazu beitragen, die verbreiteten Aerosole zu messen um eine mögliche Virusübertragung auf Veranstaltungen auf diesem Weg zu untersuchen.

Zeit für neue Ideen

Fest steht, dass die Veranstaltungsbranche, egal ob Hoch- oder Popkultur, egal ob staatlich finanziert oder gänzlich privat, dringend Strategien zur Wiedereröffnung benötigt. 

Die meisten Künstler und Veranstalter sehnen sich nach einer Perspektive, um endlich wieder Publikum unterhalten oder begrüßen zu dürfen. Gleiches gilt für das Publikum, das sich nach kulturellem Leben abseits des Bildschirms sehnt. 

Sicheres Wiederaufleben

Die genannten Studien können im Idealfall dazu dienen, ein Wiederaufleben des Kulturbetriebs trotz Pandemie bei gleichzeitig größtmöglicher Sicherheit zu ermöglichen. Im schlechteren Fall erhalten wir immerhin neue Erkenntnisse darüber, welche Formate in Pandemiezeiten möglich sind, und welche nicht. 

Entscheidend ist, dass viele Städte und Länder den Schritt wagen, wieder Kultur zuzulassen, ohne die Sicherheit der Künstler, Kulturschaffenden, des Publikums und der Allgemeinheit aus den Augen zu verlieren. Das ist in dieser schwierigen Zeit ein echter Hoffnungsschimmer.

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