×

"Finanziell ist es lukrativer zuzusperren, als Musiker spielen zu lassen"

Veranstalter Oliver Fendt über die Ursachen für das Ende der Rock City Munich-Bühne

Interview von Michael Erle
veröffentlicht am 19.05.2017

rock city munich der akademiker oliver fendt münchen clubsterben gema veranstalter veranstaltungskonzepte liveszene

Veranstalter Oliver Fendt über die Ursachen für das Ende der Rock City Munich-Bühne

Die Münchner Musikszene erlebte im Jahr 2017 bereits eine herbe Enttäuschung. Das mit viel Elan gestartete Rock Citiy Munich, eine Bühne für junge Münchner Bands mit angeschlossenen Übungsräumen und Studio, sagte Ende März recht unvermittelt alle vereinbarten Konzerte kurzfristig ab. Woran lag der plötzliche Sinneswandel? Wir sprachen mit Teilhaber Oliver Fendt.

Worum geht's? Lies hier kurz zu den Hintergründen und auch das zweite Interview zum Thema.

Backstage PRO: Sie sind seit langen Jahren in München als Veranstalter tätig. Was war Ihre Motivation, und welche Locations haben Sie für welche Zielgruppe unter den Musikern angeboten?

Oliver Fendt: Ich bin eigentlich Betreiber von Studentenwohnheimen. In einem Wohnheim haben wir einen kleinen, nicht gewinnorientierten bewirtschafteten Club namens “Der Akademiker”. Einige Zeit nach der Eröffnung – etwa 2012 – haben mich junge Bands angesprochen, ob man dort nicht auch Konzerte machen könnte. Die Idee fand ich gut und ich habe daraufhin eine kleine Hausanlage mit Mischpult angeschafft, den Hausmeister eine kleine Bühne zimmern lassen und diese Konzerte zugelassen. Da die Stimmung offensichtlich gut war, haben immer mehr Bands angefragt, ob sie dort spielen dürfen.

"Es sollte ein Wohnzimmer für Musiker entstehen"

Backstage PRO: Was war die Vision der Rock City Munich vor den jüngsten Problemen?

Oliver Fendt: In 2015 habe ich Bernd Wenzler kennen gelernt. Er überzeugte mich, daß wegen den immensen Immobilien-Preisen und dem damit verbundenen Wegfall vieler Flächen für Musiker ein Bedarf für ein Musik-Zentrum besteht. In den ohnehin leerstehenden Flächen der Margot-Kalinke-Straße 3 sollten Proberäume, Schule bzw. Workshops, Bühne und ein kleines Studio als "Wohnzimmer für Musiker" entstehen.

Uns beiden war bewusst, daß dies finanziell sicher keine Erfolgsgeschichte werden kann. Ich habe die Räume bis jetzt mietfrei zur Verfügung gestellt und wir haben viel Geld und Zeit in die Hand genommen, um dieses Projekt zu ermöglichen. Die Baugenehmigung mit Brandschutzkonzept, schallisolierte Proberäume, Lüftungsanlage mit Wärme-Rückgewinnung und zu guter Letzt ein Veranstaltungsraum mit modernster Audio- und Video-Technik sollten auch den kleineren Bands tolle Möglichkeiten und nie gekannte Live-Mitschnitte ermöglichen.

"Die Musiker sind gar nicht mehr in der Lage, Ihre Lizenzen selbst zu bestimmen"

Backstage PRO: Was genau ist nach dem Start der Rock City Munich passiert? Was war Ihre Reaktion und zu welchem Ergebnis kam die Auseinandersetzung?

Oliver Fendt: Der Start von Rock City ist zweigeteilt verlaufen. Die Musiker fanden die Location super. Gleichzeitig lief es wirtschaftlich nicht wie erwartet, so daß die von uns ohnehin zu erbringende finanzielle Unterdeckung eine Diskussion war. Genau in diesem Moment kam dann noch eine Klage der GEMA wegen der "illegalen" nicht lizenzierten Veranstaltungen im Akademiker. Auf meinen Anruf bei der Presse-Stelle, was das soll, stand die GEMA für eine Stellungnahme nicht zur Verfügung.

Die Summe der Klage ist nicht hoch - aber sie zeigt, dass die mehr oder minder offizielle Vertretung der Musiker das Engagement für Live-Musiker nicht schätzt. Sondern im Gegenteil: Die Musiker sind gar nicht mehr in der Lage, ihre Lizenzen selbst zu bestimmen. Dabei geht es nicht nur um das Geld, sondern auch um den ungeheuer lästigen Aufwand im Büro, nämlich Playlisten zu erstellen, Meldungen machen, Abrechnungen zu prüfen, Zahlungen zu veranlassen etc.

Meine Entscheidung aus der Förderung der Rock City und der Musiker auszusteigen resultiert schlicht aus der Tatsache, daß ich nicht Musiker fördern will, nur damit sich GEMA-Funktionäre ihre Gehälter bezahlen können und mir mit Aufzeichnungspflichten und anderen Unannehmlichkeiten Ärger machen. Ich habe schon viele Projekte gefördert. Umwelt-Projekte, politische Projekte... aber noch nie so einen Undank dafür von der Interessenvertretung abkassiert.

Übrigens habe ich in diesem Zusammenhang eine Anfrage an das Kartell-Amt gestellt. Denn daß es überhaupt so weit kommt, daß alle Musiker ihre Rechte auch an ihrem gesamten, also auch zukünftigem Repertoire, abgeben, das liegt nach meiner festen Überzeugung an der marktbeherrschenden Stellung der GEMA. Niemand gibt freiwillig vorab Lizenzen her, wo er noch gar nicht weiß, was diese Wert sind – ob es z.B. ein Hit wird.

"Die Proberäume können bleiben"

Backstage PRO: Wie geht es mit der Rock City Munich weiter? Was bieten Sie Musikern in München, und was können Sie nicht mehr so anbieten wie geplant?

Oliver Fendt: Wie es mit Rock City weitergeht kann ich nicht mehr sagen. Ich bin faktisch als Gesellschafter ausgestiegen und habe als Vermieter der Rock City die Räume gekündigt.

Die Proberäume können bleiben. Ich werde sehen ob es ein wirtschaftlich tragfähiges Konzept für die Veranstaltungs- und Studio-Räume gibt, die ab sofort wieder in meiner Verwaltung stehen. Aber ich bin nicht mehr bereit als Veranstalter aufzutreten und mich mit der GEMA rumzuschlagen – zusätzlich zu einer finanziellen Unterdeckung.

Es sind schon jetzt sehr große Summen in das Projekt geflossen, aber ich gehe aktuell davon aus, daß GEMA-Musiker nur noch selten dort spielen werden. Aktuell prüfe ich verschiedene Vermiet-Modelle, den Rückbau und ich sehe mich nach Sponsoren um. Aber: Finanziell ist es aktuell lukrativer den Raum zuzusperren, als Musiker dort spielen zu lassen.

"Es ist zusätzliches Sponsoren-Geld nötig"

Backstage PRO: Was muss sich aus Ihrer Sicht ändern, um Projekte wie die Rock City Munich zu ermöglichen?

Oliver Fendt: Um in der Margot-Kalinke-Str. – also in toller Lage ganz nah an München Schwabing auf Neubau-Niveau – eine Location wie diese zu ermöglichen ist wohl immer zusätzliches Sponsoren-Geld nötig. Ändern kann man daran wohl nichts. Unsere Buchhaltung hat eine Vollkostenrechnung für ein typisches Konzert aufgestellt und kommt auf Einstands-Kosten von 1.000,- bis 1.500,- Euro, je nach Eintritt.

Das liegt auch – aber nicht nur – an der GEMA. So sind bei 10,- Eintritt etwa 250,- Euro für die GEMA fällig, plus etwa zwei Stunden zusätzlicher Büro-Aufwand à 40 Euro plus eine Kontroll-Person am Eingang... was die Kosten nach oben schraubt.

Da ist noch nichts verdient. Das ist in einer so kleinen Gig-Location für nicht so bekannte Musiker nicht zu erwirtschaften. Das ist sicher der Grund, warum immer mehr kleine Live-Clubs aktuell zusperren.

"Keine "Melk-Kuh", sondern Unterstützer"

Aber am Geld lag es bei diesem Projekt nicht. Die Finanzierung ist mindestens bis 30.3.2018 sichergestellt. Es fehlt hier am Bewusstsein der Musiker – auch ihrer Interessenvertretung – die Clubbetreiber nicht als "Melk-Kuh" zu sehen, sondern als Unterstützer. Wie soll der Nachwuchs in Deutschland entstehen, wenn es keine Live-Club-Kultur mehr gibt?

Backstage PRO: Was können Musiker tun?

Oliver Fendt: Um wirtschaftlich zu sein fehlt es den unbekannten Bands an zahlenden Zuhörern – sei es Eintritt oder Getränkeumsatz. Die Bands müssen aktiver werben und vielleicht auch mal auf ein Konzert einer anderen Band gehen, damit die Live-Kultur insgesamt wieder auf die Füße kommt.

Auf die letzte Frage, was das Projekt bietet oder bieten sollte, gibt es ein klare Antwort: Es sollte ein "Zuhause" für Musiker bieten. Nicht nur für einen Konzert-Abend, sondern mit toller Terrasse und Grill – ein Treffpunkt für Musiker. Und der wurde bereits angenommen. Noch nicht wirtschaftlich interessant, aber doch erkennbar. Und die topmoderne Ausstattung sollte Konzerte der Extra-Klasse mit professioneller Audio- und Video-Aufzeichnung auf Broadcast-Niveau ermöglichen. Auch die einzigartige Terrasse faktisch ohne lärmempfindliche Nachbarn und die vielen Parkplätze direkt vor der Türe sehe ich als klaren Pluspunkt dieser Location.

Endgültig tot ist das Projekt übrigens noch nicht. Aber es muss sich neu rechnen. Sponsorengelder – z.B. von der GEMA – wären eine Möglichkeit. Die hat GEMA hat Geld für so etwas. Eine andere Variante wäre ein Club mit Mitgliedsbeiträgen, die die Fix-Kosten sichern. Aber es wird nicht leicht werden, mindestens 250 zahlende Mitglieder für einen wirtschaftlichen Betrieb zu finden. Im Moment werden alle Möglichkeiten geprüft.

Lies mehr zu den Hintergründen und das zweite Interview zum Thema.

Personen

Oliver Fendt

Musiker aus Munich

Locations

Der Akademiker

Der Akademiker

Clemensstraße 118, 80796 München

Rock City Munich

Rock City Munich

Margot-Kalinke-Straße 3, 80939 München

Ähnliche Themen

Lehrstück in Sachen Live-Kultur und -Szene? Über das Ende der Rock City Munich-Bühne in München

Der Traum vom "Wohnzimmer für Bands" ist vorerst geplatzt

Lehrstück in Sachen Live-Kultur und -Szene? Über das Ende der Rock City Munich-Bühne in München

veröffentlicht am 19.05.2017   1

Bernd Wenzler von der Rock City Munich KG über die Zukunft der Idee

"Eine Szene funktioniert nur bei gegenseitiger Wertschätzung"

Bernd Wenzler von der Rock City Munich KG über die Zukunft der Idee

veröffentlicht am 19.05.2017   1

Die Club- und Veranstalterszene ist (nicht nur in Köln) ein erheblicher Wirtschaftsfaktor

Klubkomm veröffentlicht Studie

Die Club- und Veranstalterszene ist (nicht nur in Köln) ein erheblicher Wirtschaftsfaktor

veröffentlicht am 28.09.2016   13

Musikspielstätten in Not: Die "Rote Liste der bedrohten Clubs" dokumentiert die Lage

LiveKomm-Arbeitsgruppe intensiviert Bemühungen um mehr Öffentlichkeit

Musikspielstätten in Not: Die "Rote Liste der bedrohten Clubs" dokumentiert die Lage

veröffentlicht am 11.07.2016   2