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"Die Regierung muss handeln"

Verluste in Milliardenhöhe für deutsche Musikwirtschaft: Verbände analysieren Auswirkungen der Corona-Pandemie

News von Backstage PRO
veröffentlicht am 27.03.2020

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Verluste in Milliardenhöhe für deutsche Musikwirtschaft: Verbände analysieren Auswirkungen der Corona-Pandemie

© Tuur Tisseghem via Pexels

In einem gemeinsamen Bericht analysieren die Verbände der deutschen Musikwirtschaft die gravierenden wirtschaftlichen Schäden der Corona-Krise und wenden sich mit konkreten Handlungsempfehlungen an die Bundesregierung.

Der gemeinsame Bericht von BDKV, BVMI, BV Pop, DMV, EVVC, GEMA, GVL, LiveKomm, SOMM und VUT sieht in der Corona-Pandemie und dem damit einhergehenden Shutdown des öffentlichen Lebens eine existenzielle Bedrohung für die Musikkultur in Deutschland.

Die zentralen Geldflüsse der durch Einzel- und Kleinstunternehmen geprägte Branche – Partner der im Mittelpunkt stehenden Künstler/innen – brechen durch den derzeitigen Stillstand ein.

Die Hilfen: Ein Zeichen der Wertschätzung, aber nicht ausreichend

Um kleinen Unternehmen, Solo-Selbstständigen und den Angehörigen der Freien Berufe unter die Arme zu greifen, hat die Bundesregierung am 23. März ein Soforthilfepaket beschlossen, das die zentralen Verbände der Musikwirtschaft und die beiden großen Verwertungsgesellschaft als Zeichen der Wertschätzung der Kultur- und Kreativwirtschaft im Allgemeinen und ihrer Branche im Besonderen positiv zur Kenntnis nehmen. 

Gleichzeitig stellen die Verbände fest, dass die Soforthilfe der Bundesregierung, die Flexibilisierung des Kurzarbeitergeldes und die steuerlichen Erleichterungen vielen Unternehmen der Musikwirtschaft nicht dabei helfen werden können, die zu erwartenden Schäden zu kompensieren.

Auch Kredite sind in dieser Situation ungeeignet: Die meisten Betroffenen in der Branche verfügen weder über die notwendigen Sicherheiten, um eine Kredit aufzunehmen, noch können die durch die Corona-Pandemie bedingten Ausfälle einfach nachgeholt werden, um so die Kredite zu bedienen.

Die Branchenvertreter fordern die Regierung daher auf, schnelle und unbürokratische staatliche Soforthilfen, zum Beispiel für Mietzahlungen und Lohnkosten, auf den Weg zu bringen.

Der Schaden: Gravierende Einbußen in jedem Sektor 

Mit einem Verweis auf die erstmals 2015 in der Studie "Musikwirtschaft in Deutschland" (PDF) dargestellte wirtschaftliche Bedeutung der Musikbranche beziffern die Verbände in ihrem gemeinsamen Statement den zu erwartenden Gesamtverlust der Branche in den nächsten sechs Monaten auf insgesamt 5.456 Millionen Euro.

Allein für 50.000 Musiker*innen belaufen sich die direkten Umsatzeinbußen – bei einem von der Künstlersozialkasse veröffentlichten durchschnittlichen Jahreseinkommen von lediglich 13.000 Euro – nach aktuellen Schätzungen auf ca. 325 Millionen Euro. Die Verluste in den einzelnen Sektoren werden wie folgt beziffert:

Im Live-Sektor:

  • BDKV, Livekomm und BV Pop rechnen mit gut 80.000 abgesagte Veranstaltungen bis Ende Mai. Bereits vor den offiziellen Veranstaltungsverboten gab es einen Besucher/innenrückgang von ca. 25 Prozent; gut 20 Prozent der Konzerte wurden verlegt.  
  • Nach ersten Hochrechungen der LiveKomm müssen Clubs und kleine Musikbühnen mit einem Verlust von insgesamt 206 Mio. Euro rechnen, bedingt durch etwa 15.321 abgesagte Shows pro Monat in rund 1.160 deutschen Clubs. 
  • Konzert- und Tourneeveranstalter/innen sowie Künstlervermittlungen sehen sich mit Einnahmeausfällen sowie einer vermehrten Anhäufung von Schulden konfrontiert, da bereits bezahlte Kosten für Veranstaltungsvorbereitungen nicht gedeckt werden können. Auch der Kartenverkauf ist zum Erliegen gekommen.
  • CTS eventim beziffert die Umsatzausfälle in den nächsten sechs Monaten auf rund 3.652,5 Mio. Euro.
  • Kleinere und mittlere Festivals (bis 10.000 Besucher/innen pro Tag) rechnen laut einer Umfrage von MusicBase e.V. mit Ausfällen im dreistelligen Millionenbereich. 
  • Die Festivalplattform HÖME sieht von den 685 in Deutschland stattfindenden Festivals gut 80 Prozent, also etwa 500 Festivals, von der derzeitigen Situation betroffen – diese erwarten Ausfallkosten in Höhe von 232,6 Mio. Euro.
  • Große Festivals erwarten Hochrechnungen von CTS Eventim zufolge Einbußen von bis zu 451,4 Mio. Euro.

Der Schaden für Musikverlage:

  • Musikverlage verlieren ihre GEMA-Einnahmen durch ausfallende Musik- (-60%) und Großveranstaltungen (25% weniger Einnahmen durch Rundfunk-Sendungen), durch sinkende Vergütungen bei der Tonträgerwiedergabe (-20%) und im Bereich Musikwiedergabe in Clubs, Restaurants, Kneipen etc. (-50%).
  • Auch die Einnahmen durch das sogenannte Papiergeschäft, also die Hestelllung und der Vertrieb von Noten brechen durch deren Abhängigkeit zu Bühnen, Orchestern, Musikschulen und dem Einzelhandel ein, der erwartete Rückgang der Einnahmen liegt bei 50 Prozent. 
  • Der Ausfall neuer audiovisueller Produktionen, insbesondere im Hinblick auf Kinofilme, sorgt für Umsatzausfälle im Sync-Bereich von etwa 25 Prozent. Insgesamt wird der Schaden für Musikautor/innen und Verlage auf etwa 363 Mio. Euro beziffert.

Der Schaden für den Tonträger-Bereich:

  • BVMI und VUT rechnen mit einem Umsatzrückgang bei den physischen Ton- und Bildtonträgern von etwa 100 bis 150 Mio. Euro. 
  • Weitere Einnahmeeinbrüche gibt es in den Bereichen öffentliche Wiedergabe (GEMA und GVL) und Merchandise  die GVL geht von einem Rückgang von mindestens 100 Mio. Euro aus.
  • Weiterhin kann Merchandise nicht abgesetzt werden, Tonstudios fehlen neue Aufträge und bereits ausproduzierte und vorfinanzierte Produktionen können, trotz eventuell bereits bezahlter Promo-Maßnahmen, nicht veröffentlicht werden. Auch Presswerke und Vertrieb müssen mit einer Verschlechterung der Auftragslage rechnen. 

Die Auswirkungen für die MI-Branche:

  • Die Musikinstrumenten (MI)-Branche, bestehend aus der Herstellung, dem Vertrieb und dem Handel von und mit Musikinstrumenten und Musikequipment, ist in erster Linie im stationären Handel (Musikfachhandel) durch dessen behördlich angeordnete Schließung betroffen. Der Gesamtverlust in sechs Monaten wird von der SOMM auf ca. 300 Mio. Euro beziffert. 

Die an dem Bericht unterstreichen im Hinblick auf ihre veröffentlichten Schätzungen die Notwendigkeit weiterer Hilfsmaßnahmen der Bundesregierung. Dabei sollten insbesondere auch die nachgelagerten Effekte, also die Auswirkungen des Shutdowns auch nach seiner Beendigung, mitgedacht werden. Notwendig ist eine langfristige Strategie, die die Branche unterstützt und so den Fortbestand des kulturellen Lebens in Deutschland sichert.

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Unternehmen

Live Musik Kommission (LiveKomm)

Verband der Musikspielstätten in Deutschland e.V.

SOMM - Society Of Music Merchants e. V.

Music Your Life!

Musikunterricht und Ausbildung in 10623 Berlin

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