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Was machen wir aus der Situation?

Die Corona-Krise als Musikschaffender (2): "Wie eine fortgesetzte Welle an Schocks"

Spezial/Schwerpunkt von Doktor Nic
veröffentlicht am 17.04.2020

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Die Corona-Krise als Musikschaffender (2): "Wie eine fortgesetzte Welle an Schocks"

Die Bühne, es wird abgebaut. © Romain Hus / Unsplash

Die Corona-Krise hat mich und fast alle anderen Kollegen aus dem Musikbereich, egal ob Künstler oder Veranstalter, ganz zu Schweigen von Technikern und anderen Kollegen, hart getroffen. Nun ist der erste Schrecken vorbei, der Zweite folgte sogleich. Doch Maßnahmen werden getroffen und ich kann erste Bilanz ziehen – und mich teilweise schon wieder über das Musikgeschäft in Deutschland ärgern.

→ Teil 1 verpasst? Hier lesen: Die Corona-Krise als Musikschaffender: "Zum Glück nur 50% Ausfall"

Kurz zur Soforthilfe: Zuerst war ich verzweifelt, was die Hilfe seitens der Regierung angeht, denn vielerorts wurden Beschwerden laut über die mangelnde Zufriedenheit über den sogenannten Rettungsschirm für Künstler und Freiberufler aus der Branche. Als Musiker bekomme ich keinen Cent, weil ich nicht bei der Künstlersozialkasse bin und die, die es sind, müssen teilweise schon seit mindestens einem Jahr Beiträge zahlen.

Von vielen Musikerkollegen höre ich Klagen, dass die Antragstellung sehr bürokratisch und kompliziert sei – von schneller Hilfe keine Spur. Viele sagen, man fühle sich wie ein Bittsteller oder ein Krimineller, der dem Staat ein Schnippchen zu schlagen versuche. Da ich persönlich aber eben auch Dienstleister bin, wurde mir die Soforthilfe für Selbstständige des Bundeslandes NRW, in dem ich ja nun mal wohne, bewilligt. Das geht schnell und unbürokratisch, sogar ohne Unterschrift.

Die nachhaltige Veränderung der Industrie

Der Festivalsommer 2020 ist offiziell abgesagt. Stand jetzt haben die Bundesländer noch nicht entschieden, welche Art von Veranstaltungen wieder genehmigt werden könnten, doch die großen Player sind mindestens aus diesem Jahr heraus. Große Chance für kleine Künstler, falls deren Veranstaltungen stattfinden können? Da sehe ich eher schwarz, denn mit einer finanziellen Rezession im ganzen Land wird das Konsumverhalten jedes Liveshow-Gängers und jedes Plattenkäufers nachhaltig zum Leidwesen der Musikindustrie verändern.

Das Booking-Geschäft ist immer noch sehr ungewiss – mit dem Niedergang der großen Festivals sind natürlich auch viele Tourneen internationaler Künstler abgesagt und viele Bands sagen vorsichtshalber auch schon nichts mehr im Herbst oder Winter 2020 zu. Die Angst vor dem finanziellen Fiasko ist auf Band- und Promoterseite sehr groß und wie soll es auch anders sein?

Von einer US-amerikanischen Metalband kam nun neulich die Meldung, sie habe 150.000 US-Dollar in einer Tourproduktion gesteckt, die nicht stattfindet. Eine deutsche Punkband wollte mit großen Livefestivals eine Albumproduktion von circa 10.000 Euro stemmen. Doch auch aus ethischen Gründen boxen viele Veranstalter nicht unnötig Konzerte durch. Die Industrie verändert sich nachhaltig, das sagen auch viele Experten. Wo geht das Veranstaltungsgeschäft hin, wie werden Verkaufszahlen beeinflusst?

Alles sehr spekulativ, leiden beide Märkte ja schon seit einigen Jahren auch ohne die Gesundheitskrise. Vielerorts wird prognostiziert, dass der Umsatz um Digitalgeschäft weiter steigt, doch physische Verkäufe stagnieren (noch) nicht wesentlich mehr, als sie es sowieso taten. In meinem Bekanntenkreis wird jetzt tendenziell sogar mehr Musik gekauft – auch deshalb, um den Künstlern ihre Unterstützung zu signalisieren. Also bieten viele, ich auch, Sales und besondere Promo-Gimmicks feil, denn Menschen möchten zwar unterstützen, aber sie möchten auch wissen, dass andere wissen, dass sie unterstützen.

Ein „Ich supporte Club XY“-Shirt liest sich in den Zeiten nach der Krise eben auch besser, als „Ich habe zuhause nur über Spotify Musik gehört.“

Live-Veranstalter verzweifeln, doch Content Creation steigt

Viele Promoter und Konzertveranstalter wissen noch nicht wo es nach der Krise hingehen wird, Locations bitten gerade um Spenden, da sie ums nackte Überleben kämpfen. Fast nur größere Vereine und Unternehmen buchen derzeit fleißig neue Shows für diesen Herbst, Winter und das Frühjahr 2021. Ihnen bleibt wenig anderes übrig. Die großen Festivals arbeiten an einem Festivalsommer 2021, weil sie dieses Jahr leer ausgehen müssen. Doch was passiert für den Konsumenten? Kostet eine Karte dann nächstes Jahr über 300 Euro? Es wird spannend sein zu sehen, wer sich aus der Krise herausschiffen kann und wer nicht.

Mir tun seit der Festivalabsagen die Großen genauso leid wie die Kleinen. Doch wenn wir ehrlich sind, können wir prognostizieren, dass die Großkonzerne, die die größten Festivals in Deutschland veranstalten, zwar netto höhere Verluste zu verzeichnen haben werden, genauso wie die Bands. Doch werden sie auch diejenigen sein, die spätestens im nächsten Jahr wieder Aufwind haben werden. Der Kuchen wird nun noch weniger geteilt werden und Festivals, die vielleicht 1.000 Leute am Tag haben, werden unter Umständen garnichts mehr von diesem Kuchen sehen.

Als Booker ist man dieser Tage so gut wie arbeitslos und man muss in eine ungewisse Zukunft hineinarbeiten – ohne große Aussicht auf finanziellen Erfolg. Auch hier zwingt einen die Situation regelrecht, die Ärmel hochzukrempeln und online alles zu geben.

Ich erwarte wie in jeder Krise ehrlich gesagt keine Solidarität. Ich bin sogar sehr sicher, dass sich alle Betroffenen jetzt um die letzten Rettungsringe prügeln müssen. Mit diesen Ringen meine ich Bands, aus denen sich Geld machen lässt, Publikum, Strategien und Tools, bei denen man Vorreiter ist.

Sitzen wir alle in einem Boot?

Wo sich bei mir letzte Woche noch der Verdacht erhärtet hat, dass die Majors in der Veranstaltungsbranche noch fein raus sind, geraten diese nun natürlich selbst in eine fürchterliche Situation. Der Unterschied zu den Kleinen besteht dann aber wohl darin, dass mit entsprechenden Versicherungen gegengewirkt werden kann. Und wie immer, wenn man glaubt, alle säßen im gleichen Boot, tut sich eine Schere zwischen den Großen und den Kleinen auf. Sind die großen und bekannten Bands und/oder diese, die sich den Support großer Labels und Promoagenturen leisten können, wirklich so schlimm betroffen? Ganz klares: Jain!

Die bekannten Bands sind ja teilweise deshalb bekannt, weil sie hart arbeiten oder gearbeitet haben. Aus purem Glück ist heutzutage kaum noch jemand erfolgreich, mindestens die richtige Nase fürs Geschäft ist fast unabdingbar. Daraus folgt auch, dass diese Bands dann häufig auch die einzige Einnahmequelle der jeweiligen Mitglieder sind. Das trifft härter als den Hobbymusiker, definitiv!

Genauso verhält es sich mit Major-Labels und Agenturen mit ordentlich Marktanteil, die die Situation dank finanzieller Rücklagen zur Not noch eine Weile aussitzen können. Trotzdem wird man ja das Gefühl nicht los, dass Managements, Labels und Bands gerade unheimlich in ihrer Content Creation aufblühen.

Kleine Archen nach der Sintflut – nicht alle passen drauf

Während kleine Läden schließen müssen, kleine und mittlere Bands nicht mehr halb so viele Konzerte buchen können wir zuvor, werden große Tourneen nur verschoben, Festivals schon für die Jahre 2021 und 2022 mit den allergrößten Künstlern vollgemacht. Das ist nichts Unübliches, bei der aktuellen Sommerabsage sogar notwendig; um die Ticketverkäufe zu sichern, sichern sich vielerorts die Veranstalter eben schon die Lineups.

Falloutboy (bin trotzdem kein Fan!) sangen einst: „This ain’t a scene – it’s a god damn arms race!” – passt derzeit ganz gut. Wer jetzt in seiner Bekanntheit sinkt, verliert.

Die Livemusikbranche wappnet sich und wehrt sich mit den bestverkauften Künstlern gegen die Krise. Doch auch andere finden Wege, die Krise jetzt vielleicht nicht böswillig für sich auszunutzen, aber ihre Inhalte auf diese abzustimmen. Ein Festival hat vor kurzem eigens bedruckte Mundschutzmasken auf den Markt gebracht – eine deutsche Band ist auf den sozialen Medien Werbetreibender für eine Mundschutzfirma. Wieviel Kalkül und wirtschaftliches Interesse steckt nun dahinter? Wer liefert Aufklärungsarbeit und wer macht sich die Taschen voll? Eine Frage, die man heutzutage leider nicht einmal mehr nur Politikern stellen kann, sondern auch den Künstlern, die wir abfeiern.

Richtig ist es, als Person des öffentlichen Lebens ein Zeichen zu setzen. Wir sind nun einmal darauf gepolt, Experten und Regierungen zu mistrauen, während wir unseren Stars und Sternchen folgen. Wer hier als Markenbotschafter eine richtige und wichtige Sache vertritt, ist also nicht pauschal als mediengeil zu verschreien, sondern geht mit gutem Beispiel voran und nimmt diejenigen mit, die sich, um beim Beispiel zu bleiben, dem Tragen des Mundschutzes sonst entziehen. Doch wo zieht man hier wiederum die Grenze? Wenn ich in meine Instagram-Story einen bitly-Link, also einen Link, der Zugriffszahlen zu Marktforschungszwecken analysiert, poste, der auf coole, teure Mundschütze verweist, bin ich dann Botschafter oder Verkäufer? Eine komplexe Frage, deren Antwort ich nicht habe.

In sozialen Medien merke ich im Kleinen und im Großen gleichermaßen, wie breit sich der Geltungsdrang der Menschen macht. Wer heute nicht genug Content bietet, sich rar macht, läuft Gefahr, hinten hinunter zu fallen, wenn alles wieder „normal“ ist. Wann immer das ist.

Es ist als würden alle nach einem Schiffbruch im Meer schwimmen, sich an viele kleine Treibgüter, unsere Onlinetools, klammern, um den Kopf über Wasser zu halten. Manche, so scheint es, haben aber Rettungsboote mitgebracht.

Das Geschäft mit der Krise

Es gibt natürlich noch den unbestreitbaren Trend der Online-Gigs, die grundsätzlich eine tolle Möglichkeit bieten, weiterhin mit handgespielter Musik nach Außen zu kommunizieren. Ich selbst habe ein kleines Festival für lokale Bands veranstaltet und war überrascht, wie hoch die Zugriffs- und Zuschauerzahlen auf einem einzigen Stream gewesen sind! Hier finden vor allem Singer/Songwriter jetzt eine gute Möglichkeit, um im Spiel zu bleiben.

Während sich einige mit Akustikgitarre zuhause verschanzen und von dort aus regelmäßig Konzerte vor digitalem Publikum spielen, treffen sich andere Bands in leeren Venues auf großen Bühnen mit Kamerateams für professionell produzierte Streaming Konzerte. Letzteres lässt mich persönlich an der Sinnhaftigkeit zweifeln was das von den Bands selbst geteilte Hashtag #flattenthecurve angeht, aber zum Arbeiten darf man sich ja treffen und Youtube-Konzerte sind eben auch Arbeit für Musiker, Lichttechniker, Tontechniker, Journalisten und Moderatoren. Da kommen schonmal einige Leute zusammen, soviel dann zum #stayhome. Gut für die Industrie, aber schlecht für das Karma? Leider kann man das immer erst im Nachhinein evaluieren, weil sich selbst unsere Wissenschaftler nicht einig zu sein scheinen, wieviel die Anwesenheit anderer Menschen im gleichen Raum wirklich ausmacht.

Online Konzerte sind auch ein Geschäft. So kommen jetzt auch solche, bei denen Eintrittsgelder verlangt werden, in Mode. So wie Livestreams generell ist auch der „Eintritt“ für Livestreams keine Neuerfindung seit der Krise! Nur werden sie jetzt logischerweise häufiger auftreten, und auch hier wird man einfach das Gefühl nicht los, dass sich die Mainstreammusik auch im Alternativbereich wieder sehr gut platzieren kann.

Gelten die neuen Regeln für die Majorbands nicht? Doch, nur sind hier eben genug Ressourcen vorhanden, um weiterhin mit Professionalität und Marktdominanz zu brillieren. Das kann man schon beispielhaft an den zahlreichen Bands da draußen festmachen. Keine Möglichkeit, mit Kameras, Home-Recording Equipment und entsprechenden Programmen das coole Split-Screen Video rauszubringen oder die kommende EP zuhause zu produzieren? Pech gehabt. Es wird sich in den nächsten Monaten bis ins nächste Jahr hinein noch viel mehr zeigen, welche Künstler, Agenturen und Labels auf so eine Krise indirekt vorbereitet waren.

Überspitzt und viele Details missachtend ergibt sich im meinem Kopf ein Szenario: Während sich unten kleine Bands um die wenigen Follower bemühen und das Internet für sich nutzen wollen, während Spendenaktion um Spendenaktion für Clubs und Veranstalter kursiert, sodass niemand mehr weiß, wohin noch mit all den Spenden, während Kleinstbeträge zusammen gekratzt werden, um sich das musikalische Leben zu sichern und in den nächsten anderthalb Jahren überhaupt irgendwo noch live auftreten zu können, verkaufen die großen Labels und Festivals ihre Mundschutzmasken tausendfach und etablieren so kurzfristig einfach mal einen neuen Merchandiseartikel, treffen sich trotz Quarantäne die Bands auf den Bühnen, die nur groß genug für den Sicherheitsabstand sein brauchen und bessern die Tantiemenkasse mit Livestreams auf.

Denn wie jeder, der sich mit Livestreams beschäftigt, habe auch ich festgestellt: Die GEMA schläft eben auch nicht. Kurz dazu: Es ist gut, wenn das Urheberrecht der Musiker weiterhin gesichert ist, auch bei einer Flut von Onlinestreams und Videos, schließlich fallen die traditionellen Livetantiemen auch als lukrative Einnahmequelle für die Künstler weg. Hier habe ich für meine Musik auch eine Soforthilfe im Rahmen einer Vorauszahlung, quasi eines Vorschusses, beantragt. Bisher unbeantwortet.

Was bei Online Streams derzeit passiert, ist vordergründig übrigens bei den meisten Veranstaltern und Bands keine Maßnahme, um die Livemusik als Kultur als Solche zu schützen. Hier werden die Ellenbogen ausgefahren und mit allen Marketing- und Werbemitteln um Zuschauer gekämpft. Während es zu Anfang noch zahlreiche Seiten gab, die alle Online Konzerte unserer Zeitzone gelistet haben, selektieren diese nach Genres und Wert, „große“ Online Festivals werden gepusht und selbst die Presse ist die Ankündigung der Konzerte langsam bereits leid. Nun werden auch schon erste Konzerte von Magazinen gesponsort oder selbst veranstaltet, Vertriebe mischen sich ins Booking der Online Festivals ein, haben besondere Beziehungen, die sie für ihre Klienten spielen lassen können, denn Streams fallen unter Digital Sales. Man möchte ja meinen, das Internet ist groß genug für alle.

It’s a goddamn arms race…

Ich habe persönlich auch mit Künstlern gesprochen, die bewusst auf Zusammenschlüsse verzichten. Der allgemeine Tenor: Es gehe auch um monetäre Zwecke. Man müsse mehr denn je, auf sich und die eigenen Fans schauen. Ich kann mich hier unmöglich als Moralapostel aufspielen, kann ich doch diesen Aspekt sehr gut nachvollziehen. Als Band, die etwas erreicht hat, verzichtet man ja auch nicht auf Gage und Headlinerslot, um dem Opener eine bessere Chance zu geben. Der Vergleich hinkt nur eben dort, wo sich Kulturschaffende gegenseitig aus dem Wasser helfen müssen.

Damit will ich sagen: Jeder sollte einmal über sein „Support the scene“-Soli-Shirt für 25 Euro nachdenken, wenn er gleichzeitig der Meinung ist, das Internet sei nicht groß genug für uns alle. Was die Größe des Internets angeht, zweifle ich sogar langsam an deren Unendlichkeit.

DACH-Quote für Radios gefordert – wer profitiert?

Bei all dem Marketing-Durcheinander gehen sich die Bands gegenseitig an die Gurgel. So lese ich, dass deutsche Musikmanager eine Kampagne gestartet haben, mit der sie 50% Radio Airplay für Künstler aus DACH fordern. Das Ganze diene der Unterstützung der Künstler, die durch Corona massive Einbrüche erleiden und die auch nach der Krise noch erhalten sein wollen. In der Forderung heißt es, Indie-Künstler zu fördern.

Grundsätzlich nachvollziehbar. Doch schaut man auf die Liste der Manager und vor allem der Künstler, die sie vertreten, wird auch schnell klar, dass fast alle diese Künstler bereits bestens medial vertreten sind. Von Kollegen, die teilweise auf den gleichen Labels sind oder die gleichen Lineups spielen, gibt es Nationalismusvorwürfe und das Wort „Deutschtümmelei“ fällt.

Nun kann man eine Deutschen-Quote im Radio meiner Meinung nach nicht als nationalistische Tendenz bezeichnen – der Gedanke hinter der Initiative erschließt sich mir; ich frage mich nur, wieso sich die Künstler auf Europas umsatzstärksten Musikmarkt am meisten über fehlende Einnahmen beschweren, während beispielsweise ein italienischer Künstler im idioteq-Interview von internationaler Solidarität spricht.

Ein stärkerer Fokus der Radio- und TV-Sender auf Nachwuchskünstler wäre nicht verkehrt und regelmäßige Berichte über die deutsche Musiklandschaft auch nicht. Die 50%-Quote geht zumindest meiner Meinung nach jedoch an der internationalen Solidarität vorbei. Schade daher, dass viele aus den Bereichen Punk und alternativem HipHop Teil der Initiative sind. Übrigens nicht gänzlich unwissend und vertreten durch ihre Manager, sondern offen Stellung nehmend. Künstler, die selbst von den Niedrigsausschüttungen der Streamingplattformen, durch Merchandise- und Plattenverkäufe leben können, schreien tatsächlich gerade nach einer faireren Behandlung von der deutschen Rundfunklandschaft. Versuchen hier Menschen, aus der Krise Geld zu machen?

Ein Strudel aus Marketingideen und kein Rettungsreifen

In unserer kleinen Welt der alternativen Musikbranche schauen wir so sehr auf uns. Jeder schaut auf sich. Seine Band. Sein Business. Sein Geld. Viele Musiker und Veranstalter, mich eingeschlossen, müssen dabei hin und wieder auf die kleine Stimme in sich selbst hören und sich fragen: Mache ich diese Aktion gerade für die anderen da draußen oder für mich? Spende ich dieses T-Shirt, um meine Stammvenue zu erhalten oder damit ich in dieser Zeit gute PR habe? Brauche ich wirklich mehr Radio Airplay oder schreibe ich einfach neue Musik?

Vielleicht bemerken viele Künstler und Label nun auch, was im (deutschen) Musikgeschäft schon lange im Argen liegt. Sei es die Flut an Konsumgütern und Plattformen, die sinkenden Zahlen im physischen Vertrieb oderoderoder. Meiner Meinung nach ist eben auch notwendig, auf lange Sicht zu arbeiten und dabei nicht nur nach unten zu treten. Ich spreche von Promotionskampagnen, die nachhaltig ein musikalisches Produkt auf dem Markt halten, denn Livestreams werden schneller out sein oder Konzerte. Ich spreche auch vom heillosen Hilfegeschrei der Bands, die bei Absagen eines Konzertes mit 200 Euro Gage und 20 Euro Tantiemen direkt die Fundraiser-Kampagne aufmachen. Vielleicht denkt man zuerst einmal an andere.

Dem Obdachlosen ist dein PR-Move egal. Der Flüchtling kann sich von deinem nett gemeinten #stayhealthy Aufkleber nichts kaufen. Auch ich als Veranstalter eines Online Festivals muss mich immer wieder selbst daran erinnern, dass ich damit nicht mein Business pushen, sondern das Beste für Bands und Fans im Sinn haben muss.

Das sollten sich meine bescheidenen Meinung nach auch alle anderen zu Herzen nehmen. Sei es die kleine Punkband, die von Seasherperd zu Flattenthecurve gewechselt ist oder das Management, das mehr Airplay für die Majors fordert.

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