×

Problem größer als gedacht

KI-Musik auf Streaming-Plattformen ist ein Massenphänomen

News von BackstagePRO
veröffentlicht am 12.01.2026

künstliche intelligenz streaming the velvet sundown

KI-Musik auf Streaming-Plattformen ist ein Massenphänomen

© Cottonbro Studio via Pexels

KI-generierte Musik ist inzwischen längst Teil des Streamingalltags. Eine aktuelle Recherche des Journalisten Tim Ingham sowie weitere jüngere Fälle verdeutlichen, wie groß das Problem inzwischen bereits auf Plattformen wie Spotify geworden ist.

Als die Band The Velvet Sundown im letzten Sommer innerhalb weniger Wochen hunderttausende monatliche Hörer*innen sammelte, wirkte das zunächst wie eine weitere virale Erfolgsgeschichte aus dem Streamingzeitalter.

Erst nach genauerem Hinsehen stellte sich heraus, dass weder die Bandmitglieder noch Bilder oder Stimmen real waren. Stattdessen entpuppte sich das Projekt als KI-generiert und machte damit sichtbar, wie leicht künstlich erzeugte Musik inzwischen unbemerkt Teil des Streamingalltags werden kann. 

The Velvet Sundown als frühes Warnsignal

BackstagePRO hat damals bereits darüber berichtet, dass der Fall The Velvet Sundown nur ein Teil eines größeren Phänomens ist – ein Umstand, den Tim Ingham in einem aktuellen Artikel für Music Business Worldwide unterstreicht und weiter ausführt. Seine Recherche zeigt, dass KI-Musik auf Plattformen wie Spotify längst kein Randphänomen mehr ist. 

Ingham beschreibt, wie ihm über den Algorithmus immer wieder Künstlerprofile vorgeschlagen wurden, die auf den ersten Blick wie reguläre Acts wirkten, bei genauerem Hinsehen jedoch keine reale Entsprechung hatten.

Besonders auffällig ist ihm nach der Fall des Projekts Aventhis, das über eine Million monatliche Hörer*innen verzeichnet. Stimme und Bild seien vollständig KI-generiert, erklärte der Betreiber in einem öffentlichen Kommentar. Dennoch verfügt Aventhis über eine eigene, von Spotify kuratierte "This Is"-Playlist, einer Funktion, die normalerweise etablierten Künstler*innen vorbehalten ist.

KI-Netzwerke

Inghams Analyse legt offen, dass diese KI-Acts nicht isoliert existieren. Stattdessen verweisen sie algorithmisch aufeinander, tauchen gemeinsam in Empfehlungssektionen auf und verstärken sich gegenseitig in der Wahrnehmung der Nutzer*innen. 

Neben Aventhis nennt er unter anderem das Projekt The Devil Inside sowie Nick Hustles, dessen retroinspirierte Songs zeitweise hunderttausende monatliche Streams erzielten. Letzterer erlangte zusätzliche Aufmerksamkeit, nachdem Rapper 50 Cent ein Video teilte, in dem er zu einem von dessen Songs mitsang. 

Anders als bei vielen anderen KI-Profilen ist hier zumindest transparent, wer hinter dem Projekt steckt, nämlich Nick Arter, der sich selbst als "Songwriter, AI Storyteller und Music Futurist" bezeichnet. 

Fehlende Transparenz

Das eigentliche Problem sieht Ingham jedoch weniger in der Existenz solcher Projekte als in der fehlenden Kennzeichnung. Für Hörer*innen sei kaum erkennbar, ob es sich um menschlich geschaffene Musik oder um KI-Produktion handelt.

Gleichzeitig würden Streamingdienste diese Inhalte algorithmisch genauso behandeln wie andere Veröffentlichungen. In Folge konkurriert KI-Musik direkt um Aufmerksamkeit, Reichweite und letztlich um Einnahmen mit nicht-KI-generierter Musik und das ohne dass Nutzer*innen darüber informiert werden.

Missbrauch von Künstleridentitäten

Diese strukturelle Schwäche zeigt sich besonders deutlich in Fällen, in denen KI-Songs plötzlich auf offiziellen Künstlerprofilen auftauchen.

In den vergangenen Monaten wurden mehrere Vorfälle bekannt, bei denen KI-generierte Tracks ohne Zustimmung der Rechteinhaber*innen auf verifizierten Seiten veröffentlicht wurden. Betroffen waren unter anderem die Profile der verstorbenen Songwriter Blaze Foley und Guy Clark. Aber auch aktive Künstler bleiben nicht verschont.

Auf dem offiziellen Profil der Band Toto erschien kürzlich ein KI-Track mit dem Titel "Name This Night", der weder stilistisch noch organisatorisch etwas mit der Band zu tun hatte. Erst nach Intervention von Gitarrist Steve Lukather wurde der Song entfernt.

Anfang Dezember erregte außerdem mit King Lizard Wizard außerdem ein Spotify-Künstlerprofil Aufmerksamkeit, das die australische Prog-Rock-Band King Gizzard & the Lizard Wizard imitierte. Letztere hatten ihre Musik im Sommer 2025 aus Protest gegen Investitionen Daniel Eks in ein KI-Militär-Start-up von der Plattform entfernt.

King Lizard Wizard präsentierte KI-generierte Versionen der Originalsongs von King Gizzard & the Lizard Wizard und wurde inzwischen von Spotify entfernt. Zuvor soll es dem Profil jedoch gelungen sein in Spotifys "Release Radar"-Playlist aufzutauchen.

Ein systemisches Problem

All diese Fälle verdeutlichen, dass es bei längst nicht mehr nur um kreative Experimente geht. Fehlende Prüfmechanismen und mangelnde Transparenz gefährden die Integrität von Künstlerprofilen und erschweren es Rechteinhaber*innen, die Kontrolle über ihre Kataloge zu behalten. Während einzelne Plattformen wie Deezer KI-Musik inzwischen kennzeichnen, fehlen branchenweite Standards.

Der Fall The Velvet Sundown war damit weniger ein Ausreißer als ein Warnsignal. Tim Inghams Recherche macht deutlich, dass KI-Musik bereits tief in die Empfehlungs- und Distributionslogik des Streamings eingebettet ist. Solange Herkunft und Autorschaft nicht klar ausgewiesen werden, bleibt offen, wie fair dieses System für menschliche Künstler*innen tatsächlich noch ist und wie viel Vertrauen Hörer*innen künftig in das haben können, was ihnen als "neu" und "empfohlen" präsentiert wird.

Dass aber nicht nur fehlende Transparenz für Bedenken sorgt, zeigt jüngst auch die radikale Neuorientierung des Streamingdiensts Napster. Nachdem das Unternehmen ankündigte, zukünftig vollständig auf KI-generierte Musik zu setzen, hagelte es scharfe Kritik. Die Debatte darüber wird weitergehen.

Ähnliche Themen

Was Spotifys KI-Remix-Strategie für Musikschaffende bedeuten könnte

Zwischen Einnahmequelle und Entwertung

Was Spotifys KI-Remix-Strategie für Musikschaffende bedeuten könnte

veröffentlicht am 16.02.2026   8

Spotify-Musikchef Charlie Hellman über die Lage der Streaming-Industrie

Rekordzahlungen, KI und neue Tools

Spotify-Musikchef Charlie Hellman über die Lage der Streaming-Industrie

veröffentlicht am 30.01.2026

"Stealing Isn't Innovation": Cyndi Lauper, R.E.M., Scarlett Johansson und Co. sind Teil einer neuen Anti-KI-Kampagne

Forderung nach ethischen Lizenzvereinbarungen

"Stealing Isn't Innovation": Cyndi Lauper, R.E.M., Scarlett Johansson und Co. sind Teil einer neuen Anti-KI-Kampagne

veröffentlicht am 29.01.2026   5

Der Fall Sienna Rose: KI-Künstlerin oder nicht?

Trügt der Schein?

Der Fall Sienna Rose: KI-Künstlerin oder nicht?

veröffentlicht am 23.01.2026   7

Newsletter

Abonniere den Backstage PRO-Newsletter und bleibe zu diesem und anderen Themen auf dem Laufenden!