"Es macht aktuell nicht wirklich Spaß, Musik zu machen"
KI und die Zukunft der Musik: Suno-CEO Mikey Shulman über mögliche Dystopien und Utopien
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© Vollume
Suno AI, ein 2023 erschienenes Tool, ermöglicht es Nutzer*innen mithilfe von Künstlicher Intelligenz Musik zu erstellen. Basierend auf eingegebenen Prompts generiert Suno bis zu vier Minuten lange Songs – auf Wunsch inklusive Lyrics.
In seinem Gespräch mit Harry Stebbings, beschreibt Mikey Shulman die Mission des KI-Dienstes wie folgt:
"Suno bietet jedem die Möglichkeit, die Freuden der Musik zu erleben – das heißt Musik nicht nur im Hintergrund zu hören, sondern sich auch im Prozess des Musikmachens zu verlieren, Musik zu teilen, Musik zu bearbeiten und ein aktiverer Teilnehmer zu sein. Wir machen keine Musik, wir machen Musiker."
Musik interaktiver gestalten
In gewisser Weise, so Shulman, solle Suno dazu beitragen, dass Musik in Zukunft zu einem interaktiveren Erlebnis wird. In diesem Zusammenhang zieht der Suno-CEO einen Vergleich zum Thema Videospiele. Diesen solle die Beschäftigung mit Musik in Zukunft seiner Meinung nach mehr ähneln.
"Das Besondere an Videospielen ist, dass sie interaktiv sind, dass sie fesselnd sind, dass sie reichhaltige Erfahrungen bieten, dass sie alleine spaß machen, dass sie mit Freunden noch mehr Spaß machen und wenn ich darüber nachdenke, was Musik für mich sein sollte, dann sollte sie all diese Dinge sein. In diesem Sinne möchte ich Musik mehr wie ein Videospiel machen. Niemand spielt Videospiele zur Hälfte so wie die Leute Musik im Hintergrund laufen lassen und nur halbherzig auf sie achten."
Es gäbe so viel mehr Möglichkeiten im Zusammenhang mit Musik, als sie nur im Hintergrund laufen zu lassen. Suno sei es ein Anliegen, Musik für die Menschen wertvoller zu machen, indem es dazu beitrage, die Beschäftigung mit ihr einnehmender zu gestalten.
Auch der soziale Aspekt von Musik könne durch die interaktiven Möglichkeiten und neue Geschäftsmodelle, die Plattformen wie Suno eröffnen, bestärkt werden. Shulman berichtet in diesem Zusammenhang etwa von der Zusammenarbeit des Unternehmens mit dem Musiker Timbaland:
"Wir hatten diesen Remix-Wettbewerb mit Timbaland, und eine riesige Anzahl von Leuten hat Remix-Songs eingereicht. Für mich ist das die ultimative Form der Auseinandersetzung mit einem musikalischen Idol, wenn man dessen Musik remixen darf."
Eine Kunst für die breite Masse
Shulman betont jedoch auch, dass mit Suno nicht nur ein Unternehmen aufgebaut werden sollte, das das Erstellen von Musik schneller und einfacher mache, sondern auch die Freude am Musikmachen überhaupt erst einmal großflächig vermitteln solle. Suno wolle eine größere, lebendigere Musikindustrie schaffen, an der mehr Menschen teilhaben können.
"Wenn man die Art und Weise, wie eine Milliarde Menschen Musik erleben, beeinflussen will, muss man etwas für eine Milliarde Menschen bauen”, folgert Shulman. Damit das gelinge, solle das Erstellen von Musik attraktiver gestaltet werden.
Aktuell, so Shulman, mache es nämlich nicht wirklich Spaß, Musik zu machen:
"Man braucht viel Zeit, man muss viel üben, man muss ein Instrument wirklich gut beherrschen oder eine Produktionssoftware wirklich gut bedienen können. Ich glaube, dass die meisten Leute die meiste Zeit, die sie mit dem Musikmachen verbringen, nicht genießen können."
Gegenwind aus der Musikszene
Auf YouTube erntet gerade diese Aussage in der Kommentarspalte viel Kritik.
Auf Shulmans Kommentar, dass hoher Aufwand oft dazu führe, dass Menschen eine Sache schnell aufgeben, reagiert ein Zuschauer mit den Worten: "Ja, das ist eine Einstiegshürde für ALLE Fähigkeiten und Hobbys.” In einem weiteren Kommentar heißt es: "Das ist ein Paradebeispiel dafür, dass jemand etwas erreichen will, wofür andere hart arbeiten, ohne tatsächlich etwas zu tun."
Einige weitere Zuhörer*innen sehen es ähnlich: Das Motiv läge hierbei nicht im tatsächlichen Interesse an der Tätigkeit. "Das ist so, als würde man sagen: ‘Die Leute mögen keine Sudokus und Rätsel, sie wollen einfach nur einen Knopf drücken und das Problem lösen.’ Hier wird nicht verstanden, worum es geht."
Shulman hingegen argumentiert, dass sich die Kunstszene in Richtung einer Zukunft bewege, in der Geschmack mehr zähle als Können – und das sei eine ganz natürliche Entwicklung. Anerkennung würden zukünftlich demnach die Menschen erhalten, die in der Lage dazu seien, aus einer riesigen Auswahl an Möglichkeiten, kreativ auszuwählen.
Herausforderungen und ethische Aspekte
Insgesamt malt Shulman die Zukunft mit KI jedoch nicht nur rosig, sondern erkennt auch die Herausforderung im Umgang mit der Technologie an. Den Einmarsch von KI in unseren Alltag hält Shulman jedoch für unvermeidlich, weshalb er an der Arbeit zu ihrem Einsatz nichts Verwerfliches sieht.
"Wir können aktiv eine größere, bessere Zukunft der Musik mit KI aufbauen oder wir können einfach abwarten und jemand anderes in einem anderen Land, das nicht an die US-Gesetze gebunden ist und nicht die gleichen Absichten hat, wird die schlechteste Zukunft der Musik mit KI aufbauen, und ich kann mir viele dystopische Zukunftsszenarien vorstellen."
Auf Nachfrage des Podcasthost, wird Shulman konkreter:
"Eine davon wäre, dass eine Gruppe in einem anderen Land, die sich nicht an die Gesetze halten will, dafür sorgt, dass man sich ohne Erlaubnis als sein Lieblingskünstler ausgeben und endlose Kopien von zum Beispiel Ariana Grande Songs anfertigen kann."
Dass Shulman gerade diesen Aspekt aufgreift, ist interessant, schließlich ähnelt diese Dystopie den Vorwürfen, die Suno aktuell seitens der Major Labels Sony, Universal und Warner erfährt.
Im Juni 2024 hatten die drei Unternehmen eine Klage gegen die KI-Musikdienste Suno und Udio eingereicht, in der sie die beiden Unternehmen beschuldigt haben, ihre KI-Software unerlaubt mit urheberrechtlich geschützter Musik trainiert zu haben, um ähnlich klingende Musik zu erzeugen. Inzwischen hat auch die GEMA rechtliche Schritte gegen Suno eingeleitet. Die Verwertungsgesellschaft wirft dem Unternehmen vor, geschützte Aufnahmen bekannter Songs aus dem Repertoire der GEMA verarbeitet zu haben, ohne die Werke ordnungsgemäß lizenziert zu haben.
Sowohl Udio als auch Suno beriefen sich in ihren Antworten gegenüber den Major Labels auf die Beschwerden auf die sogenannte "Fair Use"-Doktrin des US-Copyright-Rechts. Laut ihrer Argumentation sei nach dieser Doktrin keine Lizenz notwendig, um Kopien geschützter Werke für den internen Trainingsprozess zu verwenden. Den Major Labels wirf Suno vor, die Klage sei ein Versuch, etablierte Unternehmen vor dem Wettbewerb zu schützen und die Zahl der Menschen, die in der Lage seien, neue Ausdrucksformen zu schaffen, zu verringern.
Shulmans Hoffnungen für die Zukunft
Wünschenswert hingegen stellt sich Mikey Shulman eine Zukunft vor, in der KI-Musik und Nicht-KI-Musik nicht wie in zwei verschiedenen Welten nebeneinander existieren.
Letztlich wünscht sich Shulman eine nahtlose Integration der Musikerstellung in den Alltag. Für Musikerlebnisse zwischen mehreren Apps – wie etwa Suno und Spotify – wechseln zu müssen, empfindet Shulman zumindest aus Kundensicht als mühsam.
Wie reagieren Künstler*innen auf Suno?
Auf die Frage von Harry Stebbins, was Shulman denke, was Künstler*innen über Suno denken, antwortet dieser, dass die Gruppe an Künstler*innen mit denen er spreche zwar eine etwas voreingenommene Stichprobe sei, aber die Mehrheit von ihnen hinter geschlossenen Türen zugebe, dass sie Suno benutzten und das Programm schätzten. Bisher habe er nur ein paar Künstler*innen getroffen, die nicht so begeistert gewesen seien, was ihn optimistisch in die Zukunft blicken ließe.
Wie ist das bei dir? Hast du bereits mit Suno gearbeitet oder dich mit dem Programm auseinandergesetzt? Teile gerne deine Erfahrungen und Meinungen in den Kommentaren!
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