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Existentielle Bedrohung

Steht die deutsche Clubkultur wegen der Coronakrise vor dem Aus?

Spezial/Schwerpunkt von Daniel Nagel
veröffentlicht am 19.05.2020

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Steht die deutsche Clubkultur wegen der Coronakrise vor dem Aus?

Was ist zu tun, damit solche Szenen der Begeisterung nicht der Vergangenheit angehören?. © Leonard Kötters

Die Coronakrise trifft nur wenige Branchen so hart wie Clubs und Diskotheken. Die Wiederaufnahme des regulären Betriebs ist unabsehbar, so dass viele über Jahrzehnte entstandene Institutionen des Musiklebens für immer verschwinden könnten. Um das zu verhindern, sind staatliche Hilfen nötig.

Viele Beobachter bescheinigen Südkorea ein mustergültiges Krisenmanagement in der Bekämpfung der Coronavirus-Pandemie. Umso schwerwiegender ist diese Nachricht, die vor einer Woche die Runde machte:

Nach offiziellen Angaben sind mindestens 187 Neuinfektionen auf einen einzigen 29-jährigen Mann zurückzuführen, der fünf Bars und Nachtclubs in der Hauptstadt Seoul besuchte. 

Gefahr durch Superspreader

Dieses Vorkommnis verdeutlicht die Bedeutung der sog. Superspreader für die Ausbreitung des Coronavirus. Dabei handelt es sich um Individuen, die zur Hochphase ihrer Infektiosität mit zahlreichen weiteren Menschen Kontakt haben und diese infizieren.

Die Rolle von Superspreadern wird durch besondere Umstände befeuert. Die Infektionen geschehen in der Regel in geschlossenen, schlecht belüfteten Räumen, in denen sich Menschen dicht gedrängt längere Zeit aufhalten.

Dabei spielt neben der Tröpfcheninfektion auch die Aerosolinfektion durch winzige Partikel, die sich in der Raumluft befinden, eine wichtige Rolle. 

Beispiele aus Deutschland und Österreich

Ähnliche Ereignisse wie in Seoul gab es auch in Deutschland und anderen europäischen Ländern. Vermutlich kennt inzwischen jeder die Geschichte der Karnevalsfeier in Gangelt, die aller Wahrscheinlichkeit nach einen frühen Coronavirus-Ausbruch im Kreis Heinsberg verursachte. 

In Bayern lassen sich Ausbrüche in Rosenheim und Tirschenreuth auf Starkbierfeste zurückzuführen. In Berlin steckten sich zahlreiche Besucher im Club Trompete an. Traurige Berühmtheit erlangte die Après-Ski-Bar Kitzloch im österreichischen Ischgl, in der sich Besucher aus zahlreichen europäischen Ländern infizierten. 

Keine Perspektive für die Wiedereröffnung

Das sind nicht nur schlechte Nachrichten für die Besucher dieser oder ähnlicher Veranstaltungen, sondern auch für Musikclubs und Diskotheken. Körperliche Nähe von Menschen und durchfeierte Nächte sind ja nicht nur Begleiterscheinung, sondern Essenz des Nachtlebens. Kein Wunder, dass kein Bundesland im Augenblick einen konkreten Zeitpunkt benannt hat, wann Clubs und Diskotheken wieder öffnen dürfen.

Die auf Nähe und Körperlichkeit ausgelegte Struktur des Nachtlebens ist mit den Verhaltensmaßregeln zur Eindämmung des Coronavirus kaum vereinbar. Bestuhlte Partynächte sind ebenso schwer vorstellbar wie Metal-Konzerte mit einem Sicherheitsabstand von 1,5 Metern. 

Hohe Verluste

Aber selbst wenn ein Clubbetrieb unter Einhaltung von Abstandsregeln möglich wäre, würde sich das für die meisten Clubs und Diskotheken der Betrieb nicht lohnen, weil die verringerte Kapazität dafür sorgt, dass bei jeder Veranstaltung hohe Verluste anfallen.

Das Clubleben lässt sich mit unbezahlten Livestreams auf Spendenbasis ebensowenig kompensieren wie mit der Verlagerung von Events ins Freie. Beide Optionen bieten bestenfalls temporäre und partielle Lösungen, so dass eine gar nicht kleine Gruppe der Clubbesitzer ihre Clubs einfach so lange geschlossen halten will, bis die Corona-Pandemie vorbei ist. Aber wann wird das sein? Und wie lange werden die geschlossenen Clubs überleben?

Es geht um die Existenz

Die Coronakrise rührt an den Fundamenten des deutschen Clublebens. Die Margen im Clubgeschäft sind in den allermeisten Fällen gering, die Kosten und die Tendenz zur Selbstausbeutung dagegen hoch, wie Karsten Schölermann, ehemaliger Vorsitzender der LiveKomm und Betreiber des Hamburger Musikclubs Knust schon vor Jahren in einem Interview schilderte. (Teil 1 und Teil 2)

Besonders schwierig ist die Lage naturgemäß für Clubs, die sich in Privatbesitz befinden. Hier geht es für viele Clubbetreiber schlichtweg um die Existenz. Sie erzielen aktuell keine oder so gut wie keine Einnahmen, haben aber hohe Fixkosten, natürlich vor allem für Miete, Nebenkosten oder Kredite. Da sie über keine nennenswerten Rücklagen verfügen, droht vielen Clubs in wenigen Wochen oder Monaten die Zahlungsunfähigkeit.

Verlieren am Ende alle?

Deutschlandweit bekannte Clubs wie der Schlachthof in Wiesbaden, die Batschkapp in Frankfurt, der Colos-Saal in Aschaffenburg oder die halle02 in Heidelberg haben meistens mit beträchtlichem Erfolg Kampagnen zur finanziellen Unterstützung durchgeführt. Aber selbst die erfolgreichste Spendenkampagne sichert nicht ihr mittel- oder langfristiges Überleben.

Falls keine Gegenmaßnahmen ergriffen werden, droht den deutschen Musikclubs und Diskotheken ein Clubsterben, das alles bisher Dagewesene in den Schatten stellen wird. Mit den Musikclubs verschwände ein wichtiger Träger der europäischen Musikkultur, Kommunen verlören zentrale Orte der Begegnung und des kreativen Austauschs. Und schließlich müssten Musikacts jeder Größe und aller Genres mit stark reduzierten Auftrittsmöglichkeiten klarkommen.

Oder gewinnen am Ende die Großen?

Am Ende könnten paradoxerweise die großen Entertainment- und Ticketkonzerne profitieren. Diese verfügen über genug Kapital, um geschlossene Liveclubs für einen Spottpreis aufzukaufen oder anzumieten, um dort ihr Musikprogramm anzubieten. Kreative Räume, non-konformistische Haltungen und Individualität gingen damit aber verloren, möglicherweise für lange Zeit.

Lediglich kommunal betriebene oder finanzierte Clubs können die Krise möglicherweise mit Kurzarbeit und kreativen Ideen aussitzen. Das bedeutet aber nicht, dass sie sorgenfrei in die Zukunft blicken können, denn auch für sie stellen sich existentielle Fragen: Wie viele Zuschauer werden erlaubt sein? Und wie viele Besucher werden kommen?

Clubs fordern Hilfen

In einem eindrücklich formulierten, gemeinsamen Aufruf fordern daher einige der bekanntesten privatwirtschaftlichen Clubs Deutschlands staatliche Hilfen, und zwar eine Neugestaltung der Kreditprogramme durch längere Laufzeiten und längere Tilgungsaussetzung und Teilerlass der Kredite. 

Darüber hinaus zählen ein Zuschuss zur Zahlung der Fixkosten, die Einführung des ermäßigten Mehrwertsteuersatzes für Getränke bei Konzerten und Investitionszuschüsse für nachhaltige Maßnahmen zu ihren Forderungen. 

Zu den Unterzeichnern zählen u.a. halle02 in Heidelberg, auf deren Initiative der Aufruf zurückgeht, darüber hinaus Berghain und Columbiahalle in Berlin, Docks und Gruenspan in Hamburg, die Frankfurter Batschkapp, das Capitol in Mannheim, Hirsch und Löwensaal in Nürnberg, Live Music Hall, Gloria, Carlswerk Victoria und Bahnhof Ehrenfeld in Köln, das FZW in Dortmund, die Kantine in Augsburg, die Posthalle in Würzburg, die Kulturfabrik in Krefeld, der Kulturclub schon schön in Mainz sowie Aladin Music Hall, Modernes und Pier2 in Bremen.

"Rettungspaket" in Planung

Die klanghaften Namen verdeutlichen den Ernst der Lage. Es gilt, das Bestehen der Clubs so lange zu sichern, bis wieder ein regulärer Clubbetrieb stattfinden kann. Um "die deutsche Kulturlandschaft mit ihren speziellen Bedürfnissen und in ihrer ganzen Vielfalt zu erhalten" plant die Bundesregierung im Rahmen des für Juni angekündigten Konjunkturpakets tätig zu werden.

Kulturstaatsministerin Monika Grütters hat gegenüber dpa ein "Rettungs- und Zukunftspaket" für die deutsche Kulturbranche angekündigt: "Ein Schwerpunkt des Programms liegt auf Maßnahmen, mit denen überwiegend privat finanzierte Einrichtungen einen pandemiegerechten Wiederbeginn ihrer Aktivitäten ermöglichen können." Aktuell würden Förderrichtlinien und Systeme erarbeitet und abgestimmt, "damit die Förderungen gemeinsam mit dem Start eines Konjunkturpakets sofort ausgezahlt werden können".

Ob diese Förderung auf die speziellen Bedürfnisse von Musikclubs abgestimmt ist und der existentiellen Bedrohung der deutschen Clubkultur gerecht wird, wird sich zeigen. Nicht nur der Bund, auch Länder und Kommunen, sollten tätig werden, um Institutionen zu erhalten, die einen essentiellen Beitrag zum kulturellen Lebens Deutschlands leisten.

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