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Direkte Deals oder kollektive Abkommen?

TikTok vs. Merlin: Kurzvideoplattform erntet erneut Kritik für Lizenzierungspolitik

News von BackstagePRO
veröffentlicht am 08.10.2024

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TikTok vs. Merlin: Kurzvideoplattform erntet erneut Kritik für Lizenzierungspolitik

© Collabstr via unsplash.com

Da der aktuelle Vertrag zwischen den beiden Unternehmen am 31. Oktober ausläuft, planten TikTok und die Musiklizenzagentur Merlin Verhandlungen zur Erneuerung einer Lizenz. Nun hat TikTok diese Gespräche vorzeitig abgebrochen, um direkt mit einzelnen Mitgliedern von Merlin zu verhandeln. Die Entscheidung könnte große Auswirkungen auf die unabhängige Musikszene haben.

In einem Schreiben an seine Mitglieder hat Merlin darauf hingewiesen, dass TikTok "ohne Vorwarnung" von den Verhandlungen abgerückt sei, noch bevor diese tatsächlich begonnen hätten und erklärt habe, nicht gewillt zu sein, die bestehende Vereinbarung zu erneuern. 

Standpunkt von Merlin

Die Musiklizenzierungsagentur Merlin vertritt die Rechte zahlreicher Indie-Labels wie Domino, PIAS, SubPop, Warp und viele weitere.

In der Entscheidung TikToks sieht Merlin nun einen Versuch des Streamingdienstes, die Verhandlungsstärke seiner Mitglieder zu untergraben und die Auszahlungen an sie zu minimieren. Die Kurzvideoplattform verfolge die Annahme, Künstler*innen könnten es sich nicht leisten, ihre Musik von der Plattform zu nehmen.

In dem Statement von Merlin heißt es zudem:

"Wir glauben, dass der wahrscheinlichste Grund für diesen Schritt ist, dass Tiktok nicht bereit ist, einen fairen Preis für die Musik zu zahlen, die ihre Plattform antreibt. Wenn dem so ist, dann schätzt TikTok weder unabhängige Musik, noch die unabhängigen Labels und Vertriebspartner, die diese Musik unterstützen, noch die vielfältigen Künstler*innen, die sie schaffen. Sie unterscheiden sich damit von allen anderen Partnern, mit denen Merlin zusammenarbeitet."

Angeblicher Streaming-Betrugs

TikTok hingegen führt andere Gründe für seine Entscheidung auf. So äußerte das Unternehmen laut Music Business Worldwide Bedenken, dass einige Mitglieder von Merlin manipulierte Versionen von urheberrechtlich geschütztem Material hochladen würden, was die Plattform vor Herausforderungen stelle. 

Ein Sprecher von TikTok gab an, dass direkte Vereinbarungen mit einzelnen Labels es dem Unternehmen ermöglichen würden, die Qualität der hochgeladenen Musik besser zu kontrollieren. Die Hoffnung sei, dass dies auch dabei helfe, Probleme mit fragwürdigen Inhalten zu minimieren. TikTok betonte weiter, dass die direkten Verhandlungen nicht auf schlechten Beziehungen zu Merlin beruhe, sondern eine strategische Entscheidung darstelle.

Merlin betonte dagegen, es setze sich proaktiv gegen Streaming-Betrug ein und habe verschiedene Maßnahmen zur Überwachung und Kontrolle von Inhalten implementiert. Außerdem gab Merlin an, weiterhin zu Verhandlungen mit TikTok bereit zu sein.

IMPALA zeigt sich solidarisch mit Merlin

Inzwischen hat sich auch der europäische Indie-Verband IMPALA in die Auseinandersetzung zwischen TikTok und Merlin eingeschaltet.

Auch zu TikToks Einwand, die direkten Verhandlungen würden eine strategische Entscheidung im Kampf gegen den Streaming-Betrug darstellen, meldete sich Helen Smith, Geschäftsführerin von IMPALA zu Wort. Sie zeigt Unverständnis gegenüber TikToks Argument, dass sich die geschilderten Probleme durch direkte Deals besser lösen lassen könnten als auf kollektiver Basis in standardisierter Weise. 

Angesichts der Geschichte und des Zeitpunkts der Geschehnisse sowie der Tatsache, dass die gesamte Branche intensiv an diesem wichtigen Thema arbeite, fühle sich die Aussage TikToks wie ein Vorwand für einen Boykott von Merlin an. 

Kritik an TikTok-Lizenzierungspolitik nicht neu

Erst im April hatte Merlin die Lizenzierungspolitik von TikTok kritisiert und den Kurzvideodienst dazu aufgefordert, Künstler*innen besser zu vergüten.

Die damalige Kritik war eine Reaktion auf die Entscheidung Universal im Februar 2024, ihren Musikkatalog von TikTok zu entfernen, nachdem die Lizenzverhandlungen zwischen dem Label und dem Streamingdienst vorerst gescheitert waren. 

IMPALA hält den Boykott eines kollektiven Abkommens mit Merlin für besorgniserregend, da Merlin eine entscheidende Rolle in der Zusammenarbeit mit Streaming-Diensten spiele. In einem Boykott von Merlin durch TikTok sieht IMPALA einen klaren Versuch, die Auszahlungen für lizenzierte Titel zu verringern. Einige Labels sollen zudem befürchten, ausgeschlossen zu werden.

Dan Waite, Vorsitzender des Digitalausschusses von IMPALA kommentierte:

"Musiklabels haben Merlin ihre Rechte anvertraut, um in ihrem Namen zu verhandeln und indem TikTok direkt auf Rechteinhaber zugeht, respektiert es die bestehenden Lizenzvereinbarungen nicht. Das ist, als würde eine Supermarktkette direkt mit einzelnen Bauern über den Preis ihrer Milch verhandeln; es ist schwer zu sehen, wie das zu Gunsten der Bauern ausgehen kann."

Einigung wäre wünschenswert

Zwischen Universal und TikTok kam es im Mai 2024 dann doch noch zu einer Einigung auf einen neuen gemeinsamen Lizenzierungsvertrag. Sowohl Merlin als auch IMPALA erhoffen sich von der jetzigen Situation einen ähnlichen Ausgang. So schloss Helen Smith ihr Statement mit folgendem Appell:

"Wir laden TikTok ein, den Wert eines erneuerten kollektiven Vertrags über Merlin zu erkennen und an der Weiterentwicklung dieses wichtigen Teils des Ökosystems mitzuwirken. Wir hoffen, dass Effizienz und Wahlfreiheit für TikTok-Nutzende sowie der Zugang für Künstler*innen und Labels, unabhängig von ihrem Land, Genre oder Erfolg, und natürlich gemeinsame und standardisierte Bemühungen zur Betrugsbekämpfung, vorherrschen werden, und freuen uns darauf, diesen entscheidenden Teil des Ökosystems auszubauen."

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