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Es ginge auch anders

The Cure, Oasis, Springsteen – So positionieren sich Stars in der Kontroverse um Dynamic Pricing

Spezial/Schwerpunkt von Antonia Freienstein
veröffentlicht am 22.10.2024

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The Cure, Oasis, Springsteen – So positionieren sich Stars in der Kontroverse um Dynamic Pricing

The Cure (live beim Hurricane Festival 2019). © Philipp Karadensky

In einem Interview kritisiert Robert Smith von The Cure die Geschäftspraktiken von Ticketmaster und bezeichnet das Konzept des Dynamic Pricing als betrügerische Masche. Auch anderswo erntet das Konzept starken Gegenwind: Australien will dynamische Preise sogar verbieten. Andere Künstler wie etwa Oasis und Bruce Springsteen rechtfertigen ihre Nutzung.

Bereits im März 2023 hatte Robert Smith das Vorgehen von Ticketmaster über seinen X-Account (damals Twitter) kritisiert. Anlass waren zahlreiche Beschwerden US-amerikanischer The Cure-Fans, die sich über unverhältnismäßige Zusatzkosten beim Ticketkauf über die Plattform ärgerten.

"Ich bin genauso angewidert wie ihr alle", hatte Smith seinen Followern damals mitgeteilt. Für einen Verkauf über Ticketmaster hatte er sich dennoch entschieden, um den professionellen Weiterverkauf von Tickets zu meist deutlich höheren Preisen vorzubeugen. 

Keine dynamischen Preise bei The Cure

Dennoch sei es The Cure wichtig gewesen, auf die umstrittene Praktik des sogenannten "Dynamic Pricing" – das automatische Anpassen von Ticketpreisen je nach Nachfrage – zu verzichten, um die Preise so niedrig wie möglich zu halten. 

In einem aktuellen Interview mit der Sundays Times wird deutlich, dass Smith zu dieser Entscheidung steht. Für das Konzept des Dynamic Pricing hagelt es weitere Kritik:

"Ich war schockiert, wie viel Gewinn [mit dem Kartenverkauf] gemacht wird. Ich dachte: 'Wir brauchen nicht so viel Geld verdienen.'"

Smith kritisiert Kollegen

Dynamische Preisgestaltung bezeichnet Robert Smith als "Masche", die nicht mehr funktionieren würde, wenn jeder Künstler und jede Künstlerin sich dagegen entscheiden würde. Sicherlich unter Anspielung auf entsprechende Äußerungen von Oasis, ging er mit seinen Kollegen hart ins Gericht:

"Aber die meisten Künstler*innen verstecken sich hinter ihrem Management. 'Oh, das haben wir nicht gewusst', sagen sie. Sie wissen es aber alle. Wenn sie sagen, sie wüssten es nicht, sind sie entweder verdammt dumm oder lügen. Es geht nur um Gier."

Aus diesem Grund habe er sich darum bemüht, die Preise für The Cure-Konzerte möglichst niedrig zu halten:

"Wenn man selbst davon überzeugt ist, dass man auch in einem Jahr noch hier sein wird, dann möchte man, dass die Show gut ist, damit die Leute wiederkommen. Man will nicht so viel verlangen, wie es der Markt zulässt. Wenn die Leute an den Tickets sparen, kaufen sie Bier oder Merch. Es sorgt für gute Atmosphäre und die Fans kommen das nächste Mal wieder. Es ist eine sich selbst erfüllende gute Stimmung und ich verstehe nicht, warum das nicht mehr Leute tun."

Bruce Springsteen verteidigt Vorgehen

Bruce Springsteen sah das 2022 etwas anders. Gegenüber dem Rolling Stone Magazin erklärte er, dass er die hohen Ticketpreise durch Dynamic Pricing zwar nicht direkt befürworte und Tickets bisher größtenteils unter dem Marktwert verkauft habe. Bei seiner letzten Tour jedoch habe er sich dafür entschieden das zu tun, "was alle anderen tun". 

Die Preise der meisten Tickets lägen laut Springsteen nach wie vor in einem erschwinglichen Bereich. Dennoch hätte es auch ohne das Dynamic Pricing immer Tickets gegeben, die zu einem höheren Preis verkauft werden – über Ticketbörsen oder Zweitanbieter:

"Ich denke mir: 'Hey, warum sollte dieses Geld nicht an die Leute gehen, die drei Stunden pro Nacht dafür schwitzen?"

Damit spricht Springsteen ein Problem an, das zahlreiche Musikerinnen und Musiker beschäftigt. Was nützt es, wenn sie sich bemühen, die Preise ihrer Konzertkarten niedrig zu halten, wenn sie auf Wiederverkaufsplattformen für ein Vielfaches des ursprünglichen Preises angeboten werden?

Was tun mit den Zweitanbietern?

Vor diesem Problem standen auch The Cure. Am 1. November 2024 wird die Gruppe im Londoner Troxy live ihr neues Album präsentieren. Die Tickets für diese Veranstaltung, die ursprünglich für etwa 60 Euro zu erwerben gewesen waren, wurden über Reseller wie etwa Viagogo teilweise für bis zu 2.200 Euro pro Karte angeboten. 

Inzwischen haben sich The Cure über die sozialen Medien an ihre Fans gewandt und diese vor einem Kauf bei Zweitanbietern gewarnt. Viagogo und einigen ähnlichen Plattformen habe man bereits eine Unterlassungserklärung zukommen lassen.

Zudem handelt es sich bei den Tickets von The Cure um personalisierte Karten. Um tatsächlich Eintritt zur Veranstaltung zu erhalten, muss demnach die Person anwesend sein, die die Tickets ursprünglich erworben hat. Der einzige offizielle Weiterverkauf erfolge über die "Waitlist"-Funktion der Ticketing-Plattform Dice, die es ursprünglichen Ticketinhaber*innen ermöglicht, ihre Tickets an Dice zurückzuverkaufen. 

Zu viel des Schlechten?

Andere große Stars unternehmen vergleichbare Bemühungen, um die Preise ihrer Konzertkarten erschwinglich zu halten. Ed Sheeran lehnt dynamische Preise beispielsweise seit Jahren ab und geht immer wieder mit einstweiligen Verfügungen gegen Zweitanbieter wie Viagogo vor. Auch Superstar Taylor Swift lehnt eine dynamische Preisgestaltung ab.

Andere Musiker*innen wiederum setzen auf dynamische Preise, wie zuletzt Oasis. Um die wiedervereinten Geschwister bei ihren Konzerten in Großbritannien und Irland live zu erleben, mussten Fans bis zu um die 350 britische Pfund zahlen – obwohl der Ursprungspreis bei 150 Pfund gelegen hatte. 

Nach zahlreichen Protesten und Kritik von Fans haben sich die Gallaghers dazu entschieden, bei dem Ticketverkauf für ihre Nordamerika-Tour auf das Instrument zu verzichten. Auch die britische Wettbewerbsbehörde und die Europäische Kommission sind auf den Vorfall aufmerksam geworden und wollen nun unter anderem untersuchen, ob Ticketmaster womöglich Verbraucherschutzgesetze verletzt hat.

In dem zugehörigen Statement auf X weist das Management der Band jedoch auch darauf hin, dass die dynamische Preisgestaltung ein nützliches Instrument sei, um den Schwarzmarkt zu bekämpfen und die Preise für einen großen Teil der Fans unter dem Marktpreis und damit erschwinglicher zu halten.

In manchen Fällen seien dynamische Preise aber nicht hilfreich:

"Wenn jedoch eine noch nie dagewesene Ticketnachfrage mit einer Technologie kombiniert wird, die diese Nachfrage nicht bewältigen kann, verliert dieses Instrument an Wirksamkeit und kann zu einem inakzeptablen Erlebnis für die Fans führen."

Dynamic Pricing – Was steckt dahinter?

Das wirft die Frage auf, ob es beim Dynamic Pricing tatsächlich nur um Gier geht oder ob die Praktik tatsächlich auch Vorteile für Verbraucher*innen bietet.

Dynamische Preisgestaltung – auch Echtzeit-Preisgestaltung oder eben Dynamic Pricing – stellt eine flexible Preisstrategie dar, bei der Unternehmen die Preise ihrer Produkte oder Dienstleistungen in Echtzeit basierend auf verschiedenen Faktoren anpassen. Diese Faktoren können die Nachfrage, das Angebot, der Wettbewerb, die Tageszeit, die Kundenprofile oder sogar externe Einflüsse wie Wetter oder Ereignisse sein. 

Tatsächlich ist ein großer Vorteil für Unternehmen, dass diese Strategie dabei behilflich ist, Gewinn zu maximieren. Wenn die Nachfrage hoch ist, können höhere Preise verlangt werden. Dynamische Preise erlauben zudem die Anpassung an Marktschwankungen angepasst werden, die optimale Auslastung von Dienstleistungen mit begrenzten Ressourcen (z.B. Flugtickets), die Anpassung an bestimmte Kundensegmente und die Steigerung der Kaufbereitschaft durch niedrigere Preise. 

In manchen Fällen profitieren Verbraucher*innen also von dynamischen Preisen, vor allem dann, wenn die Nachfrage aktuell gering ist. Bei Events, bei denen sich eine hohe Nachfrage vorhersehen lässt, ist aber das Gegenteil der Fall – es drohen saftige Aufschläge.

Australische Regierung greift ein

Bisher liegt die Verantwortung für die Entscheidung, ob auf die dynamische Preisgestaltung zurückgegriffen wird, bei den Künstler*innen selbst. Anders soll das Ganze jetzt in Australien gehandhabt werden.

Dort möchte die Regierung jetzt gegen "zweifelhafte" Handelspraktiken vorgehen – im Fokus stehen dabei unter anderem versteckte Gebühren sowie Abo-Fallen bei Online-Einkäufen, Fitnesstudio-Mitgliedschaften und Flugtickets, so berichtet unter anderem The Guardian.

Insgesamt sollen Maßnahmen ergriffen werden, um den Wettbewerb und die Preisgestaltung verbraucherfreundlicher zu gestalten. Der erhöhte Druck auf die Lebenshaltungskosten müsse aufhören, so Anthony Albanese, Premierminister von Australien. 

Die Regierung kündigte nun an, ein Gesetz zur "allgemeinen Untersagung unfairer Handelspraktiken" einzuführen, wozu auch die dynamische Preisgestaltung zählt.

Nicht Schwarz-Weiß

Dynamische Preisgestaltung ist aber kein Thema, das lediglich Ticketmaster betrifft, sondern letztlich alle Ticketplattformen. 

Fest steht: Dynamische Preisgestaltung ist ein zweischneidiges Schwert. Unter gewissen Umständen bietet sie Verbraucher*innen vergünstigte Produkte und Dienstleistungen an, bei besonders beliebten Angeboten führt sie zu drastischen Preissteigerungen.

Aus Sicht der Befürworter ist Dynamic Pricing eine effektive Methode, um dem Ticketing-Schwarzmarkt entgegenzuwirken. Statt über zwielichte Zweitanbieterseiten wechseln Tickets ihren Besitzer oder ihre Besitzerin zwar ebenfalls zu hohen Preisen – tatsächlich davon profitieren jedoch die Künstler*innen und Veranstalter*innen und keine eigentlich am Event unbeteiligten Personen.

Künstler können entscheiden

Werden die dynamischen Preise jedoch zu hoch eingesetzt, müssen sich Künstler*innen mit dem Vorwurf der Gier auseinandersetzen. Immerhin können sich Künstler*innen selbst dafür oder dagegen entscheiden.

Zudem gibt es alternative Maßnahmen, wie personalisierte Tickets oder Begrenzungen der Ticketanzahl pro Käufer*in, um zweifelhafte Ticketing-Praktiken zu bekämpfen, ohne dabei das Risiko überhöhter Preise für Fans in Kauf zu nehmen. Welcher Weg letztendlich gewählt wird, hängt von der jeweiligen Einstellung der Künstler und Künstlerinnen ab.

Handeln die Regierungen?

Robert Smiths Haltung, dass Künstler*innen sich in Eigeninitiative kollektiv gegen Dynamic Pricing entscheiden sollten, ist idealistisch, wirkt jedoch angesichts der Marktlogik und der finanziellen Interessen der Musikindustrie eher utopisch. Solange kein breiter Boykott der Künstler*innen zustande kommt, dürften weiterhin staatliche Regulierungen, wie sie etwa in Australien geplant sind, der vielversprechendste Weg sein, um den Ticketverkauf fairer zu gestalten. 

Es bleibt also abzuwarten, wie sich der Vorsatz der australischen Regierung weiter entwickelt und zu welchem Ergebnis die britische Wettbewerbsbehörde und die Europäische Komission im Fall von Oasis kommen. Möglicherweise werden diese dazu führen, dass weitere Regierungen und Wettbewerbsbehörden in Großbritannien und der EU Maßnahmen ergreifen werden, die für mehr Transparenz und Gerechtigkeit im Ticketverkauf sorgen werden.

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