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Fatale Situation

Kulturschaffende in ganz Deutschland warnen vor Folgen eines neuen Lockdowns

News von Backstage PRO
veröffentlicht am 28.10.2020

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Kulturschaffende in ganz Deutschland warnen vor Folgen eines neuen Lockdowns

© Pixabay via Pexels

Kulturschaffende aus ganz Deutschland wenden sich in offenen Briefen und persönlichen Mitteilungen an Landesregierungen und Mitmenschen: Ein vollständiges Veranstaltungsverbot werde die kulturelle Szene in ihrer Vielfalt kein zweites Mal überleben.

Im Zuge der Berichte, nach denen Bundeskanzlerin Angela Merkel einen erneuten Lockdown plant, häufen sich die Aufschreie aus der Kulturbranche: So wendet sich in Baden-Württemberg sich ein Kollektiv aus Musiker/innen, Intendant/innen und Clubbesitzer/innen in einem offenen Brief an Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann:

"Wir bitten Sie als Ministerpräsidenten, sich dringend dafür einzusetzen, dass Veranstaltungen nicht im Generellen abgesagt werden, sondern Kultur dort möglich bleibt, wo gute Hygienekonzepte vorliegen und eine größtmögliche Sicherheit garantiert wird. Einen weiteren Lockdown würde die kulturelle Szene hierzulande in ihrer Vielfalt nicht überleben."

In Rheinland-Pfalz sind es die Kulturverbände Jazz RLP und Pop RLP, die an die Landesregierung appellieren, sie möge sich gegen ein generelles Veranstaltungsverbot einsetzen. Auch sie fordern von Ministerpräsidentin Dreyer, Betriebe offen zu lassen, wo es denn möglich ist. 

Die Lage ist verzweifelt

Die Deutsche Jazz Föderation fordert die Bundesregierung direkt auf, gerade kleine Spielstätten nicht durch weitere verschärfte Corona-Maßnahmen in den Ruin zu treiben. Trompeter und Deutscher Jazz-Botschafter Till Brönner berichtet in einem emotionalen Statement von seinen persönlichen Erfahrungen und äußert sich zur verzweifelten Lage der Musik- und Kulturszene:

Fatale Folgen

Alle Akteure weisen darauf hin, dass die Kulturszene ohnehin bereits mit dem Rücken zur Wand stehe und einen weiteren Rückschlag nicht mehr ohne fatale Folgen hinnehmen könne.

Die Rücklagen der Veranstalter seien verbraucht, gibt die Deutsche Jazz Förderation zu bedenken, und Hilfen von Seiten der Politik seien seit dem ersten Lockdown unzureichend gewesen. So kam es etwa nie zur Einführung eines Unternehmer/innenlohns, obwohl ein solches Konzept von Vertretern der Branche immer wieder gefordert wurde.

Die verzweifelte Lage vieler Betroffener werde auch weithin unterschätzt, sagt Till Brönner. Künstler/innen äußerten sich übervorsichtig, "obwohl ihre Existenz gerade fundamental auf dem Spiel steht". Dem Trompeter zufolge sei diese Zurückhaltung jetzt fatal. Er sieht eine Verantwortung also auch bei den Kulturschaffenden, die endlich als geschlossene Einheit auftreten müssten, um sich Gehör zu verschaffen.

Im Stich gelassen

Die Veranstaltungsbranche sei stets hintenangestellt worden, so die Kritik. Obwohl von den Wirtschaftszweig über 1,5 Millionen Menschen abhingen und jährlich insgesamt mehr als 130 Mrd Euro umgesetzt würden, werde seine ökonomische Bedeutung ignoriert, so Brönner: "Das ist kein Luxusproblem, das ist ein Kernproblem."

Er könne nicht verstehen, wie anderen Branchen "Milliarden in den Vorgarten geworfen werden", während Kulturschaffende auf die Grundsicherung verwiesen werden.

Die Deutsche Jazz Förderation weist auch auf mangelnde rückwirkende Unterstützung hin: "Da die meisten Förderprojekte des Bundes auf Basis von neuen Projekten in 2021, das heißt in die Zukunft führen, sind die Hilfen für die finanziell angeschlagenen Spielstätten in weiter Ferne und die Veranstalter stehen im Blick auf die Gegenwart vor den Scherben der vergangenen Monate."

Veranstaltungsverbote unverhältnismäßig

Die offenen Briefe gehen auch darauf ein, dass die effektive Hygienekonzepte für Veranstaltungen durchaus existieren: "Die Kulturszene nimmt die Gefahren, die von der Pandemie ausgehen, wahr und unterstützt die Anstrengungen von Bund und Ländern, um die Infektionszahlen nach unten zu korrigieren."

Es sei deshalb unbedingt notwendig, differenziert zu handeln, und erforderliche Maßnahmen so zu gestalten, dass trotzdem Kultur stattfinden kann und die Szene überlebt.

Die Härte gegenüber öffentlichen Veranstaltungen seien mit Blick auf die Toleranz privater Feiern, wie etwa großer Hochzeiten, unverhältnismäßig: "Diese Veranstaltungsformen dürfen nicht undifferenziert in einen Topf geworfen und mit generellen Veranstaltungsverboten bedacht werden".

Zusammenstehen

Der allgemeine Protest ist gleichzeitig auch ein Zeichen dafür, dass Kulturschaffende bundesweit sich immer mehr als Kollektiv mit gemeinsamen Nöten und gemeinsamen Zielen verstehen.

"Nehmen wir uns und unsere Errungenschaften ernst", appelliert Till Brönner an seine Kolleg/innen. Denn gerade im Angesicht des drohenden Lockdowns kann wohl nur eine Branche, die mit geeinter Stimme spricht, eine aufrichtige Auseinandersetzung mit ihrer spezifischen Lage und dementsprechende Handlungen vonseiten der Politik erwirken.

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