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At the Drive-In

Autokino-Konzerte – ein Lichtblick für die Livebranche in Zeiten der Corona-Pandemie?

News von Florian Endres
veröffentlicht am 28.04.2020

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Autokino-Konzerte – ein Lichtblick für die Livebranche in Zeiten der Corona-Pandemie?

Kaum eine Branche ist derart schwer von den Auswirkungen des Corona-Virus betroffen wie das Live-Business; wann es wieder "richtige" Konzerte geben wird ist unsicher. Autokino-Konzerte wirken wie die perfekte Übergangslösung – doch was steckt dahinter?

Schwitzende und tanzende Fans, Moshpits und enger Körperkontakt – was eigentlich zu den herausragensten Eigenschaften von Live-Konzerten zählt, wird aufgrund der erhöhten Ansteckungsgefahr mit dem Coronavirus plötzlich zum Problem. So gehört die Live-Branche zu den Bereichen, die derzeit am meisten unter den Maßnahmen von Bund und Ländern zur Eindämmung des Virus leiden.

Der letzte Schrei

Eine umfassende Lockerung der Maßnahmen ist derzeit nicht in Sicht – Großveranstaltungen bleiben bis Ende August 2020 untersagt; das Schicksal kleinerer Veranstaltungen ist ungewiss und die Szene bangt um ihre Existenz.

Es ist nicht verwunderlich, dass Musiker/innen und Veranstalter/innen deshalb nach Konzert-Alternativen suchen, um die (finanziellen) Auswirkungen der Krise abzufedern. Nachdem in den vergangenen Wochen Live-Streams das Mittel der Wahl schienen, ist gerade der Trend hin zum Auftritt im Autokino zu beobachten:

Zeitreise

Das Konzept von Autokino-Konzerten ist einfach: Musiker/in oder Band performen wie gewohnt auf großer Bühne; das Publikum bleibt jedoch während des Konzerts in seinem Auto sitzen und die Musik kommt über die Auto-Lautsprecher zum Publikum – ganz wie im klassischen Autokino der 50er Jahre. 

Die Kölschrock-Band Brings waren die ersten, die Mitte April in einem Autokino in Köln-Porz auftraten und damit die Welle ins Rollen brachten. Inzwischen stehen auch große Popstars auf der Bühne; in Stuttgart will die Veranstaltungsagentur Chimperator Live laut Spiegel sogar ein Festival im Autokino auf die Beine stellen.

Klare Vorteile 

Die Vorteile des Formats liegen auf der Hand: Die Musikfans verbleiben in ihren Autos, wodurch Kontakteinschränkungen auf einfachste Art und Weise eingehalten werden können. Die Zahl der Gäste pro Auto ist außerdem beschränkt, um auch so die Verbreitung des Virus einzudämmen.

Ein weiterer Vorteil des Autokino-Konzerts ist, dass der Workflow hinter den Kulissen hier mehr oder weniger dem eines "normalen" Konzerts entspricht. Das bedeutet, dass auch Backstage-Personal und Dienstleister (Stagehands, Catering, Gastro etc.) hier wieder Anstellung finden. 

Konzepte gegen Kurzarbeit

Mit dem vollständigen Wegbrechen von Live-Veranstaltungen sind insbesondere Selbstständige in diesem Bereich unverschuldet und mehr oder weniger sofort in eine finanziell prekäre Situation abgerutscht. Gegenüber dem Stern stellt Matthias Mettmann von Chimperator daher bezüglich des geplanten Autokino-Festivals fest:

"Wir hoffen, Bühnenarbeiter, Techniker und viele andere aus der Kurzarbeit holen zu können und ihnen wieder etwas zu tun zu geben."

Auch Musikerinnen und Musiker erhalten hier ein garantiertes Honorar – ein deutliches Plus im Vergleich zu dem offenen finanziellen Ergebnis von selbst initiierten Live-Streams auf Spendenbasis.

Einfach zufrieden

Als nachteilig lässt sich wiederum die fehlende "Live"-Stimmung der Autokino-Konzerte bezeichnen: Natürlich kommt im Auto sitzend nicht die selbe Stimmung auf wie bei einem "richtigen" Konzert mit echtem Publikum und echter menschlicher Interaktion. 

Doch scheint das Publikum dies in Anbetracht der aktuellen Situation auch gar nicht zu bemängeln: Die Reaktion auf die Konzerte ist bisher durchweg positiv; die meisten Gäste freuen sich einfach darüber, in Zeiten freiwilliger Isolation überhaupt eine Freizeitbeschäftigung zu haben: 

KÖLNER KONZERT: Im Autokino können die Besucher zur Musik feiern

Lückenbüßer

Ein weiterer Nachteil von Autokinos, der deutlich stärker ins Gewicht fällt, ist deren gleich zweifache  Limitierung der Besuchsmöglichkeiten: Einerseits können nur Gäste mit Auto ein Konzert besuchen, andererseits ist die Kapazität im Vergleich zu auf Konzerte ausgelegten Venues deutlich eingeschränkt. Dadurch können deutlich weniger Fans Konzerte besuchen.

Auch Bedenken hinsichtlich des Umweltschutzes sind in diesem Kontext durchaus angebracht: Die jüngsten Bemühungen der Konzertindustrie, den eigenen CO2-Fußabdruck zu minimieren, würden durch eine (langfristige) Lancierung des Formats "Autokino" freilich ad absurdum geführt.

Es ist in Anbetracht solcher Einschränkungen und Nachteile wohl wahrscheinlich, dass Autokino-Konzerte nach Corona – wann immer das auch sein wird – wohl vergleichsweise schnell wieder verschwinden werden. Ihre positive Funktion als Übergangslösung in Krisenzeiten ist jedoch nicht von der Hand zu weisen. 

Kein Platz für die Kleinen?

Ebenfalls nicht von der Hand zu weisen ist allerdings, dass Autokino-Konzerte durch ihre tendenziell hohen Betriebskosten zu einer Beschneidung der Vielfalt der deutschen Live-Szene führen.

Die Veranstaltungen tragen erst ab einer gewissen Besucherzahl; diese lässt sich wiederum in erster Linie durch die Buchung namhafter Acts sicherstellen. Für kleinere Künstlerinnen und Künstler ist hier eher weniger Platz – diesen fehlt mit kleinen und mittelgroßen Venues die Infrastruktur, die die Diversität der deutschen Livekultur erst ermöglichen.

Ohne die vorhandenen Vorteile dieses neuen Trends abwerten zu wollen gilt es doch, die kleineren Künstler/innen zu bedenken, die von der derzeitigen Krise finanziell äußerst stark betroffen sind, und denen durch die Regelungen von Bund und Ländern auf nicht absehbare Zeit eine mitunter überlebenswichtige Bühne fehlen wird, die auch durch Autokinos nicht ersetzt werden kann. 

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