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Erkenntnisse vom Eurosonic Noorderslag

Die wichtigsten Tipps für Newcomer nach vier Tagen auf Europas größtem Showcase-Festival

Tipps für Musiker und Bands von Ole Löding
veröffentlicht am 19.03.2019

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Die wichtigsten Tipps für Newcomer nach vier Tagen auf Europas größtem Showcase-Festival

Praxistipps nach dem Besuch eines bekannten Showcase-Festivals. © Ole Löding

Unser Autor Ole Löding hat sich vier Tage auf dem Eurosonic Noorderslag Festival und der angeschlossenen Branchenkonferenz umgehört, um die wichtigsten Tipps für Bands am Anfang ihres Weges einzusammeln.

Jedes Jahr machen sich die Pop-Interessierten auf den Weg nach Groningen zum "Klassentreffen der europäischen Musikindustrie". Hier in der 200.000-Einwohner-Stadt im Norden der Niederlande findet das Eurosonic Festival statt, auf dem mehr als 350 hoffnungsvolle Newcomer aus ganz Europa ihren Sound vor Bookern, A&Rs und Journalisten präsentieren.

Parallel dazu laufen das Noorderslag Festival für Bands aus den Benelux-Ländern sowie "Grunnsonic" als Schaufenster der Newcomer aus Groningen selbst. Über die ganze Stadt verteilt lassen sich Konzerte in Clubs, Kirchen, Hochschulen und Open-Air auf dem Markplatz erleben. Zahllose Label-Nights, Showcases von Agenturen, aber auch Konzerte in den Kneipen der Innenstadt machen Groningen zu einer brummenden Musikstadt. Hier werden Bands für den Festival-Sommer verpflichtet oder neue Acts für das Radio entdeckt.

Eine hohe Professionalität ist aber Voraussetzung. Die meisten Newcomer werden von den nationalen Exportbüros (wie der Initiative Musik in Deutschland oder Austrian Music Export) vorgeschlagen und auf dem ESNS präsentiert.

Baut und nutzt eine eigene Homepage

"Social Media Sucks!", erklärte der Musikjournalist und PR-Berater Cor Hospes in einem Vortrag auf der Konferenz. Zu viele Newcomer hofften zu sehr auf die Promotion-Wirkung von Facebook oder Instagram, so der Promotion-Profi. Und dabei vernachlässigten sie ihre eigene Homepage komplett. Oft wird die eigene Site sogar nur als Weiterleitung auf die jeweiligen sozialen Profile verwendet.

Macht es aber wirklich Sinn, fragte Hospes, seine Promotion über eine Plattform laufen zu lassen, die wie Facebook die jeweiligen Beiträge (unbezahlt) nur bei einem Bruchteil der Follower ausspielt und bei der die wichtigen Band-News im Rauschen der zahllosen Posts untergehen?

Hospes‘ Tipp: Im Gegensatz zu Social Media kommen Fans gezielt auf eure Homepage. Das sind die Supporter, die sich aktiv für euch interessieren, die zu den Konzerten gehen wollen, bereit sind, Geld für eure Tonträger und Tickets auszugeben. Über eine Anmeldefunktion könnt ihr sogar – anders als in den sozialen Medien – zielgerichtet Informationen erhalten und eure Fans an euch binden: Von einer persönlichen Einladung an alle Fans in einer Stadt zu einem kommenden Konzert über einen Newsletter zu aktuellen Projekten bis hin zu exklusiven Fan-Paketen. Oder was, wenn ihr bei der Anmeldung abfragt, woher die Fans eure Musik kennen? Die Info kann euch bei neuen Promo-Ideen wertvoll sein.

Baut also eine spannende, eigene Homepage auf, versorgt dort eure intensiven Fans mit exklusiven Informationen, bindet sie an euch, nutzt die Homepage für zielgerichtetes Targeting. Und die Social-Media-Plattformen lediglich als Wegweiser zu eurer eigenen Seite. Bei Backstage PRO findet ihr zu diesem Thema zahlreichen Artikel, darunter zum Beispiel:

Seid verfügbar – und habt was zu erzählen

Wie werden Newcomerbands eigentlich bei den Profis der Musikindustrie sichtbar und entdeckt? Bringt es heutzutage noch etwas, Demobänder an Festivalveranstalter oder Labels zu verschicken? Zumindest für das Melt Festival und das Lollapalooza Berlin hatte Bookerin Julia Gudzent eine klare Antwort:

"Nein! Wir hören nichts an. Nicht ihr findet uns, wir finden euch!"

Wie also dann? Die wichtigsten Tipps bot das Panel "Where do you Get Your Juice From?" mit dem Booker Robert Meijerink, der Guardian-Journalistin Roisin OConnor, dem Schweizer Festivalchef Christof Hubert sowie dem Label-Head Joe Wood von One Little Indian:

"Niemand sucht mehr nach einen Song", so die einhellige Meinung. "Wir und auch die Fans erwarten, dass die Songs auf allen Wegen – auf Streaming-Portalen, Videoplattformen und der Bandwebseite – verfügbar sind. Und dann finden wir die guten Songs."

Der Tipp der Profis: Bringt eure Songs auf alle Portale. Das erhöht die Chance, gefunden zu werden, erreicht unterschiedliche Zielgruppen und macht einen professionellen Eindruck. Wenn ihr das alleine nicht stemmen könnt, nutzt digitale Dienstleister, die den Vertrieb für euch übernehmen können. Sie sind für Newcomer unverzichtbar.

All das hilft aber nichts, wenn eure Musik von den Labels, Verlagen und Journalisten nicht promotbar sind und es nichts zu berichten gibt. Einig sind sich die Profis darin, worauf es ankommt: Die Konkurrenz ist riesig, für erfolgreiche Promo ist deshalb das Storytelling heute so wichtig wie nie zuvor.

Tipp: Überlegt euch genau, welche Story ihr erzählen wollt. Was ist die Geschichte hinter der Bandentstehung? Was ist die Geschichte hinter einzelnen Songs? Woher kommen die Bandmitglieder? Wie habt ihr euch kennengelernt? Welche besonderen Erfahrungen und Erlebnisse haben euch geprägt?

All diese Stories helfen dabei, dass ihr euch von der großen Konkurrenz absetzen könnt und Booker, Journalisten, aber auch A&Rs und andere Multiplikatoren neugierig auf eure Musik werden.

Nehmt das Ticketing in die eigene Hand

Der anerkannte deutsche Konzertveranstalter und Musikindustriekritiker Bertold Seliger widmet sich in seinem für Newcomer empfehlenswerten Buch "Das Geschäft mit der Musik" der aktuellen Situation im Ticketing. Neben begründeten Klagen über die Monopolbildungen unter den Ticketing-Anbietern macht er deutlich, wie frustriert die Fans zunehmend über die Preisaufschläge durch Ticketing-Gebühren, Portogebüren, VIP-Aufschläge und Ähnliches sind.

Seliger gab auf dem Eurosonic/Noorderslag ein paar wichtige Tipps für Newcomer:

Nehmt, so weit wie möglich, euer Ticketing in die eigene Hand, so der Veranstalter. Die Erstellung eines eigenen Online-Ticketshop dauert wenige Klicks, zahllose unabhängige Anbieter übernehmen gegen geringe Gebühren den Ticketdruck und wenn gewünscht auch den Versand. Sowohl für das Portemonnaie der Fans, für eure Einnahmen, aber auch für eure Fanbindung und die Steuerung des Pricings der Tickets sei dies ein empfehlenswerter Weg.

Streaming ist eine Chance – loyale Fans sind unverzichtbar

Streaming bietet guten Songs von völlig unbekannten Bands plötzlich Möglichkeiten, nicht nur national, sondern auch international wahrgenommen zu werden. Gutes Songwriting ist deshalb heute zentraler als vorher, die Bedeutung von klassischer Promotion-Arbeit reduziert sich.

Gleichzeitig weiß jeder, der jemals eine Spotify-Abrechnung in der Hand hatte, dass sich auch hohe Streaming-Zahlen keineswegs monetarisieren. Geld geben weiterhin vor allem die intensiven Fans aus. Sie zahlen die Konzerttickets und reisen hierfür von weit an, sie bestellen limitierte Exklusiv-Pakete und greifen für Merchandise und Gimmicks tief in die Tasche. Bei all der Verlockung, stolz auf hohe Streaming-Zahlen zu schauen (die natürlich als Promotion-Argument wertvoll sind und mittlerweile für die Profis der Musikbranche eine zentrale Info sind), bleibt auch in Zukunft wichtig, vor allem die wahren Fans zu bedienen und eine enge, loyale und anhaltende Beziehung zu ihnen aufzubauen. Klar ist aber auch: Dieser Spagat ist schwierig zu bewerkstelligen.

Was macht euch besonders?

Nach über 40 Konzerten, die wir auf dem Eurosonic angeschaut haben, ist klar: Sowohl die Branchenprofis als auch die Fans feiern weiterhin vor allem die Bands, die faszinierende Songs auf die Bühne bringen und die bei einem halbleeren Showcase ebenso wie einem pickevollen Clubkonzert immer professionell eine gute Show abliefern. Dabei bedeutet die große Konkurrenz: Bands, die authentisch ihr eigenes Ding machen, überzeugen. Bands hingegen, die allzu plump und offensichtlich dem vermeintlichen Zeitgeist hinterher laufen, sind nicht mehr angesagt. Acts mit 80er Synthies und bunten Retro-Klamotten spielten auf dem Eurosonic/Noorderslag nach kurzer Zeit vor einem leerem Raum.

Gefeiert – nicht nur von den Branchenprofis, sondern auch von den anwesenden Presse-Leuten und den Zuhörern – wurden Newcomer, die ihren ganz eigenen Sound auf die Bühne brachten, zum Beispiel die vertrackten Post-Rocker von BlackMidi, der mutige Trap-Rap der Österreicherin Mavi Phoenix, der Noise-Rock von Fontaines D.C.

Wenn wir einen Tipp mitnehmen aus Groningen, dann also den: Eigenständigkeit setzt sich durch.

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