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Zwischen Noob und Pro, Teil 1

Reality Check: Indie-Strukturen, DIY und die Bands der Mittelschicht

Tipps für Musiker und Bands von Doktor Nic
veröffentlicht am 12.07.2017

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Reality Check: Indie-Strukturen, DIY und die Bands der Mittelschicht

Es scheint der Traum für Bands der Mittelschicht: Erfolg + street credibility. Doch es gibt Probleme. © MKB 2017

Hachja, die musikalische Mittelschicht. In Gesprächen über Politik und Wirtschaft wird oft behauptet, dass die sogenannte Mittelschicht ausstirbt und es somit nur noch arm und reich geben wird. Für die alternative Musikszene zumindest bewahrheitet sich diese Behauptung mehr und mehr.

Ich selbst bin Musiker und Veranstalter, jeweils im semi-professionellen Bereich und kenne mich mittlerweile mit den Vorteilen, aber auch den zahlreichen Nachteilen aus, die das Leben in der "Mittelklasse der Industrie" mit sich bringt.

Doch was meine ich mit Mittelklasse?

Stell dir vor, deine Band ist mittlerweile nicht gerade erfolglos mit dem was sie tut: ihr spielt recht viele Gigs und seid außerhalb eurer Stadt oder sogar eures Landes unterwegs. Ihr seid gut, ihr habt einen Plattenvertrag bei einem sogenannten Indie-Label abseits des Mainstream. Ihr habt Fans und Klicks auf euren Kanälen und macht sogar ein wenig Geld – auch, wenn ihr nicht in jedem Autoradio lauft und von Majors vermarktet werdet.

Für einen Punkrocker wie mich ist das eigentlich der Traum: Erfolg + street credibility. Doch wo hier Passion und Realität zusammen treffen, gibt es einige Probleme.

D.I.Y – Der Traum?

Zuerst möchte ich diese anhand persönlicher Erfahrungen schildern: Meine Band kann was, so finde ich. Wir spielen europaweit, planen eine Tour in den USA, wir haben einen Plattendeal, schützen unser Material bei der GEMA, spielen coole Konzerte. Ein Traum wird wahr? Naja.

Für 20-30 Shows im Jahr, was im Vergleich zu anderen Bands noch wirklich wenig ist, betreiben wir einen enormen Aufwand im Booking: Händeschütteln, Rumtelefonieren, Mails, Mails, Mails, Presskits erstellen, Mails, Mails, Mails, Social Media, Mails…

Wenn's klemmt, mach's selbst. Aber wie weit trägt das?

Wenn's klemmt, mach's selbst. Aber wie weit trägt das?, © czgur / 123RF

Wir organisieren uns und unsere Fahrten selber, wir machen die Fototermine klar, erstellen Skripte für Videoshoots. Wir designen unser Merch, verwalten unsere Kanäle und sind froh über jeden Schritt, den andere Leute auf uns zu gehen. Das ist nicht nur anstrengend, sondern frisst auch viel Zeit. Zeit, die man mit der Arbeit an der Musik verbringen möchte. Zeit, für die wir uns von unseren blöden Alltagsjobs frei nehmen müssen.

Denn, und hier kommt das Problem der, ich sage mal, Punkrock-Mittelschicht: Wir sind gut, wir betreiben viel Aufwand und aus uns kann mal etwas werden, daher brauchen wir auch langsam ein bisschen Geld. Veranstalter verstehen das meistens, doch lässt sich dies immer seltener umsetzen.

Ein Freund von mir aus Griechenland vertritt die Meinung, dass wenn man pro Abend circa 150 Euro an Gage einspielt und ein warmes Essen und ein Dach über den Kopf angeboten bekommt, man auf ewig als kleinere Band auf Tour sein kann.

Wer nun aber von der Musik nicht leben kann oder möchte, kann sich diese Zeit nicht nehmen. Wer von der Musik leben möchte, kann sich von 150 Euro nichts kaufen, denn das deckt in den meisten Fällen nur die Unkosten (zum Beispiel die Spritkosten) der Band selbst. Hat man dann noch einen Booker, der 20% pro Gage erhält, einen gemieteten Van, versichertes Equipment oder eine Abgabe am Merch, bleibt für kein Mitglied der Band auch nur ein Cent übrig. Alles, was über die Unkosten hinaus eingenommen wird, fließt in die gemeinsame Bandkasse und wird für Aufnahmen, Merch usw ausgegeben.

Wie bekommt man die Leute zu den Gigs?

Aus Veranstaltersicht in meiner Heimatstadt sieht es für mich so aus:

Band XY kommt aus Berlin, ist eigentlich sehr gut, nur kein großer Name. Sagen wir 2.000 Facebook-Likes und ein paar echt geile Songs auf Youtube. Die gehen dann auf eine kleine Tour und brauchen unbedingt noch ein Konzert in NRW, um einen Mittwochabend zu füllen.

Ich mag die Jungs und Mädels und sage zu, drucke Poster (Kosten), schalte Werbung (Kosten), bereite Essen vor (Kosten) und mache so viel Werbung bei meinen Leuten wie ich kann (Zeit, Nerven). Ich kann Mittwochs nicht mehr als einen Doordeal anbieten – das heißt, die Band bekommt, was eingenommen wird. Naja, nicht ganz. 20 Euro gehen an die Venue für die GEMA. Bestenfalls verdient besagte Venue sonst nur durch Getränkeeinnahmen und verzichtet auf einen Anteil am Gewinn wegen Verschleiß ihrer Anlage usw. Ich selbst möchte meine Unkosten gedeckt haben und nehme daher 20-40 Prozent der Einnahmen an mich (je nach Größe der Show, um keine Band abzuzocken).

Wenn dann Mittwochs keiner kommt, gibt es lange Gesichter, denn die Band war am Abend zuvor in Stuttgart und rollt 400 Kilometer weit. Dienstags war es in Stuttgart leider auch nicht voll, daher muss doch jetzt in Aachen was gehen. Nein! Ausgerechnet heute waren die ersten Sonnenstrahlen draußen zu sehen und es lief auch noch Bundesliga im Fernsehen und sowieso muss man Donnerstags wieder arbeiten

= 100 Euro eingenommen an den paar Leuten, die sich für neue Musik interessieren.

Ich gebe 20 dem Chef meiner Stammvenue, der ebenfalls nicht mal ein Viertel vom ersten Bierfass losgeworden ist. 20 für mich, um wenigstens die Poster bezahlt zu wissen und dann gibt es 60 Euro für eine tourende Band von 5 Leuten. So kann es nun mal gehen. Und das ist frustrierend.

Die Leute gehen tendenziell immer weniger auf kleinere Livekonzerte, gerade im Bereich der alternativen Musik wie Punk. Deshalb schließen kleinere Liveclubs oder machen grundsätzlich nur noch Konzerte am Wochenende. Ein Trend, der jede Tour für eine startende Band unmöglich macht.

Nur noch am Wochenende zu spielen lohnt sich auch nur bei entsprechenden Gagen. Wir haben das gemacht, sind nach Slovenien und Kroatien gefahren für zwei Konzerte und dann wieder zurück. 2.500 Kilometer. Ich verrate jetzt unsere Gage nicht, aber reich sind wir auch an diesem Wochenende nicht geworden.

Was dagegen hilft, ist: größer werden, bekannter werden, mehr Geld verlangen können und nicht auf kleine Liveclubs oder Musikkneipen angewiesen sein. Nur, wenn diese Art Venue ausstirbt, wird das mit dem "bekannter werden" auch immer schwieriger, denn sorgt man nicht gerade für einen absolut viralen Internethype, ist live spielen immer noch die gängigste und erfolgreichste Methode, seine Musik unter die Leute zu bringen.

Groß und klein – und du in der Mitte

Anders sieht das natürlich in anderen Größenordnungen aus. Was heutzutage – ich bleibe beim Beispiel des Punkrock – immer noch funktioniert, sind die ganz, ganz kleinen und die wirklich fetten Bands. Ein Veranstalter braucht sich selbst am Sonntagabend keine Sorgen zu machen, ob die Dropkick Murphys den Laden voll machen. Die Leute bezahlen gern 25 Euro für Jaya The Cat, 45 Euro für Social Distortion, 50 Euro für Logenplätze bei den Broilers, 80 Euro für Rammstein, 400 Euro für die Stones. Alles grandiose Bands, haben alle klein angefangen.

Gut, mit den Stones das war ein schlechtes Beispiel. Für diese Art Bands ist immer Geld da und ich finde auch: zurecht! Das sind tolle Shows, da stimmt meistens alles und die Arbeit dahinter ist enorm.

Wo die Leute auch gerne hinkommen: die Newcomershows. Bandcontests, kostenloser Eintritt bei den Newcomern aus der Region, Auftritte von Schülerbands, Hardcore-Festivals in Jugendzentren, absolut underground gebliebene Bands in Autonomen Zentren.

Das sind Konzerte für einen schmalen Taler, die Bands sind jung und häufig ebenso interessant wie die etwas bekannteren. Noch dazu bringen diese ihre ganzen Freunde mit, die sich im lokalen Kontext bewegen. Support your local scene! funktioniert hier meistens recht gut, solange deine Kumpels auf der Bühne stehen und es keine gesellschaftliche Distanz zwischen Künstlern und Publikum gibt.

Bandfoto

Bandfoto "The Bloodstrings", die Band unseres Autoren "Doktor Nic", © Profilfoto

Ich kann hier kaum Lösungsvorschläge für ein Aufstreben meiner sogenannten Mittelklasse anbieten. Vielleicht, dass Venues mehr Werbung machen sollten, anständige Gagen sollten Qualitätsmerkmal sein. Und zwar nicht nur für die Veranstalter, sondern auch für die Bands.

Ihr verlangt 300 Euro pro Gig, um Kosten zu decken und auch ein wenig Reibach zu machen? Dann seid gut! Verkackt nicht, macht aus eurer Tour kein Trinkgelage und seid jeden Cent vom Veranstalter wert. Macht selber Werbung. Ruft auch als Band bei lokalen Pressestellen fremder Städte an usw. Veranstalter: gebt eurem Publikum, was es braucht und dann kommen die Leute auch.

12 Euro pro Ticket decken so gerade alle anfallenden Unkosten in Sachen Techniker, Security, Gagen etc.? Dann macht als Aufpreis für das Selbstverdienen für euren Laden keine 20 Euro draus, denn dann kommt keiner und niemand hat etwas gewonnen. Ihr seid nicht Berlin sondern Oer-Erkenschwick? Dann muss lokale Presse ran, Werbung in umliegenden Städten gemacht werden.

Die Mittelklasse ist deswegen Mittelklasse, weil sie sich nicht ausruhen kann. Kleine Liveclubs kämpfen ums Überleben und Bands kommen womöglich in die heiße Phase ihrer jungen Karriere. Daher zockt einander nicht ab, arbeitet zusammen und keep it alive. Wir können nicht alle große Nummern sein, denn dann wäre niemand eine große Nummer.

Mehr zum Thema im zweiten Teil

→ Im zweiten Teil dieses Reality Checks zur Musik-Mittelschicht lassen wir einen erfahrenen Booker zu Wort kommen. Jetzt lesen!

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